Draußen, in den Straßen von St. Louis, pfeift ein eisiger Wind. Drinnen sitzt Hugh Grant mit offenem Kragen, das Jackett locker über die Stuhllehne geworfen. Durch eine Glaswand fällt sein Blick auf das Gemälde einer Farm inmitten roter und ultramarinblauer Äcker. Eine wahre Idylle! Während die Manager rund um den Globus vor der Finanzkrise zittern, ist dem Monsanto-Chef offenbar kein bisschen bang.

Er erzählt, wie er in den nächsten zwei Jahrzehnten die Erträge von Mais, Soja und Baumwolle verdoppeln will. Und er erzählt von seinem aktuellen Fünfjahresplan, der die Gewinne des Gentechnikkonzerns bis 2012 sogar mehr als verdoppeln soll. Die Weltbevölkerung wächst, die Ackerfläche nicht, sagt er siegesgewiss. Diese Lücke könne nur besseres Saatgut füllen.

Klar, auch Monsanto hat gelitten. Seit dem vergangenen Sommer fiel die Aktie um 40 Prozent. Damit liegt der Kurs aber immer noch fünfmal höher als vor sechs Jahren, als Grant antrat. Wegen seiner Verluste war das Unternehmen damals bei Anlegern so unbeliebt wie bei Umweltschützern. Weltweit liefen die Verbraucher Sturm gegen Gentechnikprodukte. Dann wurde es ruhig um Monsanto. Die Forschung an Weizen wurde eingestellt; nichts, was direkt auf dem Teller der Verbraucher landet, sollte mehr mit dem Konzern in Verbindung gebracht werden. Stattdessen konzentrierte man sich vorwiegend auf pflegeleichte Futter- und Faserpflanzen, auf Soja, Mais und Baumwolle mit eingebauten Insektiziden und Herbizidtoleranzen.

Die Expansion erfolgt seither in aller Stille: Vor Kurzem hat die EU eine neue Monsanto-Sojasorte für den Import zugelassen. Eine Handvoll weiterer hauseigener Soja- und Maiszüchtungen erhielt die Zulassung bereits vorher, ohne dass die Öffentlichkeit überhaupt davon Notiz nahm. Schwerer ist es für den Konzern, eine Anbaugenehmigung zu bekommen – zumindest in Europa. Bisher hat die EU überhaupt nur eine genmodifizierte Pflanze für die Aussaat zugelassen: den Monsanto-Mais Mon 810. Das war vor gut zehn Jahren. Die fällige Wiederzulassung liegt auf Eis, wie alle anderen Anträge für Genpflanzen, die auf europäischen Äckern wachsen sollen. Doch Grant und seine Emissäre sind zäh und schöpfen nun neue Hoffnung: Der deutsche Konzern BASF, der mit Monsanto kooperiert und in Europa gut verdrahtet ist, hat eine besonders stärkehaltige Kartoffel für Industriezwecke entwickelt. Ein Gutachten der Europäischen Lebensmittelbehörde wird für den 31. März erwartet, und falls Brüssel dann grünes Licht gäbe, wäre der Weg für alle frei.

Manche bekamen schon Besuch von der Saatgutpolizei

»Europa braucht Zeit«, sagt Monsanto-Chef Grant und träumt dabei vermutlich von amerikanischen Verhältnissen. In den USA werden Statistiken zufolge inzwischen rund 80 Prozent aller Mais- und 92 Prozent aller Sojaanbauflächen mit genmodifiziertem Saatgut bestellt. Dabei keimt auf immerhin 88 Prozent der Sojaflächen Samen, der entweder direkt von Monsanto stammt oder von anderen Züchtern mit Genen ausgestattet wurde, auf die man in St. Louis ein Patent hält.

Dem Marktführer scheint das noch nicht zu genügen. Immer wieder halten Busse vor dem Laborgebäude am Missouri River. Sie bringen Bauern zur Besichtigung der 26 Treibhäuser, die hoch oben auf dem Dach die letzte Wintersonne einsammeln. Die Farmer aus Ohio sind nicht leicht zu beeindrucken. Der Videoclip mit dem Flugzeug, das in regelmäßigen Linien Pestizide über Feldern ausstäubt, beraubt sie genauso wenig ihrer Ruhe wie die Liste der Schädlinge, die der Führer gerade herunterrattert: »corn earworm, stinkbug, velvetbean caterpillar…« All das ist Alltag für sie.

Als dann hinter Glas aber echte Pflanzen zu sehen sind, kommt Bewegung in die Bauern: links der Mais aus herkömmlicher Züchtung, klein und von Würmern verstümmelt; rechts die Monsanto-Pflanze mit wohlgeformten Wurzeln und Blättern. Jetzt müssen die Besucher fürs Frühjahr nur noch entsprechendes Saatgut ordern, dann hat der größte Gentechnikkonzern der Welt wieder ein paar Kunden dazugewonnen.

Auf wie viel Prozent der US-Anbauflächen für die einzelnen Pflanzenarten genmanipulierte Sorten wachsen (2008)Bei Troy Roush dagegen dürfte Monsanto kaum noch etwas ausrichten. Nicht, dass der Farmer aus Indiana moderner Technik abgeneigt wäre, im Gegenteil. An seiner Küchenwand flimmert ein Flachbildschirm mit Wirtschaftsnachrichten. Und während der Farmer am Kaffee die Hände wärmt, hat er stets die Rohstoffpreise im Blick. »Ich besitze 130 Äcker, die kann ich nicht jeden Tag abfahren und nach Bedarf spritzen, wie man das in Europa tut«, sagt der Mann, dessen Vorfahren als bayerische Bauern nach Amerika auswanderten. Er sagt, er sei einer der Ersten gewesen, die in seiner Region die neuen Körner aussäten.

Er war dann allerdings auch einer der Ersten, die es mit einer Gattung von Monsanto-Vertretern zu tun bekamen, die man unter US-Bauern inzwischen seed police, Saatgutpolizei, zu nennen pflegt. Im Herbst vor zehn Jahren, erzählt Roush, seien plötzlich zwei Männer auf dem Hof aufgetaucht und hätten ihn des Diebstahls beschuldigt. Bis heute behauptet der Konzern, Roush habe unerlaubt Monsanto-Samen nachgezogen und den Konzern so um die »Technologiegebühr« betrogen, die die Bauern jedes Jahr mit dem Preis der Körner entrichten.

Tatsächlich vermehrt Roush Sämereien, allerdings im Auftrag einer anderen Firma – ganz offiziell und gegen Bezahlung. Und genauso habe er umgekehrt offiziell und gegen Bezahlung das Gensaatgut von einer anderen Firma erworben, sagt Roush, vom Schweizer Agrokonzern Syngenta nämlich, der ebenfalls schon früh Hightech-Pflanzen am amerikanischen Markt vertrieb. Roush erzählt, dass er den Monsanto-Vertretern anbot, alle Rechnungen anzusehen, woran diese aber nicht sonderlich interessiert gewesen seien.

Es folgte ein langwieriger Rechtsstreit, der den Farmer insgesamt 400.000 Dollar Anwaltsgebühren kostete, bevor er schließlich in einem Vergleich endete. Wie dieser Vergleich aussah, darüber muss er schweigen. Aber eines sagt er doch. Während viele Nachbarn die Samen aus St. Louis aussäten, allein um sich Ärger zu sparen, ginge es ihm nach seinen Erfahrungen mit dem Konzern genau umgekehrt: Monsanto komme ihm nicht auf den Acker.

Der Fall Roush ist komplex, aber er zeigt eine Strategie, die zur Markteroberung neben Marketing und Einschüchterung auch wettbewerbsrechtlich bedenkliche Mittel nutzt. Sie ist darauf angelegt, Kontrolle über die Landwirtschaft zu gewinnen. Über Jahrtausende behielten Bauern einen Teil der Ernte für die nächste Aussaat zurück, nun sollen sie für ihr Saatgut in jedem Jahr aufs Neue Gebühren bezahlen. Das Problem dabei ist, dass selbst die Gegner dieser Methode Gefangene des Systems bleiben – solange sie sich nicht grundsätzlich gegen die Gentechnik entscheiden.

Denn auch die Körner der Konkurrenz beinhalten ja Gene, für die Monsanto Lizenz kassiert. Egal, bei welchem Anbieter ein Bauer wie Roush sein Saatgut kauft – der Konzern aus St. Louis verdient in jedem Fall. Für die amerikanischen Kartellwächter war der Wettbewerb auf dem Saatgutmarkt lange kein Thema. Und das, obwohl die Preise in den vergangenen Jahren kontinuierlich stiegen. Mit 350 Dollar pro Sack ist das Gensaatgut inzwischen fast siebenmal so teuer wie konventioneller Samen.

Und so kommt es, dass sich inzwischen betroffene Bauern zusammengetan haben, um Monsanto & Co. per Sammelklage zur Rechenschaft zu ziehen. Der Prozessauftakt ist für Juni terminiert. »Die class action erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Funktion«, sagt Anwalt Adam Levitt mit feinem Lächeln. »So haben auch die eine Chance auf Gerechtigkeit, die sich kein Heer von Juristen leisten können.« Levitt hat sich auf die Agro-Industrie spezialisiert. Der Zweimetermann sitzt in einem Eckbüro im Zentrum von Chicago. Hinter ihm türmen sich die berühmten Hochhäuser der Stadt, vor ihm stapeln sich Gerichtsakten.

Außerdem stehen in seinem Büro noch zwei Gläser mit Maiskörnern, ein Souvenir aus dem sogenannten Starlink-Fall. Mit bloßem Auge sind die konventionell gezüchteten Körner in dem einen Glas kaum von der genmodifizierten Sorte Starlink in dem anderen zu unterscheiden. Und genau das wurde vor neun Jahren zum Problem. Der Genmais des deutsch-französischen Herstellers Aventis, der für den menschlichen Verzehr gar nicht zugelassen war, tauchte plötzlich in amerikanischen Mais-Tortillas und Taco-Chips auf.

Ein Sturm der Entrüstung brach los. Rund neun Millionen Dollar Schadenersatz erstritten Anwälte für die Verbraucher. Adam Levitt vertrat damals die Bauern, deren Mais durch die Vermischung unverkäuflich geworden war. Per Sammelklage holte er 110 Millionen Dollar für sie heraus. Über drei Jahre dauerte der Prozess. Und auch jetzt im Streit um die Saatgutpreise rechnet Levitt frühestens Ende 2011 mit einem Urteil. Diese Zeit wird die Branche vermutlich nutzen, um weiter zusammenzurücken.

Der Grund: Seit Jahren preist Monsanto seine Technik als Wundermittel, nur fällt es dem Pionier zunehmend schwer, seine Versprechen auch einzulösen. Aus Angst, darüber an Einfluss zu verlieren, schließt der Marktführer eine Kooperation nach der anderen. So schwindet der Wettbewerb, und neben Saatgut werden bald auch Spritzmittel betroffen sein.

Wer die Geschichte des Konzerns kennt, muss sich darüber nicht wundern. Denn ursprünglich stieg Monsanto vor allem deshalb in die Saatzucht ein, um sein Unkrautvernichtungsmittel namens Roundup besser zu verkaufen. Der Konzern immunisierte seine Körner gegen das Totalherbizid und versprach den Bauern Bequemlichkeit frei nach dem Meister-Proper-Motto »Mit einem Wisch ist alles weg«.

In der eigenen Bilanz macht sich das durchaus positiv bemerkbar. Die Entwicklungskosten für das Herbizid Roundup, das Monsanto 1974 auf den Markt brachte, sind längst abgeschrieben. Seit der Konzern aber eine Ackerpflanze nach der anderen mit der Toleranz gegen das Spritzmittel ausstattet, ist es gefragter denn je. So trug die Uraltchemikalie 2008 noch rund ein Drittel zum Sechs-Milliarden-Dollar-Gewinn des Konzerns bei.

Doch die großflächige Nutzung hat auch eine Kehrseite. »Ich bekomme immer häufiger Anrufe von Bauern, die von resistenten Unkräutern berichten«, sagt Bill Wenzel von der National Family Farm Coalition, einer Organisation, die Interessen kleinerer Landwirte vertritt. Er hat auch eine Studie bei der Hand, in der von bis zu einem Dutzend resistenter Wildpflanzen die Rede ist. Beim Wettbewerber Bayer berichtet man sogar von 18 Unkräutern. Also müsste Monsanto ein neues, besseres Unkrautvernichtungsmittel entwickeln. Doch das wird schwierig: In St. Louis wird seit Jahren nicht mehr nach Chemikalien geforscht.

Statt ein neues Allroundmittel zu suchen, hat das Unternehmen damit begonnen, seine Nutzpflanzen zusätzlich gegen die Spritzmittel der Konkurrenz zu immunisieren. Vor zwei Jahren schloss Monsanto einen entsprechenden Vertrag mit Bayer. Und Ende Januar unterzeichnete das US-Unternehmen eine weitere Vereinbarung mit BASF. In wenigen Jahren sollen so Pflanzen entstehen, die auch deren Pestiziden trotzen.

Damit bricht Monsanto nicht nur sein Versprechen an die Landwirte, nur noch einmal pro Saison mit der Spritze ausrücken zu müssen. Auch die Naturschützer dürften sich getäuscht sehen, schließlich versuchte der Konzern auch ihnen den Eingriff ins Genom von Pflanzen mit geringerem Chemikalienverbrauch schmackhaft zu machen.

In drei Jahren soll der erste Turbomais reifen

Bauernvertreter Bill Wenzel hat für all das nur ein spöttisches Kopfschütteln übrig. »Egal, ob Umweltschutz, nachwachsende Rohstoffe oder Bekämpfung des Welthungers, Monsanto scheint für alles eine Lösung zu haben«, sagt Wenzel. Das Unternehmen aus St. Louis hat nämlich ein neues großes Ziel: Es will sich durch die Verdopplung der Ernten um die Menschheit verdient machen. Auch dazu hat sich Monsanto sicherheitshalber Unterstützung gesucht – und eine Kooperation mit BASF geschlossen. Zusammen wollen die beiden Pflanzen erforschen, die selbst bei Trockenheit oder Kälte hohe Erträge liefern.

Das Ganze ist gleich aus zwei Gründen erstaunlich: zum einen, weil Monsanto in der Vergangenheit eher durch niedrige Erträge auffiel – Hightech-Sorten wie etwa das Soja aus St. Louis galten zwar als pflegeleicht, brachten aber bis zu 15 Prozent geringere Ernten als konventionelle Körner. Zum anderen erstaunt auch die Partnerwahl: BASF ist zwar das größte Chemieunternehmen der Welt, gilt aber in Sachen grüne Gentechnik als Greenhorn. Bisher haben die Ludwigshafener erst ein marktreifes Produkt: die Industriestärke-Kartoffel Amflora.

Um alle Zweifel zu zerstreuen, luden die beiden Konzerne im vergangenen Herbst Journalisten aus aller Welt zur Besichtigung ins belgische Gent. Hier wachsen bei einem Start-up namens CropDesign, das die BASF übernahm, schier endlose Reihen von Versuchspflanzen unter Glas. Jede einzelne Pflanze wird von Hand geerntet, gewogen und anschließend analysiert, um herauszufinden, welches Gen für eventuelle Zuwächse verantwortlich ist. Der Beitrag der BASF sei »ungeheuer wertvoll«, lobte Monsanto-Manager Steve Padgette. Durch die Kooperation sei die Forschungspipeline von Monsanto um ein Drittel gewachsen. Zu sehen ist davon noch nichts: Frühestens in drei Jahren soll der erste Turbomais reifen, erklärte Padgette.

Vorher haben die zwei Konzerne noch ein ganz anderes Problem, und zwar in Brüssel: Zulassungsstau. So liberal die Europäer inzwischen bei der Einfuhr von Genpflanzen als Viehfutter sind – der Anbau auf den Äckern des Kontinents ist ein Politikum.

Er fürchte, dass Europa damit seine Zukunft verspielt, meint BASF-Manager Hans Kast. Er sagt, dass die Genforschung in Gefahr sei, nach Amerika verdrängt zu werden. Und dass BASF vor Gericht gegen die EU-Kommission klage, um das zu verhindern. Von Trockenheit und Hunger ist bei ihm kaum noch die Rede.

Umso mehr bei Hugh Grant in St. Louis. Der Monsanto-Chef denkt nämlich darüber nach, auch Nahrungsmittelpflanzen wieder genetisch zu tunen. »Wir schauen uns den Markt an«, sagt er voller Euphorie. »Ich sehe durchaus Chancen, vor allem für Weizensorten, die weniger Wasser benötigen.«

Bauer Roush in Indiana dagegen hält wenig von der Welthungerhilfe aus dem Genlabor. »Die Bauern in den ärmeren Regionen der Welt können sich das teure Saatgut doch gar nicht leisten«, gibt er zu bedenken. Klar wären gerade für die Dritte Welt dürreresistente Pflanzen nützlich oder solche, die keinen Stickstoffdünger mehr brauchen, sagt er. »Die Frage ist aber, können wir die Zukunft der Menschheit einem Konzern wie Monsanto anvertrauen?«, meint Roush und seufzt. Schnell blickt er noch einmal auf den Flachbildschirm und die Maispreise. Dann eilt er wieder zu seinem Traktor. Er hat draußen noch eine Menge zu tun.