Kurzsichtigkeit war bei Erich Honecker nicht nur ein medizinisches Problem. "Die Mauer", erklärte der starke Mann der DDR noch im Januar 1989, "wird auch in 50 oder 100 Jahren noch bestehen bleiben." Kein Jahr später waren Mauer und Honecker Vergangenheit.

Nicht dass der Kapitalismus weitblickender wäre: Milliarden von Euro und Dollar als Sanierungspakete für ganze Branchen, eine explodierende Staatsverschuldung zur Rettung schlecht geführter Unternehmen und die partielle oder vollständige Verstaatlichung von Banken und Firmen – das zu fordern, fiel nicht einmal Honeckers Erben ein. Bis zum 15.September 2008, dem Tag, als die Investmentbank Lehman Brothers pleiteging. Plötzlich ist alles anders.

"Ich hätte das niemals für möglich gehalten" ist die Begleitmusik für solche Epochenbrüche. Erst später wird klar, dass Revolutionen oder Wirtschaftskrisen keine Blitze aus heiterem Himmel sind, sondern ihre Schatten vorauswerfen. Die Stasi sammelte mehr als genug Beweise für die wachsende Unzufriedenheit und den wirtschaftlichen Bankrott der DDR. Die Zocker in den Bankentürmen wussten, dass ihre Blase aus faulen Krediten platzen würde. Alle sahen, dass ein Problem unausweichlich auf sie zurollte – und entschieden, dass sie dagegen nichts tun konnten oder wollten. Also brachten sie ihre eigenen Schäfchen ins Trockene, so gut es ging, und vererbten die Probleme ihren Nachfolgern.

Die Parallele zu unserem kollektiven Verhalten in der Klimakrise ist deutlich. Wir wissen, dass da ein großes Problem auf uns zurollt. Wir sind uns auch einig, dass wir handeln müssen, jetzt und heute. Wir sehen vor unseren Augen, dass der Klimawandel gerade von "Schleichfahrt" auf fast forward umschaltet. Aber wir hoffen, dass die Sintflut erst nach uns kommt.

Offenbar ist es für Regierungen und Völker kaum möglich, sich das Ende des eigenen Gesellschaftsmodells vorzustellen. Wer etwa die Bücher des Evolutionsbiologen Jared Diamond (Kollaps) und der Historikerin Barbara Tuchman (Die Torheit der Regierenden) gelesen hat, wird sich nicht mehr wundern, warum Völker sehenden Auges in die Katastrophe marschieren. Unsere wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten sind heute unvergleichlich größer als bei den Bewohnern der Osterinseln oder den Päpsten des Mittelalters. Das führt aber nur dazu, dass wir präziser wissen, wann welche Probleme auftauchen und was dagegen zu tun wäre – nicht aber dazu, angemessen zu handeln.

Doch wer die Klimakrise aussitzen will, wird sie gerade am schnellsten heraufbeschwören. Nichts spricht dafür, dass der Klimawandel ein braves Ökothema bleibt, das mit ein paar Konferenzen und ein paar Milliarden zu besänftigen ist. Es sieht eher so aus, dass der Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten unsere Politik, Wirtschaft, Energieversorgung, Mobilität, unsere Gesundheit und unsere Ernährungsgrundlagen durcheinanderwirbelt. Und zwar mit Macht und Schnelligkeit. "Das Klima", sagt der amerikanische Klimawissenschaftler Wallace Broecker, "ist kein träges Faultier, sondern gleicht eher einem wilden Biest." Immer mehr aktuelle Studien legen den Schluss nahe, dass dieses Biest gerade von der Leine gelassen wird. Offenbar schließen sich immer mehr "Rückkopplungs"-Mechanismen und beschleunigen so den Wandel: Die Eisschmelze in den Polargebieten, das Auftauen der Permafrostböden und der Rückgang der CO₂-Einlagerung in den Weltmeeren sorgen dafür, dass sich die Atmosphäre immer weiter und immer schneller erwärmt. Es gibt keine Garantie, ja nicht einmal eine begründete Hoffnung, dass eine solche Art der galoppierenden Inflation von CO₂-Werten in der Luft beherrschbar wäre – weder von der Physik noch von der Politik.