Politisches Buch Der Geschichtserzähler
Zum 100. Geburtstag Golo Manns: die erste große Biografie und ein lesenswerter Essayband
Der Klappentext der soeben erschienenen Golo-Mann-Biografie beginnt mit den Worten: »Eine ungetrübte Erfolgsgeschichte ist dieses Leben nicht.« Der Historiker selbst hat 1974 in einem Brief an Marion Dönhoff bekannt, er passe nicht so recht in seine Epoche, sondern hätte früher leben sollen, als »Bibliothekar oder Hauslehrer« bei einem ihrer adligen Vorfahren – »gerne hätte ich mich mit dem Platz am untersten Ende des Tisches begnügt, geborener Untertan, der ich bin«. Und an Karl Jaspers, bei dem er 1932 promoviert hatte, schrieb Golo Mann kurz nach dem Tod seines Vaters Thomas Mann, er sei stets nur »etwas wie sein Unter-Ich« gewesen; Sigmund Freud wäre gewiss erstaunt ob dieses originellen Sprachbildes.
Bei alldem war Golo Mann einer der populärsten deutschen Schriftsteller, die jemals über geschichtliche Themen schrieben – die Gesamtauflage seiner Bücher liegt über zwei Millionen Exemplaren. Viele Politiker suchten in seinen späten Jahren bei ihm Rat, Willy Brandt ebenso wie Franz Josef Strauß. Anlässlich seines 100. Geburtstags am 27. März bringt die Deutsche Bundespost nun sogar eine Sonderbriefmarke zu seinen Ehren heraus.
Die familiäre Herkunft war für Golo – wie für seine Geschwister – lebenslanges Privileg und eine schwierige Hypothek zugleich. Dass er Historiker wurde und nicht Literat, darf man getrost als ein Ausweichen vor dem Vater deuten; und erst nach dessen Tod 1955 begann Golo Manns eigentliche Karriere. Aber geprägt hat ihn auch das von Katastrophen erschütterte Zeitalter, in dem er seinen Weg finden musste. »Wer die dreißiger und vierziger Jahre als Deutscher durchlebt hat«, erklärte er in einem Vortrag 1966, »der kann seiner Nation nie mehr völlig trauen und am wenigsten dem, was Optimisten früher den ›Sinn der Geschichte‹ nannten. Der wird, so sehr er sich auch Mühe geben mag und soll, in tiefster Seele traurig bleiben, bis er stirbt.« Der daraus resultierende Grundton in allen Schriften und Äußerungen Golo Manns war eine Mischung aus Melancholie und an der Historie geschultem Zorn – gepaart mit einem hohen Maß an politischer Moral.
Wer den Lebensweg Golo Manns in seinen Einzelheiten nachverfolgen möchte, kann jetzt auf die ausführliche Biografie des Publizisten Tilmann Lahme zurückgreifen, der 2006 bereits (zusammen mit Kathrin Lüssi) eine vorzügliche Edition der Briefe Golo Manns bei Wallstein veröffentlichte. Er zeichnet auch verantwortlich als Herausgeber einer neuen lesenswerten Sammlung von zum Teil unbekannten Essays und Erzählungen des Historikers. Lahmes Darstellung ist die erste große Biografie Golo Manns, die den Namen verdient – nach dem unbefriedigenden, weil blassen Versuch von Urs Bitterli aus dem Jahr 2004.
Lahme stützt seine Darstellung nicht nur auf die zahlreichen Publikationen, Manuskripte und Briefwechsel des Porträtierten, sondern auch auf dessen Tagebücher, die – noch unpubliziert – im Schweizerischen Literaturarchiv Bern verwahrt werden. Sie umfassen, mit Unterbrechungen, die Jahre 1931 bis 1991 und erweisen sich als wertvolle Quelle – für die Familie-Mann-Forschung ebenso wie für Zeithistoriker.
»Er konnte gut zuhören«, schrieb Klaus Mann in seiner Autobiografie über den gut zwei Jahre jüngeren Bruder Golo, auf die gemeinsame Kindheit und Jugend zurückblickend. Golo Mann las viel, verfügte zunehmend über ein stupendes Wissen und hatte ein erstaunliches Gedächtnis, wie seine Freunde und Weggefährten bezeugen. Zudem konnte er sich schon in frühen Jahren gut in andere Personen hineinversetzen – eine entscheidende Voraussetzung für den historischen Erzähler, als der er schließlich berühmt wurde. Dass Golo Manns Art der Geschichtsschreibung, narrativ und mehr auf den einzelnen Menschen als auf Strukturen bezogen, von Fachkollegen als konservativ und altbacken, ja unwissenschaftlich kritisiert wurde, gehört zu den tragischen Seiten seines Lebens.
Er selbst hat wiederholt betont, dass er sich notgedrungen zumeist zwischen allen Stühlen wiederfand. Golo Mann war Sozialist, als er damit einer Minderheit angehörte und verfolgt wurde; und er war keiner mehr, als es sich für einen Intellektuellen gehörte, links zu sein. Lahme ebnet solche Bruchstellen und Widersprüche nicht ein, sondern beschreibt sie kenntnisreich und differenziert. Auch heikle Aspekte in Golo Manns Biografie werden genau und mit vielen unbekannten Details rekonstruiert – etwa seine erbitterte Feindschaft gegenüber Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die in den fünfziger und sechziger Jahren seine Berufung an die Frankfurter Universität mit perfiden Mitteln verhinderten; oder das öffentliche Eintreten des Historikers für den Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß im Wahlkampf 1979/80, das auch bei vielen ihm wohlgesinnten Zeitgenossen Kopfschütteln provozierte (und für das Golo Mann vom Satireblatt Titanic der Titel »Pfeife des Jahres« verliehen wurde).
Mit wohltuender Sachlichkeit beschreibt Lahme auch das private Leben Golo Manns, der – ganz anders als der Bruder Klaus – seine homosexuellen Neigungen beharrlich vor der Öffentlichkeit verbarg. Dass ausgerechnet der von ihm verehrte Lehrer Kurt Hahn, Leiter des Internats Salem und selbst homoerotisch veranlagt, das Prinzip verfocht, die »abnormen Triebe« müssten »ausgehungert« werden, hat Spuren in Golo Manns Leben hinterlassen. Noch im Tagebuch verbrämt er Liebe und Sexualität mit der kryptischen lateinischen Formel hac re, »diese Sache«. Das erinnert an die Tagebücher Thomas Manns, der die von ihm geliebten Männer meist nur mit ihren Initialen wie »A. M.«, »P. E.« oder »W. T.« benannte.
Die größte Überraschung in dem Band Man muss über sich selbst schreiben ist eine Novelle, die Golo Mann Ende 1927 unter dem Pseudonym Michael Ney in einer Anthologie veröffentlichte. Zeitlebens wahrte der Autor das Geheimnis der Urheberschaft, aus gutem Grund: denn das Prosastück Vom Leben des Studenten Raimund ist ein radikal autobiografisches Dokument. In der Hauptfigur porträtierte sich Golo Mann selbst als außenseiterischen, schwermütigen Grübler, dessen Liebe zu Jerome unerfüllt bleibt, ein »schmerzliches, entsagendes Glück«; am Ende stirbt Raimund (»Ach, ich armer Raimund!«) unter den Rädern eines Automobils.
Die beiden neuen Bücher lassen Golo Mann lebendig werden als einen herausragenden, oft unbequemen Intellektuellen, der seine wichtigste Maxime in die Formel fasste: »I was always for the underdog.« Marion Dönhoff urteilte über ihn kurz und knapp: »Was für ein wunderbarer Erzähler, was für ein herrlicher Schriftsteller!«
- Datum 27.03.2009 - 14:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.03.2009 Nr. 14
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