Psychologie Kriegszitterer
Aufgefallen ist das Phänomen der Kriegsneurosen zum ersten Mal im amerikanischen Bürgerkrieg. Damals wurde bei den Soldaten eine Häufung von Herzerkrankungen beobachtet. Für einzelne Kriege scheinen bestimmte epidemisch auftretende Befindlichkeiten der Soldaten charakteristisch zu sein. So zeigte sich das »Golfkriegssyndrom« mit Schwindel, Kopfschmerzen und allgemeiner Schwäche. Die Untersuchung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSB) der Vietnamheimkehrer markierte einen Durchbruch der modernen Traumaforschung. In einer Vergleichsstudie konnten Karl-Heinz Biesold vom Bundeswehrkrankenhaus Hamburg und andere zeigen, dass die Art der Traumatisierung auch etwas mit der Art der Kriegsführung zu tun hat.
Typisch für den Ersten Weltkrieg waren die »Kriegszitterer«. Manche Soldaten standen wie von schweren Schüttelfrösten gebeutelt vor ihren Ärzten, von denen sie nicht selten als vermeintliche Drückeberger mit Eiswassergüssen oder Elektroschocks behandelt wurden. Die Autoren führen die Symptome jedoch darauf zurück, dass dieser Krieg größtenteils ein Stellungs- und Grabenkrieg war, der die Soldaten einer »ununterbrochenen Zwangssituation ohne Fluchtmöglichkeiten« aussetzte. Im Zweiten Weltkrieg wirkten die Anfangserfolge zunächst als »Ventil für innere Spannungen«; erst später schlug er den Soldaten dagegen buchstäblich auf den Magen. Übelkeit und Erbrechen häuften sich derartig, dass die Erkrankten von 1943 an in besonderen »Magenbataillonen« zusammengefasst wurden. Hier war der Dienst leichter und sorgte so durch einen unbewussten »Anreiz zur Symptomwahl« vielleicht gar selbst für ein weiteres Anwachsen der Störungen.
Für die moderne Militärpsychiatrie – folgert die Studie – sei es wichtig, sich auf die vielfältigen Einsatzbedingungen von Soldaten einzustellen. Sabine Etzold
- Datum 26.03.2009 - 13:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.03.2009 Nr. 14
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