Es gibt Tage, an denen träumt Christine Lahn von einem ganz gewöhnlichen Vorstand: unpersönlich und distanziert. Das sind einerseits die Tage, an denen die Rimowa-Betriebsratsvorsitzende ihrem Chef von Weitem schon ansieht, dass er schlechter Laune ist und für Belange der Belegschaft nicht ansprechbar. Andererseits sind es die Tage, an denen der Chef besonders gute Laune hat. Dann besteht die Gefahr, dass er wieder alles umkrempeln will: neue Modelle, neue technische Details, neue Produktionsabläufe. »Das kann ganz schön nerven«, sagt Christine Lahn, »aber es ist ja der Grund, warum wir erfolgreich sind und sichere Arbeitsplätze haben.

Bei Rimowa in Köln-Ossendorf bastelt der Chef noch selbst. Dieter Morszeck ist der dritte Mann im dreiköpfigen Entwicklungsteam des Unternehmens. »Einer von uns hat immer eine Idee«, erzählt Morszeck und schmunzelt, »meistens bin ich das.« Ein neuartiges Rollensystem – »die Lizenz haben wir teuer an Samsonite verkauft« –, noch ausgefeiltere Schlösser, ein raffiniertes Innenleben, ein neues Material. Rimowa stellt Hartschalenkoffer her – nur Hartschalenkoffer, genauer: nur solche mit den ebenfalls patentierten Rillen. Die Rimowa-Rillen sind Kult. Das Unternehmen könnte auch Uhren oder Kugelschreiber im Rillen-Design verkaufen. Doch Morszeck will nur Koffer. »Wir wären in unserer Kernaussage nicht mehr authentisch«, sagt er. »Wir produzieren Koffer, und das tun wir mit sehr großer Leidenschaft und mit Spaß.«

Das Wort Spaß benutzt Morszeck in diesem Gespräch rund zwei Dutzend Mal. Während draußen, in der deutschen Industrie, die Auftragsbücher leer laufen und ganze Belegschaften auf Kurzarbeit gesetzt werden, herrscht in der Kölner Kofferfabrik Gelassenheit. »Alles im grünen Bereich«, meint der Chef. Die Bestellungen aus Japan seien leicht zurückgegangen, aber die Umsätze in Deutschland im Januar und Februar sogar um zehn Prozent gestiegen. »Das kann ich mir auch nicht erklären.«

Morszeck-Koffer aus der Fabrik des Großvaters Paul waren schon in den 1920er Jahren in Deutschland bei der High Society beliebt. 1937 erregte das Unternehmen mit dem ersten Überseekoffer aus Leichtmetall Aufsehen. Die typischen Rillen, heute geschütztes Markenzeichen der Rimowa-Koffer, gibt es seit 1950. Richard Morszeck, der Vater des heutigen Unternehmenschefs, wollte damit der Aluschale des Koffers mehr Stabilität verleihen. Es ist die Unverwüstlichkeit, die den Markenkern des Gepäcks aus dem Hause Rimowa bildet.

David Garrett verpackt seine Stradivari im Rillenkoffer

Wenn dieses Image doch einmal gefährdet ist, greift die hauseigene Reparaturwerkstatt ein. Viele Koffer dort haben die Garantiezeit lange hinter sich. Manche dürften – an der Zahl der Reiseaufkleber gemessen – schon mehrere Erdumrundungen absolviert haben. Es sind die Koffer von Globetrottern, Profireisenden, Geschäftsleuten. Etwas sperrig die traditionellen Modelle aus Aluminium, schnittiger die Kunststoffmodelle. Alle haben ihren Preis, der Trolley von rund 300 Euro aufwärts. Ihr Absatz hat sich in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht.

Für die Werbung setzt Dieter Morszeck vor allem auf Product-Placement. Der Kinofan hat eine Agentur engagiert, die seine Koffer in Hollywood-Filmen platziert: als Geldkoffer, Agentenkoffer oder in eigens angefertigten Übergrößen. Werbeträger sind auch die Deutsche Fußballnationalmannschaft und die Kicker des 1. FC Köln. Selbst Star-Geiger David Garrett verpackt seine Stradivari jetzt im maßgeschneiderten Rillenkoffer – nachdem er sich auf die letzte aus Versehen draufgesetzt hatte.

Über Jahrzehnte war Rimowa ein Nischenanbieter im Markt für Reisegepäck, kaum spürbar für die große Konkurrenz der Samsonites und Delseys. Dann entdeckte Dieter Morszeck Mitte der neunziger Jahre bei einem Lieferanten das Polycarbonat. Dort lag ein Lampengehäuse aus dem Werkstoff, der im Flugzeugbau verwendet wird. »Schlag mal mit dem Hammer drauf«, sagte der Lieferant. Und Dieter Morszeck schlug. Ohne Spuren zu hinterlassen. »Das Ding war nicht kaputtzukriegen«. Drei Jahre brauchte das Entwicklungsteam, um einen Rillenkoffer aus dem neuen Material zu entwerfen. Stabil wie der Alukoffer, aber viel leichter.

»Die Erfindung des Polycarbonat-Koffers war für uns wie ein Royal Flush im Poker«, sagt Dieter Morszeck. Dabei waren die Anfänge nicht ermutigend. Als Rimowa die Kunststoff-Koffer im Jahr 2000 auf Fachmessen vorstellte, winkten viele Einkäufer ab. Im Trend lag damals Weichgepäck. Es war ein Wagnis, in die neue Fertigung zu investieren, und dafür eine zweite Fabrik in Deutschland zu bauen hielt Morszeck für ein zu großes Risiko. Er begann in Tschechien zu produzieren, zunächst in gemieteten Räumen. Der Anfang einer Erfolgsgeschichte.

Obwohl auch die großen Konkurrenten schnell mit Polycarbonat-Koffern auf den Markt kamen, stiegen bei Rimowa die Verkaufszahlen. Die Firma, die noch um die Jahrtausendwende Umsätze von umgerechnet knapp 20 Millionen Euro schrieb, berichtet 2007 einen Umsatz von rund 85 Millionen Euro, doppelt so viel wie im Vorjahr. 400000 Koffer wurden verkauft. Besonders beliebt sind Rimowa-Koffer in Asien und den USA, in Italien und der Schweiz. Regelmäßig gingen nun Übernahme- und Beteiligungsangebote ein. Doch Morszeck will sich nicht den im Big Business üblichen Gesetzmäßigkeiten unterwerfen. »Mir sagt keiner, dass die Personalkosten zu hoch sind«, stellt der Rimowa-Chef fest. »Und wenn jemand sie für zu hoch hält, dann ist mir das auch egal.« Mit schlecht bezahlten Leuten lässt sich nicht Spitzenqualität produzieren.

Auch die älteren Mitarbeiterinnen sind unverzichtbar

»Das ist unsere Damenecke«, stellt die Betriebsratsvorsitzende Christine Lahn drei Mitarbeiterinnen vor. In der Werkstatt der Kofferfabrik wird konzentriert gearbeitet. Die Frauen in der »Damenecke« kleben millimeterdünne Dichtungen in die Kofferdeckel. »Wir haben festgestellt, dass das eine Arbeit ist, die man am besten älteren Damen anvertraut«, sagt Christine Lahn. »Wir haben das auch schon junge Leute machen lassen. Aber die meisten haben nach einigen Tagen aufgegeben.«

Es gehört vermutlich zum Erfolgsrezept des Unternehmens, dass auch ältere Mitarbeiterinnen wissen, dass sie unverzichtbar sind. Die Personalfluktuation bei Rimowa ist extrem gering. Zum alljährlichen Ritual ist die Rimowa-Sitzung im Kölner Karneval geworden. Erst Ende Januar ist wieder im Zelt auf dem Rimowa-Gelände geschunkelt worden, zehn Stunden lang, in der längsten Karnevalssitzung der Stadt. Fester Termin ist auch das Fußballspiel gegen das tschechische Rimowa-Werk, das abwechselnd in Köln und in Tschechien ausgetragen wird und im letzten Herbst erstmals mit einem Sieg des deutschen Stammwerks endete – Ergebnis 5:3. Neben diesen offiziellen Unternehmensfesten organisieren die Mitarbeiter private Grillabende für die Abteilung oder helfen einander bei der Wohnungsrenovierung. Es gibt niemanden, der diese Corporate Identity inszeniert. »Es ist ein Phänomen«, sagt die Betriebsrätin Chistine Lahn und lacht, »Rimowa hat inzwischen wohl an die zwanzig Ehen gestiftet.« Ihre eigene gehört dazu.

»Ich hab hier einfach ein Bombenteam«, sagt der Chef. So viel Harmonie sorgt bei Auswärtigen manchmal für Stirnrunzeln – zum Beispiel bei der örtlichen Tarifkommission. Zu deren Sitzungen reisen Morszeck und Christine Lahn gemeinsam in einem Auto an. »Die Kollegen aus den anderen Betrieben fanden das zu Beginn nicht so passend«, schmunzelt Lahn.

An einen einzigen größeren Konflikt können sich der Chef und die Betriebsrätin erinnern. Das war Anfang der neunziger Jahre, als Morszeck erstmals Leiharbeiter in die Werkstatt holte. »Wir hatten Angst um unsere Arbeitsplätze«, sagt Lahn, »außerdem kamen ständig andere Leute, und jeder musste eingearbeitet werden.« Inzwischen sind die Leiharbeiter zum festen Bestandteil des Unternehmens geworden. Es sind immer dieselben, und so mancher ist über die Jahre zum Festangestellten geworden. Ein einziges Mal hat Rimowa seine Leiharbeiter sämtlich zur Agentur zurückgeschickt. Das war für einige Monate in der Wirtschaftskrise nach dem 11. September 2001.

In der aktuellen Krise scheint die Rimowa-Strategie resistenter als das Geschäft der großen Hersteller. Das hat Morszeck dieser Tage auf der Reisegepäck-Messe in Las Vegas beobachtet. Während andere ihre auf Halde produzierten Mengen an Tankstellen verramschen, kam er mit vielen Aufträgen zurück. Im November hat Rimowa in Kanada eine weitere Fabrik eröffnet. Von dort aus soll der amerikanische Markt bedient werden. Auch in Köln hat das Unternehmen dieses Jahr noch neue Mitarbeiter eingestellt. Im Verwaltungsgebäude ist es eng geworden. Selbst der Chef hat die Hälfte seines Büros abgetreten und eine Wand einziehen lassen. Vielleicht, sinniert Morszeck, »ist die Krise für uns Mittelständler ja sogar eine Chance. Wenn die Massenhersteller jetzt Marktanteile verlieren, werden die Karten neu gemischt. Dann haben wir mit unseren Qualitätsprodukten neue Möglichkeiten«.

Nächste Folge: SMA Solar Technology, Solartechnik-Produzent im hessischen Niestetal

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