Ist es nicht beruhigend, wenn in einer Zeit, in der sich die Angebote immer ähnlicher werden, mancher Anbieter eine Ausnahme-Erscheinung bleibt? Deutschlands Sparkassen bilden eine solche Ausnahme, weil sie sich zuvorderst an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten und ihre Gemeinwohlorientierung mehr denn je das Gewinnstreben der herkömmlichen Banken konterkariert. Wie sich diese Haltung auswirken kann, möchte ich mit einer kleinen Geschichte schildern, die wahr sein könnte, aber nicht unbedingt sein muss:

Eine ältere Dame betritt eine Sparkasse. Sie möchte ihr Bargeld konservativ anlegen und entscheidet sich nach kurzer Beratung für den Kauf eines Goldbarrens. Doch kaum hat sie das Institut verlassen, erkennt die Sparkassen-Mitarbeiterin einen tragischen Irrtum: Sie hat der Dame bloß ein Dekorationsstück ausgehändigt, das aus Sicherheitsgründen in der Vitrine lag. Doch die Kundin ist weg, niemand kennt ihren Namen. Sofort informiert die Mitarbeiterin ihren Chef, und mit großem persönlichem Einsatz des gesamten Teams gelingt es nach Tagen, die Dame ausfindig zu machen und das schlechte gute Stück auszutauschen.

Wie dagegen hätte eine herkömmliche Bank reagiert? Der Irrtum hätte dort genauso gut geschehen können, aber was wäre dann passiert? Hätten die rigorosen Zielvereinbarungen überhaupt zugelassen, dass die Mitarbeiterin ihren Fehler zugibt? Wenn ja: Hätte ihr Chef – angesichts der Tatsache, dass der Schaden bestimmt lange im Verborgenen bleiben würde – eine Aufklärung vorangetrieben? Wenn ja: Hätte die Abteilung überhaupt die persönlichen Verbindungen im Umfeld gehabt, um die Geschädigte ermitteln zu können?

Es gehört Größe dazu, einen solchen Fehler zuzugeben. Und es gehört Nähe dazu, ein solches Problem zu lösen. Von beidem hat die Sparkasse mehr als alle anderen. Und dafür wird diese besondere Bank, die eigentlich gar keine ist, gerade in diesen Zeiten von den Kunden geschätzt.

Merke: Ausnahmen bestätigen eben nicht nur alte Regeln, sie setzen auch neue Standards.

Jean-Remy von Matt ist der Schweizer Mitgründer der Werbeagentur Jung von Matt, die unter anderem für die Sparkassen arbeitet