Chiffon, die Taschen fürs Besteck sind aus Chiffon. Grob ist der Stoff, durchsichtig und hellgrün. Wie die Vorhänge, wie die Wände. Rosa ist die zweite Farbe, die das Restaurant in Neumünster prägt, vom T-Shirt der Bedienung bis zur gemalten Lotosblüte an der Wand.

"Ich bin sauer", sagt Wang Xue. Der Name ist geändert, aber sie ist wirklich 40 Jahre alt und lebt schon lange in Neumünster, dies ist ihr Restaurant, ihre Idee bis ins Detail. Unter ihrer rosa Jacke trägt sie ein rosa T-Shirt. Dazwischen ein hellgrünes Halstuch. Viele Gäste seien seit der Eröffnung am 13. März da gewesen, erzählt sie, und sie habe Lob bekommen für das schicke Interieur und ihre fernöstlichen Gerichte, keines teurer als 7,80 Euro.

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Die Banken waren nicht begeistert, berichtet Wang Xue. Sie habe die Sparkasse Südholstein nach Kredit gefragt, ihr Konzept eingereicht und gewartet, eine Woche, zwei Wochen. Schließlich sei die Absage gekommen: Mit Gastronomie habe man schlechte Erfahrungen gemacht. "Ich wollte doch nur 20.000 Euro", klagt Wang Xue, die am Ende ihre Lebensversicherung kündigte, um zu investieren. "Warum muss das so schwer sein?"

Mario Porten erklärt: "Wir hätten in den vergangenen Monaten besonders im Bereich der Großkredite neue Kunden gewinnen, zusätzliches Geschäft machen können." Aber der Vorstandschef der Sparkasse Südholstein mit Sitz in Neumünster hat Geschäfte von mehreren Hundert Millionen Euro nicht gemacht. Er blinzelt hinter seiner randlosen Brille, schweigt kurz, fast scheint es, als ob er seinen Worten selbst kaum glauben kann. Die Sparkasse als Bank der kleinen Leute, das rote S als Baustein der Gemeinschaft – diesem Ideal fühlt er sich verpflichtet. 41 Jahre ist Porten alt und schon 23 Jahre dabei. Südholstein ist seine vierte Station, er ist der Chef, ein Mann wie ein großer Junge, Borstenschnitt, sparkassenrote Krawatte. Sein Name steht auf einem Schild am Revers – man merkt, man ist hier nicht bei einer Großbank. Umso schwerer wiegen seine Worte: "Die Sparkasse Südholstein braucht Eigenkapital."

Die Verbindung zur HSH Nordbank könnte sich als tödlich erweisen

In ein paar Wochen schon dürfte sein Haus zu einem Fall für den Stützungsfonds der Sparkassen werden. Zum ersten sichtbaren Krisenfall im bisher so stabil scheinenden Sparkassenland. Wer hätte das gedacht? Seit Monaten lassen sich die 438 Sparkassen als Gewinner der Finanzkrise feiern. Viele Milliarden Euro flossen ihnen nach der Lehman-Pleite zu, ihr Fokus auf die Kreditvergabe am Ort galt plötzlich als Stärke, ihre biedere Arbeit als Stütze der Wirtschaft.

Südholstein droht dieses Bild zu zerstören, und weitere Häuser dürften folgen: Den Sparkassen gehört erstens ein guter Anteil an den Landesbanken, und deren horrende Verluste belasten die Provinzbanker. Zweitens haben sich Sparkassen eigenhändig verspekuliert, was sie teils mit Bilanzkniffen kaschieren. Und drittens erfasst die Rezession viele Kunden der Sparkassen. Deshalb wird 2009 ihr Krisenjahr.

Einige Milliarden fließen bereits ab. Viele verdienen an ihren Kunden nur wenig. Die Rendite sinkt. Man muss also reisen, um Antworten zu finden: nicht nur nach Neumünster. Auch zum Chef des Sparkassenverbands in Berlin etwa, zu einem Schuldeneintreiber in Bad Homburg, einem Golfclub bei Köln.

Die Krise hat in Neumünster schon 2005 begonnen. Durch zwei Fusionen entstand die mit sechs Milliarden Euro Bilanzsumme zweitgrößte Sparkasse Schleswig-Holsteins, aktiv von Pinneberg bis Bad Segeberg. Kurz darauf stellte sich heraus, "dass Segeberg viele Leichen im Keller hatte", sagt Arnold Wilken, SPD-Politiker am Ort und Mitglied im Verwaltungsrat der Südholsteiner. Faule Kredite verursachten Riesenverluste. In ihrer Not verkaufte Südholstein Immobilien und an den US-Fonds Lone Star sogar Kredite in Höhe von 123 Millionen Euro.