An einem Mittwoch im Januar vor vier Jahren ging ein Wissenschaftler der Birthler-Behörde zu seiner obersten Chefin und berichtete ihr von Erkenntnissen, die er »alarmierend« fand. Es ging um die Staatssicherheit der DDR und das Bonn der sechziger und siebziger Jahre. Der Wissenschaftler, Helmut Müller-Enbergs, leitete die behördeninterne Forschungsgruppe Rosenholz, welche die nach langen Wirren von der CIA zurückerhaltenen Personenkarteien der Stasi-Auslandsabteilung HV A sichten sollte.

Zwei Tage zuvor, am 17. Januar 2005, hatte er eine Stichprobe abgeschlossen, bei der er Kontakte von Abgeordneten des 6. Deutschen Bundestags (1972 bis 1976) zur Stasi überprüft hatte. Daraufhin hatte er – wie er in einer Aktennotiz schreibt – bei der Behördenleitung auf ein Gespräch gedrängt. An jenem Mittwoch also saß Müller-Enbergs mit einem Kollegen bei Marianne Birthler und ihrem Verwaltungsdirektor Hans Altendorf. Bis dahin hatte noch kein Historiker gründlich untersucht, welchen Einfluss die DDR-Staatssicherheit auf den westdeutschen Bundestag nahm oder zu nehmen versuchte – und offenbar entschied sich in diesem Gespräch, dass es bis heute nicht passierte.

Man sollte meinen, dass alles unternommen worden sei, dieser brisanten Frage auf den Grund zu gehen. Doch die Birthler-Behörde stoppte im Februar 2005 entsprechende Recherchen. Warum? Als die ZEIT vor zweieinhalb Jahren über das Ende der Forschungsgruppe Rosenholz berichtete (ZEIT Nr. 26/06), wehrte die Behördenleitung den Vorwurf politisch motivierter Einflussnahme ab: Das Ende der Forschungsgruppe sei lange geplant gewesen, hieß es, andere Aufgaben seien wichtiger, ohnehin enthalte Rosenholz wenig Aufregendes. Aber warum hatte der zuständige Wissenschaftler dann Alarm geschlagen?

Um sich ein eigenes Bild machen zu können, beantragte die ZEIT Einsicht in die Akten der Forschungsgruppe; die rechtliche Grundlage hierfür lieferte das Informationsfreiheitsgesetz. Doch anders, als es das Gesetz vorsieht, gab die Behörde anfangs nur einige Dutzend Blatt heraus, viele davon geschwärzt. Es folgte ein zwei Jahre dauernder Prozess, der dazu führte, dass die Behörde schließlich etwa tausend weitere Seiten herausgab. Sie dokumentieren den Fall Rosenholz und zeichnen ein für die Leitung der Stasi-Unterlagenbehörde peinliches Bild. Denn sie bremste ihren Forscher genau in dem Moment aus, als er nach Stasi-Verstrickungen im Bundestag zu fragen begann. Und als, auf öffentlichen Druck hin, doch irgendwann gründlich recherchiert wurde, hielt die Behörde Erkenntnisse zurück, gab Bundestag und Kanzleramt unvollständig Auskunft.

Elf Parlamentarier stehen im Verdacht, für die Stasi gearbeitet zu haben

Die offenbar entscheidende Unterredung vom 19. Januar 2005 hat Helmut Müller-Enbergs in einem Vermerk zusammengefasst: Er habe der Hausspitze vorgetragen, dass mehr als 40 Mitglieder des 6. Bundestages in den Rosenholz-Karteien als »IM A« erfasst sind. Die seien sicher nicht alle inoffizielle Mitarbeiter gewesen, sondern auch Kontakt- oder Zielpersonen der Stasi. Er solle, sei ihm gesagt worden, in einem geplanten Bericht »auf diesen Sachverhalt« eingehen. »Sodann werde anhand des Berichts über die weitere Arbeit der Forschungsgruppe entschieden.« Dies aber geschah nie, und der Bericht verschwand zunächst in der Schublade. Die Ergebnisse seien wenig spektakulär gewesen, entschuldigte Birthler dies später. Dabei geht aus den Akten hervor, dass sie und ihr Direktor, ein Hamburger SPD-Mann, explizit auf den Spitzelverdacht für etliche Abgeordnete (vor allem aus der SPD) hingewiesen worden waren. »Es wurden namentlich einzelne Zielpersonen, aber auch mutmaßliche IM vorgestellt«, notiert Müller-Enbergs über das Gespräch. Er habe gefragt: »Sollen wir das untersuchen?« Die Antwort: Nein.

Kurz danach, noch bevor der Wissenschaftler mit der Niederschrift seines Berichts begann, erklärte Direktor Altendorf die Forschungsgruppe für »eingestellt«. Müller-Enbergs beschwerte sich bei seiner Vorgesetzten, dass »binnen Stunden« das »Log-in zu Rosenholz gesperrt« wurde. Zudem wurde ihm der Schlüssel zum Arbeitsraum abgenommen, »da ausgerechnet dieser – die ganze Etage ist ansonsten frei – für den Bundesrechnungshof benötigt werde«. Nicht nur Müller-Enbergs, der von der Behördenspitze als schwieriger Mitarbeiter beschrieben wird, fand dies »mehr als merkwürdig«; auch eine seiner Vorgesetzten nannte die Umstände in einer Mail »befremdlich«. Die Behörde teilte auf Nachfrage mit, die Gruppe sei »ordnungsgemäß« und »in angemessener Frist« abgewickelt worden.