Der Brief verließ die Hauptstadt Anfang der Woche. Der Absender: Peer Steinbrück, Bundesminister der Finanzen, Berlin. Der Empfänger: Paul Krugman, Wirtschaftsprofessor an der Universität Princeton, USA. Der Inhalt: Eine Einladung nach Deutschland. Steinbrück will sich mit seinem prominentesten Kritiker treffen, seinem ärgerlichsten Widersacher, diesem Störenfried aus Amerika. Sein Brief ist mit dem Kanzleramt abgestimmt.

Seit Monaten arbeitet sich Krugman, der Nobelpreisträger und Kolumnist der angesehenen New York Times, an Steinbrück ab: Das Berliner Kabinett bestehe aus boneheads, aus Holzköpfen. Deutschland begreife »das ungeheure Ausmaß dieser Krise« nicht. Und Vergleichbares zur »ahnungslosen Hetze« des Finanzministers bekäme man in den USA »nur von Republikanern zu hören«. Für einen deutschen Sozialdemokraten ist das die verbale Höchststrafe.

Entsprechend einsilbig reagiert Steinbrück, wenn man ihn auf Krugman anspricht. Ein Experte, der einen Politiker beschimpft, das ist an sich nichts Besonderes. Doch dieser Fall liegt anders. Das zeigt schon Steinbrücks Brief. Krugman gilt in der SPD als Vorzeigevolkswirt, auch der Finanzminister hat seine Bücher gelesen. Jetzt muss sich der Deutsche ausgerechnet von diesem Amerikaner »mangelnde intellektuelle Beweglichkeit« vorwerfen lassen – er, der sich selbst für den geborenen Krisenmanager hält. Und Krugmans Kritik zieht Kreise. In den Late-Night-Shows des US-Fernsehens verspotten sie den eigenwilligen Herrn »Schteinbrrruuuck« bereits als Sinnbild des Starrsinns, als bonehead eben.

Die Krisenerfahrung der USA ist eine andere als die der Deutschen

Dies sind keine glücklichen Tage für den Finanzminister. Ein Schweizer Abgeordneter beschimpft ihn als Nazi-Schergen, weil er dem Nachbarland im Kampf gegen Steuerhinterziehung eine härtere Gangart androhte. Und zu Hause in Deutschland muss er erleben, dass seine Partei sich wieder einmal an Plänen berauscht, von denen er selbst wenig hält: Staatshilfen für Opel etwa.

Lange hat Steinbrück davon träumen dürfen, als erster Finanzminister seit 40 Jahren ohne zusätzliche Staatsschulden auszukommen. Nun muss er die höchste Neuverschuldung überhaupt ausweisen. Zwischenzeitlich durfte er dafür den obersten Krisenmanager neben der Kanzlerin geben. Aber diese Rolle macht ihm – je mehr die Finanzkrise zur Wirtschaftskrise wird – der neue Wirtschaftsminister streitig. Die wirtschaftspolitische Strategie der SPD wiederum bestimmt jetzt der Außenminister und Kanzlerkandidat. Steinbrück fügt sich Steinmeier, aber Vertraute berichten, dass zwischen die beiden stones längst mehr passt als nur ein Blatt Papier. Auch Steinmeier will Opel mit Staatshilfen retten.

Und dann ist da noch dieser einflussreiche Amerikaner, dessen neuestes Buch auch in Deutschland schon wieder auf der Bestsellerliste steht.