Seifenopern verändern die Gesellschaft. Das haben Soziologen der Inter-American Development Bank jetzt in Brasilien festgestellt, dem Land der Telenovelas. Sechs Tage die Woche kleben 40 Millionen Brasilianer zur Hauptsendezeit am Bildschirm. Karnevalsparaden sind schon wegen einer Novela verschoben worden, und als vor Jahren erstmals eine junge Schwarze, Tais Araujo, die Hauptrolle einer Serie bekam, sorgte das für großes Aufsehen. Gerade machen Tres Irmãs Furore, "Drei Schwestern": Als Suzanna ihrem Xande das Jawort geben will, stürmt ihr Geliebter vor den Altar. Skandal!

Die Beschäftigung mit (vor)ehelicher Untreue und anderen Undingen ist eine Spezialität der brasilianischen Novelas. Zwar kreisen auch sie unermüdlich um die Liebe, wie es die klischeehaften mexikanischen und kubanischen Seifenopern tun. Doch sie kennen Ironie und Humor, sie haben mit dem wahren Brasilien zu tun, sie zeigen das Leben der wohlhabenden städtischen Mittelschicht. Und sie bringen heiße Themen: Homosexualität, Gleichberechtigung, Religionskritik, Verhütung, Ehescheidung.

Die subversive Kraft der Novelas entstand zu Zeiten der Militärdiktatur. Oppositionelle schrieben die Drehbücher, schmuggelten politische Inhalte an die Öffentlichkeit – ausgerechnet im Rede Globo, damals von den Militärs gegründet, heute der größte Sender des Landes.

Die Soziologen untersuchten brasilianische Telenovelas aus den Jahren 1965 bis 2004: Viele der Frauenfiguren hatten Affären, manche waren geschieden. Dabei war Scheidung in Brasilien bis in die späten siebziger Jahre ebenso verboten wie die Werbung für Verhütungsmittel. Dennoch zeigten die Novelas kinderlose Frauen in Hauptrollen.

Im Jahr 1970, fünf Jahre nach der Gründung von Rede Globo, konnte kaum jemand das Signal empfangen. Das änderte sich nach und nach, bis der Sender um das Jahr 2000 in 90 Prozent der Regionen zu sehen war. Zu dieser Zeit hatten 82 Prozent der Haushalte ein Fernsehgerät.

Die Soziologen rechneten alles zusammen. Ihr Ergebnis: Wo immer die Telenovelas hinkamen, gab es weniger Geburten und mehr Scheidungen. "Schließt man alle anderen Faktoren aus, hat das Programm von Rede Globo fast die gleiche Wirkung wie ein halbes Jahr an zusätzlicher Ausbildung für die Frauen", lautet ihr Befund. "Und das in einem Umfeld, in dem die Ausbildungsdauer der Frauen durchschnittlich 3,2 Jahre betrug."

Jetzt empfehlen sie, Seifenopern gezielt zur Aufklärung zu nutzen: Über HIV und Aids zum Beispiel, über eine bessere Gesundheitsvorsorge oder eine gute Ausbildung von Kindern.