Ich habe einen Traum "Das Publikum ist mein brennendes Haus"
Früher arbeitete der Schauspieler Steve Buscemi als Feuerwehrmann in Little Italy. Er findet: "Es ist das gleiche Gefühl wie beim Theaterspielen"
Ich stehe vor einem Maschendrahtzaun, irgendwo in Brooklyn. Meine Hand ist in diesem Zaun eingeklemmt. Dann kommt dieser Hund, ein Schäferhund, und er versucht, mir die Finger abzubeißen. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Nur an die Angst.
Mit fünf Jahren hatte ich diesen Traum zum ersten Mal. Er kam dann immer wieder. Auch böse Monster jagen mich im Schlaf. Ich bin nicht gut im Deuten, aber zeit meines Lebens hat mich die Welt da draußen geängstigt.
Menschen auf der Suche, ohne Halt, sind mir von all den Charakteren, die ich spiele, am nächsten. Leute, die nicht wissen, wie sie ihre Ziele verwirklichen können. Schon als Teenager wollte ich Schauspieler werden. Aber das war etwas, was andere erreichten. Dass ich es schaffen könnte, schien mir unmöglich.
Immerhin, mein Vater stellte mich als Kind auf unseren Küchentisch, damit ich seine Freunde unterhalte. Ich erzählte Witze und kleine Geschichten, und sie amüsierten sich. Später brachte ich als Stand-up-Komiker die Leute in Bars zum Lachen.
Ich habe mich dabei nie wohl gefühlt. Die Einsamkeit auf der Bühne ist überwältigend. Heute sehe ich diese Zeit als meinen Weg zur Schauspielerei, bald nahm ich Schauspielunterricht bei John Strasberg in Manhattan und bekam meine ersten Rollen. Damals lernte ich, dass ich nur erfolgreich bin, wenn ich etwas für andere tue, für die Kollegen, für einen Regisseur. Das war schon in der Highschool so, als ich im Ringerteam kämpfte. Bei den Turnieren für meine Mannschaft gewann ich, als Einzelkämpfer versagte ich. Ich bin nicht gut darin, etwas für mich zu tun.
Verantwortung und eine Gruppe tragen mich, geben mir Richtung. Deshalb arbeite ich wohl auch so viel. Anfang der Achtziger verdiente ich mein Geld als Feuerwehrmann in Little Italy. Wenn du vor einer Situation stehst, von der du nicht weißt, wie sie ausgeht, dann kann dir eine Gruppe zwar nicht vollkommen die Nervosität nehmen. Aber wenn du sie gemeinsam überstehst, verbindet sie dich mit den anderen. Es ist das gleiche Gefühl wie beim Theaterspielen. Das Publikum ist mein brennendes Haus.
Auch mein schönster wiederkehrender Traum begann in meiner Kindheit. Bis zur dritten Klasse sang ich im Chor der St. Michael’s Church in Brooklyn. Wir Kinder standen hinten in der Kirche auf dem Balkon. Im Traum klettere ich auf die Brüstung und fliege los, über die Köpfe der Leute hinweg durchs Kirchenschiff. Um nicht aufzuwachen, kämpfe ich gegen das Bewusstsein an.
Das ist mein Zustand. Ein Raum ohne Regeln, in dem alles möglich ist und nichts mich behindert, kein Zweifel, kein Anspruch. Ich versuche, diesen Zustand auch im Wachsein zu bewahren. Ob als Schauspieler oder Regisseur, ich starte immer wieder am Anfang. Und je öfter ich eine Herausforderung bewältige, desto mehr bezwinge ich auch mein Minderwertigkeitsgefühl. Der Nullpunkt, das ist mein Platz im Leben.
Aufgezeichnet von Vanessa Oelker
Steve Buscemi wurde 1957 in Brooklyn geboren, wo er noch heute mit Frau und Sohn lebt. Der Durchbruch als Schauspieler gelang ihm 1992 in Quentin Tarantinos "Reservoir Dogs", es folgten gefeierte Auftritte in Klassikern wie "Pulp Fiction" und "Fargo". Als Regisseur inszenierte er 1996 seinen ersten Film, "Trees Lounge". In deutschen Kinos ist Steve Buscemi zurzeit in dem Historienfilm "John Rabe" zu sehen.
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- Datum 23.03.2009 - 17:56 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 26.03.2009 Nr. 14
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Erstaunlich. Ich habe nicht gedacht, dass Buscemi auch innerlich ein solch angespannter und unsicherer Mensch ist und demnach zahlreiche Charakterzüge mit den Rollen, die er portraitiert, teilt. Dem entgegen steht natürlich seine Zeit bei John Strasberg und dem dadurch erlernten Method Acting, das ihn mit seinen Rollen ja viel näher aneinander bindet. Wie dem auch sei, er ist ein großartiger Darsteller, der leider viel zu wenig große Rollen in seiner Karriere verzeichnen kann.
Buscemi ist ein toller Kerl! Ein heißer Tip für einen Film mit ihm, bei dem er auch Regie führte, ist 'Interview' mit Sienna Miller(Neuverfilmung eines Films von Theo van Gogh).
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