Warum machen Sie das? "Es ist amoralisch, was ich mache"
Sie ist eine liebenswürdige Dame, denkt sich aber ständig neue Morde aus. Über ihre Motivation spricht die Schriftstellerin Ingrid Noll mit Roger Willemsen
Roger Willemsen: Frau Noll, wovon halte ich Sie gerade ab?
Ingrid Noll: Von gar nichts. Ich wusste doch, dass Sie kommen.
Willemsen: Was hätten Sie ohne mich gemacht? Geschrieben?
Noll: Nee. Ich hätte mit meinem Mann Scrabble gespielt.
Willemsen: Und wer gewinnt?
Noll: Er. Weil er gründlicher nachdenkt. Ich mache alles schnell und schlecht.
Willemsen: Sie schreiben alle zwei Jahre ein Buch: nicht schnell, nicht schlecht.
Noll: Ach, ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Willemsen: Ihre Mutter hat Ihre Großmutter bis zum 105. Lebensjahr gepflegt. Sie haben Ihre Mutter bis zum 106. Lebensjahr gepflegt…
Noll: Jetzt erwartet man, dass ich 107 werde. Aber den Gefallen tue ich Ihnen nicht.
Willemsen: Welch Vorstellung: Sie sind eine liebenswürdige Dame, kümmern sich um Ihre alte Mutter, und parallel dazu denken Sie sich ständig neue Morde aus.
Noll: Passt gut zusammen, nicht?
Willemsen: Sind Sie Ihrer Familie nicht unheimlich?
Noll: Ja, aber von den Menschen, die sich gerne mit Morden befassen, habe ich gelernt, dass sie alle friedlich sind und so ihren Dampf ablassen. Man hört doch beim Bahnfahren immer wieder: Also, den Mehdorn könnte ich erwürgen… Aber man macht es nicht.
Willemsen: Und Sie denken sich Geschichten aus, wie man es doch tun könnte.
Noll: Mich interessieren die Beziehungen, die Frage, was passiert, wenn etwas lange unter den Teppich gekehrt wurde und eskaliert. Das muss nicht im Mord geschehen.
Willemsen: Und solche Fantasien sind entlastend?
Noll: Ich kann mir immer alles zu gut vorstellen. Wenn ich in der Bahn ein Nickerchen halte, schlafe ich auf der Handtasche.
Willemsen: Menschen mit weniger Fantasie können mutiger durchs Leben gehen?
Noll: Ich will nur gewappnet sein.
Willemsen: Haben Sie das Genre des Kriminalromans eigentlich ernst genommen, als Sie begannen?
Noll: Meine Sachen sind im engeren Sinne keine Krimis. Meist gibt es da eine zweite Ebene, die mich noch mehr interessiert.
Willemsen: Der Roman ist ein Trojanisches Pferd, in dessen Bauch man viel unterbringen kann?
Noll: Ja, es sind Menschengeschichten mit kriminellem Sahnehäubchen.
Willemsen: Sie begannen mit 55 Jahren zu schreiben, als Sie endlich ein eigenes Zimmer bekamen. Ein lang gestauter Wunsch?
Noll: Ich fand es schon als Kind einzigartig: Man schreibt etwas, und jemand anderes kann es deuten. Zauberhaft.
Willemsen: Aber woher die Wendung ins Kriminelle?
Noll: Ich dachte erst, es sei leichter. Nicht Buddenbrooks 2. Dass es schwerer ist, als ich dachte, merkte ich erst dann. Bei mir grenzt es an Schauspielerei. Ich versuche, ein fremdes Kleid anzuziehen und jünger, älter, Mann oder Frau zu sein. Zwei Eigenschaften sind mir dabei zugutegekommen: Empathie und Fantasie. Ich wäre eine Niete im Sachbuch.
Willemsen: Der Empathie ist der Weg gleich weit zur Chefärztin wie zur Schuhverkäuferin?
Noll: Das ist das Wesen der Empathie, dass sie nicht haltmacht. Sie schützt zumindest vor sozialer Arroganz. Die halte ich für eine furchtbare Eigenschaft.
Willemsen: Ihr Vater war Arzt. Ich nehme an, am Mittagstisch wurde über monströse Krankheitsbilder gesprochen?
Noll: Kam vor. (lacht)
Willemsen: Wissen Sie, dass Sie manchmal wie der Dichter Robert Gernhardt lachen?
Noll: Ja?
Willemsen: So spitzbübisch.
Noll: Eine größere Freude kann man mir nicht machen.
Willemsen: Ihr Vater war also Arzt, und dann arbeiteten Sie jahrzehntelang mit in der Praxis Ihres Mannes. Sie müssen zum menschlichen Schrecken ein ironisches Verhältnis gehabt haben.
Noll: Durchaus. Ich hab auch immer gerne psychiatrische Gutachten gelesen.
Willemsen: Sie feiern dieses Jahr Ihren 50. Hochzeitstag. Ich verbeuge mich. Hätte die Ehe gehalten, wenn Sie nicht literarisch gemordet hätten?
Noll: Die Silberhochzeit haben wir ja noch ohne Schreiben geschafft. Aber wenn zu lange unerfreuliche Arbeiten überwogen hätten, wäre ich wohl grantiger geworden.
Willemsen: Die Sühne spielt in Ihren Texten keine Rolle.
Noll: Nein. Es ist amoralisch, was ich mache, das gebe ich zu.
Willemsen: Die Frage "Warum mache ich das?" stellt sich Ihnen auch nicht?
Noll: Ich weiß es: Weil es sich gut anfühlt.
Willemsen: Es geht also um das Glück der Hervorbringung.
Noll: Genau. Der Weg ist das Ziel und das größte Vergnügen. Nach längeren Pausen meldet es sich, es klopft wieder an.
Willemsen: Jetzt lachen Sie wieder wie Gernhardt.
Noll: So ein bisschen zu frech, nicht?
Ingrid Noll, 73, ist eine der erfolgreichsten deutschen Krimiautorinnen. Sie ist mit einem Arzt verheiratet und begann erst spät zu schreiben, als ihre drei Kinder aus dem Haus waren. ZEITmagazin-Autor Roger Willemsen stellt jede Woche die Frage: "Warum machen Sie das?"
- Datum 30.03.2009 - 17:25 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.03.2009 Nr. 14
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Das werden doch jetzt immer kurzweiligere Interviews! Ingrid Noll & Robert Gernhardt & Hartmut Mehdorn auf drei Seiten Online. Das ist doch schon ein Angebot!
Robert Gernhardt, Anfang 2003, steigt in den verspäteten Intercity von Frankfurt nach Stuttgart. Er will sich mit Ingrid Noll treffen. Sie planen ein gemeinsames Projekt. Einen Krimi in gereimter Form mit vielen Gernhardt-Illustrationen. Da entdeckt Gernhardt den Bahnchef Mehdorn im Bistro-Wagen. Er mailt sofort an Noll: "Frau Noll, das Thema steht! Wir bringen den Mehdorn - verbal - um die Ecke! Sie sind für die Todesart verantwortlich, ich für die Zeilen-Endungen!"
Einen Titel hatte Robert Gernhardt auch schon: "Entgleisung".
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