1989 Das Jahr unseres Lebens
Mit Gorbatschow auf das World Trade Center, zu Deng Xiaoping durch den Seiteneingang: Wenige Reporter haben die Zeitenwende 1989 so nah erlebt wie der damalige ZEIT-Korrespondent in Moskau. Im Rückblick wird aus Geschichten Geschichte

© AFP/DPA/Getty Images
Ein legendärer Kuss: Der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow umarmt Erich Honecker bei den Feiern zum 40-jährigen Bestehen der DDR
New York/Jerewan, Dezember 1988
Welch ein Aufstieg aus vier Jahrzehnten Kaltem Krieg! Ein Kremlführer durchmisst umjubelt das World Trade Center. Staunt aus dem 107. Stockwerk des einen Zwillingsturms zum anderen hinüber und in die Grand Canyons von Manhattan hinunter. Gestikuliert und redet wie im Höhenrausch: Michail Gorbatschow in seinem Element.
Noch ahnt der sowjetische Staats- und Parteichef nicht, dass er nur 48 Stunden später hilflos in einer Trümmerlandschaft stehen wird – am anderen Ende des Globus. Fortan werden Bilderpaare wie diese ihn begleiten: hier Triumphe nie geahnten Ausmaßes, dort Zusammenbruch, ja Zerstörung. Durch den Völkerfrühling des Jahres 1989 bis hin zum Fall der Berliner Mauer.
Kein Wölkchen hatte den Himmel getrübt, als der Gast in New York gelandet war. Als Korrespondent der ZEIT in Moskau gehörte ich zu seiner Entourage, und auch das war eine Neuheit. Der Generalsekretär der KPdSU hatte Mitarbeiter westlicher Medien eingeladen, ihn in die USA zu begleiten. Strahlend zog auch der folgende Tag über den East River herauf. Blendend spiegelte sich die Skyline Manhattans auf der Front des UN-Glaspalastes. In seiner ersten Rede vor den Vereinten Nationen brachte Michail Gorbatschow den »Idealismus Woodrow Wilsons« ein. Für die selbst gewählte Mission, seinen Vielvölkerstaat aus der existenziellen Krise zu retten, hatte sich der Russe aus dem Kaukasus in den Mantel des Weltgewissens gehüllt – und kaum noch jemand im Westen fand diesen Mantel zu weit. An jenem Ort, an dem Nikita Chruschtschow 28 Jahre zuvor mit dem Schuh aufs Pult getrommelt und gedroht hatte, »Interkontinentalraketen kommen aus den sowjetischen Fabriken wie Würstchen aus einer Wurstmaschine«, kündigte Gorbatschow nun für 1989 die Umwandlung der Rüstungsbetriebe in Konsumgüterfabriken an. Wohlstand statt Waffen für ein Imperium, das seine Weltmachtrolle nur dem Militär verdankte.
Die liberale Washington Post registriert ein Ereignis von »kosmischer Dimension« und rühmt: »Der Sowjetführer entfaltet einen Entwurf zur Rettung des Planeten.« Doch der Planet stoppt die Feier der Zeitenwende. Am 7. Dezember um 11.41 Uhr Ortszeit erschüttert ein 30 Sekunden langes Beben den Norden Armeniens. Begräbt ganze Städte, Familien, Schulklassen, Belegschaften. 26000 Menschen sterben.
Gorbatschow fliegt aus Amerika nach Armenien, uns Korrespondenten im Tross. Sie hören noch die letzten, schwachen Hilferufe unter den Trümmern. Die meisten Opfer sind Kinder und Arbeiter. Schulen und Werkshallen aus Fertigteilen sind wie Kartenhäuser zusammengefallen. Ihnen fehlte der Zement, der auf den schwarzen Märkten gelandet war. 67 Nationen kommen zu Hilfe. Doch mancher Konvoi dreht wieder ab, weil keine Autorität die Papiere quittieren kann. Weil christliche Armenier keine »Türken« aus dem benachbarten Aserbajdschan ins Land lassen wollen. In der Agonie einer ganzen Region scheint schon für einen Moment die Apokalypse des Systems auf, dem zivile Technik, private Professionalität, staatsbürgerliche Entscheidungskraft, nationale Toleranz fehlen.
Moskau, 11. März 1989
Genau vier Jahre nach Gorbatschows Amtsantritt steht die Führung des Landes vor der politischen Revolution und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Sie hat Ersteres weitgehend in Kauf genommen, um Letzteres zu verhindern. Doch ihr Versuch, die Sowjetökonomie zu modernisieren, beschleunigte nur deren Verfall. Um dem Kollaps zu entgehen, versuchen die Reformer, die Fesseln des Systems zu lösen, ohne sie abzuschütteln. Parlamentarismus light: Zum ersten Mal in der Sowjetgeschichte können die Bürger am 26. März unter mehreren Kandidaten wählen. Sie sollen über die Delegierten für das höchste Staatsorgan, den neuen Volksdeputiertenkongress, abstimmen. Doch schon der Wahlkampf löst ein politisches Beben aus, das die Säulen der Parteiherrschaft ins Schwanken bringt.
Das Kulturhaus des Rüstungsbetriebs Roter Oktober im Moskauer Stadtbezirk Tuscheno: Die Leute strömen zur Versammlung des Wahlkreises 25. Anwohner fühlen sich übergangen. Sie geben dem deutschen Journalisten ihre genauen Adressen, damit ich sie als Zeugen dafür anführen möge, dass diese Versammlung ohne ihre Kenntnis angesetzt worden sei. Alle wollen mit entscheiden. Drinnen tobt die lärmende Jagd über das noch unbekannte Terrain der Verfahrensfragen. Wie eine rollende Salve dröhnt die Stimme einer jungen Frau durch den Rüstungsbetrieb: »Halt endlich die Klappe, Vorsitzender!« Der ist ein harmloses Männlein mit Lederjacke, den die Schule der Demokratie sichtbar überfordert.
Plötzlich verstummt der Saal. Ein drahtiger Kandidat im eleganten Einreiher beantwortet schriftliche Fragen. »Wie stark ist die Mafia hier?«, liest er vom Zettel. »Im Vergleich zur russischen ist die italienische Mafia ein Krabbelkind!«, schneidet seine Stimme in die Stille. Der Mann ist Sonderermittler beim Generalstaatsanwalt. Unter Lebensgefahr hat er Kanäle der Korruption zwischen Usbekistan und Moskau freigelegt. Knallhart beantwortet er jede Frage. Bis ein Zuruf kommt, den auch er übergeht: »Sind die Ursachen all der Verbrechen nicht im Artikel 6 der Verfassung zu suchen?«
Artikel 6 Absatz 1 lautet: »Die führende und lenkende Rolle der sowjetischen Gesellschaft [] ist die Kommunistische Partei der Sowjetunion [].« Niemals seit Stalins Sieg ist die »lenkende Kraft« so herausgefordert worden wie in diesem ersten halbwegs freien Wahlkampf. Selbst höchste Parteivertreter ohne Gegenkandidaten werden von den Wahlzetteln gestrichen. Gorbatschows Strategie, die Bürger gegen die Türhüter der Parteibürokratie zu mobilisieren, hat fürs Erste das Mandat der Wähler erhalten.
Peking/Shanghai, Mai/Juni 1989
Die endlosen Marschkolonnen der Pekinger Demonstranten haben die hinteren Wagen von Michail Gorbatschows Konvoi abgeschnitten und eingekeilt. Wir springen aus den Autos wie in einem Actionfilm. Hetzen durch ein Labyrinth enger, leerer Seitengassen. Nur irgendwie noch die Hinterfront der Großen Halle des Volkes erreichen, die der sowjetische Staats- und Parteichef gleich durch den Seiteneingang betreten muss. Bloß nicht den historischen Moment verpassen, da die beiden größten Parteien des Weltkommunismus ihre späte Versöhnung besiegeln werden. Durch einen Händedruck zwischen dem neuen Reformmissionar aus Moskau und dem hinfälligen, 84-jährigen Staatsmann Deng Xiaoping, der sein Werk der Modernisierung Chinas viele Jahre vor Gorbatschows Aufstieg begann. Noch früher, 1963, hatte Deng als KP-Generalsekretär beim letzten Zusammentreffen mit Chruschtschow in Moskau den Bruch des Stalin-Mao-Bundes vollzogen. 1969 gerieten die verfeindeten ideologischen Lager nach Schusswechseln am Ussuri-Fluss bis an den Rand des Krieges.
Nun, zwanzig Jahre später, versichern Deng und Gorbatschow einander: »Es kann und es wird keine festen Muster des Sozialismus mehr geben.« Die Geschichte hat sie da schon überholt. Von der Elbe bis zum Jangtsekiang scheint der reale Sozialismus in diesem Moment nur noch ein Muster ohne Wert zu sein. Gorbatschow hat die Große Halle des Volkes über den Hinterhof betreten müssen, weil die große Mauer der Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens gegen Dengs Sozialismus demonstriert. Zehntausende Kommilitonen haben den mit 50 Hektar größten Platz der Welt zu ihrem Heerlager gemacht. Hunderttausende solidarischer Bürger ziehen Stunde um Stunde durch das Zentrum. Wie vor ihnen Ungarn und Polen, baltische und kaukasische Nationen spannen auch Chinas Demonstranten Glasnost für die eigene Sache ein. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens verkündet ein Banner in russischer Sprache, was wenige Monate später an der Leipziger Nikolaikirche in deutscher Variation erklingen wird: »Narod sdjes!« – Hier ist das Volk.
Das Volk verzeiht Deng nicht, dass er die unvermeidbaren sozialen Folgen seiner Wirtschaftsreformen verschwiegen hat, die auswuchernde Korruption duldet und die Parteidiktatur weiter kompromisslos über Presse- und Meinungsfreiheit herrschen lässt. »Schreiben Sie, dass ich Gorbatschow meine Bewunderung übermittele«, bittet mich der Abteilungsleiter eines Elektrobetriebs auf dem Platz des Himmlischen Friedens. »Gorbatschow ist gegen Nepotismus!«, echot es aus der dichten Traube. »Er erlaubt Opposition!« Fahrradklingeln signalisieren Zustimmung.
Hunderte liegen unter Zeltplanen oder im Schatten städtischer Busse im Hungerstreik. Erschöpft, aber entschieden fordern sie weiter Pressefreiheit und die Anerkennung eines unabhängigen Studentenverbandes. Das klingt bescheiden. Doch neun Jahre zuvor hatte Polens Gewerkschaftsbewegung Solidarność ihre Anerkennung durch ein offizielles Abkommen mit der sozialistischen Regierung errungen. Damit brach der erste Stein aus der Mauer kommunistischer Alleinherrschaft.
Medizinstudenten messen Puls und Blutdruck der geschwächten Kommilitonen. Krankenwagen bringen Hungerstreikende im Koma zu den Hospitälern. Nachts zucken die Blaulichter der Ersten Hilfe über diesen größten Schlafsaal im Reich der Mitte. Wenn der blasse Mond in der Frühe nach Westen sinkt, droht die Stunde der Militärs. Posten wachen zwischen den jungen Männern und Frauen, die auf den nackten Böden der U-Bahn-Schächte rund um den Platz des Himmlischen Friedens ruhen. Ein schlafloser Student geht mit uns durch die Reihen und wird nicht müde, mit naiver Neugier zu fragen: »Was werden Sie berichten?« – »Unterstützt Ihre Regierung schon die Forderung der Studenten?«
Am 19. Mai stürzt Parteichef Zhao Ziyang. Er hat gegen einen Militäreinsatz gestimmt. Der hartgesottene Ministerpräsident Li Peng verkündet den Ausnahmezustand. Deng Xiaoping erteilt den Schießbefehl. Doch die 38. Armee aus der Garnison der Hauptstadt lässt sich von den Menschentrauben an den Zufahrtsstraßen zur Umkehr bewegen. In Dutzenden Städten Chinas brechen Protestzüge gegen das Kriegsrecht auf. Wie weit der Aufruhr um sich greift, ist vom belagerten Peking schwer auszumachen. Shanghai verspricht den besseren Überblick. Ein Ticket dorthin ist leicht zu buchen. Doch an eine Taxifahrt von Peking zum Flughafen ist nicht zu denken. Zwei Millionen Demonstranten regieren die Straßen. Ein Rikschafahrer ist bereit, am Morgen zu starten, um die Abendmaschine zu erreichen.
Der Mann kämpft gegen den Strom endloser Kolonnen an, taucht unter Transparenten hindurch, manövriert an Lastwagen vorbei. Doch schweißgebadet fühlt auch er sich in diesen Stunden als ein kleines Rad der Geschichte. Weist hinauf zu den Luxushotels mit den Kellnerinnen in ihren hoch geschlitzten Seidenkleidern, die Stockwerk für Stockwerk von den nur mit Eisengittern begrenzten Balkons winken. Zeigt auf einen Trupp uniformierter Polizisten, die »Lang lebe das Volk!« skandieren. Nickt Schulklassen zu, die im Kollektiv die Finger zum Victoryzeichen spreizen.
In Shanghai häufen sich in dieser Nacht Gerüchte, dass Armee-Einheiten aus dem Süden bereits in die Vororte eingerückt seien. Studenten, Werft- und Textilarbeiter besetzen die frühere Garden Bridge an der Mündung des Suzhou in den zum Hafenbecken ausgedehnten Huangpu-Fluss. Bis Mao 1949 die Macht mit eiserner Faust übernahm, war der Suzhou ein Fluss der Toten: Seine trüben Fluten führten viele Opfer der Armut und der Krankheiten in Richtung Jangtse.
Zehntausende Hochschüler und junge Arbeiter blockieren den Bund, die berühmte Uferstraße mit dem Panorama des alten Welthafens aus den kolonialen Klötzen der einstigen Banken und Reedereien. Eingepfercht von den Demonstranten, werde ich durch die Menge geschoben. Ein Lastwagenfahrer in altem Mao-Drillich streckt immer wieder die Hand aus: »Thank you, thank you!« Noch erscheint ein ausländischer Korrespondent hier wie von einem anderen Stern. Die Vorstellungen davon, was die Demonstranten anstreben sollen, sind verschwommener als in der Hauptstadt. Immer wieder bilden Studenten und Arbeiter neue Kreise, laden mich mit Beifall in ihre Mitte und bitten um Zuspruch und Ansporn. Ein halbes Dutzend Mal muss ich inmitten einer solchen Straßenarena erklären, dass ein Reporter nicht mitzureden, sondern nur mitzuschreiben hat, um wahrheitsgemäß zu berichten. Das wird freundlich, aber leicht enttäuscht aufgenommen.
Ganz plötzlich verabschiedet sich die chinesische Kollegin: »Ich muss gehen!« Beim vorher vereinbarten Treffpunkt am nächsten Tag berichtet sie: »Von dir unbemerkt, haben mir Männer im Gedränge der Demonstranten ins Ohr gezischt: Verschwinde sofort, oder du kommst ins Lager!« Geheimdienstler haben sich zur Genüge unter die Kommilitonen gemischt, andere Berufsvertreter weniger.
In Shanghai, dem einstigen Stützpunkt der »Viererbande« um Maos Frau, von wo die Kulturrevolution mit blutigen Straßenkämpfen ihren Ausgang nahm, bleiben die Studenten und jungen Arbeiter 1989 mit ihren Protesten allein. Chinas größte Stadt ist da schon zum Schaufenster der Wirtschaftsreformen Deng Xiaopings geworden. Die Passanten und Angestellten in den alten, engen Bankenvierteln und den wiedererweckten Warenhäusern drehen sich kaum zu den protestierenden Gruppen um. Ihre Geschäftsinteressen und das Geschick von Shanghais Parteichef Jiang Zemin verhindern größere Demonstrationen – und ein Blutvergießen wie in Peking.
Dort fällt die 27. Armee aus dem Wehrbezirk Nord am Sonntag, dem 4. Juni, um vier Uhr früh über den Platz des Himmlischen Friedens her. Hunderte Studenten, Ärzte, Krankenschwestern sterben im Kugelhagel und unter den Panzern.
Es ist der Tag, an dem in Polen die ersten freien Wahlen stattfinden.
Moskau, Juni 1989
Die Rückkehr aus Peking nach Moskau beginnt mit einer atemberaubenden Taxifahrt. Der Chauffeur hat das Autoradio voll aufgedreht. Der erste Volksdeputiertenkongress wird übertragen, direkt aus dem Kreml. In den heiligen Hallen der zaristischen und der kommunistischen Autokratie macht das neue Parlament Spitzenfunktionären den Prozess. Ihre Stimmen klingen unsicher, fast kleinlaut. Die vor den Delegierten ausgebreiteten Beweise für die Misswirtschaft einer verkommenen Macht lassen die Autorität einer ganzen Kaste geradezu hörbar verfallen.
Auch über das Fernsehen wird das ganze Land Zeuge der Anklagen, die junge russische, ukrainische, baltische, kaukasische, mittelasiatische Wählervertreter erheben. Die Versklavung ganzer Landstriche durch den Raubbau der Planbehörden, die Verelendung riesiger Gebiete durch die Abholzung von Wäldern und die Umleitung von Flüssen, die chemische Verpestung von Städten und die apokalyptische Verwüstung der Erdölgelände und der militärischen Testzonen – das alles rücken Delegierte in das grelle Licht des Revolutionssommers 1989.
Die Rechtlosigkeit, von den Sowjetbürgern bisher dumpf als Alltäglichkeit hingenommen, wird auf den Begriff des Systems gebracht: des kommunistischen und des zaristischen. In beiden sind die russischen Provinzen nie Rechtsträger gegenüber den Moskauer Herrschern gewesen. Jetzt plötzlich zerreißen Selbstbewusstsein, Eigeninteresse und Rachegelüste der Nationen und Regionen das von der lange vertuschten Wirtschaftskatastrophe ausgehöhlte Imperium. Gorbatschows Versuch, den Deputiertenkongress als höchstes Staatsorgan gegen die Gewaltenkonzentration im Parteiapparat zu stellen und das Plansystem durch Dezentralisierung auszurangieren, fördert von nun an den Machtzerfall. Und nicht die erhoffte Modernisierung.
Bonn, Juni 1989
Deutschland im Sommer. Seine westliche Hälfte gibt sich dem Rausch der Gorbimanie hin. Die vier Tage des Bären in Bonn, der sich für die Bundesbürger in einen politischen Märchenprinzen verwandelt hat: Am Amtssitz des Bundespräsidenten nimmt Gorbatschow handverlesene junge Deutsche in den Arm. Mit Helmut Kohl rückt er zum Saumagen zusammen. Doch in all diesen Stunden muss der umjubelte Gast sein eigenes, brodelndes Land mit Notstandsverfügungen aus der Ferne über die Runden bringen.
Vier Jahrzehnte lang hat der Kreml zäh versucht, sich die europäische Nachkriegsordnung vom Westen quittieren zu lassen. Nun aber zerfällt sie vom Osten her, immer schneller, immer dramatischer. Deshalb versucht der Kremlchef in Bonn das Ende der Nachkriegszeit zu besiegeln. Eine neue Ordnung soll helfen, die von Stalin ererbte Konkursmasse in einer gesamteuropäischen Auffanggesellschaft zu sanieren. Noch hofft er, in diesem Rahmen auch die »Bruderstaaten« und die eigenen Randnationen in eine Art Commonwealth entlassen zu können. Gleichzeitig muss er Finanzhilfen suchen, um die dramatische Versorgungskrise durch Importe lindern zu können. Bonn ist zur ersten Adresse für die Bittgesuche an das »gemeinsame europäische Haus« geworden. Die DDR-Führung registriert es mit Entsetzen.
Ost-Berlin, Oktober 1989
Wer zu früh kam, den bestrafte die SED. Noch vor Michail Gorbatschow war die Begleitmaschine mit den Moskauer Korrespondenten gelandet. Schnell zu den Fernsehgeräten, um die obligate Direktübertragung von der Ankunft des Kremlchefs zu verfolgen! Nur: Da lief nichts. Dann eben Zeitungen kaufen, um die bei keiner Staats- und Parteivisite fehlenden Porträts der Besucher zu überfliegen. Wieder nichts: weder Konterfeis noch Kurzbiografien, nicht einmal Programmhinweise. Die Furcht der deutschen Altgenossen vor dem sowjetischen Gast beim 40. Jahrestag der DDR kannte keine sozialistischen Umgangsformen mehr. Nach Millionen Glasnost-Demonstranten in Peking, nach den permanenten Perestrojka-Aufläufen vor Moskaus Ministerien präsentierte sich Ost-Berlin als verbotene Stadt.
Kaum hatte der Gast sie betreten, empfingen ihn dennoch »Gorbi, hilf!«-Rufe. Dass die Sprechchöre am Ende die Massen zur Selbsthilfe mobilisieren könnten, ließ das Innenministerium rotieren. Westliche Medien wiederum schürten die Furcht, dass Ost-Berlins isolierte Hardliner unmittelbar nach den Feierlichkeiten dem blutigen Exempel Pekings folgen könnten. Nicht von ungefähr verweigerte Gorbatschow den zur festlichen Parade rollenden DDR-Panzern demonstrativ die Ehrenbezeugung. Und es war Erich Honecker selbst, der dem aufbegehrenden Volk die chinesische Karte zeigte. Zusammen mit Pekings Spitzenfunktionär Jao Jilin entdeckte der Staatsratsvorsitzende und SED-Generalsekretär gerade in diesem Moment ein »besonders aggressives antisozialistisches Auftreten des imperialistischen Klassengegners«. Das erinnerte viele an Margot Honecker, die kurz nach dem Massaker in Peking gedroht hatte, den Sozialismus notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.
Kaum hatten zwei Volksarmisten im Stechschritt Gorbatschows Blumengebinde zu Schinkels Wache getragen, steuerte der Moskauer Gast die dort wartenden Korrespondenten an. Ob die Lage in der DDR gefährlich sei? »Ich denke nicht, mit unseren Problemen ist das hier gar nicht zu vergleichen«, befand der Reformrevisor scheinbar leichthin und ergänzte dozierend: »Nur jene, die auf das Leben nicht reagieren, bringen sich in Gefahr!« Das war die Mahnung, die er in den folgenden Tagen auch an Honecker und das SED-Politbüro richtete. Diese Worte Gorbatschows gab der Außenamtssprecher Gennadij Gerassimow präzise auf einer Pressekonferenz wieder. Der Dolmetscher aber veredelte sie zu der alsbald geflügelten Sentenz: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.« Sie begleitete von da an das Ende der insgesamt sechs kommunistischen Regime im Jahre 1989.
Weil der sowjetische Weltveränderer weiter hoffte, dass neue Kräfte den Zerfall der DDR noch aufhalten könnten, solidarisierte er sich mit der SED-Führung – Honecker ausgenommen. »Keiner«, so warnte er in seiner Festrede, »kann gegenüber den globalen Problemen und Erfordernissen [] teilnahmslos bleiben.« Die Leichenbittermienen, die Gorbatschows Gegner zur Feier ihres vier Jahrzehnte zuvor von der Sowjetunion geschaffenen Staates trugen, verfinsterten sich noch mehr, als der Gast Moskaus Beziehungen zu Bonn rühmte. »Nur auf diesem Weg«, lautete sein Schlüsselsatz, »kann [] die Annäherung von Ost und West erfolgen, in deren Verlauf alle Mauern der Feindseligkeit [] zwischen den europäischen Völkern fallen.« Der deutschen Öffentlichkeit entging dabei zunächst das wichtigste Wort: Neues Deutschland und die Nachrichtenagentur ADN hatten »Mauern« mit »Schranken« übersetzt.
Doch alles Fälschen half nichts mehr. Millionen ostdeutscher Bürger – erschüttert durch die Fluchtwellen gerade junger Leute über Ungarns offene Grenzen und in die westdeutschen Botschaften in Prag, Warschau und Ost-Berlin – waren nicht länger bereit, sich in Zweitklassigkeit und Zweistaatlichkeit zu gedulden. Wen ich auch traf während Gorbatschows Visite – ob Stephan Hermlin und seine russische Frau Galina, ob Stefan Heym, Rolf Schneider oder geschasste Freunde und Kollegen aus den DDR-Medien –, niemand gab einer ostdeutschen Perestrojka noch die geringste Chance.
Moskau, Oktober/November 1989
Elf Tage nach Gorbatschows Visite, am 18. Oktober, ersetzte das SED-Zentralkomitee Erich Honecker durch Egon Krenz. In Gorbatschows Glückwunsch an den neuen Generalsekretär fand Honecker schon keine Erwähnung mehr. Das Telegramm machte ihn zur letzten Unperson des Ostblocks. Krenz kam am 1. November zum Antrittsbesuch. Gorbatschow ließ ihn in der Pressekonferenz schon allein. Frisch gebräunt, doch mit längst verblichenen Floskeln verteidigte Krenz die letzten Positionen der SED. Während dieser Konferenz sprach ich den SED-Chef auf die Mauer an. Neues Deutschland gab meine Frage und die Antwort von Krenz am Donnerstag, dem 2. November – sieben Tage vor dem Fall der Mauer –, in folgender Fassung wieder:
»Die ZEIT« (Hamburg) fragte im Zusammenhang mit der nun zugesagten Reisefreiheit für DDR-Bürger, ob dadurch die Mauer abgetragen oder durchlässiger gemacht würde. In seiner Antwort wies Krenz darauf hin, daß der Reiseverkehr zwischen der DDR und der BRD kaum mit anderen Ländern verglichen werden könne, zum einen was den Umfang betrifft und zum zweiten durch die Spezifik der beiden deutschen Staaten. Ziel des neuen Gesetzes sei eine größere Reisemöglichkeit für alle DDR-Bürger. Jeder solle einen Paß bekommen und ein Visum erhalten, um eine Reise in jedes Land machen zu können. Und was die Mauer anbetrifft, so wisse sicher auch der Fragesteller, warum diese Grenze so und nicht anders aussehe. Es gehe jetzt darum, alles zu tun, die Begegnung der Menschen in beiden deutschen Staaten zu fördern. Dafür müßten alle unrealen Forderungen beiseite geschoben werden. Realpolitiker sollten das tun, was machbar ist.
Chișinău, 9. November 1989
Schon Stunden bevor die Mauer fiel, streckten sich mir Dutzende Hände zur Gratulation entgegen. »Deutschland wird wieder vereint und stark sein«, bekräftigten die Männer schulterklopfend. »Kein Volk kann man auf Dauer teilen – auch uns nicht!« In der Hauptstadt der südlichen Sowjetrepublik Moldawien hatten schon seit Tagen Straßenschlachten getobt. Aufgewühlte Demonstranten verdammten Stalins Annexion ihrer Heimat, die zwischen den Weltkriegen zu Rumänien gehört hatte.
Ceauşescus Land lag im Dämmerlicht, als wir am Abend des 9. November über den rosa schimmernden Grenzfluss Pruth nach Rumänien hinüberschauten. Die Grenze zwischen Sozialismus und Sozialismus bestand bloß aus einer doppelten Sperre aus Stacheldraht. Noch ahnte ich nicht, dass dieser Drahtverhau soeben den Eisernen Vorhang durch Deutschland überdauert hatte.
Moskau/Bukarest, Dezember 1989
Seit dem 16. Dezember schnitten die Rumänen aus ihrer Trikolore das kommunistische Emblem heraus. Zum Ende des Jahres erfasste die Revolution selbst die härteste Diktatur und das sechste Land Osteuropas, das Stalin einst zum Glacis der Sowjetunion gemacht hatte. Staats- und Parteichef Nicolae Ceauşescu ließ die Armee schon bei den ersten Unruhen in der Stadt Temesvár schießen. In diesen Tagen zeigte sich, wie weit Gorbatschows historischer Aufbruch auch die westlichen Mächte gewendet hatte. Jahrzehntelang hatten sie sich über Moskaus Interventionen im Ostblock empört. Nun aber schaute eine solidarische Welt auf den Kremlchef in der Hoffnung, dass sein Land der rumänischen Volkserhebung zu Hilfe kommen würde.
Niemand wusste in jenen Stunden genau, wer dort auf wen schoss. Während in Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei, der DDR und zuletzt in Bulgarien Zweckbündnisse aus Oppositionsgruppen, Reformkommunisten und Wendehälsen die Macht gewaltlos übernommen und die führende Rolle der Partei aus den Verfassungen gestrichen hatten, vermischten sich in Bukarest Aufstand und Staatsstreich.
Gegner Ceauşescus in Partei, Armee und der Staatssicherheit hatten die Mobilisierung der Massen vorbereitet. Ihre Operation stand unter Zeitdruck. In Peking hatten die Generäle das alte Regime gerettet. In Rumänien war das Militär gespalten. Deshalb inszenierten die Führer des Staatsstreichs nach der Verhaftung Ceauşescus Scheingefechte, Schüsse aus Hinterhalten, Terror, Panik. Sie bauschten die Gefahr einer »Konterrevolution« auf, um die schnelle Hinrichtung des Diktators zu »legitimieren« und den Sieg ihrer Revolte zu sichern.
Wie diese Inszenierung aussah, erfuhr ich durch das Schicksal des Mannes, der Nicolae Ceauşescu erschoss. Als wir uns später in Bukarest begegneten, war er schon Oberst, mied aber die Öffentlichkeit. Ein muskelbepackter Fallschirmjäger, den die Last seiner Geschichte dennoch fast erdrückte. Höflich fragte er, ob er rauchen dürfe. Er rauchte immer öfter, je weiter ihn die Erinnerung trieb.
Ionel Boeru hatte einer Fallschirmjäger-Einheit in Boteni als Hauptmann angehört. Gleich nach der Flucht des Diktators wurde der größte Teil seiner Einheit in die Hauptstadt abkommandiert, um die öffentlichen Gebäude vor Ceauşescus Rächern zu schützen. Boerus bester Freund fiel an Heiligabend in Bukarest. Trauer und Wut beherrschten den Hauptmann, als er sich am nächsten Morgen für eine Sondermission mit unbekanntem Ziel meldete. Zwei Hubschrauber brachten das halbe Dutzend Fallschirmjäger hinter das Steaua-Stadion in Bukarest. Ein Geländewagen fuhr heran. Aus ihm kletterten ein General und andere hohe Offiziere. Boeru kannte sie nicht. Dabei war der General stellvertretender Verteidigungsminister und Favorit des Diktatorenpaares Nicolae und Elena Ceauşescu, das ihn nur Victorchen nannte. Victor Stanculescu hatte seine Gönner am 22. Dezember beim Sturm der Massen auf das Parteigebäude überredet, vom Dach im Helikopter zu fliehen. Es war ihr letzter Flug – Victorchen hatte zuvor die Seiten gewechselt.
Als der noch ahnungslose Hauptmann Boeru drei Tage später mit dem General in den Hubschrauber Nummer 90 stieg, leitete Stanculescu die geheimste aller Missionen. Für die neu gebildete »Front der nationalen Rettung« organisierte er den Prozess gegen die in der Garnison von Târgovişte gefangenen Ceauşescus. Der Hubschrauber landete auf dem Appellplatz. Ein Panzerwagen rollte heran. Der Standortkommandant salutierte. Der General fragte: »Wo sind die beiden?« Der Kommandant: »Hier.« Stanculescu bellte: »Wo – hier?« Der Kommandant wies auf den Panzerwagen.
Da erst schenkte der General Hauptmann Boeru reinen Wein ein: »Da sind die beiden Ceauşescus. Sie sollen verurteilt und hingerichtet werden. Ich habe ein Erschießungskommando aus drei Leuten zu rekrutieren. Hast du verstanden, Hauptmann?« Stanculesu bestimmte zwei weitere Fallschirmjäger: »Ihr drei erschießt sie aus der Hüfte. Schnellfeuer, 30 Patronen jeder!« Der General zeigte auf den Panzerwagen: »Du wirst sie da rausholen, Hauptmann, und nach der medizinischen Untersuchung in den Verhandlungsraum bringen. Sie sind korrekt zu behandeln, äußere dich respektvoll!«
Staatsanwalt, Richter und Verteidiger der Militärjustiz taten das nicht. In dem kurzen Prozess rächten sie sich auf ihre Weise für die jahrelangen Erniedrigungen, indem sie die eingebildete Sprechweise des »Karpatengenies« und der »Akademiepräsidentin« nachäfften. Ceauşescu endete als schrill keifendes, nach der Arbeiterklasse rufendes Opfer seiner eigenen Justiz. Nach dem Urteil blieb Boeru mit dem Ehepaar allein im Raum. Bis ein Oberstleutnant kam und befahl: »Einzeln abführen und erschießen!« Zum ersten Mal fiel aller Hochmut von den Ceauşescus ab. Sie verlangten, zusammen zu sterben. Boeru stellte sich vor sie: »Das ist ihr letzter Wunsch!« Er selbst führte den noch vor wenigen Tagen schrankenlosesten Herrscher Europas hinaus und stellte ihn neben seine Frau an die Wand. Der Diktator stimmte die Internationale an und rief: »Nieder mit den Verrätern!«
Hauptmann Boeru trat mit seinen beiden Fallschirmjägern sieben Schritte zurück und befahl: »Auf Schnellfeuer stellen! Laden! Entsichern! Feuer!« Er schoss sofort. Aber einer seiner beiden Männer hatte die Waffe vor Aufregung nicht auf Schnellfeuer umgestellt. Der andere drückte erst verspätet ab.
Die fünf unblutigen Revolutionen des Jahres 1989 hatte Michail Gorbatschow sichern helfen. Er tat das, obwohl die Kräfte, die seine Reformen geweckt hatten, ihn bald überholten und seinem Imperium davonliefen. Das Revolutionsjahr hat seine Kinder dennoch nicht gefressen, weil dieser Missionar trotz aller Illusionen, Fehler und Enttäuschungen ihre Vaterfigur blieb. Nie zuvor hatte Russland einen Herrscher besessen, der ein größerer und humanerer Europäer war.
- Datum 08.05.2009 - 14:01 Uhr
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- Serie 60 Jahre BRD
- Quelle DIE ZEIT, 02.04.2009 Nr. 15
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In GORBATSCHOWs Buch "Mein Manifest für die Erde" wird unmittelbar deutlich:
"Nie zuvor hatte Russland einen Herrscher besessen, der ein größerer und humanerer Europäer war."
Leider hat die Globalisierung in den letzten 20 Jahren mit der Friedensdividende die Reichen immer reicher gemacht.
Nun ist 2009 der neoliberale Abzockerwahn hoffentlich zu Ende:
Zeit für eine neue friedliche Weltrevolution !
Die bedeutsamste und friedlichste Revolution der Weltgeschichte sollte uns anspornen
Für Frieden (mit friedlichen Mitteln), Gerechtigkeit und eine Ökologische Zukunft
- so der Untertitel zu GORBATSCHOWs "Mein Manifest für die Erde" -
zu kämpfen.
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