1989 Das Jahr unseres LebensSeite 6/6

Niemand wusste in jenen Stunden genau, wer dort auf wen schoss. Während in Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei, der DDR und zuletzt in Bulgarien Zweckbündnisse aus Oppositionsgruppen, Reformkommunisten und Wendehälsen die Macht gewaltlos übernommen und die führende Rolle der Partei aus den Verfassungen gestrichen hatten, vermischten sich in Bukarest Aufstand und Staatsstreich.

Gegner Ceauşescus in Partei, Armee und der Staatssicherheit hatten die Mobilisierung der Massen vorbereitet. Ihre Operation stand unter Zeitdruck. In Peking hatten die Generäle das alte Regime gerettet. In Rumänien war das Militär gespalten. Deshalb inszenierten die Führer des Staatsstreichs nach der Verhaftung Ceauşescus Scheingefechte, Schüsse aus Hinterhalten, Terror, Panik. Sie bauschten die Gefahr einer »Konterrevolution« auf, um die schnelle Hinrichtung des Diktators zu »legitimieren« und den Sieg ihrer Revolte zu sichern.

Wie diese Inszenierung aussah, erfuhr ich durch das Schicksal des Mannes, der Nicolae Ceauşescu erschoss. Als wir uns später in Bukarest begegneten, war er schon Oberst, mied aber die Öffentlichkeit. Ein muskelbepackter Fallschirmjäger, den die Last seiner Geschichte dennoch fast erdrückte. Höflich fragte er, ob er rauchen dürfe. Er rauchte immer öfter, je weiter ihn die Erinnerung trieb.

Ionel Boeru hatte einer Fallschirmjäger-Einheit in Boteni als Hauptmann angehört. Gleich nach der Flucht des Diktators wurde der größte Teil seiner Einheit in die Hauptstadt abkommandiert, um die öffentlichen Gebäude vor Ceauşescus Rächern zu schützen. Boerus bester Freund fiel an Heiligabend in Bukarest. Trauer und Wut beherrschten den Hauptmann, als er sich am nächsten Morgen für eine Sondermission mit unbekanntem Ziel meldete. Zwei Hubschrauber brachten das halbe Dutzend Fallschirmjäger hinter das Steaua-Stadion in Bukarest. Ein Geländewagen fuhr heran. Aus ihm kletterten ein General und andere hohe Offiziere. Boeru kannte sie nicht. Dabei war der General stellvertretender Verteidigungsminister und Favorit des Diktatorenpaares Nicolae und Elena Ceauşescu, das ihn nur Victorchen nannte. Victor Stanculescu hatte seine Gönner am 22. Dezember beim Sturm der Massen auf das Parteigebäude überredet, vom Dach im Helikopter zu fliehen. Es war ihr letzter Flug – Victorchen hatte zuvor die Seiten gewechselt.

Als der noch ahnungslose Hauptmann Boeru drei Tage später mit dem General in den Hubschrauber Nummer 90 stieg, leitete Stanculescu die geheimste aller Missionen. Für die neu gebildete »Front der nationalen Rettung« organisierte er den Prozess gegen die in der Garnison von Târgovişte gefangenen Ceauşescus. Der Hubschrauber landete auf dem Appellplatz. Ein Panzerwagen rollte heran. Der Standortkommandant salutierte. Der General fragte: »Wo sind die beiden?« Der Kommandant: »Hier.« Stanculescu bellte: »Wo – hier?« Der Kommandant wies auf den Panzerwagen.

Da erst schenkte der General Hauptmann Boeru reinen Wein ein: »Da sind die beiden Ceauşescus. Sie sollen verurteilt und hingerichtet werden. Ich habe ein Erschießungskommando aus drei Leuten zu rekrutieren. Hast du verstanden, Hauptmann?« Stanculesu bestimmte zwei weitere Fallschirmjäger: »Ihr drei erschießt sie aus der Hüfte. Schnellfeuer, 30 Patronen jeder!« Der General zeigte auf den Panzerwagen: »Du wirst sie da rausholen, Hauptmann, und nach der medizinischen Untersuchung in den Verhandlungsraum bringen. Sie sind korrekt zu behandeln, äußere dich respektvoll!«

Staatsanwalt, Richter und Verteidiger der Militärjustiz taten das nicht. In dem kurzen Prozess rächten sie sich auf ihre Weise für die jahrelangen Erniedrigungen, indem sie die eingebildete Sprechweise des »Karpatengenies« und der »Akademiepräsidentin« nachäfften. Ceauşescu endete als schrill keifendes, nach der Arbeiterklasse rufendes Opfer seiner eigenen Justiz. Nach dem Urteil blieb Boeru mit dem Ehepaar allein im Raum. Bis ein Oberstleutnant kam und befahl: »Einzeln abführen und erschießen!« Zum ersten Mal fiel aller Hochmut von den Ceauşescus ab. Sie verlangten, zusammen zu sterben. Boeru stellte sich vor sie: »Das ist ihr letzter Wunsch!« Er selbst führte den noch vor wenigen Tagen schrankenlosesten Herrscher Europas hinaus und stellte ihn neben seine Frau an die Wand. Der Diktator stimmte die Internationale an und rief: »Nieder mit den Verrätern!«

Hauptmann Boeru trat mit seinen beiden Fallschirmjägern sieben Schritte zurück und befahl: »Auf Schnellfeuer stellen! Laden! Entsichern! Feuer!« Er schoss sofort. Aber einer seiner beiden Männer hatte die Waffe vor Aufregung nicht auf Schnellfeuer umgestellt. Der andere drückte erst verspätet ab.

Die fünf unblutigen Revolutionen des Jahres 1989 hatte Michail Gorbatschow sichern helfen. Er tat das, obwohl die Kräfte, die seine Reformen geweckt hatten, ihn bald überholten und seinem Imperium davonliefen. Das Revolutionsjahr hat seine Kinder dennoch nicht gefressen, weil dieser Missionar trotz aller Illusionen, Fehler und Enttäuschungen ihre Vaterfigur blieb. Nie zuvor hatte Russland einen Herrscher besessen, der ein größerer und humanerer Europäer war.

 
Leser-Kommentare
  1. In GORBATSCHOWs Buch "Mein Manifest für die Erde" wird unmittelbar deutlich:

    "Nie zuvor hatte Russland einen Herrscher besessen, der ein größerer und humanerer Europäer war."

    Leider hat die Globalisierung in den letzten 20 Jahren mit der Friedensdividende die Reichen immer reicher gemacht.

    Nun ist 2009 der neoliberale Abzockerwahn hoffentlich zu Ende:

    Zeit für eine neue friedliche Weltrevolution !

    Die bedeutsamste und friedlichste Revolution der Weltgeschichte sollte uns anspornen

    Für Frieden (mit friedlichen Mitteln), Gerechtigkeit und eine Ökologische Zukunft

    - so der Untertitel zu GORBATSCHOWs "Mein Manifest für die Erde" -

    zu kämpfen.

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