Es ist schon Nacht im Kanzleramt, als bei Jens Weidmann noch einmal das Telefon klingelt. Nur auf zwei Etagen brennt noch Licht: bei ihm im vierten Stock und drei Stockwerke höher, auf dem Flur der Kanzlerin. Weidmanns Sekretärin ist schon vor Stunden gegangen, Berlin liegt im Dunkel, Weidmann kämpft in diesen Stunden einen unsichtbaren Kampf: Sein Gegner ist die Krise. Nach Märklin ist nun auch Schießer insolvent. Das erste Konjunkturpaket hat 31 Milliarden Euro gekostet und droht zu verpuffen, das Gesetz zur Enteignung der Hypo Real Estate ist noch nicht fertig. Müde nimmt Weidmann den Telefonhörer ab. Kanzleramtschef Thomas de Maizière macht Druck, Weidmann antwortet: "Okay, bis zehn Uhr morgen früh können wir liefern." Dann ruft er seinen Referatsleiter Finanzmärkte an, Wolfgang Kiekenbeck. Mit ruhiger Stimme fragt er nach dem Papier. Wenn es nicht bald fertig sei, sagt Weidmann, habe das Kanzleramt umsonst gearbeitet.

Wolfgang Kiekenbeck darf in diesen Tagen auf keinen Fall krank werden. Er ist Weidmanns Ansprechpartner im Referat Finanzmärkte, das nur aus Kiekenbeck und einem weiteren Mann besteht. Zwei Beamte aus dem Finanzministerium hat sich die Abteilung ausleihen müssen. Der Fall Hypo Real Estate ist nach wie vor ungelöst. Der Staat hat 87 Milliarden Euro an Bürgschaften für die Rettung einer Immobilienbank bereitgestellt, deren Namen vor einem halben Jahr kaum jemand kannte, aber der Riese taumelt noch immer. Die Regierung wird von der einen Seite beschimpft für diese teure Rettung – und von der anderen Seite für den Plan, sich diese Rettung bezahlen zu lassen, indem sie die Aktionäre der Bank per Gesetz enteignet. Die Partei der Kanzlerin, die Zeitungen, die Banker, alle üben Kritik. Und da draußen werden vermutlich in diesem Jahr eine Million Menschen ihre Arbeit verlieren.

Jens Weidmann ist Angela Merkels wirtschaftspolitischer Berater, er soll der Kompass sein, der sie durch die Krise führt. Das Gesetz über die Enteignung, über dem er gerade sitzt, ist Teil des größten Kampfes, den die Bundesregierung seit der deutschen Wiedervereinigung führt. Das Terrain, das der Staat unter dem Druck der Globalisierung aufgab, soll von den Bankern zurückgewonnen werden. Weidmann soll der Kanzlerin helfen, die Macht über das Geld wieder zu erobern.

Jens Weidmann ist 42 Jahre alt und parteilos, ein politischer Beamter, kein Politiker. Für sein Büro hat er sich aus dem Katalog des Kanzleramtes zwei dunkle Stillleben in Öl und eine Bronzebüste ausgesucht. Fast jeden Tag bespricht er sich mit der Kanzlerin. Merkel suchte ihn vor drei Jahren aus, weil er dem Typus entspricht, den sie schätzt: fleißig, zurückhaltend, pragmatisch. Er trägt die Haare gescheitelt wie ein Schuljunge, seine Gesichtszüge sind weich. Weidmann wirkt besonders ungefährlich, wenn man ihn sich neben Josef Ackermann vorstellt, dem Chef der Deutschen Bank.

Es ist der 10. Februar 2009, und der unermüdliche Referatsleiter Kiekenbeck sitzt seit Stunden über den letzten Ergänzungen des Enteignungsgesetzes; auf der nächsten Kabinettssitzung soll es verabschiedet werden. Das Thema ist heikel. Enteignung. Bei manchen löst das Wort die Angst aus, der Staat wolle den Markt strangulieren. Mit diesem Wort lässt sich Wahlkampf machen. Guido Westerwelle von der FDP warnt schon wieder vor dem Sozialismus. Der Staat schenkt den Deutschen Geld, damit sie Autos kaufen. Die Politik rechnet nur noch in Milliarden.

Seit Wochen haben Weidmann und seine Kollegen 16-Stunden-Tage. Im Finanzministerium lassen sich jetzt auch Routiniers krankschreiben, weil sie den Druck nicht mehr aushalten. Seit dem 15.September 2008, als in den USA die Lehman-Bank zusammenbrach, schläft Jens Weidmann nur noch wenige Stunden pro Nacht. Seit ein paar Tagen nimmt er Halstabletten, er hat sich eine Erkältung eingefangen. Er muss auf sich aufpassen.

Als Josef Ackermann in Tutzing am Starnberger See aus dem Auto steigt, verfolgt ein Kamerateam jeden seiner Schritte. Er trägt einen dunklen Anzug mit Krawatte und eilt in die Evangelische Akademie. Es ist Mitte März, Ackermann soll über Profit und Moral reden. Der Chef der Deutschen Bank spricht frei an diesem Morgen, er sagt viele Sätze, die auch Jens Weidmann sagen würde: Die Banken hätten Fehler gemacht, das Risikomanagement und die Vergütungsstrukturen müssten geändert werden. Mehr Regulierung sei nötig, "die ganze Finanzmarktarchitektur muss verändert werden", sagt Ackermann und bietet all seinen Charme auf: sein Lächeln, seine Rehaugen, sein Schweizerdeutsch. Er weiß, dass die Steuerzahler überall auf der Welt gerade für die Rettung der Banken einstehen. Und er hat gelernt, darauf Rücksicht zu nehmen.

Aber die meiste Zeit erklärt er, was in der Vergangenheit alles richtig gewesen sei. Sein Renditeziel von 25 Prozent beispielsweise, denn die Gewinne der guten Jahre hätten seine Bank stark gemacht für die heutige Krise. Er verteidigt auch die Boni für Investmentbanker. "Weil Sie nur vorn mitspielen, wenn Sie die Besten haben." Er will zwar neue Regeln, aber nicht zu viele. "Wenn Sie beim Fußball die Regel so ändern, dass alle Spieler mindestens fünf Meter Abstand halten müssen…ja, dann haben Sie vielleicht ein harmonisches Spiel – aber Sie werden nicht mehr Weltmeister."

Es ist ein selbstbewusster, unterhaltsamer Redner, der in der Akademie über die Lehren der Finanzkrise spricht, einer, der den Staat lächelnd dazu bringen will, weiter nach seinen Regeln zu spielen.

Es ist nach Mitternacht, als Jens Weidmann ein Auto der Fahrbereitschaft ruft, das ihn wie jeden Abend aus dem Kanzleramt in seine Berliner Wohnung bringt. Weidmanns Frau und die beiden Kinder wohnen in einem kleinen Dorf im Rheingau. Weidmann schafft es immer seltener, sie zu sehen – die Krise. Weidmann nimmt seinen Mantel von der Garderobe und betritt einen der Aufzüge mit den petrolgrünen Metallwänden. Im ersten Stock steigt er aus und verlässt das Zentrum der Macht durch die riesige leere Eingangshalle, die aussieht wie das Foyer eines großen Krankenhauses.