Fünf Stunden sind eine lange Zeit. Zumal im Regen. Zeit zu beobachten. Zeit innezuhalten. Zeit nachzudenken. Keine Euphorie trägt durch fünf kalte, nasse Stunden – die muss man durchstehen. Mit eisernem Willen und festem Glauben an eine gerechtere Gesellschaft, an eine bessere Welt. Zu Beginn, Punkt 12 Uhr am Mittag, drängen sich Demonstranten und Polizisten unter den Schirmen des Cafés Extrablatt an der Bockenheimer Warte. Wir stehen alle im Regen, würde ein Witzbold sagen. Aber Witze sind an diesem Tag nicht erwünscht. Die Demo ist bierernst. So ernst, es fehlt sogar das Bier. Am Ende, auf dem Römerberg, kurz vor 17 Uhr, liegen auf dem Pflaster platt getretene Becher von Starbucks und anderen Profiteuren der spätkapitalistischen Erfindung namens Coffee to go einträchtig neben Flugblättern, die zugleich den Antrieb wie auch den Fußabdruck des Protests festhalten. Fast jeder an dieser Demo teilnehmende Verein und Verbund, jede Organisation und Partei hat eine eigene Proklamation gedruckt (selbst eine »utopische« Ausgabe der ZEIT wird verteilt). Eifrig wird zu den Bekehrten gepredigt – die bürgerlichen Gaffer entlang des Weges werden seltener bedacht. Allein die Anarchisten, die mit Leichtigkeit jeden Humor- und Kreativitätspreis unter den Linken gewinnen würden, blicken gewitzt über ihren Horizont hinaus und rufen: »Arbeiter lasst das Schuften sein / reiht euch in die Demo ein!« Die Bauarbeiter winken erfreut vom vierten Stock eines Bürohochhauses hinab. Wie sie auf die revolutionäre Maximalforderung der Partei Die Linke (»10 Euro Mindestlohn, 40-Stunden-Woche«) weiter hinten im Demonstrationszug reagieren, ist nicht überliefert.

War einmal ein Revoluzzer / im Zivilstand Lampenputzer; / ging im Revoluzzerschritt / mit den Revoluzzern mit.

Fast jeder, der bei den linken Spektren Deutschlands Akronym und Namen hat, unterstützt diese Demo – Gewerkschaften, Attac, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, Migranten, Sozialinitiativen und christliche Gruppen. Es gibt auch die Ewiggestrigen, die sich nicht entblöden, die alte Ahnengalerie Marx, Engels, Lenin und Stalin im bärtigen Look und Halbprofil hochzuhalten. Auffällig ist, dass die Grünen fehlen; offensichtlich gehören sie in den Augen kritischer Bürger inzwischen zur Mischpoke des parlamentarischen Establishments. Und da auch Die Linke schwach repräsentiert ist, könnte man von einer (neuen?) außerparlamentarischen Opposition sprechen. Angesichts der vielen wehenden roten Fahnen, auf denen die Buchstaben K und M und L in unterschiedlichen Zusammensetzungen dominieren, fällt es einem schwer, nicht an Monty Pythons Das Leben des Brian zu denken, an die unsterblichen Worte des großen Vorsitzenden der Volksfront Judäas: »Die Einzigen, die wir noch mehr hassen als die Römer – sind die von der scheiß Judäischen Volksfront.«

Die vielen Grüppchen stehen nebeneinander und ignorieren einander. Der Gedanke einer breiten Volksfront wird von den Organisatoren immer wieder beschworen, doch die Einheit des Unvereinbaren war seit je eine gefährliche Illusion, und viele, die an sie glaubten, wurden von Stalins Schergen eines Todes belehrt. Wie wenig die Teilnehmer gemein haben, offenbart sich in der Losung der Demo, in ihrem kleinsten gemeinsamen Nenner: »Wir zahlen nicht für eure Krise!« Dies ist entweder heiße Luft oder ein radikaler Aufruf zum zivilen Ungehorsam. Doch keiner der Redner und keines der Plakate ruft zum Steuerboykott auf, zur Enteignung aller Finanzspekulanten durch die Bürger, zur Blockade der Bundesbank. Noch während die etwa 20000 Versammelten skandieren: »Wir zahlen nicht für eure Krise!«, bezahlt ein jeder von ihnen die Zeche, weil die Privatinvestitionen, die Renten, die Lebensversicherungen, die Gehälter und die Ersparnisse an Wert verlieren. Wie also will man diesen pekuniären Aderlass stoppen? Die Erklärung der Veranstalter endet mit dem Aufruf: »Der Zwang zu ständigem Wirtschaftswachstum, Konkurrenz und Profiterzeugung steht einer Gestaltung der Wirtschaft nach sozialen und ökologischen Zielen entgegen. Wir brauchen Alternativen jenseits des Kapitalismus – so wie es ist, bleibt es nicht.« Dem Wortlaut merkt man den Kompromisscharakter an. Wie schwach klingt eine Resolution, die mit den Worten endet: So wie es ist, bleibt es nicht. Natürlich, na klar, und alles fließt, sowieso. Da zucken die Barrikaden von 1848, 1918 und 1968 zusammen.

Und er schrie: »Ich revolüzze!« / Und die Revoluzzermütze / schob er auf das linke Ohr, / kam sich höchst gefährlich vor.

Immer wieder bricht die bundesrepublikanische Geschichte von Protest und Widerstand durch den grauen Demo-Alltag in Frankfurt. »Jump, you fuckers« hat ein junger Mann auf einen grauen Karton geschrieben. Das riefen die Anarchisten 1929 vor den Banken der Wall Street und applaudierten eifrig, als sich die Bankiers (damals wohl mehr von Scham und Schande getrieben als heute) aus den Fenstern stürzten. Die Geschichte erzählt mir Jean T., der zu jenen Demonstranten gehört, die einen Rucksack an Erinnerungen mittragen und im Schlenderschritt das Heute mit dem Gestern und Vorgestern vergleichen. Jean war Sympathisant der Hausbesetzer der frühen Stunde, ein libertärer Freigeist, der wie bei vielen der radikal freiheitlich eingestellten Menschen keinen Grund sieht, die Ideale seiner Jugend nach unten zu korrigieren. Mit ihm durch Frankfurt zu marschieren bedeutet eine innerstädtische Topografie des Widerstandes zu erkunden. Wir ziehen am »Block« vorbei, einst vier dreistöckige Gründerzeit-Häuser im Eigentum von Ignaz Bubis, bei deren Räumung es 1974 zu einer großen Straßenschlacht mit der Polizei kam. Heute besetzt die KfW-Bank diese Ecke. Wenig später sehen wir den Balkon, von dem aus Alexander Kluge Szenen für Deutschland im Herbst filmte. Keinen Steinwurf entfernt befindet sich das Institut für Sozialforschung, in dem die Frankfurter Schule von Adorno und Horkheimer wirkte. Die Reden von den Bühnen und Lastwagen vermischen sich mit dieser Vergegenwärtigung, bilden ein Palimpsest, bei dem etwa eine weibliche Stimme an die Novemberrevolution von 1918/19 und das berühmte Haus mit der Nummer 93 an die Spontiszene gemahnt. Eine sarkastische Stimme klingt noch nach (»Hinfahren, Bratwurst essen, nach Hause fahren und glauben, man habe was bewirkt«), derweil die Torten aus dem Café Laumer fliegen, damals im Jahre 1969, als ein Langhaariger dieses Etablissements verwiesen wurde und die Kommune 1 – Fritz Teufel im Frack auf der Veranda! – mit verteilten Torten zurückschoss.

Doch die Revoluzzer schritten / mitten in der Straßen Mitten, / wo er sonsten unverdrutzt / alle Gaslaternen putzt.