Eine Kollegin sagte, ihr sei aufgefallen, dass sich aufgrund der Krise das Frauenbild gewandelt habe. Sie habe Belege, einerseits durch Auswertung von Publikationen, andererseits durch eigene Beobachtungen, dass mollige Frauen derzeit im Trend lägen. Victoria Beckham sei als Model von der deutlich kurvigeren Daisy Lowe verdrängt worden, Kate Moss habe etwas zugenommen, und dann gebe es die wundersame Karriere der ausgesprochen fülligen Sängerin Beth Ditto, die mit ihrer Band The Gossip derzeit sehr begehrt sei. Sie erobere, sagte die Kollegin, die Pariser Mode, sei als Stargast in der Prêt-à-porter-Schau von Stella McCartney erschienen und auch während eines Defilees von Jean Paul Gaultier gesichtet worden. Eine Modezeitschrift habe sie kürzlich gar nackt gezeigt.

Das sei ein Zeichen der Krise, sagte die Kollegin. Männer bevorzugten in Krisenzeiten sehr dicke Frauen. Sehr dicke Frauen symbolisierten Überfluss und Wohlstand. Überfluss und Wohlstand nähmen derzeit ab, dicke Frauen nähmen zu.

Was sie denn für ein Männerbild habe, fragte ich die Kollegin. Es gehe ja nicht nur um Männer, sagte sie daraufhin, es gehe um das neue Frauenbild, das die Frauen selbst kreierten. Und deshalb, sagte die Kollegin, sei die dicke Frau ein Thema.

Heinrich Heine, erwiderte ich, habe sinngemäß gesagt, es gebe zwei Sorten Menschen: die Bösen und die Dicken. Die Dicken könnten gar nicht böse sein, da sie ihre sexuellen Reize in Gemütlichkeit überführt hätten, sie seien durch ihre Körperfülle gewissermaßen in den paradiesischen Urzustand zurückgefallen, der keinen Sündenfall kenne. Nur insofern seien extrem dicke Menschen wieder von allgemeinem Interesse, als dass sie gar kein Ideal seien.

Wir hätten, ergänzte ich, durch dieses ganze Krisengerede vermutlich jegliches Interesse an erotischen Begehrlichkeiten verloren, es sei derzeit einfach gleichgültig, ob eine dünne Kate Moss uns am Kiosk begegne oder eine dicke. Vermutlich habe, sagte ich, Kate Moss nur deshalb so zugenommen, weil sie merkte, dass es völlig gleichgültig sei, ob sie derzeit dick oder dünn sei, da die Männer derzeit um ihren Job bangten. Männer, die um ihren Job bangten, interessierten sich nicht für Kate Moss. Die sorgten sich gerade sehr um ihre eigene Anziehungskraft. Die Anziehungskraft des Mannes, Gleichberechtigung hin oder her, hänge noch immer von seinem Status ab. Kein Status, kein Sex.

Also hätte ich meine Meinung geändert, fragte die Kollegin. Ja, sagte ich, sie habe recht, die dicke Frau sei ein Thema.