Netzwelt Auf dem Rücken des Autors

Google digitalisiert das Wissen der Welt. Wer dagegen protestiert, gilt als Spielverderber. Autoren und Verleger in Deutschland und den USA bekommen das zu spüren.

Google löst in deutschen Verlagen eine Urheberrechtsdebatte aus

Google löst in deutschen Verlagen eine Urheberrechtsdebatte aus

In diesen Tagen flattert Tausenden von deutschen Autoren, Übersetzern und Journalisten ein Schreiben der »Verwertungsgesellschaft Wort« ins Haus. Sein Layout – sehr kleine Schrift, Text einzeilig – ist lesefeindlich wie immer bei den Briefen dieser Organisation. Aber diesmal geht es nicht wie sonst um die Mitteilung, dass irgendein Schulbuchverlag den einen Artikel oder das andere Gedicht eines Autors nachdrucken möchte. Es liegt auch nicht der bescheidene Verrechnungsscheck bei, mit dem Autoren einmal im Jahr pauschal für alle Fotokopien entschädigt werden, die sich Menschen bundesweit von ihren Werken machen. Nein, diesmal verbirgt sich in der Einzeiligkeit Brisanz: Die VG Wort berichtet ihren Mitgliedern von einer Rechtsverletzung, begangen durch einen amerikanischen Konzern, systematisch, absichtsvoll, über Jahre hinweg. Es geht um die Firma Google und ihren Plan, das »Wissen der Welt« zu digitalisieren, ein Vorhaben, für das die Firmengründer Larry Page und Sergey Brin mehrfach und öffentlich »200 bis 300 Jahre« veranschlagt haben.

Was nach Größenwahn oder Science Fiction klingt, ist schon nach wesentlich kürzerer Zeit sehr handgreiflich. Seit Anfang dieses Jahrhunderts sucht Google nach Möglichkeiten, buchstäblich alle Bücher der Welt zu scannen. Etwa sieben Millionen Bücher, darunter womöglich mehr als 100000 deutsche, sind bereits bearbeitet – freilich hat niemand die Rechteinhaber dieser Bücher gefragt, ob sie das auch wollen. Googles moon shot nennt Marissa Meyer, eine Topmanagerin des Konzerns, das Projekt, so bedeutsam wie die Mondlandung.

Wer gegen eine solche Mission das schnöde Urheberrecht ins Feld führe, gelte als Spielverderber, sagt Professor Karl Riesenhuber, Urheberrechtsspezialist an der Ruhr-Universität Bochum. Leicht erscheine dieses Recht heute als Hemmschuh der kulturellen Entwicklung im digitalen Zeitalter. »Schnell ist von einem Zugangsrecht der Verbraucher die Rede, davon, dass die Gedanken frei seien, dass die Kultur nicht monopolisiert werden dürfe.« Tatsächlich aber geht es darum, dem Schöpfer eines Werkes einen angemessenen Anteil an dem durch Verwertung seiner Werke erzielten Gewinn zu sichern. Manche Menschen leben davon.

Der Vorwurf der Monopolisierung – aus dem Munde aller möglichen Vorkämpfer für »Bürgerrechte« im Netz – richtet sich erstaunlicherweise selten gegen Akteure wie Google als vielmehr gegen die Autoren selbst, gegen die Wissenschaftler, gegen den überkommenen Kulturbetrieb: Als wollten die Produzenten ihre Inhalte horten, zulasten der Massen.

Bei der Umsetzung des moon shot halfen Google zunächst amerikanische und englische Universitätsbibliotheken, die das für modern hielten oder froh darüber waren, einen finanzkräftigen Partner für die Digitalisierung und damit für die Sicherung ihrer wertvollen Bestände gefunden zu haben – zunächst Harvard, Stanford, Michigan, Oxford sowie die New York Public Library. Inzwischen kooperiert Google weltweit mit sehr viel mehr Partnern aus dem universitären Bereich, darunter auch die Bayerische Staatsbibliothek in München. Manche Einrichtungen, wie etwa München, beschränken die Erlaubnis, ihre Bestände zu scannen und sie damit ganz oder auszugsweise für die Google-Buchsuche zugänglich zu machen, auf alte Werke, deren Urheberrecht erloschen ist. Andere, wie die Bibliothek der Universität Michigan, ließen Google alles einscannen, was da war: auch vergriffene Bücher, deren Rechteinhaber höchst lebendig sind, und sogar solche, die noch ganz aktuell in Buchläden auf Kunden warten.

Einer der von Googles Praktiken Betroffenen ist der Frankfurter Verleger KD Wolff (Stroemfeld Verlag). Von einem Studenten erhielt er den Hinweis, dass ein Band der von ihm verlegten Kleist-Ausgabe komplett bei Google zu finden sei. Wolff suchte selbst und hat inzwischen über 200 geschützte kritische Editionen – unter anderem von Werken Kafkas, Hölderlins, Gottfried Kellers – im Netz aufgespürt. »Wir können es uns nicht leisten, rechtlich gegen jeden einzelnen Fall vorzugehen«, sagt Wolff. »Aber die Kleist-Geschichte kämpfen wir gerichtlich durch.« Der Verlag klagt vor allem auf die Erteilung von Auskünften, Wolff will unter anderem wissen, welche seiner Bücher noch betroffen sind. Seine schriftlichen Anfragen zur bisherigen Nutzung ignorierte Google. »Es wäre etwas anderes, wenn sie sich bequemt hätten zu fragen«, sagt der Verleger. »So drehen sie die Verhältnisse auf den Kopf.« Statt bei Rechteinhabern um die Erlaubnis zur Digitalisierung zu bitten – ausdrücklich hat der Schöpfer eines Werkes auch das Recht zu bestimmen, ob es im Internet zugänglich gemacht werden darf –, schafft Google Fakten.

In Amerika haben sowohl Autoren als auch Verleger sich dagegen gewehrt, unter anderem mit einer Sammelklage, einer sogenannten class action, die im Herbst 2005 eingereicht und im Oktober vergangenen Jahres vom zuständigen Gericht mit einem Vergleichsvorschlag beantwortet wurde. Bis Anfang Mai nimmt das Gericht Widersprüche und Kommentare zu dem Entwurf entgegen, im Juni entscheidet es.

Das Besondere an einer amerikanischen class action ist, dass sie für alle Betroffenen gilt, also auch für Nichtamerikaner. »Es ist schon ein Rechtsinstitut, das durchaus ein amerikanisches Sendungsbewusstsein ausdrückt«, sagt Christian Sprang, Justitiar beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Theoretisch hat jeder, auch jeder deutsche Autor, die Möglichkeit, aus dem Vergleich auszutreten – dann behält er, rein rechtlich gesehen, seine Ansprüche gegen Google wegen Urheberrechtsverletzung. Dieser Schritt führt freilich nicht dazu, dass sein Buch aus dem Netz genommen wird. Will der Autor dies erreichen, dann muss er Google zivilrechtlich verklagen, in Amerika ein teures Vergnügen.

Amerika und Europa verstehen das Urheberrecht ganz unterschiedlich

Autoren, deren Bücher von Google bereits gescannt wurden und die nun in den Vergleich einlenken, werden mit 60 Dollar pro Buch entschädigt. Daneben erhalten sie, ebenso wie die Urheber erst nach Vergleichsschluss gescannter Bücher, von allen zukünftigen Erlösen, die Google mit der Nutzung der Texte erzielt, einen Anteil von 63 Prozent. Die deutsche VG Wort hat sich entschlossen, mit dem Vergleich pragmatisch umzugehen, statt sich fundamental gegen die Anwendung amerikanischen Rechts auf deutsche Bücher zu stellen – und die Autoren vielleicht leer ausgehen zu lassen. Dafür wird sie durchaus kritisiert. »Aber wir erreichen immerhin, dass die Autoren nach Googles Zugriff überhaupt wieder in die Position eines Rechteinhabers versetzt werden«, sagt Robert Staats, geschäftsführender Vorstand bei der VG Wort. Seine Organisation wird für alle bereits gescannten Werke aus Deutschland, egal ob vergriffen oder lieferbar, die 60 Dollar einziehen und an die Autoren und Verlage verteilen. Danach wird sie für alle deutschen Bücher ein removal erklären, sie also wieder aus dem Google-Textkörper herausnehmen. Das schützt freilich nur bedingt vor künftigen Übergriffen, denn Google behält eine »Sicherungskopie« jedes gescannten Buches, wobei es das Geheimnis der Unternehmenssemantiker bleibt, worin der Unterschied zwischen »Sicherungskopie« und »Kopie« besteht.

Das Vorgehen der VG Wort hält auch Christian Sprang vom Börsenverein für vernünftig. »Man sieht allerdings, wie groß der Unterschied zwischen den Kulturen ist«, sagt er. »Die angloamerikanische ist eine Copyright-Welt, da geht es vor allem um Nutzungsrechte, um die wirtschaftlichen Interessen derjenigen, die Bücher verbreiten. In Europa begreifen wir das Urheberrecht viel stärker als Persönlichkeitsrecht.« So habe nicht jeder Autor ein Interesse daran, dass auch seine schreiberischen Jugendsünden digital verewigt würden. »Manche vergriffenen Bücher sind aus der Sicht von Autor und Verlag wirklich zu Recht vergriffen«, sagt Sprang. Google folgt da eher der Tonnenideologie: Content ist Content, ob blödsinnig, veraltet oder peinlich – egal.Musste nicht auch der Konzern, der mit seinem berühmten Unternehmensmotto »Don’t be evil« immer noch gern auf Start-up-niedlich macht, wissen, dass er mit dem Massenscanning geltendes Recht verletzte? Google berief sich auf das amerikanische Konzept des fair use, das deutschen Einschränkungen des Urheberrechts im öffentlichen Interesse ähnelt: Auch bei uns muss ein Autor beispielsweise der Verwendung von Textauszügen in Schulbüchern zustimmen, bekommt dafür aber eine – oft freilich nur auf dem Papier so genannten – »angemessene« Vergütung. Die fair use- Regel kann unter Umständen die Verwendung von Textauszügen auf »transformative Art und Weise« rechtfertigen, sofern diese den kommerziellen Erfolg eines Werkes nicht gefährdet. Doch Google digitalisierte nicht Auszüge, sondern ganze Werke und wollte mit den snippets daraus durchaus Geld verdienen.

In Deutschland, vielleicht wegen der stärker als Persönlichkeitsrecht empfundenen Beziehung der Autoren zu ihren Werken, fällt die Reaktion auf Googles Vorgehen und auf den Vergleich emotionaler aus als in Amerika. Mehr als 750 Autoren, Verleger und Wissenschaftler unterzeichneten einen Protestaufruf des Heidelberger Literaturwissenschaftlers Roland Reuß, darunter Daniel Kehlmann, Durs Grünbein, Julia Franck, Ulrich Beck; auch Michael Naumann, Herausgeber dieser Zeitung, und einige Redaktionsmitglieder. In dem »Heidelberger Appell« heißt es: »Das verfassungsmäßig verbürgte Grundrecht von Urhebern auf freie und selbstbestimmte Publikation ist derzeit massiven Angriffen ausgesetzt und nachhaltig bedroht… International wird durch die nach deutschem Recht illegale Veröffentlichung urheberrechtlich geschützter Werke geistiges Eigentum auf Plattformen wie GoogleBooks und YouTube seinen Produzenten in ungeahntem Umfang und ohne strafrechtliche Konsequenzen entwendet.«

Drohen weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit?

Die von dem regelrechten Ansturm der Unterzeichner überraschten Initiatoren sehen sich jetzt allerdings ihrerseits harscher Kritik ausgesetzt, weil sie in ihrem Aufruf nicht nur Google, sondern auch die »Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen« (bestehend aus Wissenschaftsrat, Deutscher Forschungsgemeinschaft, der Leibniz-Gesellschaft und anderen) angegriffen hatten – mit dem Vorwurf, auch dieser Spitzenzusammenschluss der deutschen Forschung plane »weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen verfassungswidrig wären«.

Die organisierte Spitze der deutschen Wissenschaft widerspricht vehement. Keineswegs solle die Förderung eines freien elektronischen Zugangs zu wissenschaftlichen Artikeln die Publikationsfreiheit beschränken: Es gehe nur um Forschungsergebnisse, die aus Steuermitteln finanziert und »damit zum Nutzen der Gesellschaft insgesamt erarbeitet wurden«. Damit allerdings findet, quasi auf dem Verwaltungswege, durchaus ein Angriff auf das Urheberrecht vor allem der Geisteswissenschaftler statt, denn bisher waren sie in der Wahl ihres Publikationsortes frei, und wenn jemand ihr Handbuch Mittelhochdeutsch tatsächlich kaufen wollte, hatten sie eben Glück, und der Staat nahm es billigend in Kauf – wie die Tatsache, dass Naturwissenschaftler mit den von ihnen entwickelten Patenten eine Menge Geld verdienen konnten. Der Staat subventioniert schließlich auch die Landwirtschaft, einfach, damit es sie gibt – und ohne den Bauern im Herbst die Ernten wegzunehmen.

Die Rechte der Autoren, und dagegen richtet sich der Heidelberger Appell, sind eben nicht nur durch Google, sondern auch durch einen sich wandelnden gesellschaftlichen Komment unter Druck, der mit dem Siegeszug der digitalen Kultur neue Spielregeln durchzusetzen versucht. Von einer »neuen Norm des Teilens im Netz« spricht etwa der St. Galler Professor für Informationsrecht Urs Grasser – ohne Sorge darum, dass es sich um das Eigentum anderer Leute handelt, das da so großzügig geteilt wird.

Kunst habe doch immer auf dem Prinzip der Adaption, der Anspielung und der Kopie beruht, schreibt Dirk von Gehlen in der Süddeutschen Zeitung. »Die Digitalisierung ist ein technischer Entwicklungsfortschritt, der revolutionäre Folgen nach sich zieht… Die Gesellschaft und der sogenannte Kulturbetrieb müssen sich fragen, wie sie damit umgehen wollen.« Für Gehlen ist das klar: Er hätte nicht gewollt, dass die Kerzenmacher im 19. Jahrhundert (sprich: Autoren und Wissenschaftler) über die Nutzung elektrischen Lichts (sprich: GoogleBookSearch, Open-Access-Plattformen, Tauschbörsen) abstimmen. Google, einem Riesenkonzern mit unbestreitbaren Gewinninteressen, kommt eine solche Argumentation der Netzweltversteher natürlich enorm entgegen. Autoren, die mit ihrer geistigen Anstrengung Geld verdienen müssen, schütteln den Kopf. »Was es wert ist, kopiert zu werden, ist es wert, geschützt zu werden«, sagt Börsenvereinsmann Sprang.

Nur Urheberrechtsschutz ist ein Anreiz dafür, dass solches Wertvolle geschaffen wird. Dass jedenfalls die digitale Enteignung der Urheber ein Konjunkturprogramm für bessere Wissenschaft und Kultur ist, mag glauben, wer seine Hausaufgaben bei Wikipedia abschreibt.

 
Leser-Kommentare
  1. Zitat: »Was es wert ist, kopiert zu werden, ist es wert, geschützt zu werden«

    Und was es wert ist, geteilt zu werden, ist es auch wert, in einen Tresor gesperrt zu werden?

    Es mag schon sein, dass Google mit seinem Wahn um das Wissen der Welt etwas über die Stränge schlägt. Vor allem wenn da im Detail Geld mit verdient wird, aber niemand den Autoren was bezahlt. Die Bibliotheken aus denen Google scannt mussten die Bücher ja auch bezahlen.
    Trotzdem ist es eine unpraktische Denkweise, wenn man Wissen nicht teilen will, nur aus Angst, dass man ein paar Zerquetschte weniger verdient.

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    Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich denke, Sie haben das Zitat leicht missverstanden. Es geht nicht darum, dass das Wissen exklusiv ist, es geht darum, das diejenigen Menschen, die es sich aneignen wollen, dafür eine Gegenleistung erbringen sollten. Wer schreibt denn die Bücher, wenn man als Autor gar nicht mehr leben kann?

    Ich persönlich muss sagen, dass solche digitalisierten Bücher vor allem für mich als Student enorm praktisch sind. Aber das allein rechtfertigt nichts!

    "Wir wollten uns geistig duellieren, aber du kamst ohne Waffen!"

    Ich denke, Sie haben das Zitat leicht missverstanden. Es geht nicht darum, dass das Wissen exklusiv ist, es geht darum, das diejenigen Menschen, die es sich aneignen wollen, dafür eine Gegenleistung erbringen sollten. Wer schreibt denn die Bücher, wenn man als Autor gar nicht mehr leben kann?

    Ich persönlich muss sagen, dass solche digitalisierten Bücher vor allem für mich als Student enorm praktisch sind. Aber das allein rechtfertigt nichts!

    "Wir wollten uns geistig duellieren, aber du kamst ohne Waffen!"

    • Locke1
    • 04.04.2009 um 13:13 Uhr

    Sorry, aber dieser Artikel ist mir viel zu einseitig und kurzsichtig. Um einfach ein paar offensichtliche, mir spontan einfallende Fragen zu stellen:

    1. Ist es wirklich klar, dass ein Autor, ... einen Nachteil hat, wenn seine Werke bei einem Bücherdienst oder bei Youtube ins Netz gestellt werden? Gibt es dazu aussagekräftige Studien? Ich kenne nur Beispiele, die das Gegenteil belegen. (z.B. Youtube -> Monty Python)

    2. Wer möchte bitte ein gesamtes gescanntes Buch online lesen? Ist es nicht eher so, dass man mal schnell da rein guckt, und wenn es denn wirklich interessant scheint, sich das Buch kauft?

    3. Utilitaristisch argumentiert: ist nicht vielleicht ein möglicher Nachteil für wenige Autoren, die nicht mehr bestimmen können, wo sie publizieren, im Verhältnis zum Vorteil der Gemeinschaft zu vernachlässigen?

    In dieser Art könnte man noch viele Fragen stellen, die natürlich "dem bösen Datenkraken" in die Fänge spielen. Allerdings finde ich es auch inakzeptabel, dass Google die Rechteinhaber nicht zuvor fragt - das it gerade bei Büchern doch eigentlich sehr einfach, wenn auch mit einem gewissen Aufwand verbunden.

    Mein Tipp ist allerdings, dass Google gut daran tut, eine "Sicherungskopie" zu behalten, weil in naher Zukunft auch viele Autoren die Vorteile einer such- und auffindbaren digitalen Version ihrer Werke schätzen lernen werden, und Google dann erlauben werden, ihr Werk einzustellen.

    • yato
    • 04.04.2009 um 13:18 Uhr

    ...die heutigen technischen Möglichkeiten lassen sich nicht mehr rückgängig machen und wer das Wissen der Welt mit dem Justizapparat nur Blatt für Blatt via Hochpreisschiene verkaufen will, der versündigt sich an dem was eine Gesellschaft zusammen hält: Die Weitergabe von Kultur auch an die ärmere Bevölkerungsschichten.

    In einer Zeit in der ganze Musik-, ebook- oder Videobibliotheken mit einem USB Kabel in wenigen Stunden von Festplatte zu Festplatte wandern kann (und man kann nicht das ganze Volk einsperren oder Schülern vernünftig erklären, warum sie mit Freunden nicht tauschen sollen)

    die copyrightmafia ist hier der echte kriminelle!:
    politikerbestechung, künstlerunterdrückung und
    verbraucherkriminalisierung,
    nur damit sich die "künstler zuhälter branche" ohne rücksicht auf den
    rest der gesellschaft gnadenlos bereichert.

    so etwas hatten wir gerade, da waren es die bankster

    heise berichtete gestern. "Eine im Auftrag der Grünen erstellte Studie des Instituts für europäisches Medienrecht kommt zum Schluss, dass die Einführung einer sogenannten Content- oder Kultur-Flatrate zur vollständigen Legalisierung von Filesharing nicht nur rechtlich machbar, sondern im Interesse der Künstler sogar geboten sei."

    sogar amazon hats seit ein paar tagen kapiert: preise senken, drm frei und
    easy service

    • lef
    • 04.04.2009 um 13:21 Uhr

    Und ich fürchte, sie werden die Ausbreitung des Wissens ebensowenig verhindern können, wie die Kerzenmacher die Ausbreitung des elektrischen Lichtes (wobei ich nicht unbedingt Ähnlichkeiten definieren möchte!).

    Ich möchte unterscheiden zwischen logischem Wissen und dessen Umsetzung (Technik ff) und philosophischem Wissen und dessen Anwendung.
    Logisches Wissen wird zwar über Patente geschützt, aber es gibt genug Beispiele, dass die Freigabe dieses Wissens durchaus positive Rückkopplunmgen hatte - ganz ökonomisch gesehen.

    Noch deutlicher ist aber diese Freigabe für philosophisches Wissens wichtig, weil es ALLE Menschen in allen Gesellschaften betrifft.

    Es geht hier ja wohl um wirklich neue Erkenntnisse, und auch der Artikelschreiber wird zugeben (oder lernen) müssen, dass
    1. in den 2000 Jahren zwischen Platon und ca. 1970 in der Philosophie (als Bezeichnung für alle geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen) sehr wenig wirklich Neues entdeckt wurde und sich auch in den Gesellschaften sehr wenig verändert hat.
    2. in der 2. Hälfte des 20..Jhdt. neue Gesellschaften mit völlig neuartigen Strukturen entstanden (kulturell entgrenzten Industriestaaten).
    Die Geisteswissenschaftler in diesen Gesellschaften hinken in der Analyse diese Veränderungen immer noch sehr mühselig hinterher

    Der Grund dafür ist in der abgeschlossenen (elitären) Form der Ausbreitung des Wissens zu suchen.
    Die Jahrtausende alte Technik der Verbreitung philosophischer Erkenntnisse (über Bücher ff) scheint einfach nur noch anachronistisch zu sein,

    während die neue Verbreitungstechnik (Wikipedia, google ff) gerade in den letzten Jahren enorme Wissens- und Bewusstseinsveränderungen ermöglichte.
    Diese Technik ist ja im Prinzip nicht sehr anders, als der frühere Weg (auch hier werden nur Sinn- und Wissensinhalte veröffentlicht - die Bewusstseinsveränderung über Kommunikation müssen die Leser schon selbst erbringen), aber der Zugriff ist wesentlich einfacher und übersichtlicher.

    Wer sich jetzt (wie der Artikelverfasser) an anachronistische Strukturen klammert, ist zu bemitleiden. Tatsächlich betrifft es ja seine Existenzgrundlage, er hat ja nichts Anderes gelernt.
    Es ist natürlich eine schlimme Erkenntnis, das in Zukunft die Verbreitung neuer Erkenntnisse zunächst unbezahlt bleibt. Die Drohung, dass kein Geisteswissenschaftler mehr Gedankenarbeit leisten bzw. veröffentlichen wird (also drohender geistiger Stillstand in den Gesellschaften) KÖNNTE ernst genommen werden.
    Es trotzdem zu tun setzt ja Altruismus voraus, und den haben die jetzigen Geisteswissenschaftler (wegen ihrer frühen Geburt) nun mal nicht.

    Jüngere Generationen denken da anders - die sind altruistisch und veröffentlichen ihre Erkenntnisse - bei Wikipedia und (über google zu finden) in Blogs.
    Wir werden eine neue Generation von geistig Arbeitenden erleben - solche, die Beides vereinbaren können: bezahlte Tätigkeit (z. B. als Lehrende) und forschende Tätigkeit (unbezahlt und veröffentlicht nicht in Büchern, sondern als freie Ideen).
    Nicht ein Mal persönlichen Ruhm werden sie erheischen - Wikipedia und Blogs sind weitgehend ananym.

    Wie wenig der Artikelschreiber über die neuen Medien weiß, ist in seiner abfälligen Bemerkung zum Schluss (betreffend Wikipedia) zu erkennen:
    Es ist im Prinzip kein Unterschied, ob ein Schüler aus Büchern abschreibt oder aus Wikipedia - wenn es um Argumente geht.
    Auch Wikipedia ist nur ein Lexikon - aber eines, dass neben Argumenten auch konkret Quellen verlinkt (was andere Lexika nicht tun).

    Der Artikelschreiber verteidigt ja auch noch seine anachronistische Sicht der Aufgabe von Lehrern - auch die wird sich grundlegend ändern.
    In Zukunft ist ein Lehrer nur noch Gruppenleiter und nur zum Schluss der Bewerter. Die Diskussion mit und über Argumente wird er den Schülern getrost selbst überlassen müssen - zu veraltet ist inzwischen die Weisheitssammmlung der meisten (älteren) Pädogogen.

    Die neue Form der Verbreitung von Wissen ist übrigens schon länger erprobt und (noch!) auch durchaus ökonmisch vertretbar.:
    Zeitungen gibt es schon länger unbezahlt online, voll mit Beiträgen und Wissen und das Ganze sehr wohl finanzierbar (noch ist kein Artikelschreiber verhungert).
    So ähnlich finanzieren sich auch manche Blogschreiber und natürlich google.
    (Wie lange Werbungseinnahmen noch funktionieren, wird die Zukunft zeigen müssen).

    Wikipedia ist erstaunlicherweise völlig frei von ökonomischen Interessen und sogar sehr erstaunlich erfolgreich.

  2. für die verhärteten Fronten im Streit um eine Neuverortung der gesellschaftlichen Position zwischen Urheber- und Nutzerrecht. Nach diesem Artikel erscheint es mir unzweifelhaft, dass Sie, Frau Gaschke, sich vorbehaltlos hinter den Heidelberger Appell stellen würden ebenso wie ich mich als Ingenieurswissenschaftler auf Seiten der anderen Seite wiederfinde.

    Was mir sehr sauer aufstößt und mich auch beinahe zu einem hässlichen Kommentar über Geisteswissenschaftler im Allgemeinen und Journalisten im Speziellen hingerissen hat, ist die Tatsache, dass sie im Schlusssatz zum Einen eine unbelegte Behauptung aufstellen, nämlich dass der derzeitige Urheberrechtsschutz notwendige Bedingung von die Schaffung kulturell wertvoller Texte ist, zum Anderen der Gegenseite über einen despektierlich gebrauchten Verweis auf Wikipedia mangelnde Bildung attestieren.

    Interessant finde ich auch, dass Sie hier eine Art Gewohnheitsrecht beanspruchen, was finanzielle Gewinne aus steuerfinanzierter Forschung angeht - aus meiner Sicht ist es vielmehr bedauerlich, dass die Situation überhaupt je eingetreten ist, dass aus öffentlichen Mitteln finanzierte Forschung der Öffentlichkeit nicht ohne Entgelt zur Verfügung steht.

    Und schließlich gehen Sie in Ihrer Breitseite gegen jegliche Veränderung des Status Quo im Urheberrecht auch nicht darauf ein, dass gerade im wissenschaftlichen Bereich die derzeitige Situationen vor allem exorbitante Gewinnmargen auf Seite der Verlage hervorbringt.

    Das ist insbesondere insofern schade, als dass Sie ja auf einige Punkte, in denen das Vorgehen von Google zumindest Diskussionsbedarf hervorruft auch eingehen, dies aber als argumentative Position durch den Rundumschlag, den sie hier verteilen, in meinen Augen invalidiert wird.

    Insgesamt wäre es sicher einer guten Diskussion nicht abträglich, wenn das Emotionale aus der Debatte etwas herausgenommen würde.

    In diesem Sinne, den Autoren und geneigten Mitlesern ein schönes Wochenende,
    S.

  3. Der Schluss des Artikels macht deutlich, wie stark tendenziös dieser ist (ich würde sogar von Propaganda sprechen, jedoch habe ich schon gesehen, dass dieses Wort bei der Redaktion nicht willkommen ist).

    Man sollte allerdings noch die geistige Freiheit besitzen zu hinterfragen, ob die lapidare Behauptung "Nur Urheberrechtsschutz ist ein Anreiz dafür, dass solches Wertvolle geschaffen wird" eine in sich überhaupt stimmige Aussage darstelt. Würde das nicht die Vermutung nahelegen, dass geistige Produktion überhaupt nur durch rechtliche und ökonomische Anreize motiviert wird? Und folgert man nicht daraus, dass die geistige Produktion eben auf ökonomischen Wert angewiesen ist, also keinen geistigen Eigenwert besitzen würde?

    Hingegen muss man fragen, ob die rechtlichen Normen zum Schutze des geistigen Eigentums nicht heillos veraltet und überkommen sind, und ob nicht gerade das der Grund sei, warum eine solche Digitalisierungskampagne von google rechtlich überhaupt möglich ist.
    Eines ist klar - der technologische Fortschritt kann sich nicht hinter rechtlichen Normen hinten anstellen. Das ist einfach nicht möglich. Und statt google unsagbarer Verbrechen zu beschuldigen muss man eher die Aufmerksamkeit dahin lenken, dass rechtlicher Schutz des geistigen Eigentums modernisiert und flexiblisiert werden muss.

    Google kann doch schließlich nichts dafür, dass das Verlagssystem und die Wort AG (nicht nur in Deutschland übrigens) die Entwicklung der medialen Technologie verschlafen haben und selbst nicht rechtzeitig dafür gesorgt haben, digitale Plattformen zu entwickeln.

    • rns
    • 04.04.2009 um 13:58 Uhr

    "Nur Urheberrechtsschutz ist ein Anreiz dafür, dass solches Wertvolle geschaffen wird."

    Soso. Ich geh mal eben Kant, Goethe und Schiller fragen, was sie dazu sagen.

    • Zel
    • 04.04.2009 um 13:59 Uhr

    Ich weiß gar nicht, was die Verlage eigentlich haben. Ums einscannen kommt man nicht herum. Alle Medien werden in Zukunft über das Internet gefunden und bezogen werden-dafür muss man nun wirklich kein Zukunftsforscher sein. Das Internet ist ja nichts anderes als ein Katalog. Neckermann und wie sie alle heissen, die sperren sich ja auch nicht dagegen, dass ihr "Buch" im Internet erscheint. Fürs Drucken kann man sich ja nach wie vor bezahlen lassen, denn einen brauchbaren Buchdrucker plus Binder für den Hausgebrauch gibt es nicht.

    Sachbücher kann man komplett online lesen, Belletristik macht am Monitor keinen Spaß. Die Sachbuchautoren können das aber umgehen, in dem sie ihre Artikel wie ja bereits schon teilweise geschieht, einem zahlenden Fachpublikum zur Erstverwertung online bereit stellt und den fachfremden Privatkunden später eine aufbereitete kostenlose Version freigibt.

    Ob Google nun Bohlens Werke digitalisiert oder nicht, kann den Verlagen doch wurscht sein. Im Fachbereich werden gedruckte Bücher immer weniger nachgefragt werden, da machen sie auch keinen Sinn, so schnell wie sich Informationen oftmals erneuern. Und im Unterhaltungsbereich ändert sich fast gar nichts. Der Kunde kann nun vorher komplett bei Google reinschauen und wenns was taugt bestellt er die Druckversion beim Verlag. Der spart Druckkosten und kann gleichzeitig breiter verlegen, weil durch reine digitale Anbietung kaum kosten entstehen.

    Bei anständiger Lektorenarbeit kann dann auch mal das ein oder andere Buchexperiment ins Repertoire genommen werden, dass heute mangels Gewinnchancen nicht veröffentlicht wird.

    Ich verstehs nicht! Die Verlage könnten locker durch die Hose atmen, sie haben das Know How und die Erfahrung. Statt dessen stecken sie den Kopf in den Sand und wünschen sich selbst und alle anderen in die Vergangenheit. Dabei könnten die in Zukunft weit mehr Gewinn bei weniger Kosten machen. Auch der Verbraucher hätte einen Mehrgewinn, kann online wie in der Bücherei durchschmökern und zwar den internationalen Bestand in allen Sprachen, nicht nur die kleine Auswahl im Ladengeschäft. Eigentlich eine traumhafte Situation!

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