In diesen Tagen flattert Tausenden von deutschen Autoren, Übersetzern und Journalisten ein Schreiben der »Verwertungsgesellschaft Wort« ins Haus. Sein Layout – sehr kleine Schrift, Text einzeilig – ist lesefeindlich wie immer bei den Briefen dieser Organisation. Aber diesmal geht es nicht wie sonst um die Mitteilung, dass irgendein Schulbuchverlag den einen Artikel oder das andere Gedicht eines Autors nachdrucken möchte. Es liegt auch nicht der bescheidene Verrechnungsscheck bei, mit dem Autoren einmal im Jahr pauschal für alle Fotokopien entschädigt werden, die sich Menschen bundesweit von ihren Werken machen. Nein, diesmal verbirgt sich in der Einzeiligkeit Brisanz: Die VG Wort berichtet ihren Mitgliedern von einer Rechtsverletzung, begangen durch einen amerikanischen Konzern, systematisch, absichtsvoll, über Jahre hinweg. Es geht um die Firma Google und ihren Plan, das »Wissen der Welt« zu digitalisieren, ein Vorhaben, für das die Firmengründer Larry Page und Sergey Brin mehrfach und öffentlich »200 bis 300 Jahre« veranschlagt haben.

Was nach Größenwahn oder Science Fiction klingt, ist schon nach wesentlich kürzerer Zeit sehr handgreiflich. Seit Anfang dieses Jahrhunderts sucht Google nach Möglichkeiten, buchstäblich alle Bücher der Welt zu scannen. Etwa sieben Millionen Bücher, darunter womöglich mehr als 100000 deutsche, sind bereits bearbeitet – freilich hat niemand die Rechteinhaber dieser Bücher gefragt, ob sie das auch wollen. Googles moon shot nennt Marissa Meyer, eine Topmanagerin des Konzerns, das Projekt, so bedeutsam wie die Mondlandung.

Wer gegen eine solche Mission das schnöde Urheberrecht ins Feld führe, gelte als Spielverderber, sagt Professor Karl Riesenhuber, Urheberrechtsspezialist an der Ruhr-Universität Bochum. Leicht erscheine dieses Recht heute als Hemmschuh der kulturellen Entwicklung im digitalen Zeitalter. »Schnell ist von einem Zugangsrecht der Verbraucher die Rede, davon, dass die Gedanken frei seien, dass die Kultur nicht monopolisiert werden dürfe.« Tatsächlich aber geht es darum, dem Schöpfer eines Werkes einen angemessenen Anteil an dem durch Verwertung seiner Werke erzielten Gewinn zu sichern. Manche Menschen leben davon.

Der Vorwurf der Monopolisierung – aus dem Munde aller möglichen Vorkämpfer für »Bürgerrechte« im Netz – richtet sich erstaunlicherweise selten gegen Akteure wie Google als vielmehr gegen die Autoren selbst, gegen die Wissenschaftler, gegen den überkommenen Kulturbetrieb: Als wollten die Produzenten ihre Inhalte horten, zulasten der Massen.

Bei der Umsetzung des moon shot halfen Google zunächst amerikanische und englische Universitätsbibliotheken, die das für modern hielten oder froh darüber waren, einen finanzkräftigen Partner für die Digitalisierung und damit für die Sicherung ihrer wertvollen Bestände gefunden zu haben – zunächst Harvard, Stanford, Michigan, Oxford sowie die New York Public Library. Inzwischen kooperiert Google weltweit mit sehr viel mehr Partnern aus dem universitären Bereich, darunter auch die Bayerische Staatsbibliothek in München. Manche Einrichtungen, wie etwa München, beschränken die Erlaubnis, ihre Bestände zu scannen und sie damit ganz oder auszugsweise für die Google-Buchsuche zugänglich zu machen, auf alte Werke, deren Urheberrecht erloschen ist. Andere, wie die Bibliothek der Universität Michigan, ließen Google alles einscannen, was da war: auch vergriffene Bücher, deren Rechteinhaber höchst lebendig sind, und sogar solche, die noch ganz aktuell in Buchläden auf Kunden warten.

Einer der von Googles Praktiken Betroffenen ist der Frankfurter Verleger KD Wolff (Stroemfeld Verlag). Von einem Studenten erhielt er den Hinweis, dass ein Band der von ihm verlegten Kleist-Ausgabe komplett bei Google zu finden sei. Wolff suchte selbst und hat inzwischen über 200 geschützte kritische Editionen – unter anderem von Werken Kafkas, Hölderlins, Gottfried Kellers – im Netz aufgespürt. »Wir können es uns nicht leisten, rechtlich gegen jeden einzelnen Fall vorzugehen«, sagt Wolff. »Aber die Kleist-Geschichte kämpfen wir gerichtlich durch.« Der Verlag klagt vor allem auf die Erteilung von Auskünften, Wolff will unter anderem wissen, welche seiner Bücher noch betroffen sind. Seine schriftlichen Anfragen zur bisherigen Nutzung ignorierte Google. »Es wäre etwas anderes, wenn sie sich bequemt hätten zu fragen«, sagt der Verleger. »So drehen sie die Verhältnisse auf den Kopf.« Statt bei Rechteinhabern um die Erlaubnis zur Digitalisierung zu bitten – ausdrücklich hat der Schöpfer eines Werkes auch das Recht zu bestimmen, ob es im Internet zugänglich gemacht werden darf –, schafft Google Fakten.

In Amerika haben sowohl Autoren als auch Verleger sich dagegen gewehrt, unter anderem mit einer Sammelklage, einer sogenannten class action, die im Herbst 2005 eingereicht und im Oktober vergangenen Jahres vom zuständigen Gericht mit einem Vergleichsvorschlag beantwortet wurde. Bis Anfang Mai nimmt das Gericht Widersprüche und Kommentare zu dem Entwurf entgegen, im Juni entscheidet es.