Deutscher Filmpreis Deutschland sucht den SuperfilmSeite 2/2

Dass das Wirken der Akademie im Allgemeinen und die Nominierung und Verleihung des Deutschen Filmpreises eine Schlüsselposition in der »generischen Werbung« für das deutsche Kino ist, ist keine satirische Fantasie des Kritikers. Es gehört vielmehr zur Selbstdefinition dieses deutschen Filmkomplexes, ebenso wie eine von der Akademie in Auftrag gegebene Imagestudie unter dem Titel Optimierte Vermarktung und zielgenauere Kommunikation bei der Bewerbung deutscher Filme, Verbesserung der generischen Werbung.

Generische Werbung ist das, wogegen sich die deutschen Landwirte erfolgreich zur Wehr gesetzt haben. Nach der offiziellen Definition handelt es sich dabei um ein »Marketing-Instrument, das zur Absatzförderung einer Gütergattung eingesetzt wird«. Also nicht ein Produkt, eine Marke oder eine Ware wird beworben, sondern eine »Gütergattung« wie zum Beispiel »Käse aus Bayern« oder »Filme aus Deutschland«. Die Werbung für »Käse aus Bayern« entwertet den absolut einmaligen Weißlacker vom Huberbauern; die Werbung für »Filme aus Deutschland« erklärt den Bankrott der Autoren. Generische Werbung kommuniziert nicht nur eine Gütergattung, sie erfindet sie auch. Womit wir wieder beim deutschen Filmpreis sind. Akademie, Filmpreis, Imagestudie, generische Werbung – das alles ist Teil einer Maschine zur Herstellung, Definition und Normierung einer Gütergattung. Werfen wir einen Blick auf die Preisträger der letzten Jahre: Respektables, Sympathisches und Gekonntes ist dabei; die Bandbreite der diesjährigen Nominierungen wiederholt sich: Zwischen Absolute Giganten und Nirgendwo in Afrika , zwischen Fatih Akin und Florian Henckel von Donnersmark schreitet die Kreation der Gütergattung »Film aus Deutschland« fort. Nie muss man sich schämen, nie wird die öffentliche Ruhe gestört.

Der Preis spaltet das Publikum in Allesfresser und Cineasten

Am Ende entsteht ein Kino, das man auf ein paar Schlagwörter zurückführen kann: Ein »deutsches Thema« soll sein (mal eher realistisch-gegenwärtig, aber nicht zu kalt, mal episch-historisch, aber die Grenze zum Nationalkitsch darf allenfalls gestreift werden). Akzeptabel für das Mainstream-Publikum soll es sein (will heißen: eine gute Mischung aus Autoren-Handschrift, Hollywoodvorbild, Fernsehfilm und Arthouse-Kunstgewerbe). Und schließlich: Fernsehtauglich muss es sein (unterschieden in mehrteilertauglich, primetimetauglich, und mitternachtskulturfüller-tauglich). In diesem Kinosegment der Gütergattung »Film aus Deutschland« können durchaus schöne, interessante und wichtige Filme entstehen. (Die »Käse aus Bayern«-Kampagne kann ja auch nicht verhindern, dass manchenorts dort noch verdammt guter Käse hergestellt wird.) Für eine lebensfähige Filmkultur aber ist diese Art ihder Vermarktung eher ruinös. Die generische Werbung rettet nicht das deutsche Kino, sondern ist ein Teil seiner Auflösung im Fernsehen. Eine mediale Großveranstaltung wie der deutsche Filmpreis spaltet das Publikum radikaler, als es auch den weniger zimperlichen Produzenten lieb sein kann: in jubelnde Allesfresser und in angewiderte Cineasten. Letztere mögen vielleicht in der finanziellen Bilanz des deutschen Kinokomplexes eine zu vernachlässigende Größe sein. Aber gäbe es eine Hoffnung, aus dem deutschen Kino wieder eine Kultur zu machen, möglicherweise wenn sich das Konzept der populistischen Medienmultiplikation als »Blase« erweist, dann freilich würden sie schmerzhaft fehlen, die verlorenen angewiderten Cineasten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. diese Überschrift sagt eigentlich schon alles. Wenn mich nicht alles täuscht, Gott bewahre, dann zählt Herr Seeßlen, Autor dieses Artikels, sicherlich zu den Cineasten. Pardon, noch viel besser: zu den Filmkritikern. Ein Robin Hood der "kleinen Filmemacher", aber aufpassen, wenn der "kleine Filmemacher" zu groß wird, dann kriegt er von Robin Hood gleich eins auf den Deckel. Robin Hood ist dann nämlich beleidigt, dass man seine positive Kritik "für den kleinen Filmemacher" nicht mehr würdigt. Deswegen wird Robin Hood -ohne es selber zu merken - selbst plötzlich zum Sheriff von Nottingham, was er aber selber nie zugeben würde, genauso wie ein ständig Betrunkener von sich niemals behaupten würde, er wäre Alkoholiker.
    Bitte verzeihen Sie diese Polemik, Herr Seeßlen. Doch ich muss sagen, sie ist nichts als eine Antwort auf diesen, ihren Artikel, dessen Aussage, bis auf "gift verbreiten" ich nicht ganz verstanden habe. Sind Cineasten die besseren Zuschauer? Sind "Fast & Furious" Zuschauer Allesfresser, d.h. Kulturbanausen und damit schlechter? Und falls das so wäre, was ist daran auszusetzen, bzw. viel interessanter wäre es doch zu erfahren, was ist das Geheimnis dahinter? Schwarzweiß Malerei á la Allesfresser und Cineasten hilft hier nicht weiter.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service