Afghanistan

Der Bush in Obama

Auch der neue US-Präsident ist ein Krieger: In Pakistan tritt er das Erbe seines Vorgängers an – mit aller Gewalt

Der Präsident bei der US-Armee: Barack Obama spricht vor Soldaten in Camp Lejeune, North Carolina

Der Präsident bei der US-Armee: Barack Obama spricht vor Soldaten in Camp Lejeune, North Carolina

Barack Obama weitet den Krieg nach Pakistan aus. Das ist das wirklich Neue an der Afghanistanstrategie, die er jetzt vorgestellt hat. Wobei »Afghanistanstrategie« nicht mehr der richtige Begriff ist. In Washington spricht man nur mehr vom »Afpak« – Afghanistan und Pakistan. Die Afpak-Strategie Obamas also lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: mehr Soldaten, mehr Schulen, mehr Bomben, mehr Straßen. Und ja, reden mit den »moderaten Taliban«. Allerdings nahm Obama dieses Wort nicht einmal in den Mund, als er (vor versammelter Presse) seinen Ansatz erläuterte. Im Gegenteil, da war viel Bush in Obama, viel »Wir werden euch besiegen«-Botschaften an die Taliban und an al-Qaida. Freilich, er sprach auch - in sehr leisen Tönen – von Rückzug, von einer Exit-Strategie, die es für Afghanistan brauche. Die Ausweitung und Intensivierung des Krieges wäre also als erster Schritt dahin. Vorerst aber gibt es mehr Krieg und die übliche Zugabe in Form von finanziellen Angeboten für die nun stärker bombardierten Länder. 1,5 Milliarden Dollar für Pakistan, weitere, ungezählte Milliarden für Afghanistan.

Auch die Sprache Obamas lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: »Al-Qaida ist ein Krebsgeschwür, das Pakistan bedroht« – das hätte Bush nicht anders formuliert. Obama versuchte in seiner Rede zwar die Pakistaner zu überzeugen, dass sie in einem gemeinsamen Abwehrkampf mit den USA stünden. Doch machte er auch klar, dass er handeln werde, wenn es die Pakistaner nicht selbst täten. Aber was bedeutet das? Was genau müssen die Pakistaner tun, um zu verhindern, dass die USA aktiv werden? Alle Taliban erschießen? Reicht der Kopf von Osama bin Laden? Oder müssen die bergigen Stammesgebiete an der afghanischen Grenze so friedlich sein wie die Schweiz, bevor sie von Angriffen verschont werden?

Eines ist gewiss: Nur Washington entscheidet, was die richtigen Antworten sind, nicht die Pakistaner. Das Schicksal Pakistans, das kann man nach der Rede Obamas sagen, liegt in den Händen des US-Präsidenten.

»Wenn ihr den Job nicht macht, werden wir ihn selbst machen«

Schon als Präsidentschaftskandidat im Jahr 2007 rief Obama in Richtung Islamabad: »Wenn ihr den Job nicht macht, dann werden wir ihn selbst machen.« Das sorgte damals für etwas Aufregung, immerhin hatte der Mann sich als Gegner des Irakkriegs profiliert. Und nun wollte er Bomben auf Pakistan werfen? So recht glauben wollte man das nicht, doch nun muss man es glauben. Obama wird »handeln«, um al-Qaida den Garaus zu machen, die Taliban zu vernichten und Pakistan, das bedrohte Land, zu stabilisieren. Ob er Truppen schicken wird oder noch mehr Raketen abfeuern lässt oder gar B-52-Bomber für das Afpak-Problem abkommandiert. Man weiß es nicht. Wie destabilisierend diese dunkle Drohung auf Pakistan wirkt, darauf verschwendet kaum jemand einen Gedanken. Wie kann ein Land stabil bleiben, das permanent von außen mit Krieg bedroht wird? Darauf gibt Obamas Afpak keine Antwort.

Warum profiliert sich der Irakkriegsgegner Obama so stark als Krieger? Warum will er einen Krieg (Irak) beenden und einen neuen beginnen (Pakistan)? Die Antwort lautet: Weil er glaubt, dass in Afghanistan der »richtige« Krieg ausgefochten werde, während der Irakkrieg der »falsche« sei.

In Sachen Irak kann man ihm schwerlich widersprechen. Egal, wie stabil, wie sicher und wie demokratisch der Irak nach dem Abzug der USA sein wird. Ein Krieg, der etwa einer halben Million Zivilisten das Leben gekostet, das Völkerrecht gebrochen, die UN nachhaltig beschädigt, das Vertrauen in die USA auf Jahre hinaus beeinträchtigt, die Menschenrechte mit Füßen getreten und das Land tribalisiert hat – ein solcher Krieg kann nicht mehr »gut« werden. Er ist verloren.

Al-Qaida braucht kein Land, um Anschläge zu planen

In Afghanistan hingegen stehen laut Obama die USA in einem gerechten, notwendigen und aussichtsreichen Kampf. Dort gehe es gegen al-Qaida, von dort seien die Anschläge des 11. September geplant worden. Aus Afghanistan drohe weiter Gefahr, wenn es nicht gelinge, das Land zu stabilisieren. Das ist die Idee, die dem Krieg zugrunde liegt. In Afpak müssen die USA gewinnen, sonst komme es zu weiteren, schlimmeren Attentaten. Das ist eine sehr wackelige Konstruktion.

Obama sagte in seiner Rede, Afghanistan werde wieder in die Hände der Taliban und von al-Qaida geraten, falls sich der Westen zurückzöge. Er nimmt für diesen Fall an, dass al-Qaida in der Lage wäre, die USA schwer zu treffen. Alles das aber ist nicht nur unbewiesen, sondern nicht zwingend. Das Afghanistan von heute ist nicht mehr das Afghanistan von vor 2001. Die Taliban von heute sind nicht mehr die Taliban von vor acht Jahren. Nur al-Qaida dürfte seinen Tötungswillen nicht verändert haben. Al-Qaida aber braucht kein Land, um große Anschläge zu verüben. Ein paar Zimmer in einer Großstadt genügen. So war es bei den Attentätern, die 2005 in London mehr als 50 Menschen töteten; so war es bei den Attentätern, die in Madrid die Vorortzüge in die Luft sprengten und 191 Menschen in den Tod rissen.

Die gesamte afghanische Kriegspolitik steht auf dünnen Beinen, und die »Afpak«-Politik tut es noch mehr. Sie unterschlägt, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen Taliban und al-Qaida gibt. Die Taliban sind eine nationalistische Bewegung. Ihr Ziel ist es – das einzige, das sie eint –, die fremden Truppen aus dem Land zu werfen. Al-Qaida hat eine internationalistische Agenda. Sie möchte das Kalifat wieder errichten. Mullah Omar ist ein halb alphabetisierter Mullah vom Land. Osama bin Laden ist der gebildete Sohn einer reichen saudischen Familie. Durch Obamas Schießschartenblick erscheinen sie aber gleichförmig: als Feinde, die man bekämpfen muss.

Schlimmer noch: Indem er den Krieg nach Pakistan »internationalisiert«, internationalisiert er auch die Taliban. Tendenziell zu Feinden werden zudem alle Pakistaner, die sich gegen äußere Einmischung wehren, egal, ob es Taliban sind oder säkulare Kräfte. Obama drückt einen Staat mit 170 Millionen Einwohnern regelrecht an die Wand, eine fragile Nuklearmacht mit einer mächtigen Armee. Es ist ein sehr hohes Risiko, das der US-Präsident da eingeht. Vielleicht ist das sein Stil, dass er bei Gefahr den Einsatz verdoppelt, so macht er es in seinem Umgang mit der Finanzkrise, so macht er es mit dem Krieg in Afghanistan – so dreht er die Spirale weiter.

Eine gewaltige Kriegsmaschinerie ist hier am Werk. Sie vernebelt den Blick. Obama entzieht sich dem nicht. Im Gegenteil. Er wird mehr als 20000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan entsenden. Der mächtigste Mann der Welt verbindet seinen eigenen politischen Erfolg eng mit dem Kriegsausgang in einem bitterarmen, fernen Land. Das ist erstaunlich. Die Wirtschaftskrise, der Klimawandel – alles das hat sich Obama mit Macht aufgedrängt. Bei Afghanistan ist das anders. Er hat diesen Krieg ohne Not zur Priorität gemacht. Er hat ihn jetzt ausgeweitet, öffentlich und mit harschen Worten. Sein Schicksal entscheidet sich deshalb in Kabul und nun auch in Islamabad. Er hat es so gewollt. Noch einmal die Frage: Warum?

Weil er aus Überzeugung handelt, weil er mutig ist. Kann sein. Doch das reicht als Erklärung nicht aus. Vielleicht hat er die guten, die richtigen Ideen.Doch daran lässt sich zweifeln. Obama ist der Herr einer Kriegsmaschinerie, die jährlich 500 Milliarden Dollar verschlingt. Das ist mehr, als Europa und Asien zusammen für Rüstung ausgeben. So viel Masse drängt zur Tat. Kann sein, dass Obama den Krieg eskalieren lassen will, um ihn zu beenden, doch gerät er dadurch so tief in »Afpak« hinein, dass er nicht mehr ohne Schaden rausfinden wird. Obama hat sich auf den von Bush begonnenen long war eingelassen – auf einen Krieg ohne Ende. Begonnen hat er in Afghanistan. Jetzt geht er in Pakistan weiter. Obama hat das schlimmste aller Erbstücke Bushs nicht von sich gewiesen, er hat es angenommen.

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Leser-Kommentare

    • 04.04.2009 um 19:40 Uhr
    • peto1

    Es kommt einem vor als wolle man mit Kanonen Spatzen jagen.

    • 04.04.2009 um 19:54 Uhr
    • FahadA

    Obaba ist kein Krieger. Aber um den Krieg gegen den Terror (den man nicht mehr erwaehnen moechte) zu beenden, bedarf es der richtigen Entscheidungen. Ich sehe da kein Problem.

    http://aliqapoo.wordpress...

  1. der aber noch eine Frage offen läßt:
    Wie groß ist der ökonomische Faktor hinsichtlich der militärischen Aktivitäten der USA? Kann Obama angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise überhaupt daran denken, den Umverteilungsapparat US-Army herunter zu fahren? Wie viele Jobs hängen an den Militäreinsätzen, von den berüchtigten "privaten Sicherheitsdienstleistern" (man hört von ihnen seit dem Amtsantritt Obamas eigenartigerweise nichts mehr) bis zu Lieferanten, Ausstattern und Logistikern?
    Wer will es wagen, nach dem Einknicken der zwei Standbeine Finanzen und Immobilien / Wirtschaft auch noch das dritte Bein anzusägen? Keiner!
    Also: ob schwarz, ob weiß, ob Buh- oder Batman, ob Hoffnungs- oder Bedenkenträger - der Weg ist vorgezeichnet!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der US-Imperialismus wird nicht zuletzt an seinem eigenen Größenwahn scheitern. Wie heißt es so schön - Hochmut kommt vor dem Fall.
    Die kommende Weltmacht China braucht eigentlich nur abzuwarten, wie sich die USA in diesem neuen Vietnam abermals die Hände verbrennen...

  2. Der US-Imperialismus wird nicht zuletzt an seinem eigenen Größenwahn scheitern. Wie heißt es so schön - Hochmut kommt vor dem Fall.
    Die kommende Weltmacht China braucht eigentlich nur abzuwarten, wie sich die USA in diesem neuen Vietnam abermals die Hände verbrennen...

  3. ich stimme Ihnen ausdrücklich zu.

    Der amerikaniche Wahn, die ganze Welt mit Waffen bekehren zu wollen, muss wohl mit ihrer Geschichte zusammenhängen.

    Noch heute wird der Genozid an den Indianern innerhalb der USA völlig unkritisch und verzerrt dargestellt.

    Sich erst ein riesiges Land erobern, ohne viel Skrupel, ohne schlechtes Gewissen und jetzt den Weltpolizisten "spielen" wollen: das passt nicht.

    Und so nebenbei das Weltfinanzsystem ruinieren, passt noch weniger.

    Schöne Grüsse

    Gerhard Stenkamp

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  • Von Ulrich Ladurner
  • Datum 3.4.2009 - 14:38 Uhr
  • Serie opi
  • Quelle DIE ZEIT, 02.04.2009 Nr. 15
  • Kommentare 5
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  • Schlagworte Afghanistan | Hindukusch | USA | Barack Obama
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