Ideen für die Zukunft Wer denkt für morgen?

Eine neue ZEIT-Serie stellt zwölf Köpfe vor, deren Gedanken uns weiterführen. In Zeiten der Ungewissheit werden gute Ideen dringend gebraucht

Es liegt ein Hauch von Betretenheit in der Luft, wenn man informierte Europäer nach Ideen fragt, die für die Zukunft gebraucht werden. Nichts scheint gegenwärtig gewisser zu sein als eine umfassende Ungewissheit, was werden soll. Die utopische Restenergie ist seit 1989 verbraucht, und die Erwartung, es hänge vom Nachdenken ab, ob es morgen etwas besser aussehen könnte als heute, erscheint seither fast als kurios. Dass Ideen einen Horizont öffnen und die Wirklichkeit ändern können, mag historisch gegolten haben, aber dieser Faden europäischer Aufklärungsgeschichte scheint gerissen. Wer wissenschaftlich auf sich hält, hat sich möglichst eine exzellente Ecke zum Forschen gesucht. Für ein besseres Morgen, und sei es im Jenseits, soll unterdessen die Religion zuständig sein.

Aber seit Kurzem ändert sich etwas, und die weltwirtschaftlichen Erdbeben haben diese Veränderung vielleicht nur noch verstärkt. Die Ungewissheit versteckt sich nicht mehr und auch das Bedürfnis nach Zukünften nicht. Das hat die Personalpolitik von Barack Obama auf den Bildschirmen in jedem Winkel der Welt sichtbar werden lassen: Einige der angesehensten Köpfe, Physiker, Ökonomen, politische Theoretiker, Philosophen, Juristen oder Umweltwissenschaftler, sind zur Erneuerung Amerikas in höchste Ämter geholt worden, um Richtungen anzugeben, und sie wirken bei ihrer Arbeit nicht peinlich. Sachverstand, politische Leidenschaft und die Befugnis, zu entscheiden, wohnen plötzlich im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit nah beieinander, mit unsicheren Aussichten. Vom Nobelpreisträger Steven Chu, dem Physiker, bis zum Umweltforscher und Sicherheitsberater John Holdren sind im Team Obamas alle Exzellenzvarianten dabei, und deren Risiko zu scheitern ist beträchtlich.

Anzeige
Denker für Morgen
Wer stellt die Fragen, die über unsere Zukunft entscheiden? Eine Serie

Wer stellt die Fragen, die über unsere Zukunft entscheiden? Eine Serie

Wer denkt für morgen? In der ZEIT haben sich Kollegen aus den verschiedenen Ressorts auf die Suche gemacht: Auf die Suche nach Gedanken, die tragen und weiterführen, die Orientierung versprechen im Wirrwarr der Widersprüchlichkeiten. Selbst im ernüchterten Europa vergeht ja kaum mehr ein Tag ohne Symposien über das Umdenken, das Glück und den Sinn, es wimmelt von paradoxen Empfehlungen, das Leben zu ändern, wahlweise durch Konsum oder Verzicht, und im Hintergrund laufen die Nachrichten über Ressourcenerschöpfung, einstürzende Banken, Klimawandel und mögliche Knappheitsszenarien.

Die alten aufgeklärten Ideen, für die einst Philosophen und Intellektuelle ihr Werk, zum Teil auch ihr Leben eingesetzt haben, kann jeder nennen: Gerechtigkeit und Freiheit, gleiches Recht für alle, Würde, Solidarität und Mitleid, Gewaltlosigkeit. Sie sollen Bestand haben, das ist weithin Konsens. Dennoch wirken diese Ideen oft wohlfeil und träge, auch weil der Kapitalismus viele Bürger weltweit in eine Konsumentenklasse verwandelt hat, in der die Selbstbestimmung mit Wohlstand und persönlicher Sicherheit an ihr Ziel gelangt zu sein scheint. Auf Kosten der Schwachen. Und was aus den alten Ideen Europas angesichts von bald acht Milliarden Erdbewohnern, Terror, Krieg und erschöpften Ressourcen wird, bleibt von Ort zu Ort auf je andere Weise unbestimmt.

»Bin ich ein Auslaufmodell, dass ich nach der Zukunft frage?«, hat unlängst der achtzigjährige Althistoriker Christian Meier geseufzt, und seine Ungehaltenheit über Eliten, die sich sicherheitshalber an der Gegenwart festhalten, war unüberhörbar. Ein europäisches Modell ist Meiers Frage nach der Zukunft jedenfalls lange gewesen, sie ist durch die Aufklärung vor über 200 Jahren üblich geworden. Der Schriftsteller, Naturforscher und Weltreisende Georg Forster etwa notierte schon 1790 angesichts von Waldrodungen und dem Graben neuer Steinkohleflöze in seinen Ansichten vom Niederrhein: »Wie aber, wenn auch die Gruben endlich sich erschöpfen lassen und kein neues Substitut erfunden wird, zu dessen Wärme wir im Winter unsere Zuflucht nehmen und wobei wir unsere Speisen bereiten können?«

Der Vernunftskeptiker Georg Forster erwog verschiedene Zukünfte, das Erschließen noch unbekannter Energiequellen ebenso wie die Verwüstung ganzer Regionen, aber in der Wahrnehmung der Gegenwart war allemal der Möglichkeitssinn am Werk. Damals, um 1800, entstand in Europa die skeptische Gewissheit, dass der Horizont offen ist, dass es morgen besser aussehen könnte als heute noch und dass die Zukunft eine Zeit ist, die durch menschliches Denken und Handeln anders sein wird als die Gegenwart.

Seither sind moderne demokratische Rechts- und Sozialstaaten entstanden, aber auch totalitäre Barbareien, seither hat sich diese eine emphatische Zukunft des Fortschritts als ein ganzes Bündel zwiespältiger Fort- und Rückschritte entpuppt. Die Zukunft hat utopischen Ballast abgeworfen, und darin liegt auch ein Reiz der Entlastung, sich heute neu umzusehen. Wer denkt für morgen?

Ob man sich nun von der europäischen Geschichte oder von der amerikanischen Gegenwart anregen lässt, die Fragen gleichen einander: Wo gibt es Köpfe, deren Argumente man hören sollte, wenn alte Gewissheiten im Stundenrhythmus zusammenbrechen? Wo gibt es Menschen, die gedanklich die Situation ihrer Zeit bündeln und den Möglichkeitssinn wecken? Ist außer widersprüchlichen Expertenmeinungen und überholten Utopien nichts mehr zu haben? Wo sind Leute, die Hinweise geben, welche Wege in einer globalisierten, vernetzten Welt der erschöpften Ressourcen gangbar wären? Wo sind Ideen-Geländer?

Leser-Kommentare
  1. Ich weiß ja nicht, von was für einer Aufklärung sie da reden. Zitat:
    "Die alten aufgeklärten Ideen, für die einst Philosophen und Intellektuelle ihr Werk, zum Teil auch ihr Leben eingesetzt haben, kann jeder nennen: Gerechtigkeit und Freiheit, gleiches Recht für alle, Würde, Solidarität und Mitleid, Gewaltlosigkeit." Klingt ja mehr nach 10 Geboten - auch wenns nur 7 sind, ist aber auch ne heilige Zahl ;)
    Aber jene, die ich kenne, die stand zu aller erst für eine Idee, die Idee der Vernunft. Und diese ist leider, wie soll ich sagen, wenig sexy und noch weniger visionär, als vielmehr 'bürokratisch'. Denn vernünftig ist leider zu aller erst den Bauch voll haun, dann raffen, dass es noch für morgen reicht und dann noch fix nen Mantel 'organisiert', dass mans auch schön warm hat usw.
    Und leider ist der Mensch auch nicht so vernünftig, wie es die Aufklärer - einschließlich dieser - gerne hätten.
    Visionen brauchen eben Mut, Phantasie und eine gehörige Portion Unvernunft!

    Gruß

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • benbek
    • 03.04.2009 um 11:32 Uhr

    ... denn auf lange Sicht ist eben Altruismus die sicherste Methode zu überleben. Gerade dieses Denken, dass eine Gesellschaft und damit auch das Individuum am überlebensfähigsten ist, wenn man sich nicht gegenseitig die Birne einhaut, jeder das Eigentum des anderen respektiert und die Gesellschaft für die Schwachen sorgt (denn jeder Einzelne könnten später selbst in diese Situation kommen), hebt doch den Menschen von den Tieren ab, die nur begrenzt zu Kooperation fähig sind.

    Es ist gerade das Problem, dass der Mensch zu unvernünftig für den Altruismus ist, weshalb moralische Institutionen wie die Religion sich in der Vergangenheit vermehrt durchgesetzt haben...

    • benbek
    • 03.04.2009 um 11:32 Uhr

    ... denn auf lange Sicht ist eben Altruismus die sicherste Methode zu überleben. Gerade dieses Denken, dass eine Gesellschaft und damit auch das Individuum am überlebensfähigsten ist, wenn man sich nicht gegenseitig die Birne einhaut, jeder das Eigentum des anderen respektiert und die Gesellschaft für die Schwachen sorgt (denn jeder Einzelne könnten später selbst in diese Situation kommen), hebt doch den Menschen von den Tieren ab, die nur begrenzt zu Kooperation fähig sind.

    Es ist gerade das Problem, dass der Mensch zu unvernünftig für den Altruismus ist, weshalb moralische Institutionen wie die Religion sich in der Vergangenheit vermehrt durchgesetzt haben...

  2. "Das Spektrum reicht von der klassischen Intellektuellen, deren Gesicht in Europa etwa Simone de Beauvoir geprägt hat"

    - War mir ja jetzt gar nicht bewusst, dass ausgerechnet Simone de Beauvoir eine "klassische Intellektuelle" sein soll ... Für mich ist sie die feministische Philosophin des 20. Jahrhunderts, und das erscheint mir ziemlich unvereinbar mit einer "klassischen" Rolle?!

    In der Theorie sind Theorie und Praxis immer dasselbe, in der Praxis sind sie es nie!

    • rabin
    • 03.04.2009 um 5:00 Uhr

    Im Volk der Dichter und Denker wird Günther Jauch für einer das schlauesten gehalten.

    Wer prägt denn ? Wieviele kennen denn den Namen Kant, geschweige denn einen Satz von ihm, tauchte der je am Samstagabend auf oder bei Bild?

    In einer Mediengesellschaft "prägen" doch ganz andere die Mehrheit.

    Wenn sollten Denker prägen ausser die Glasperlenriege anderer Denker ?

    Vielleicht die Bürokratien ? Die Redenschreiber, die einzelne Zitate gut da oder dort in einer Ruck-oder sonstwie Rede einbauen können.

    Aber prägen, im Sinne von "beeinflussen" tun diese doch nicht. Interessen,Einflüsse, Vermerke von Bürokraten "prägen", aber Konzepte von Denkern ?

    Interessant wird es sein, die Meinungen interessanter Menschen zu lesen, aber " prägen" ?

    • benbek
    • 03.04.2009 um 11:32 Uhr

    ... denn auf lange Sicht ist eben Altruismus die sicherste Methode zu überleben. Gerade dieses Denken, dass eine Gesellschaft und damit auch das Individuum am überlebensfähigsten ist, wenn man sich nicht gegenseitig die Birne einhaut, jeder das Eigentum des anderen respektiert und die Gesellschaft für die Schwachen sorgt (denn jeder Einzelne könnten später selbst in diese Situation kommen), hebt doch den Menschen von den Tieren ab, die nur begrenzt zu Kooperation fähig sind.

    Es ist gerade das Problem, dass der Mensch zu unvernünftig für den Altruismus ist, weshalb moralische Institutionen wie die Religion sich in der Vergangenheit vermehrt durchgesetzt haben...

    Antwort auf "Aufklärung"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... ist es besser, wenn man Rücksicht nimmt auf andere. Liebe deinen Nächsten...
    Mich nerven nur die Aufklärungsapostel, die nicht müde werden immer zu die Aufklärung zu glorifizieren. Der Autor scheint mir zu diesen zu gehören. Zitat:
    "Dass Ideen einen Horizont öffnen und die Wirklichkeit ändern können, mag historisch gegolten haben, aber dieser Faden europäischer Aufklärungsgeschichte scheint gerissen."
    Natürlich hatten die Aufklärer Visionen und wollten die Welt verändern. Mir war der Artikel nur zu einseitig pro Aufklärung. Gerade im religiösen Umfelt spielt das Zukünftige ja auch eine grtoße Rolle und das Hoffen (z.B. auf Paradies). 'Würde' ist ja keine Erfindung der Aufklärer sondern mindestens Folge der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1), wenn nicht noch älter. Es ist eben beileibe nicht so, dass alles tolle dieser Welt allein den Aufklärern zu verdanken sein, wie das Zizaz oben suggerieren will.
    Mich nervt halt nur diese einseitige Lobhudelei auf die alten Aufklärer. Da wollt ich halt mein contra geben.
    PS: Ich bin ja auch ein Freund der Vernunft

    Gruß

    ... ist es besser, wenn man Rücksicht nimmt auf andere. Liebe deinen Nächsten...
    Mich nerven nur die Aufklärungsapostel, die nicht müde werden immer zu die Aufklärung zu glorifizieren. Der Autor scheint mir zu diesen zu gehören. Zitat:
    "Dass Ideen einen Horizont öffnen und die Wirklichkeit ändern können, mag historisch gegolten haben, aber dieser Faden europäischer Aufklärungsgeschichte scheint gerissen."
    Natürlich hatten die Aufklärer Visionen und wollten die Welt verändern. Mir war der Artikel nur zu einseitig pro Aufklärung. Gerade im religiösen Umfelt spielt das Zukünftige ja auch eine grtoße Rolle und das Hoffen (z.B. auf Paradies). 'Würde' ist ja keine Erfindung der Aufklärer sondern mindestens Folge der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1), wenn nicht noch älter. Es ist eben beileibe nicht so, dass alles tolle dieser Welt allein den Aufklärern zu verdanken sein, wie das Zizaz oben suggerieren will.
    Mich nervt halt nur diese einseitige Lobhudelei auf die alten Aufklärer. Da wollt ich halt mein contra geben.
    PS: Ich bin ja auch ein Freund der Vernunft

    Gruß

  3. ... ist es besser, wenn man Rücksicht nimmt auf andere. Liebe deinen Nächsten...
    Mich nerven nur die Aufklärungsapostel, die nicht müde werden immer zu die Aufklärung zu glorifizieren. Der Autor scheint mir zu diesen zu gehören. Zitat:
    "Dass Ideen einen Horizont öffnen und die Wirklichkeit ändern können, mag historisch gegolten haben, aber dieser Faden europäischer Aufklärungsgeschichte scheint gerissen."
    Natürlich hatten die Aufklärer Visionen und wollten die Welt verändern. Mir war der Artikel nur zu einseitig pro Aufklärung. Gerade im religiösen Umfelt spielt das Zukünftige ja auch eine grtoße Rolle und das Hoffen (z.B. auf Paradies). 'Würde' ist ja keine Erfindung der Aufklärer sondern mindestens Folge der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1), wenn nicht noch älter. Es ist eben beileibe nicht so, dass alles tolle dieser Welt allein den Aufklärern zu verdanken sein, wie das Zizaz oben suggerieren will.
    Mich nervt halt nur diese einseitige Lobhudelei auf die alten Aufklärer. Da wollt ich halt mein contra geben.
    PS: Ich bin ja auch ein Freund der Vernunft

    Gruß

    • rabin
    • 04.04.2009 um 12:40 Uhr

    NIcht im Ernst kann man behaupten, es gebe einen Mangel an guten Ideen.
    Der Mangel besteht darin, dass die guten Ideen auf viele Widerstände stossen und sich nicht durchsetzen.

    Es gibt kaum ein Gebiet menschlichen Lebens, für das nicht grossartige Visionen vorhanden sind.

    Aber die Wirklichkeit ist von Macht und Interessen bestimmt, die gute Ideen zu verhindern wissen.

    In der Ethik man sich endlich Gedanken darüber, wie gute Idee organisiert werden müssen, damit sie eine Chance haben , Wirklichkeit zu werden.Ohne eine ausgearbeitete Technik der Umsetzung sind sie eben nur Stoff für Sonntagsreden.

    Wieland mit seinem Konstanzer Institut zum Wertemanagment ist führend in Deutschland auf diesem Gebiet. Zu diesem Vorgehen gibt es keine Alternative.

  4. die Ideen fuer eine neue Gesellschaft weiter fuehren als bis vor unsere Haustuere.

    Endlich - muss man sagen - steht die Gesellschaft, wie wir sie seit Jahrtausenden kennen am Abgrund. Das System unserer Gesellschaft funktiionierte lange und hatte Hoehen und Tiefen.

    Jede Zukunftsvision, die sich weiterhin auf den Fundamenten dieser Gesellschaft ausrichtet, ist ueberholt bevor sie ueberhaupt ausgesprochen wird.

    Das Fundament unserer Gesellschaft beruht auf der Werte-Hierarchie, die Klassendenken durch staendiges Vergleichen und Konkurrenzkampf schafft.

    Die Gesellschaft der Zukunft befreit sich von eben dieser Werte-Hierarchie. Die Gesellschaft der Zukunft basiert auf gleicher Wertschaetzung fuer alle. Gleiche Wertschaetzung fuer alle bedeutet nicht, dass alle Menschen gleich sind - sie sind es eben gerade nicht! - sondern dass alle Menschen die gleiche Wertschaetzung erhalten.

    Ich arbeite seit ueber 15 Jahren an der Idee der Wertschaetzungsgesellschaft SIKANTIS.

    Jeder wirklich bahnbrechende Entwicklung startete irgendwann als Vision. Sikantis, die Wertschaetzungsgesellschaft, erreicht unterdessen Tausende von Menschen monatlich. So sieht das Denken fuer morgen aus: das Denken heute ist Realitaet morgen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service