Ideen für die Zukunft Wer denkt für morgen?Seite 3/3

Viele Stimmen aus den Kulturen der Welt können sich für europäische Ohren kaum bemerkbar machen. Und doch melden sich heute an den verschiedenen Orten der Erde hörbar sehr verschiedene Typen des Denkens zu Wort, immer öfter in Allianzen, Gruppen und Mischformen. Das Spektrum reicht von der klassischen Intellektuellen, deren Gesicht in Europa etwa Simone de Beauvoir geprägt hat, bis zum Universitätsprofessor, wie etwa der ironisch-kritische Philosoph Richard Rorty einer war; vom öffentlichen Wirtschaftsdenker, Typ Paul Krugman, der auch das Risiko einer Regierungsberatung eingeht, bis zu wegweisend klugen Praktikern vom Schlag eines Muhammad Yunus, Volkswirt und Banker, der den Ärmsten mit Mikrokrediten zu etwas Autonomie verhilft.

Aufklärungserbe, Reiz des Ungewissen, Pluralisierung der Zukünfte, amerikanischer Aufbruch, Handlungsdruck: Die heutige Vielgesichtigkeit des Denkens ist Grund genug, sich umzusehen, wo Neues entsteht, das bedenkenswert ist.

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All die Fragen, die in der Geschichte des Denkens am Wegesrand lagern, haben sich auch den Autoren dieser ZEIT -Serie in den Weg gestellt: Kann einer als Universitätsprofessor noch originell denken? Ja und nein. Sind brillante Gedanken nicht oft unsympathisch? Ja und nein. Bleiben einem Aktivisten die Spielräume für Gedanken? Versteht irgendein Intellektueller noch genug von der Wirklichkeit? Kann ein Wissenschaftler absichtlich zukunftsorientiert arbeiten? Entzieht sich Originalität nicht jedem Versuch, sie zu messen? Und sind es nicht letztlich Praktiker, durch die sich die Qualität eines Gedankens erweist? Immerzu: ja und nein.

Wir haben uns schließlich, wirklichkeitsnah, für radikale Pluralität entschieden und das Kriterium der Originalität am stärksten gewichtet. Und so wollen wir in den kommenden Wochen ein Dutzend Menschen vorstellen, die den Blick auf die Welt ändern können, die sich den Nöten der Gegenwart widmen, indem sie auch auf die kommenden Generationen achten, und deren Arbeit über den Tag hinaus Gewicht hat. Eines haben diese Denker aber gemeinsam: dass sie keine »engstirnigen Wesen« sind, um es mit Denis Diderot zu sagen, dem Herausgeber der Encyclopédie, die von 1751 an das damalige Wissen für das lesende Publikum bereitstellte und so der Aufklärung Bahn brach. Engstirnige Wesen? Das seien Leute, denen nicht bewusst sei, so ärgerte sich Diderot vor einem Vierteljahrtausend, »dass sie nur einen Punkt auf dieser Erde einnehmen und nur einen Augenblick leben. Diesem Punkt und diesem Augenblick opfern sie das Glück der kommenden Jahrhunderte und der ganzen Gattung.«

Muss man eigens betonen, dass bei unserer Zwölferliste natürlich die Subjektivität soufflierte, die Willkür durch die Kulissen stolperte und der Zufall bei der Aufführung in einer tragenden Nebenrolle besetzt ist? Die Skepsis hat ständig Regie geführt: weil ein Individuum nie allein denkt, sondern in Gruppen, Gegnerschaften, Traditionen; weil man immer auf die gleichen Berühmten stößt, die aber kein Monopol auf Originalität innehaben; weil denkende Menschen nicht zum Weltretten da sind und schon gar nicht zum Optimismus verpflichtet, der, wie der Ökonom Joseph Schumpeter vermutet hat, oft nur eine Form der Pflichtvergessenheit sei.

Dennoch musste am Ende entschieden werden. Und so werden wir in den kommenden Wochen vorstellen, auf wen unsere Wahl fiel. Ein Name von den vielen, die in diesem Essay stecken, gehört zu den zwölf, nur einer. Zwei andere machen heute den Anfang, so verschieden wie möglich: der Wirtschaftswissenschaftler Robert Shiller, der an der amerikanischen Yale-Universität über eine Ökonomie nachdenkt, die dem Menschen näher wäre als die hergebrachte, rein rationale. Und, auf der anderen Seite der Welt, in Indien, die Journalistin Sunita Narain, Leiterin des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Delhi, die dafür kämpft, dass Ökologie und Gleichheit sich miteinander vertragen.

Und wenn darüber nun ein Gespräch entstände, ein Streit und neue Allianzen, dann wäre das ganz in unserem Sinne. Wer denkt für morgen?

 
Leser-Kommentare
  1. Ich weiß ja nicht, von was für einer Aufklärung sie da reden. Zitat:
    "Die alten aufgeklärten Ideen, für die einst Philosophen und Intellektuelle ihr Werk, zum Teil auch ihr Leben eingesetzt haben, kann jeder nennen: Gerechtigkeit und Freiheit, gleiches Recht für alle, Würde, Solidarität und Mitleid, Gewaltlosigkeit." Klingt ja mehr nach 10 Geboten - auch wenns nur 7 sind, ist aber auch ne heilige Zahl ;)
    Aber jene, die ich kenne, die stand zu aller erst für eine Idee, die Idee der Vernunft. Und diese ist leider, wie soll ich sagen, wenig sexy und noch weniger visionär, als vielmehr 'bürokratisch'. Denn vernünftig ist leider zu aller erst den Bauch voll haun, dann raffen, dass es noch für morgen reicht und dann noch fix nen Mantel 'organisiert', dass mans auch schön warm hat usw.
    Und leider ist der Mensch auch nicht so vernünftig, wie es die Aufklärer - einschließlich dieser - gerne hätten.
    Visionen brauchen eben Mut, Phantasie und eine gehörige Portion Unvernunft!

    Gruß

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    • benbek
    • 03.04.2009 um 11:32 Uhr

    ... denn auf lange Sicht ist eben Altruismus die sicherste Methode zu überleben. Gerade dieses Denken, dass eine Gesellschaft und damit auch das Individuum am überlebensfähigsten ist, wenn man sich nicht gegenseitig die Birne einhaut, jeder das Eigentum des anderen respektiert und die Gesellschaft für die Schwachen sorgt (denn jeder Einzelne könnten später selbst in diese Situation kommen), hebt doch den Menschen von den Tieren ab, die nur begrenzt zu Kooperation fähig sind.

    Es ist gerade das Problem, dass der Mensch zu unvernünftig für den Altruismus ist, weshalb moralische Institutionen wie die Religion sich in der Vergangenheit vermehrt durchgesetzt haben...

    • benbek
    • 03.04.2009 um 11:32 Uhr

    ... denn auf lange Sicht ist eben Altruismus die sicherste Methode zu überleben. Gerade dieses Denken, dass eine Gesellschaft und damit auch das Individuum am überlebensfähigsten ist, wenn man sich nicht gegenseitig die Birne einhaut, jeder das Eigentum des anderen respektiert und die Gesellschaft für die Schwachen sorgt (denn jeder Einzelne könnten später selbst in diese Situation kommen), hebt doch den Menschen von den Tieren ab, die nur begrenzt zu Kooperation fähig sind.

    Es ist gerade das Problem, dass der Mensch zu unvernünftig für den Altruismus ist, weshalb moralische Institutionen wie die Religion sich in der Vergangenheit vermehrt durchgesetzt haben...

  2. "Das Spektrum reicht von der klassischen Intellektuellen, deren Gesicht in Europa etwa Simone de Beauvoir geprägt hat"

    - War mir ja jetzt gar nicht bewusst, dass ausgerechnet Simone de Beauvoir eine "klassische Intellektuelle" sein soll ... Für mich ist sie die feministische Philosophin des 20. Jahrhunderts, und das erscheint mir ziemlich unvereinbar mit einer "klassischen" Rolle?!

    In der Theorie sind Theorie und Praxis immer dasselbe, in der Praxis sind sie es nie!

    • rabin
    • 03.04.2009 um 5:00 Uhr

    Im Volk der Dichter und Denker wird Günther Jauch für einer das schlauesten gehalten.

    Wer prägt denn ? Wieviele kennen denn den Namen Kant, geschweige denn einen Satz von ihm, tauchte der je am Samstagabend auf oder bei Bild?

    In einer Mediengesellschaft "prägen" doch ganz andere die Mehrheit.

    Wenn sollten Denker prägen ausser die Glasperlenriege anderer Denker ?

    Vielleicht die Bürokratien ? Die Redenschreiber, die einzelne Zitate gut da oder dort in einer Ruck-oder sonstwie Rede einbauen können.

    Aber prägen, im Sinne von "beeinflussen" tun diese doch nicht. Interessen,Einflüsse, Vermerke von Bürokraten "prägen", aber Konzepte von Denkern ?

    Interessant wird es sein, die Meinungen interessanter Menschen zu lesen, aber " prägen" ?

    • benbek
    • 03.04.2009 um 11:32 Uhr

    ... denn auf lange Sicht ist eben Altruismus die sicherste Methode zu überleben. Gerade dieses Denken, dass eine Gesellschaft und damit auch das Individuum am überlebensfähigsten ist, wenn man sich nicht gegenseitig die Birne einhaut, jeder das Eigentum des anderen respektiert und die Gesellschaft für die Schwachen sorgt (denn jeder Einzelne könnten später selbst in diese Situation kommen), hebt doch den Menschen von den Tieren ab, die nur begrenzt zu Kooperation fähig sind.

    Es ist gerade das Problem, dass der Mensch zu unvernünftig für den Altruismus ist, weshalb moralische Institutionen wie die Religion sich in der Vergangenheit vermehrt durchgesetzt haben...

    Antwort auf "Aufklärung"
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    ... ist es besser, wenn man Rücksicht nimmt auf andere. Liebe deinen Nächsten...
    Mich nerven nur die Aufklärungsapostel, die nicht müde werden immer zu die Aufklärung zu glorifizieren. Der Autor scheint mir zu diesen zu gehören. Zitat:
    "Dass Ideen einen Horizont öffnen und die Wirklichkeit ändern können, mag historisch gegolten haben, aber dieser Faden europäischer Aufklärungsgeschichte scheint gerissen."
    Natürlich hatten die Aufklärer Visionen und wollten die Welt verändern. Mir war der Artikel nur zu einseitig pro Aufklärung. Gerade im religiösen Umfelt spielt das Zukünftige ja auch eine grtoße Rolle und das Hoffen (z.B. auf Paradies). 'Würde' ist ja keine Erfindung der Aufklärer sondern mindestens Folge der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1), wenn nicht noch älter. Es ist eben beileibe nicht so, dass alles tolle dieser Welt allein den Aufklärern zu verdanken sein, wie das Zizaz oben suggerieren will.
    Mich nervt halt nur diese einseitige Lobhudelei auf die alten Aufklärer. Da wollt ich halt mein contra geben.
    PS: Ich bin ja auch ein Freund der Vernunft

    Gruß

    ... ist es besser, wenn man Rücksicht nimmt auf andere. Liebe deinen Nächsten...
    Mich nerven nur die Aufklärungsapostel, die nicht müde werden immer zu die Aufklärung zu glorifizieren. Der Autor scheint mir zu diesen zu gehören. Zitat:
    "Dass Ideen einen Horizont öffnen und die Wirklichkeit ändern können, mag historisch gegolten haben, aber dieser Faden europäischer Aufklärungsgeschichte scheint gerissen."
    Natürlich hatten die Aufklärer Visionen und wollten die Welt verändern. Mir war der Artikel nur zu einseitig pro Aufklärung. Gerade im religiösen Umfelt spielt das Zukünftige ja auch eine grtoße Rolle und das Hoffen (z.B. auf Paradies). 'Würde' ist ja keine Erfindung der Aufklärer sondern mindestens Folge der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1), wenn nicht noch älter. Es ist eben beileibe nicht so, dass alles tolle dieser Welt allein den Aufklärern zu verdanken sein, wie das Zizaz oben suggerieren will.
    Mich nervt halt nur diese einseitige Lobhudelei auf die alten Aufklärer. Da wollt ich halt mein contra geben.
    PS: Ich bin ja auch ein Freund der Vernunft

    Gruß

  3. ... ist es besser, wenn man Rücksicht nimmt auf andere. Liebe deinen Nächsten...
    Mich nerven nur die Aufklärungsapostel, die nicht müde werden immer zu die Aufklärung zu glorifizieren. Der Autor scheint mir zu diesen zu gehören. Zitat:
    "Dass Ideen einen Horizont öffnen und die Wirklichkeit ändern können, mag historisch gegolten haben, aber dieser Faden europäischer Aufklärungsgeschichte scheint gerissen."
    Natürlich hatten die Aufklärer Visionen und wollten die Welt verändern. Mir war der Artikel nur zu einseitig pro Aufklärung. Gerade im religiösen Umfelt spielt das Zukünftige ja auch eine grtoße Rolle und das Hoffen (z.B. auf Paradies). 'Würde' ist ja keine Erfindung der Aufklärer sondern mindestens Folge der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1), wenn nicht noch älter. Es ist eben beileibe nicht so, dass alles tolle dieser Welt allein den Aufklärern zu verdanken sein, wie das Zizaz oben suggerieren will.
    Mich nervt halt nur diese einseitige Lobhudelei auf die alten Aufklärer. Da wollt ich halt mein contra geben.
    PS: Ich bin ja auch ein Freund der Vernunft

    Gruß

    • rabin
    • 04.04.2009 um 12:40 Uhr

    NIcht im Ernst kann man behaupten, es gebe einen Mangel an guten Ideen.
    Der Mangel besteht darin, dass die guten Ideen auf viele Widerstände stossen und sich nicht durchsetzen.

    Es gibt kaum ein Gebiet menschlichen Lebens, für das nicht grossartige Visionen vorhanden sind.

    Aber die Wirklichkeit ist von Macht und Interessen bestimmt, die gute Ideen zu verhindern wissen.

    In der Ethik man sich endlich Gedanken darüber, wie gute Idee organisiert werden müssen, damit sie eine Chance haben , Wirklichkeit zu werden.Ohne eine ausgearbeitete Technik der Umsetzung sind sie eben nur Stoff für Sonntagsreden.

    Wieland mit seinem Konstanzer Institut zum Wertemanagment ist führend in Deutschland auf diesem Gebiet. Zu diesem Vorgehen gibt es keine Alternative.

  4. die Ideen fuer eine neue Gesellschaft weiter fuehren als bis vor unsere Haustuere.

    Endlich - muss man sagen - steht die Gesellschaft, wie wir sie seit Jahrtausenden kennen am Abgrund. Das System unserer Gesellschaft funktiionierte lange und hatte Hoehen und Tiefen.

    Jede Zukunftsvision, die sich weiterhin auf den Fundamenten dieser Gesellschaft ausrichtet, ist ueberholt bevor sie ueberhaupt ausgesprochen wird.

    Das Fundament unserer Gesellschaft beruht auf der Werte-Hierarchie, die Klassendenken durch staendiges Vergleichen und Konkurrenzkampf schafft.

    Die Gesellschaft der Zukunft befreit sich von eben dieser Werte-Hierarchie. Die Gesellschaft der Zukunft basiert auf gleicher Wertschaetzung fuer alle. Gleiche Wertschaetzung fuer alle bedeutet nicht, dass alle Menschen gleich sind - sie sind es eben gerade nicht! - sondern dass alle Menschen die gleiche Wertschaetzung erhalten.

    Ich arbeite seit ueber 15 Jahren an der Idee der Wertschaetzungsgesellschaft SIKANTIS.

    Jeder wirklich bahnbrechende Entwicklung startete irgendwann als Vision. Sikantis, die Wertschaetzungsgesellschaft, erreicht unterdessen Tausende von Menschen monatlich. So sieht das Denken fuer morgen aus: das Denken heute ist Realitaet morgen.

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