Als der Vorstand des Großkonzerns Tata in Neu-Delhi den »indischen Volkswagen« Nano präsentierte, gab er auch seiner schärfsten Kritikerin Zucker. »Frau Sunita Narain wird nachts weiterhin ruhig schlafen können«, sagte Ratan Tata mit mildem Spott. Das neue Billigauto verbrauche wenig Sprit und sei daher kaum klimaschädlich.

Eigentlich ein gutes Omen für die Zukunft des Planeten, wenn der mächtige Automanager eines Schwellenlandes mit potenziell einer Milliarde Kunden heute den Energieeinsatz seiner Produkte rechtfertigt; schon dieser öffentliche Druck ist ein Verdienst der adressierten Ökoaktivistin. Überzeugt hat Herr Tata Frau Narain allerdings nicht. »Und wie ich schlecht schlafe!«, gab die Direktorin des Centre for Science and Environment (CSE) zurück, »auch wegen der anderen Autos.«

In ihrem winzigen Büro in Delhis Habitat Centre listet »Indiens Umweltgewissen« die Albträume noch einmal auf: Megastaus in den Metropolen, noch mehr Luftverschmutzung, Asthma bei Kindern und Alten; das alles zusätzlich zur Verschärfung der Erderwärmung, deretwegen Dürren und Fluten schon jetzt besonders die Armen heimsuchen. Überdies, sagt sie, könne sich die Mehrheit ihrer Landsleute selbst diesen Kleinwagen gar nicht leisten. Ratan Tata werde also erst dann »ein Held«, wenn er »einen Nano-Bus entwickelt«.

Zierlich wie eine Prinzessin, fast mädchenhaft wirkt die 47-Jährige im türkisfarbenen Sari, mit bravem Mittelscheitel, lautem Lachen und aufmerksamem Blick. Aber ihre Argumente reiht sie – »machen wir uns nichts vor« – knallhart, staatsfraulich und nachdrücklich aneinander. Und passioniert: Die Kontroversen, in die sie sich stürzt, treffen für sie stets ins Mark eines Konfliktes, »der mir gerade am meisten am Herzen liegt«.

Jetzt also: Auto oder Bus. Bei dieser Entscheidung verbinde sich, sagt Narain, »das ganz große Ding«, der Kampf gegen Ressourcenverschwendung und Klimawandel, mit der Verantwortung, »hier, direkt hier vor unserer Haustür« die Sache anzupacken.

Genau daher rührt der Erfolg der streitbaren Ökologin: dass sie Welt und Wohnort, Denken und Handeln stets zusammenbringt. Als Publizistin und Aktivistin spürt Sunita Narain die neuralgischen Punkte komplexer globaler Probleme auf, zettelt mit wissenschaftlichen Daten öffentliche Debatten darüber an und wirkt auch noch an den Lösungen mit. Dafür zählt die Zeitschrift Foreign Policy sie zu den 100 wichtigsten Intellektuellen der Welt, und das US-Magazin Time nennt sie eine von Indiens einflussreichsten Persönlichkeiten. Auch den indischen »Bundesverdienstorden« Padma Shri hat sie erhalten und den Stockholmer Wasserpreis.

Das große Ding: Schon vor bald 20 Jahren weckte ihr Institut pionierhaft das Bewusstsein dafür, dass Umweltschutz auch in Entwicklungsländern kein Luxus ist. Gerade die Armen, sagt Narain, »sind davon abhängig, dass Wald, Wasser, Boden, Luft und biologische Vielfalt intakt bleiben«. Zudem erhoben sie und ihre Mitstreiter den Anspruch der Entwicklungsländer auf globale Ressourcen- und Klimagerechtigkeit. »Ihr Reichen müsst Konsum und Emissionen drastischer als bisher herunterfahren«, fordert Narain bis heute auf allen Podien, »damit wir Entwicklung nachholen können.«