PsychologieEs ist die Hölle

Ein Drittel aller Berufsmusiker leidet unter chronischem Lampenfieber. Was geht dabei im Körper vor? von 

Enrico Caruso musste regelrecht auf die Bühne geschoben werden. Obwohl der Startenor (1873 bis 1921) sehr häufig Konzerte gab, war für ihn jeder Auftritt ein Kampf mit dem Lampenfieber. »Es verdirbt meine Existenz«, sagte er in einem Interview, »und manchmal sehne ich mich nach der Stunde, in der ich mich von der Bühne zurückziehe.« Caruso rauchte vor dem Auftritt Kette, und in einer Tasche seines Fracks verbarg er stets ein Fläschchen mit einem Elixier aus destilliertem Wasser und Orangenextrakt, von dem er auf der Bühne ab und zu ein Schlückchen nahm.

Lampenfieber plagt viele Musiker, und nicht alle bescheiden sich mit derart harmlosen, eher symbolischen Gegenmitteln. Es ist kein Geheimnis, dass vor allem unter den Musikern des klassischen Fachs der Gebrauch von Betablockern verbreitet ist. Diese Medikamente, eigentlich für Herzkranke gedacht, senken die Pulsfrequenz und den Blutdruck. Unter ihrer Wirkung absolvieren die Künstler ihre Auftritte, innerlich immer noch aufgewühlt, aber körperlich ruhiger. Andere wagen sich nicht auf die Bühne, ohne vorher das eine oder andere Gläschen Sekt oder Bier zu trinken. Doch Alkohol und Medikamente mögen zwar beruhigen – die musikalische Qualität steigt dadurch nicht, auch wenn die Musiker selbst den Eindruck haben.

Das Problem des Lampenfiebers wissenschaftlich in den Griff zu bekommen ist nicht leicht. Das fängt schon mit der Definition an: Eine gewisse körperliche und psychische Erregung ist das Salz in der Suppe jedes Liveauftritts, sie sorgt für den Kick, der eine Ausnahmeleistung erst ermöglicht. Der deutsche Begriff »Lampenfieber« beschreibt das ganz bildhaft – das englische Wort stage fright dagegen zeigt, dass irgendwann die Grenze überschritten ist zu einem Angstzustand, der dem Künstler das Leben zur Hölle macht und dann auch auf die musikalische Leistung schlägt. Etwa ein Drittel der Musiker, so wird geschätzt, leidet unter solchen Ängsten, die den Alltag beeinträchtigen.

Während Sportler schon lange wissen, dass es einen optimalen Erregungszustand gibt, bei dem der Athlet die maximale Leistung bringt, und diesen Punkt auch mit allerlei physiologischen Messungen herauszufinden versuchen, ist der Wissensstand über die körperlichen Symptome des Lampenfiebers bei Musikern noch äußerst dürftig. Auf der Jahrestagung der deutschen Musikermediziner, die vergangene Woche in Freiburg stattfand, wurden neue Erkenntnisse dazu vorgetragen.

Bisher beruhten Studien zu den körperlichen Symptomen der Bühnenangst vor allem auf den subjektiven Berichten der Künstler selbst. Sie erzählen von Herzrasen, feuchten Händen, Atemnot, Übelkeit und Schwindel – Symptome, die sie in der Garderobe befallen, bevor sie ins Licht der Scheinwerfer treten. Aber schlägt das Herz der Ängstlichen wirklich schneller als das der Sorglosen?

Zweifel sind erlaubt. Die Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin, Claudia Spahn, verkabelte elf Opernmusiker vom Freiburger Theater mit einem Messgerät, das permanent die Atemfrequenz, den Blutdruck und den Puls aufzeichnete, und verglich die Werte zwischen Probe und Premiere. Nicht alle Messungen waren verwertbar – unter der Hitze der Scheinwerfer begannen die Künstler zu schwitzen, zudem erforderte die Aufführung einen hohen Körpereinsatz. »An einer Stelle lagen zwei Kollegen auf einer Sängerin drauf«, erzählt Spahn – da verrutscht schon mal eine Elektrode oder fällt ganz ab.

Die brauchbaren Messungen ergaben »eine Diskrepanz zwischen den physiologischen Werten und dem Grad der Angst«, sagt Spahn. Just bei der Sängerin, die am meisten mit dem Lampenfieber kämpfte, stieg zum Beispiel der Blutdruck überhaupt nicht an.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Doktorandin Regina Studer vom Institut für Arbeit und Gesundheit an der schweizerischen Universität von Lausanne. Sie verzichtete wegen der technischen Probleme darauf, Musiker beim Konzert selbst zu verkabeln, sondern maß die körperlichen und psychischen Werte zehn Minuten vor dem Auftritt – einmal in einer harmlosen Probensituation und einmal vor Publikum. Man log den Studenten sogar vor, ihr Konzert würde von wichtigen Experten begutachtet.

Obwohl die besonders ängstlichen Musiker unter anderem angaben, ihr Puls beginne in der »ernsten« Auftrittssituation zu rasen, stiegen weder ihre Herzfrequenz noch ihr Blutdruck signifikant stärker an als bei den Musikern ohne Auftrittsangst. »Wir wissen noch nicht, ob die Ängstlichen da etwas wahrnehmen, was nicht existiert«, sagt die junge Forscherin, »oder ob die anderen einfach anders mit den Signalen ihres Körpers umgehen.«

Die einzige Ausnahme: Die Musiker mit Bühnenangst hatten unter Konzertbedingungen einen deutlich niedrigeren CO₂-Wert in der ausgeatmeten Luft – ein Zeichen dafür, dass sie in dieser Situation hyperventilieren, also mehr Luft einatmen, als ihr Körper braucht. Gezielte Übungen zur Atemkontrolle, sagt Studer, könnten ein Ansatz sein, die Angst in den Griff zu bekommen.

Viele klassische Musiker fürchten sich gar nicht so sehr vor dem Publikum, sondern vor dem Urteil der Kollegen. Während ein Jazzmusiker einen falschen Ton in einem Solo geschickt überspielen kann, geht es in der Klassik darum, einen vorgegebenen Notentext fehlerfrei wiederzugeben. Das Publikum mag einen Verspieler tolerieren, solange es von der Emotion des Musikers ergriffen ist – die Kollegen und Lehrer sind unerbittlich. Insbesondere in Vorspielsituationen, wenn es um die Aufnahme an der Hochschule oder den Platz in einem Orchester geht. Anonym stehen die Musiker hinter einem Vorhang und müssen eine fehlerfreie Version des Pflichtstücks abliefern. Mit Freude am Musizieren hat das wenig zu tun. Claudia Spahn sagt ihren Patienten, die vor diesen Prüfungen Angst haben: »Wenn Sie damit nicht klarkommen, sind Sie eigentlich total gesund. Man kann aber lernen, damit besser umzugehen.«

»Wir haben eine komische Fehlervermeidekultur«, sagt auch Eckart Altenmüller, Musikermediziner von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover (der zusammen mit einer Kollegin gerade herausgefunden hat, wie früh das Gehirn falsche Noten erkennt, siehe Kasten). Diese Kultur befördere einen seelenlosen musikalischen Perfektionismus. Man müsse an einer »Humanisierung des Musizierens« arbeiten, die Vermittlung von Gefühlen müsse wieder im Vordergrund stehen – dann litten vielleicht auch weniger Musiker unter Ängsten.

Aber auch in der als so spontan und locker geltenden Popmusik gibt es Künstler, die dem Druck der Auftrittssituation nicht standhalten. Nur wenige sind dann so konsequent wie Annette Humpe vom Popduo Ich + Ich. Nach jahrelanger Quälerei singt die 58-Jährige nur noch im Studio – die Liveauftritte muss ihr Partner Adel Tawil solo absolvieren.

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Leserkommentare
    • keox
    • 05. April 2009 18:04 Uhr

    Kurz vor meinem Auftritt auf der Theaterbühne vermißte ich einmal mein immenses Lampenfieber, unter dem ich immer litt wie kein zweiter.

    Diese ungewohnt relaxte Verfassung stürzte mich in Panik. Wie sollte ich meine Figur auf die Bühne bringen, so ganz ohne Spannung?

    Prompt meldete sich meine gewohnte Anspannung - man will nur noch weg - und alles lief gut.

    Einmal nur traf ich ein Mitglied eines Musikerensembles, der mir glaubhaft versichern konnte, nie Lampenfieber gehabt zu haben. Aber auch er kannte keinen zweiten, dem es ebenso ging.

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  • Schlagworte Psychologie | Adel Tawil | Bühne | Konzert | Künstler | Musiker
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