Re:publica heißt der Kongress. Der Doppelpunkt ist kein Druckfehler, sondern eine Anspielung auf die Betreffzeile einer E-Mail. Deutschlands größtes Blogger-Treffen will Antworten versuchen auf neue Fragen. 1400 Teilnehmer, drei Tage, ihr Motto: "Shift happens!" Und wir machen unterdes einen ganz realen Stadtrundgang an fünf Orte, die für das virtuelle Berlin mehr als symbolische Bedeutung haben.

Mächtig groß steht der Friedrichstadtpalast zwischen Oranienburger Tor und S-Bahnhof Friedrichstraße. Früher Zonengrenzgebiet, heute teure Hauptstadtlage. Die DDR hatte ihn neu bauen lassen, 1984, mit viel Plüsch und Hightech. Das Internet gab es noch nicht. Doch jetzt spannt sich das Netz bis in den Palast: Wo einst realsozialistische Revuegirls die Beine hochwarfen, gibt es von Mittwoch bis Freitag dieser Woche die höchste Laptop-, iPhone- und Blackberry-Dichte der Republik. Manch ein Zeitgenosse weiß zwar noch immer nicht, was Bloggen ist – aber der Ort der Tagung beweist: Die Blogger sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Südlich des Potsdamer Platzes verläuft der Landwehrkanal. An seinem Ufer endet das touristische Berlin. Auf der anderen Seite, in einem sechsstöckigen Hochhaus mit silbergrauer Fassade, Lützowstraße 105, befindet sich das Schaltwerk BCIX. Wozu es gut ist, sagt die Website auf netztypische Art und Weise: Es sei eine "Colocation, an der Peerings über Inhouse-Verkabelung aufgeschaltet werden können". Neben dem Eingang hängt ein Schild: "Rauchen und Aufenthalt verboten". Ein Mann, der nach Systemadministrator aussieht, steht davor, raucht und liest abwechselnd einen Gedichtband und seinen Blackberry. All das sieht nach nichts aus – aber dies ist einer von drei wichtigen Knotenpunkten, die Berlin und große Teile Ostdeutschlands mit dem weltweiten Netz verbinden. So langweilig ist Fortschritt. Kritiker haben es immer gewusst!

Am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte kreuzen sich zwei Tramlinien, eine U-Bahn, fünf Straßen und eine Buslinie. Sankt Oberholz heißt das Eckcafé. Angeblich war es Berlins erstes Café, das seinen Gästen ohne Aufpreis Internet per Funk anbot. Zudem Strom, Selbstbedienung, schöne Menschen. Yuppiesk ist es hier. Und geschichtsträchtig. Döblin soll hier in den 1920ern Berlin Alexanderplatz geschrieben haben. Was man sich kaum noch vorstellen kann: Ohne Laptop!

Kuchen satt, reichlich Kitsch. Viele Besucher arbeiten am aufgeklappten Schirm, Holländer und Spanier telefonieren übers Internet lautstark nach Hause – per Skype. Wenn auf einmal alle Gäste irritiert von ihren Geräten aufsehen, ist das Internet weg. Das geschieht ab und zu. Die Heimtelefonierer hacken dann wie wild auf ihren Tastaturen herum. Zur Not kann man umschalten – auf das Funknetz vom Hostel gegenüber oder das des nahen Waschsalons oder auf eines der anderen 27 empfangbaren Netze. Aber sobald einer sich bequemt, dem Personal Bescheid zu geben, gibt es auch im Oberholz wieder Internet. Dieses Café wird die Großmutter nicht mehr verstehen lernen.

Abplatzendes Plastik, Leertaste kaputt, auf das Laptop gesetzt – was tun, wenn die Kiste nicht mehr geht? Oder eine neue hermuss? Die einen gehen in die großen Kaufhäuser. Die anderen in die kleinen Computerläden, die genauso gut Galerie, Café, Kinder- oder Fahrradladen sein könnten. Im Hinterhof an der Kastanienallee am Prenzlauer Berg sitzt Fux Data. Schaufenster zur Straße mit vergilbten alten Computern, Eingang 2. Tordurchfahrt. Kabelsalat, Kistenstapel. Das Servicepersonal kultiviert den ortstypischen Umgang, der Ton ist noch robuster als der mancher E-Mail.