Arktis Kampf um den Pol
War der Amerikaner Robert E. Peary vor 100 Jahren wirklich der erste Mensch am Nordpol?

© Hulton Archive/Getty Images
Robert Edwin Peary (1856 - 1920) im Basislager nach seiner Rückkehr vom Nordpol
Endlich der Pol! Der Preis von drei Jahrhunderten! Mein Traum und Ziel seit zwanzig Jahren. Endlich mein!« Vier Sätze nur, geschrieben auf einen Zettel, angeblich am 6. April 1909, eingelegt in ein Tagebuch. Robert Edwin Peary reklamierte so vor hundert Jahren, als erster Mensch den Nordpol erreicht zu haben.
Er lässt zwei Iglus bauen, dazu das Sternenbanner hissen und seinen Diener und die vier Inuit-Schlittenführer dreimal donnernd »Hoch!« rufen. Er steckt ein Papier in eine Flasche und schiebt sie in eine Eispyramide. »Ich habe«, heißt es auf dem Zettel, »im Namen des Präsidenten der Vereinigten Staaten förmlich von der ganzen Umgegend Besitz ergriffen.« Es gibt ein Foto, er schüttelt allen fünf Begleitern die Hand, »gewiss eine recht unzeremonielle Sache und gleichzeitig doch eine ganz demokratische«, wie es später in seinem Expeditionsbericht heißt. Nun endlich, mit 52 Jahren, steht er dort, »wo jeder Wind, der uns entgegenblasen konnte, ein Südwind sein musste«. Am Nachmittag des 7. April bricht er zur Rückreise auf.
Vielen Historikern gilt der Amerikaner seither als der Entdecker des nördlichen Pols, als erster Mensch, der auf 90 Grad Nord gestanden hat. Peary, geboren am 6. Mai 1856 in Cresson, Pennsylvania, war von den vielen Arktisforschern jener Zeit wohl der fanatischste und erfolgreichste, aber, glaubt man den meisten Biografen, gewiss nicht der sympathischste. Aufgewachsen als Halbwaise und erzogen von der Mutter, entwickelt er schnell einen überbordenden Ehrgeiz. »Ich habe darüber nachgedacht, wie ich mit 30 oder spätestens mit 35 Jahren sein möchte«, schreibt er 1880 als 24-Jähriger in einem Brief: »groß, aufrecht, breitschultrig und mit kräftigem Brustkorb, zäh und ausdauernd […]; dazu ein todsicherer Schütze, ein kraftvoller, nie ermüdender Schwimmer und erstklassiger Reiter, ein geschickter Boxer und Fechter.« Natürlich will er einige Fremdsprachen beherrschen und sich sicher auf jedem gesellschaftlichen Parkett bewegen.
Er wird Bauingenieur bei der Marine und ist froh über seinen ersten Job. »Ich bin Boss, statt gebosst zu werden«, schreibt er seiner Mutter. »Habe mehr als 100 Leute unter meiner Kontrolle.« Doch das füllt ihn nicht aus, er will mehr. 1884 lässt er sich nach Nicaragua versetzen, wo die USA mit dem Bau eines Kanals eine Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik schaffen wollen (sie wird erst 1914 mit der Vollendung des Panamakanals Wirklichkeit). In jener Zeit liest er ein Buch des skandinavischen Forschers Adolf Erik Nordenskiöld, der 1878/79 erstmals die Nordostpassage durchfahren hat. Danach steht sein Entschluss fest: Der Weg zum Ruhm führt nach Norden, zum Nordpol.
Peary nimmt Urlaub von der Marine, leiht sich Geld bei seiner Mutter, reist reichlich naiv nach Grönland, kauft ein paar Hundeschlitten und versucht, das Eis zu durchqueren. Nach 150 Kilometern muss er umkehren. Ein Triumph ist das nicht, und sein Brief an die Mutter klingt schon fast verzweifelt: »Vergiss nicht, ich muss berühmt sein.«
»Das Spiel ist aus. Ich habe so lange gekämpft, wie ich konnte«
Die Polarregionen sind noch weitgehend Terra incognita. Die Deutschen Carl Koldewey und Paul Friedrich Hegemann dringen 1869 bis 77 Grad Nord vor. Eine österreichisch-ungarische Forschergruppe lässt sich von 1872 bis 1874 nach Norden treiben und entdeckt dabei jenes heute zu Russland gehörende Archipel, das sie Franz-Joseph-Land nennen. 1875/76 erreicht der Brite George Nares 83° 20' N. Die Entdecker widerlegen zumindest einige Theorien: Das Nordmeer wäre am Pol selbst eisfrei und warm und nur von einem dicken Eisring im Meer umgeben. Auch Vulkaninseln, wie vermutet, finden sie nicht.
Doch bleibt genug zu tun: die Küste Grönlands kartieren, die Strömungen des Polarmeeres erforschen, die Kultur der »Eskimos«, der Inuit, dokumentieren. Peary aber ist kein Forscher, er ist Entdecker; er will Erster sein. Erster am Nordpol.
Seine nächste Reise ist deshalb auch eine Vorbereitung zur Attacke. Er plant sie gründlicher, hält Vorträge in Akademien, sucht und findet Sponsoren wie die Fotofirma Kodak und das Museum of Natural History in New York, die ihn nicht nur finanziell unterstützen. Die American Geographical Society sorgt beispielsweise dafür, dass ihn die Marine beurlaubt. Peary wird hauptberuflich Entdecker. Es gelingt ihm, nicht nur neue Erkenntnisse zu versprechen, sondern auch Emotionen zu wecken, Abenteuerlust und nationales Pathos.
1892 durchqueren Peary und der Norweger Eivind Astrup Nordgrönland. Sie ziehen am Kap Alexander an der Nordwestküste los und erreichen nach neun Wochen die Independence Bay im Norden. Peary wiederholt diese Reise von 1893 bis 1895 – doch diesmal kehrt er nur mit Glück und halb verhungert in sein Basislager zurück.
Nach seiner Rückkunft wird er in den USA dennoch gefeiert. Er bringt sechs Inuit mit (die im Keller des Anthropologischen Museums des Smithsonian Institute in Washington – eines der Hauptsponsoren – einquartiert werden und von denen vier kurz darauf sterben). Dazu zwei große Meteoriten, aus deren Metall die Polarbewohner Pfeilspitzen, Harpunen- und Messerschneiden fertigten. Die Inuit verehrten die Steine, schreibt Peary. Denn diese ermöglichten es ihnen, deren »Lebensraum kein Metall aufweist, von der Stein- zur Eisenzeit aufzusteigen«.
Angeheizt von Zeitungsberichten, staunen die Amerikaner über die Zeugnisse der geheimnisvollen Arktiskultur. Peary hält Vorträge im Akkord, 165 in 103 Tagen. Sein Honorar: bis zu 2000 Dollar pro Auftritt. Das kann er verlangen, auch weil sich kein anderer Expeditionsteilnehmer – so wollen es seine Verträge mit ihnen – öffentlich äußern darf.
Peary bietet viel Show für das Geld: Er lässt auf den Bühnen ein Polarlager aufbauen, man sieht Iglus, im Hintergrund Eisberge und den Umriss eines Eisbären. Alles aus Holz, Stoff und Papier. Pearys schwarzer Diener Matthew Henson treibt, schwitzend in seinem Pelzanzug, einige zahme Huskies, die einen hoch beladenen Schlitten ziehen, auf die Bühne. Hundegeheul. Henson schirrt die Hunde ab. Sie legen sich zu Pearys Füßen. Peary spricht, er spricht über die Einsamkeit der Polarnacht, die Kälte, die Walrossjagd – und über seine Frau, die auf der letzten Expedition mit dabei war und ihr gemeinsames Kind in Grönland zur Welt brachte. Über die Kinder, die er auf anderen Reisen mit Inuitfrauen zeugte, verliert er freilich kein Wort.
Peary erhält die Goldmedaille der American Geographical Society und die der britischen Royal Geographical Society. »Der größte Gletscherreisende der Welt«, heißt es über ihn in der Laudatio der Briten, obwohl zur selben Zeit der Norweger Fridtjof Nansen aus dem Norden zurückkehrt. Dieser hat sich mit seinem Boot Fram im Packeis einschließen lassen und versucht, den Pol auf Skiern zu erreichen.
Wissenschaftlich zeigen Pearys Unternehmungen bislang keinen Ertrag. Doch sein System der Arktiserforschung scheint zu funktionieren. Haben die ersten Entdecker auf eine größtmögliche Mannschaft gebaut, dazu viel Proviant transportiert, so setzt Peary auf eine kleine Truppe und die Unterstützung durch Inuit. Es gibt Vorauskommandos, die jagen, Vorratslager anlegen und den Weg ebnen. Das eher kleine Expeditionskorps folgt ohne große Ausrüstung, um frisch für den großen Vorstoß zu sein. Peary lernt die Überlebenstechniken der Inuit: Er führt kein Zelt mit sich, sondern lässt Iglus bauen, er trägt keine Wolle, sondern Fellkleidung, und er schläft auch in ihr statt wie die Europäer in Schlafsäcken.
Nur sein Ehrgeiz verführt ihn mitunter: Bei seinem längsten Aufenthalt in der Polarregion von 1898 bis 1902, als er mit Macht versucht, den Pol zu erreichen, erfrieren ihm am Beginn der Reise die Zehen. Acht müssen amputiert werden.
Dennoch bleibt er im Norden. Drei Jahre später, 1902, wird sein Vormarsch bei 84° 17' N beendet, ein breiter Lauf offenen Meeres versperrt ihm den Weg. »Das Spiel ist aus«, notiert Peary in sein Tagebuch. »Der Traum meiner letzten 16 Jahre ist zu Ende. Ich habe so lange gekämpft, wie ich konnte, und ich glaube, es war ein guter Kampf. Aber ich kann das Unmögliche nicht vollenden.« Nicht einmal ein Trost bleibt ihm: am weitesten im Norden gewesen zu sein. Denn auf der Rückreise erfährt er, dass im Jahr 1900 eine italienische Expedition unter Kapitän Umberto Cagni bis nach 86° 34' N vorgedrungen ist, mehr als 250 Kilometer weiter nach Norden als er selbst.
Sein Stern sinkt. »Es wäre sinnlos, meine Enttäuschung zu leugnen, dass es Commander Peary nicht gelungen ist, den Pol zu erreichen«, diktiert der Bankier Morris Ketchum Jesup, der ihn bis dahin unterstützt hat, 1906 nach einer weiteren gescheiterten Expedition den Reportern der Washington Post. Pearys Buch Nearest to the Pole wird ein Ladenhüter, nur 2230 Exemplare kann er verkaufen, und statt der erhofften 100.000 Dollar spült es nur 5000 in seine Kasse. Das Publikum wendet sich einem anderen Helden zu: Frederick Albert Cook.
Der Arzt aus New York war 1891/92 auf Pearys zweiter Expedition dabei und hatte sich danach mit ihm zerstritten, weil dieser, wie stets, niemandem zugestehen wollte, irgendwelche Ergebnisse der Reise zu veröffentlichen – nicht einmal medizinische Studien in einer Fachzeitschrift. Cook hat dann andere Expeditionen geleitet, darunter 1898/99 die der Belgica, auf der auch Roald Amundsen seine erste Polarfahrt machte. Der spätere Südpolbezwinger lobte den Amerikaner: Er sei ein Mann, »dessen Mut niemals sank, der immer heiter, stets voller Hoffnung und unermüdlicher Hilfsbereitschaft war«.
1906 überrascht Cook die Welt mit einer Heldentat: Als erster Mensch steht er auf der vereisten Spitze des 6194 Meter hohen Mount McKinley (Denali) in Alaska, des höchsten Berges Nordamerikas. Sein Bericht wird ein Bestseller, sein Ansehen in der Öffentlichkeit steigt – ebenso sein Wagemut. Im Juli 1907 reist Cook in Richtung Grönland ab. Angeblich, um Felle zu erbeuten, aber seine Vorratsliste ist verdächtig lang, und im Herbst kommt die Nachricht, sein Ziel sei nun der Nordpol.
Pearys Ehrgeiz ist erneut geweckt. Doch er muss warten, sein Schiff ist noch nicht bereit. Ihm fehlt schlicht eines: das Geld. Zwanzig Jahre Entdeckerleben – vergebens? Wird Cook nun Ruhm und Ehre stehlen, wird jener unsterblich werden, während man ihn selbst vergisst? Das darf nicht sein!
Peary gelingt es, die Öffentlichkeit erneut für sich zu gewinnen. Doch das Geld fließt zäher als früher. Er muss Kredite aufnehmen – Kredite, die, so wird ihm versichert, Sponsoren übernehmen, sollte er den Pol erreichen. Falls nicht, wäre er bankrott. Alle wissen: Es ist sein letzter Versuch, es muss gelingen.
Am 6. Juli 1908 ist es so weit: Im Hafen von New York bricht Peary auf dem Dampfschiff Roosevelt unter dem 33-jährigen Kapitän Robert Bartlett in Richtung Eismeer auf. Rasch gleitet die Küste vorbei. Die See ist spiegelglatt, bei Labrador tauchen die ersten Eisbrocken auf, dann Eisberge. Grönland in Sicht. Steile Klippen, blendend weiß. Wallendes Inlandeis, leuchtende Eisberge, mal weiß, mal grau, mal blau. Die Sonne geht jetzt nicht mehr unter.
Durch den Smithsund geht es nach Norden zwischen Grönland und der Ellesmere-Insel hindurch, in deren Norden die Reisenden ihr Winterquartier beziehen. Sie schaffen Lebensmittel und Ausrüstung zum Cape Columbia, wo die Expedition dann am 28. Februar 1909 aufbricht. Es sind mehrere Gruppen: Eine, die den Weg bahnt, andere übernehmen den Transport, und zuletzt, am 1. März 1909, folgt die Truppe unter Pearys Kommando.
Sie wandern über das zerklüftete Eis des Nordpolarmeeres. Kälte und Wind greifen an. Das Marschtempo ist hoch, Mitte März kehren die Ersten um. Am 23. März sind 85° 48' N erreicht, am 1. April dann 87° 46' 49'' N. Das ist die letzte Messung, die Bartlett vornimmt; er muss danach – 246 Kilometer vor dem Ziel – umkehren, obwohl Peary ihm versprochen hat, dass er in der Polgruppe sein soll. Stattdessen nimmt er seinen ihm treu ergebenen Diener Matthew Henson sowie die Inuit Egingwah, Seeglo, Ootah und Ooqueah mit. »Er war nicht herzlos«, schreibt Bartlett später über Peary, »sondern verhielt sich nur geschäftsmäßig. So war er immer.«
Geschäftsmäßig und geschäftstüchtig. In seinem Journal notiert Peary, mit welchen Produkten er die Menschheit nach seiner Rückkehr beglücken will: »Nordpol-Bärenfellstück als Souvenir für Frauen, spezielles Paar ›Peary-Nordpol-Schneeschuhe‹ herstellen lassen, ein Muster ›Peary-Nordpol-Schlitten‹ anfertigen lassen. Nordpolmäntel, -anzüge, -zelte, -kocher auf Sportausstellungen mit männlichen und weiblichen Verkäufern in Eskimokostümen.«
Selbst am 6. April 1909 finden sich in seinem Tagebuch nur solche Vermarktungsideen. Das bleibt verwunderlich, ist es doch, laut seinem veröffentlichten Bericht, der große Tag, an dem er den Pol erreicht haben will. Er belegt das später mit angeblich authentischen Messdaten. Doch nur er kann zu jenem Zeitpunkt, nach Bartletts Umkehr, mit einem Sextanten umgehen. Es gibt keinen Zeugen.
17 Tage später, am 23. April, ist die Gruppe zurück am Cape Columbia. Doch Peary verhält sich gar nicht wie ein Sieger. Bartlett, der erst drei Tage zuvor zurückgekehrt ist, obwohl er doch eine etwa 500 Kilometer kürzere Strecke zu bewältigen hatte, gratuliert Peary in der Annahme, dieser habe das Lebensziel erreicht, »zur Entdeckung des Pols«. Pearys Antwort: »Wie kommen Sie denn darauf?«
Cook hat schon einmal gelogen, Peary gewinnt das Rennen
Peary schickt auch kein jubelndes Telegramm nach Hause, sondern meldet sich erst am 6. September in der Weltöffentlichkeit zurück: Er sei als Erster am Nordpol gewesen, er sei der Nordpolbezwinger. Denn inzwischen hat er erfahren, dass sich Frederick A. Cook als solcher in Dänemark feiern lässt.
Nach beider Rückkehr in die USA beginnt eine Propagandaschlacht. Die Öffentlichkeit ist verunsichert. So glauben Cooks Behauptung, er sei bereits am 21. April 1908 am Pol gewesen, 73.000 Leser der Pittsburgh Press, nur 2800 hingegen, Peary sei im April 1909 der Erste gewesen. Doch langsam schwindet Cooks Renommee. Tatsächlich hat er schon einmal gelogen. Er ist nie auf dem Gipfel des Mount McKinley gewesen – die Fotos, die ihn dort zeigen sollen, wurden in etwa 1800 Meter Höhe aufgenommen. Misstrauen erregen jetzt auch seine Polarbilder: Sie erscheinen wie Ausschnitte alter Grönlandfotos. Und nicht zuletzt gibt es Zweifel an seinem Marschtempo und der Route.
Cook kündigt immer wieder neue Beweise für seine Pol-Eroberung an, doch sie bleiben aus. Je tiefer Cooks Stern sinkt, desto höher steigt der Pearys. Beweise sind da nicht so wichtig. Einer von beiden war mit Sicherheit am Pol – so will es die Öffentlichkeit. Pearys Aufzeichnungen sind zwar auch seltsam lückenhaft, und die einzige Bemerkung im Tagebuch über das Erreichen des Pols, die vier zitierten Sätze, wurde erst hinterher auf einem losen Zettel eingeschoben. Aber das ist der Öffentlichkeit egal. Zwar war sein Marschtempo so unwahrscheinlich wie das von Cook, zwar sind seine Messungen unvollständig und seine Ortsbeschreibungen mangelhaft – doch das ist selbst den wissenschaftlichen Einrichtungen egal. Die Zeit sucht sich ihren Helden. Nach und nach entschließen sich die geografischen Gesellschaften der Welt, ihn als Eroberer des Pols anzuerkennen: Er wird überschüttet mit Preisen und Goldmedaillen. Hochgeehrt stirbt Robert E. Peary am 20. Februar 1920 in Washington.
Sechs Jahre später überfliegen Roald Amundsen, Lincoln Ellsworth und Umberto Nobile an Bord des Luftschiffs Norge den Pol, 1948 landet ein sowjetisches Flugzeug unter Alexander Kusnezow dort, und der Amerikaner Ralph Plaisted erreicht am 20. April 1968 als Zweiter – als Erster? – den Pol übers Eis, in einem Schneemobil. Heute bieten Reisefirmen Touren dorthin an. Vorausgesetzt werden Fitness, etwa zehn Tage Zeit und knapp 20.000 Euro.
Der Nordpol selbst interessiert kaum noch einen Forscher. Die Arktis umso mehr. Hier lässt sich der Klimawandel erforschen und dokumentieren. Hier werden im Meeresboden riesige Öl- und Gasvorkommen vermutet. Deshalb versuchen die Anrainerstaaten – die USA, Kanada, Dänemark, Norwegen und Russland – nachzuweisen, dass sich ihr Festlandsockel möglichst weit in die Arktis hinein erstreckt. Im August 2007 pflanzte ein russisches Tauchboot 4261 Meter unter dem Meeresspiegel am geografischen Nordpol eine russische Flagge in den Meeresboden.
Wahrscheinlich haben weder Cook noch Peary den Pol gesehen. Doch was hätte es auch schon zu entdecken gegeben? Dort ist nichts, jedenfalls nichts, was den Pol von seiner Umgebung unterscheidet. Kein Gestein, keine Markierung. Er ist nur eine Idee, ein gedachter Punkt auf 90 Grad Nord, ohne Ausdehnung, ohne Gesicht. Der wahre Zweck des Abenteuers war nicht, den Pol zu entdecken, sondern zum Helden zu werden. Für Amerika – und für Mutter.
Der Autor ist Schriftsteller und Journalist, er lebt in Berlin
- Datum 01.04.2009 - 13:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.04.2009 Nr. 15
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