Der Rat, dass man sein Leben ändern müsse, erscheint in zweifacher Hinsicht banal. Banal, da es der warnende Freundessatz ist, den wir hören, wenn sich jemand Sorgen macht um unser Wohlergehen: Du musst weniger rauchen! Mehr schlafen! Abnehmen! Derlei lebenspragmatische Veränderungen gelingen, wenn auch mühsam, bisweilen. Bezogen auf Gruppen – »Wir müssen unser Leben ändern« –, erscheint der Imperativ als naiv, verweist er doch auf ein Kollektivsubjekt und damit auf einen Adressaten, der in einer funktional differenzierten Gesellschaft kaum mehr als kohärente Größe greifbar ist und auf den man nach den fatalen Irrungen des 20. Jahrhunderts ohnehin ungern setzen mag. Kaum etwas ist desavouierter als die Masse, die sich verordneten Lehrsätzen beugt.

Es ist, untertrieben gesagt, nicht ohne koketten Reiz, wenn Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch Du mußt dein Leben ändern weltreformatorische Ratschläge erteilt. Sein Duktus ist der des Sehers inmitten von Blinden, der mutig die Furche zum Heil zieht. Diese Furche ziehe nur, wer gewohnte Pfade verlasse. Wir seien, glaubt Sloterdijk, Gewohnheitstiere, unablässig Übende noch in den nichtigsten Verrichtungen. Und gleichzeitig waghalsige Durchbrecher unserer Alltagsriten: Einige wenige reißen regelmäßig aus der habituell festgefahrenen Herde aus, um noch unerreichte Gipfel innerer Einkehr zu erklimmen, bis es die anderen ihnen, zunächst widerwillig, nachtun.

Wer Menschen sucht, der wird Akrobaten finden

Sloterdijk entfaltet von dieser Gedankenfigur aus eine von biologistischen Implikationen entschlackte Phänomenologie des Übermenschen und Ausreißers, die er am Begriff der Übung ausrichtet. Übung meint die Gesamtheit sozialartistischer Praktiken: asketische Selbstgeißelungen von Mönchen, Fußballspielen, Addieren, das Violinenspiel des Armlosen, der seine Kunst mit Füßen ausübt. Diese rasante, über 700 Seiten starke, die gesamte Weltgeschichte umspannende Ideen- und Verhaltensanalyse führt ihn von den Arenen der Antike zu den frühen Christen, vom Karma indischer Teleologie zu Kafkas Hungerkünstler, von sezessionistischen Künstlerfiguren um 1900 zur modernen Arbeits- und Eventgesellschaft, die im Zeichen triumphalen Unheils strahlt – und krankt dabei an einem bis zur Metapher ausgehöhlten Übungsbegriff, den sie zur Voraussetzung hat.

Übung sei »jede Operation, durch welche die Qualifikation des Handelnden zur nächsten Ausführung der gleichen Operation erhalten oder verbessert wird, sei sie als Übung deklariert oder nicht«. Aktionen wirkten stets auf den Akteur zurück, die Gedanken auf den Denkenden, die Gefühle auf den Fühlenden. Dieses prinzipiell unendlich sich wiederholende Rückwirken, Voraussetzung von »Hochkultur«, hat Sloterdijk zufolge stets übungshaften Charakter: »Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden.« Übung sei von der »immunitären Verfassung« des Menschen abgeleitet, seiner anthropologischen Schutzbedürftigkeit und Todesfurcht, die ihn zur beständigen Perfektionierung seiner Lebensumstände umtreibe.

Unser aller Gipfeldrang ist eine Vertikalspannung, die fälschlicherweise, so Sloterdijk, ausgerechnet vom Aufklärungsdiskurs an als religiös begriffen wurde und in der Islamismusdebatte und Papstverehrung noch immer wird – ein Menschheitsmissverständnis, mit dem endlich aufgeräumt werden soll. Ritus (»spirituelle Übungssysteme«) sei immer dort am Werk, wo notorisch die Existenz von Religion vermutet werde. Mit dem weitherzigen Oberbegriff »Übung«, die sich in einem »homo artista« niederschlage, wird nicht nur der Homo Faber zu suspendieren versucht, sondern auch die Chimäre des Homo religiosus.

Doch der postsäkulare Eifer des Westens ist derart überhitzt nicht. Hier nimmt der Athlet Sloterdijk einen energischen Anlauf, um über eine recht niedrige Hürde zu springen. Wie denn überhaupt der Karlsruher Philosoph unter erheblicher Vertikalspannung steht. Er begreift sich als Pionier einer Philosophie der Anthropotechnik, die das übende Leben zum Gegenstand hat und die nahezu alles bisher Gedachte vom Kopf auf die Füße stellen soll, mithin die als verknöchert begriffenen universitären Einrichtungen, denen Sloterdijk eine Allgemeine Disziplinik entgegenstellt, die Athletik, Meditation, Gastronomik und allerlei mehr beinhalten müsse.