ZEITmagazin: Herr Bundeskanzler…

Gerhard Schröder: Herr Schröder, das reicht.

ZEITmagazin: Herr Schröder, wir möchten mit Ihnen über Russland reden.

Schröder: Ich möchte vorher etwas klarstellen. Es gibt Kollegen von Ihnen, die sagen, sie möchten über Russland reden, wollen aber in Wirklichkeit nur über den Fall Chodorkowskij sprechen, beispielsweise. Deutsche Medien möchten häufig Russland nur definieren über scheinbare und tatsächliche Verfehlungen, die es natürlich auch gibt. Wenn Sie das Land alleine unter diesem Aspekt bewerten wollen, bin ich der falsche Mann.

ZEITmagazin: Michail Chodorkowskij gehörte zu den reichsten Männern Russlands. Jetzt sitzt der einstige Milliardär seit Jahren im Gefängnis, und es stehen immer wieder neue Prozesse an. Verstehen Sie den Zorn, mit dem Wladimir Putin diesen Mann verfolgt?

Schröder: Ich weiß gar nicht, ob Wladimir Putin zornig auf ihn ist. Ich habe das wahrgenommen als eine Auseinandersetzung zwischen der russischen Justiz und Chodorkowskij. Ich habe mit Putin nie über diese Angelegenheit geredet und weiß gar nicht, wer da auf wen Zorn haben könnte. Ich habe diesem Fall nicht die Aufmerksamkeit gewidmet, die er in der deutschen Presse bekommen hat. Das wird mir gelegentlich vorgeworfen, damit muss ich leben. Mehr kann ich dazu nicht sagen und will ich auch nicht.

ZEITmagazin: Wenn man in dem Umfeld des einen oder anderen Oligarchen recherchiert, hört man immer wieder, diese Leute hätten regelrecht Angst vor Putin.

Schröder: Ich glaube, da werden viele Geheimnisse projiziert in das sogenannte Verhältnis zu den Oligarchen. Ich habe mal einen sehr aufschlussreichen deutschen Film gesehen, in dem beschrieben wurde, wie Putin schon sehr früh mit den Oligarchen gesprochen hat. Ich fasse das mal verkürzt zusammen: Was in der Vergangenheit war, das bleibt euch, aber unter meiner Regentschaft wird Schluss damit sein, dass ihr euch für einen Appel und ein Ei die russischen Ressourcen aneignet. Das scheint mir bis heute eine Position zu sein, die man unbedingt nachvollziehen kann. Heute ist mein Eindruck: Politik und Großwirtschaft lieben sich in Russland nicht, aber sie respektieren sich.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie eigentlich auf die Formulierung, Wladimir Putin sei ein "lupenreiner Demokrat"?

Schröder: Da bin ich selber gar nicht drauf gekommen. Ich saß bei Reinhold Beckmann in der Talkshow, ich war noch Kanzler, und der fragte mich: Halten Sie Putin für einen lupenreinen Demokraten? Ich habe einen Moment überlegt, und eigentlich hätte ich sagen müssen: Wissen Sie, Herr Beckmann, wer ist außer Ihnen schon lupenrein? Aber das war eine Livesendung, ich war Kanzler und hatte im Kopf, du kannst jetzt nicht Nein sagen, denn das hätte bestimmte außenpolitische Implikationen zur Folge gehabt. Ich habe also einfach Ja gesagt. Und seither wird das als mein Satz verstanden. Und ich denke gar nicht daran, das zu dementieren. Jeder Ihrer Kollegen hat mir inzwischen dieses Stöckchen hingehalten, und ich sollte da rüberspringen und sagen, ich habe mich geirrt. Nein, das tue ich nicht. Ich habe mich nämlich nicht geirrt. Ich habe die Person Putin klassifiziert, und ich habe nach wie vor keinen Zweifel an seiner demokratischen Integrität.

Gerhard Schröders Berliner Büro ist gleich neben dem Café Einstein Unter den Linden. Auf dem Gang im vierten Stock weist der kalte Rauch von Zigarren den Weg. Gerhard Schröder trägt einen dunklen Anzug, der akkurate Kragen und die Manschetten seines rot-weiß gestreiften Hemdes wirken wie neu gebügelt. In der Hand hält er eine seiner Cohibas, die er in einem schuhkartongroßen Humidor hinter seinem Schreibtisch verwahrt. Wohin man sieht, Beispiele für kleine und große Kunst. Neben einem kleinen Ensemble von Bildern, die seine Kinder gemalt haben, hängen Skizzen von Markus Lüpertz, Entwürfe für das Foyer des Kanzleramtes. Schräg gegenüber, neben dem Fenster, hat die Collagearbeit eines Leipziger Künstlers ihren Platz gefunden. Sie zeigt den grätschenden "Acker", wie der Fußballspieler Schröder beim TuS Talle damals in den Sechzigern genannt wurde. Wer aus dem Fenster hinaussieht, hat einen guten Blick auf die russische Botschaft auf der anderen Straßenseite. Journalisten haben das gerne bemerkt, Schröder mag es nicht mehr hören. Er habe jetzt eine kleine Wohnung direkt neben der neuen US-Botschaft genommen, erläutert er. Wenn er das Ohr nur nahe an die Wand halte, kriege er mit, was die Amerikaner denken.

ZEITmagazin: Der amtierende Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat unlängst die Formulierung gewählt, er halte Russland noch nicht für eine lupenreine Demokratie.

Schröder: Ein sehr feiner Satz. Klingt nach Distanz, ist aber keine. Diesen Satz unterschreibe ich sofort.

ZEITmagazin: Was sind die Defizite in Russland aus Ihrer Sicht?

Schröder: Es gibt Korruption, das weiß jeder. Deshalb hat der russische Präsident Medwedjew die Bekämpfung der Korruption auch zu seinem Thema gemacht. Es gibt Defizite bei der Umsetzung der Verfassung vor Ort. Ich erlaube mir immer in diesem Zusammenhang den Hinweis: Russland ist ein Land, das nicht viele Erfahrungen mit Demokratie machen konnte. Ich weise darauf hin, dass es zwischen der Zarendespotie und dem deutschen Kaiserreich Unterschiede gab, die zu unseren Gunsten ausgefallen sind. Und das sage ich als Sozialdemokrat. Es gab rund 75 Jahre den Kommunismus, und dann gab es eine Phase, die in den neunziger Jahren unter Jelzin zu Brüchen geführt hat, die mit einer schlimmen Verelendung der Bevölkerung und dem Zerfall von Staatlichkeit einherging.

ZEITmagazin: Dann kam Wladimir Putin…

Schröder: …und er hatte erst mal die zentrale Aufgabe, so etwas wie Staatlichkeit wiederherzustellen. Das ist gelungen. Wäre das nicht gelungen, wäre die Atommacht Russland zerfallen, mit verheerenden Konsequenzen für Europa und die Welt. Wer sich fair mit der Lage beschäftigt, den kann es nicht überraschen, dass es in dieser Entwicklung zu Defiziten gekommen ist und kommt. Man kann über diese Defizite übrigens offen in Russland reden. Es stimmt einfach nicht, wenn es heißt, die gedruckten Medien würden die Regierung nicht kritisieren. Das tun sie. In den elektronischen Medien würde ich mir auch eine munterere Auseinandersetzung über die politischen Zustände wünschen.

ZEITmagazin: Sie reden über die Defizite, aber trotzdem hat man immer den Eindruck, dieses Thema nervt Sie.

Schröder: Es nervt mich, wenn man in der Beurteilung Russlands die historische Dimension ausblendet, wenn man vergisst, woher dieses Land kommt. Und für uns Deutsche gilt allemal: Wir sollten vorsichtig sein mit dem erhobenen Zeigefinger! So lange ist es noch nicht her, dass wir Demokratie lernen mussten.

ZEITmagazin: Sie haben im Jahr 2007 vor einer Reideologisierung der deutsch-russischen Beziehungen gewarnt. Sehen Sie diese Gefahr immer noch?

Schröder: Ich hatte seinerzeit tatsächlich die Befürchtung, dass die deutsch-russischen Beziehungen in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Es bestand die Gefahr einer Reideologisierung der Politik, eines Anknüpfens an die Zeiten des Kalten Krieges, in denen man in Russland in erster Linie einen Gegner und keinen Partner gesehen hat. Ich hatte die Sorge, dass meine Linie als Kanzler und übrigens auch die Linie von Helmut Kohl gefährdet werden könnte, nämlich eine strategische Partnerschaft mit Russland hinzubekommen und diese dann auf die europäisch-russischen Beziehungen auszuweiten.

ZEITmagazin: Und jetzt?