Nato Besuch der alten Dame

Die Nato: 60 Jahre ist sie jetzt alt, sie hat länger durchgehalten als viele andere Militärbündnisse. Ihr Lebenselexier: mehr Funktionen als Feine

Vorbereitungen zum Jubiläum "60 Jahre Nato": In Straßburg werden die Nationalflaggen aufgehängt.

Vorbereitungen zum Jubiläum "60 Jahre Nato": In Straßburg werden die Nationalflaggen aufgehängt.

Nato ist wie Rentensystem und Kanalisation: nicht gerade unterhaltsam, aber sehr wichtig; wie sehr, würden wir erst merken, wenn sie aus unserem Leben verschwänden. Eigentlich hätte das Bündnis nach dem Selbstmord der Sowjetunion in der Ablage der Geschichte landen müssen; spätestens 1994, als der letzte russische Soldat hinter den Bug zurückgekehrt war. Denn Allianzen sterben, wenn sie siegen. Mit dem Feind verlieren sie ihr Lebensrecht; das ist ein eisernes Gesetz internationaler Politik.

Doch feiert die alte Tante am 4. April ihren Sechzigsten – ein historisches First. Die Grand Alliance gegen Napoleon begann zu siechen, kaum, dass der letzte Walzer auf dem Wiener Kongress verklungen war. Die Entente gegen Deutschland war drei Jahre nach Versailles tot, als London wieder Gleichgewichtspolitik gegen Paris auflegte. Das Anti-Hitler-Bündnis ging fast nahtlos in den Kalten Krieg über.

Was hat diese Allianz, das anderen fehlte? Sie hatte stets, das ist das historisch Einzigartige, mehr Funktionen als Feinde. Der erste Generalsekretär, Lord Ismay, nannte gleich drei: Keep the Americans in, the Russians out and the Germans down . Die europäische Sicherheit atlantisch zu verankern ist noch heute das erste Interesse. Die Russen draußen? Ja, natürlich, denn Russland, ob unter den weißen oder roten Zaren, war immer zu groß, zu unberechenbar für Europa. Und die Deutschen niederzuhalten? Das muss umformuliert werden in »die europäische Verteidigungspolitik weiterhin zu entnationalisieren«.

Europas längster Frieden ist nicht denkbar ohne die Vergemeinschaftung der Sicherheitspolitik seit 1945. »Sicherheit mit« hat »Sicherheit gegen« ersetzt; zum ersten Mal in der Geschichte lagen Frankreich, England, Deutschland, die Erben von Ludwig XIV. und dem zweiten Wilhelm im selben Schützengraben. Seitdem ist eine gewaltige Tradition der Zusammenarbeit entstanden: Oberbefehl, Verbindungsstränge, Manöver, Ausrüstung – alles gemeinsam. Solche Assets, wie es auf Neudeutsch heißt, wirft man nicht leichtfertig weg.

Die Allianz-als-Gemeinschaft erklärt auch ihr erfolgreiches Geschäftsmodell. Statt nach dem Abzug der russischen Armee 1994 Gläubigerschutz zu suchen, hat die Nato einen neuen Markt nach dem anderen erobert. Ursprünglich hatte sie zwölf, jetzt hat sie 26 Mitglieder. Wenn sie dürften, wären Georgien, Moldawien und die Ukraine auch schon in Brüssel. Dass Frankreich 43 Jahre nach de Gaulles Auszug in die Militärintegration zurückkehrt, ist kein Zeichen von Altersschwäche, sondern Ausweis der Funktionalität. Tante Nato ist nicht sexy, aber nützlich.

Das hat sie in den Neunzigern bewiesen, als die EU-Europäer nicht einmal im eigenen balkanischen Vorhof aufräumen konnten. Das beweist sie in Afghanistan mit derzeit 22.000 Nicht-US-Soldaten.

Aber stellen wir uns vor, es gäbe die Nato nicht. Dann hieße es auf einmal »Ami went home«, dann hätten die Deutschen wieder ein eigenes OKW, dann könnten die Briten Zuflucht im Zweibund mit Amerika suchen, dann würde Moskau die osteuropäischen Nachbarn noch härter bedrängen. Also: Happy Birthday!

 
Leser-Kommentare
  1. Wozu nützlich? Um völkerrechtswidrige Kriege zu führen, wie gegen Jugoslawien?
    Um Drogenanbaugebiete zu nie gekannter Blüte zu führen, Frauenrechte mit Füßen zu treten, immer wieder massenhaft Unschuldige zu bombardieren, wie in Afghanistan?
    Für wen nützlich? Lediglich um die einzig funktionierende, gewinnbringende Industie in den USA, die der Waffenproduzenten, zu immer neuen Gewinnrekorden zu führen?
    Was für ein krankes Weltbild!
    Was für eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen für den Wahn der Weltbeherrschung durch die westliche Gesellschaftsform des ungezügelten Kapitalismus! Ein Bruchteil dieser Kapitalverschwendung, geleitet in zivile Projekte, in Bildung, Wasseraufbereitung, Gesundheitsvorsorge könnte Milliarden von Menschen aus dem Elend befreien.
    Doch über solche Belanglosigkeiten unterhält man sich nicht beim Cocktail im Club ...

  2. der ganze Text nur breitbeinige Behauptung – bescheidene Worte, selbstgefällig gefällig gesetzt. Analyse? Schwach wie immer! Ausgewogen? Mit nichten! Bewiesen? Gar nichts! Klingt gut? Nein, nicht mal das?

    Phobien kann man behandeln. Warum immer wieder Russland? Wann war Russland unberechenbar? Als wir dem Zaren Lenin mit der Bahn schickten oder als uns die Rote Armee in Berlin besiegte? Grämt sich da ein alter Mann um den verlorenen Krieg? Wollen wir noch heute an unserer Vergangenheit bemessen werden? Unter dem Teppich müssten wir laufen – aus Schande und Scham. Russland ist groß und gefährlich! Schwachsinn! Joffe ist klein, gefährlich ist er dennoch... Der Onkel Joffe, der Mann der alten Tante ...

    • Chali
    • 03.04.2009 um 9:51 Uhr

    ... die EU-Europäer nicht einmal im eigenen balkanischen Vorhof ...
    Über das besitzanzeigende Fürwort werden sich die balkanischen Nicht-EU-Mitglieder aber freuen.

  3. Der ehemalige italienische Ministerpräsidente Giulio Andreotti bestätigte 1990 eine den Mitgliedsstaaten übergeordnete Befehlsstruktur der NATO und die Existenz geheimer Armeen in allen Ländern für den Fall der Fälle.

    Im Amtsblatt C 324/201 des Europäischen Parlamentes heißt es:

    "In der Erwägung, daß diese Organisation sich seit mehr als vierzig Jahren jeglicher demokratischer Kontrolle entziehen konnte, und daß sie von den Geheimdiensten der betreffenden Staaten in Zusammenarbeit mit der NATO geleitet wurde“, verurteilt das Europäische Parlament "die Einrichtung von geheimen Organisationen zwecks Einflußnahme und Durchführung von Aktionen" und fordert volle Aufklärung.
    Aber nur Belgien, die Schweiz und Italien bildeten parlamentarische Untersuchungskommissionen und veröffentlichen ihre Berichte.

    Während die russischen Besatzungstruppen längst Mittel- und Osteuropa geräumt haben, hat sich die US-amerikanische Vorherrschaft mittels der NATO-Stukturen verewigt. Joffe findet das "nützlich".
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    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

  4. Der Artikel von Herrn Joffe ist gleich in mehrfacher Hinsicht als mißraten anzusehen. Die Mißstände reichen vom unpassenden und respektlosen Kanalisationsvergleich (bietet die deutsche Sprache nicht auch zahlreiche wertfreie und vor allem passendere Vergleichbilder?), einem schlichtweg falschen Verständnis vom Niedergang der Sowjetunion, einem unsinnigen Attest einer russischen, quasi angeborenen Unberechenbarkeit und gipfelt in der Annahme, wir Deutschen scharren geradezu mit der Hufe, um endlich wieder ein OKW (Oberkommando der Wehrmacht) ins Leben rufen zu wollen - allein die NATO steht uns dabei im Wege.
    Herr Joffe, Sie hätten sich eindeutig mehr Zeit und Hingabe für diesen Bericht nehmen müssen (und sicher auch zuvor mehr Sachkenntnis aneignen können); immerhin sind Sie kein Kolumnist der Bildzeitung.

    Den bisherigen Kommentatoren ist leider auch keine Richtigstellung der tatsächlichen Bedeutung des Verteidigungsbündnisses gelungen. Während der eine sich sichtlich daran ergötzt die NATO als "völkerrechtswidrigen Drogenbaron, Massenmörder + Frauenunterdrücker" zu charakterisieren (eine derart verblendete und schiefe Sichtweise hat nicht mal einen Kommantar verdient!)
    prangert der andere immerhin die falsche Darstellung der russischen Außenpolitik an.

    Aber darum geht es hier doch gar nicht erstrangig. Warum fällt es uns Deutschen immer so spielend einfach an allem herum zu kritteln, nicht aber im gleichen Maßen auch anerkennende Worte zu finden? Wir sind ein Volk von "Miesepetern" und "Trübsalbläsern". Das zieht sich von der Wiedervereinigung, der Agenda 2010 ja selbst bis hin zur aktuellen Wirtschafskrise hin. Nun aber zurück zur NATO. Dieses Bündnis wurde ursprünglich zum Verteidigungszweck gegen eines nicht unwahrscheinlichen sowjetischen Expansionskrieges gegründet. Ohne die amerikanische Beteiligung wäre es weder zu diesem Bündnis gekommen (man denke nur an den Partikularismus in Europa, welcher ja bis heute zu Zeiten einer EU andauert und wie im Kosovokrieg schonungslos offengelegt wurde, daß Europa eben immer noch keine gemeinsame kraftvolle Außen- und Sicherheitspolitik betreiben kann) noch hätte West-Europa die militärischen Mittel gehabt, sich gegen eine Invasion zur Wehr setzen zu können.

    Gerade Deutschland sollte den USA auch noch im neuen Jahrhundert dankbar dafür sein, daß es uns einerseits den wirtschaftlichen Aufschwung erst ermöglicht und uns Deutsche wie Phoenix aus der Asche hat ersteigen lassen und andererseits mit der NATO ein Bündnis geschaffen hat, das uns allen West-Europäern Raum und Zeit geboten hat, um die tiefen Kriegswunden des Hitlerkrieges auszuheilen und auch um den zweiten deutschen Versuch einer demokratischen Staatsgründung dauerhaft zu ermöglichen. Ohne das NATO-Bündnis wäre nicht nur die deutsche Geschichte mit Sicherheit anders verlaufen.

    Es ist historisch unbestritten, daß die Abschreckungs-Strategie der NATO zwar das Wettrüsten mit dem Warschauer Pakt Vorschub leistete, es aber letztendlich zum Erfolg führte. Daß der atomare Verteidigungsgürtel ausgerechnet durch Deutschland lief, dafür hatten wir durch den Angriffs- und Vernichtungskrieg 1939-1945 selbst erst den Grundstein gelegt. Deutschland, ja ganz Europa war jahrzehntelang ein Pulverfass. Aber Ursache war nicht die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen, sondern die ständigen Aufmärsche und Unterdrückungen der Roten Armee und das Säbelrasseln des Kremls. Die Sowjetideologie wurde schließlich nicht mit Friedenstauben nach Polen, in die CSSR oder in die DDR gebracht. Dazu war nackte Gewalt von Nöten. Die NATO war die einzige Option, dem Einhalt zu gebieten.

    Anfang der 90er Jahre ist es der NATO gelungen durch einen Strategiewechsel das Überleben zu sichern. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mußte die alleinige Ausrichtung nach Moskau aufgegeben werden. Die Rote Armee existierte de facto nicht mehr. Während in Deutschland sich die Stimmen mehrten, daß man die NATO und die Bundeswehr doch auflösen sollte, weil es ja keine Feinde mehr gibt (wie naiv und kurzichtig wir doch sein können - ein kommunistisches Regime kann sich auflösen, aber das gigantische Waffenarsenal läßt sich nur schwer "wegträumen"; ganze Atomwaffenarsenale sind über Nacht verschwunden - mit Sicherheit werden sie früher oder später in äußerst beunruhigenden Händen wieder auftauchen).
    Mit den sogenannten "Out of area"-Einsätzen war es der NATO erstmals gestattet auch außerhalb der Mitgliedstaaten Partei zu ergreifen. So konnten beispielsweise humanitäre Katastrophen zumindest gestoppt, wenn schon nicht verhindert werden. Mit Sicherheit sind militärische Mittel niemals das alleinbringende Heilmittel. Leider fehlt es allzu oft an politischen Konzepten, die unmittelbar Anschluß an die militärische Befriedung finden müßte. Eine Mixtur aus Interessenskonflikten (Europa/USA/Russland/China) oder gar Desinteresse an einer Konfliktlösung sowie Ideenlosigkeit und Ignoranz der gegebenen politischen / religiösen / kulturellen Tradition sorgen immer wieder für desaströse Fortführung der Befriedungspolitik. Dem Westen fällt schließlich immer wieder nur das Überstülpen von Demokratie-Kopien als alleiniger "Exportschlager" ein. Die Geschichte hat mehr als hinreichend gezeigt, daß dieses Vorhaben bei Staaten, die jahrhundertelang durch Stammesfürsten gelenkt wurden oder bei denen die Scharia als alleiniger Wegweiser dient, niemals funktionieren wird. Dieses Versagen ist jedoch nicht der NATO anzulasten. Sie schafft Rahmenbedingungen, die im Anschluß nicht oder schlecht von den politischen Entscheidern in Washington, Brüssel, Moskau oder Peking genutzt werden.

    Die aktuellste Herausforderung der NATO ist die Bekämpfung des internationalen Terrorismus und die damit einhergehende nötige asymmetrische Kriegsführung. Gelingt der NATO abermals die Neuerfindung und kann Sie der drohenden Gefahr die Stirn bieten? Es warten zahllose Gefahren für alle westlich orientierten Zivilisationen.

    Zum Schluß bleibt noch zu hoffen, daß sich die NATO und letztendlich die USA daran besinnen, welche Zusage sie Rußland gemacht haben, als Deutschland die sowjetische Zustimmung zur Wiedervereinigung erhielt: kein ehemaliger Warschauer Pakt-Staat sollte NATO-Mitglied werden! Es kam allerdings ganz anders, die kurzzeitige Schwäche Rußlands durch den Zusammenbruch der Sowjetunion wurde zur NATO-Osterweiterung genutzt: Tschechien, Polen, Ungarn, Estland, Lettland, Littauen, Slowakei, Slowenien, Bulgarien, Rümanien, und Albanien haben die NATO-Grenze bis zur Westgrenze der Ukraine verschoben! Wie war das nochmal mit der Unberechenbarkeit Rußlands, Herr Joffe?! Das Vertrauen in die westlichen Staaten hat ungemein gelitten. Wenn nun auch noch die Ukraine in die NATO aufgenommen wird, zwingen wir Rußland geradezu seine eigenen, rechtmäßigen Interessen zu vertreten - mit unheilvollem Ausgang für alle beteiligten Staaten! Der kalte Krieg ist zu Ende, die neuen Feinde sind weniger Staaten, sondern Terroristen und dahinter stehende Interessensgruppen. Wir brauchen Rußlands helfende Hand!

    Bleibt zu hoffen, daß die NATO nie zu einer alten Tante wird - die Zukunft bietet keine Verschnaufpause! Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag, möge die NATO min. 100 Jahre alt werden!

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