WeltordnungSo viel Offenheit war nie

Barack Obama führt die Staatengemeinschaft nicht – aber er zwingt ihre Mitglieder zu einer ehrlichen Sprache

Vier Gipfel in sieben Tagen – so viel Weltpolitik auf einmal hat man selten gesehen. Und? Was kam raus bei G20, Nato, EU/USA und Türkei/USA? Wurde eine neue Weltordnung gegründet? Das noch nicht, zumal auf Gipfeln naturgemäß nur Absichten verkündet, aber keine Gesetze verabschiedet werden.

Allerdings wurden Weltbilder erschüttert. Zunächst mal jene, in deren Mittelpunkt die USA stehen. Der Präsident selbst hat in Straßburg auf die Frage nach der amerikanischen Sonderstellung in der Welt geantwortet, er glaube durchaus daran – so wie Briten oder Griechen an ihre. Diese neue Bescheidenheit ging einher mit Eingeständnissen, die man einem US-Präsidenten noch vor einem Jahr nicht zugetraut hätte. Barack Obama übernahm die moralische Verantwortung für den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki wie auch für die aktuelle Schuldenkrise.

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Mit so einem Präsidenten zerbröselt zugleich ein zweites Weltbild – das von Amerika als dem großen Satan, der Nation, die alles Böse verursacht oder allzu viel Gutes unterlässt. Alle, von Ahmadineschad bis zu den militanten Nato-Gegnern, müssen nun lernen, in einer Welt ohne geliebtes Feindbild zu leben. Wer gehofft hatte, Obama würde, erst mal im Amt, sein wahres, also böses Gesicht zeigen, muss sich gedulden.

Überkommener Proamerikanismus ebenso wie eingefleischter Antiamerikanismus verlieren offenbar ihre Grundlage. Aber auch jene, zumal in Deutschland, die gern von einem großen, starken Freund geführt werden, müssen sich künftig daran gewöhnen, dass der Blick nach oben nicht mehr verlässlich die richtige Richtung weist. Der G-20-Gipfel hat gezeigt, dass es nötig und möglich sein kann, die Amerikaner von einem Trip wieder abzubringen. Das taten Franzosen und Deutsche, die Obama eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte aufzwangen und sich weigerten, noch tiefer in seine Schuldenspirale mit einzusteigen.

Die Frage dieser Welt-Woche war jedoch nicht allein, ob Denkgewohnheiten erschüttert wurden, sondern auch, ob die Welt endlich anfängt, sich eine Ordnung zu geben, die so global ist, wie es ihre Probleme schon sind – von der Weltwirtschaft über die Verbreitung von Atomwaffen bis zum Klima. Eine Ordnung, die praktikabler ist als jene der UN und repräsentativer als die der G8. Das ist offenbar geschehen. Was sich da eine Woche lang in wechselnden Sitzordnungen versammelt hat, ist keine Weltregierung, aber eine Art globales Führungsnetzwerk wurde da schon geknüpft.

Den größten Verdienst daran trägt Barack Obama – gerade weil er damit begonnen hat, den alten Führungsstil der Amerikaner zu überwinden. Obama kann scheinbar mühelos auf den Großmacht-Machismo vieler seiner Vorgänger verzichten, er ist auf neue Weise stark. Nicht indem er die Fehler, Schwächen und Begrenzungen seines Landes und seiner selbst leugnet, sondern indem er ohne Angst darüber spricht und Initiativen ergreift, die es den anderen schwer machen, an ihren Scheinwelten festzuhalten.

So reagiert Obama mit seiner Abrüstungsinitiative sehr klug auf die Frage vieler Schwellenländer, warum, bitte schön, nukleare Waffenarsenale für ein paar Staaten selbstverständlich sein sollen, für alle anderen aber bei Strafe verboten. Seine Vision von einer atomwaffenfreien Welt ist jedoch nicht nur moralisch geboten. Sie fordert zugleich jene Länder heraus, deren Weltgeltung auf wenig mehr als auf Atombomben beruht, siehe Russland. Auch die Legitimation des UN-Sicherheitsrates wird noch brüchiger, wenn Atomwaffen kein Privileg mehr sind, sondern ein Makel. Man wird sehen, wie enthusiastisch die Atommächte Frankreich und Großbritannien ihn unterstützen.

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