ZEITläufte "I wer enk nit verlass’n!"
Freiheitskämpfer? Gotteskrieger? Der Aufstand Andreas Hofers und seiner Tiroler gegen die Bayern und Napoleon 1809 bewegt bis heute

© Abb.: Frischauf Bild/Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck
Das Bild des Tiroler Historienmalers Carl von Blaas aus dem Jahr 1890 zeigt die Gefangennahme Hofers, seiner Familie und des Schreibers Kajetan Sweth im Januar 1810 auf der Pfandler Alm in Passeier
Sein Name ist zum Mythos geworden. In zahllosen Büchern, Dramen und Liedern wird sein Leben und Schicksal erzählt und besungen, und noch heute verehrt ihn mancher Landsmann als den Übervater Tirols. Doch wer war Andreas Hofer wirklich? Ein Freiheitskämpfer? Ein konservativer Rebell? Eine bloße Figur auf dem Schachbrett der europäischen Politik, im Konflikt zwischen Napoleon und Habsburg? Sein Kampf gegen Bayern und dessen "Schutzmacht" Frankreich, der im Frühjahr 1809 in einen regelrechten Volksaufstand mündete, erinnert an den Guerillakrieg der Spanier, der zur selben Zeit Napoleons Truppen auf der Iberischen Halbinsel zermürbte – und trägt doch ganz eigene Züge.
Im Anfang ist auch hier die Französische Revolution. Mit ihr setzt sich in vielen Ländern Europas aufgeklärtes, liberales Gedankengut durch. Das immer noch gegenreformatorisch geprägte, in vielerlei Hinsicht zurückgebliebene Bayern begreift die Chance und nimmt viele der neuen Ideen auf. Der Mehrheit der benachbarten Tiroler hingegen ist die Aufklärung von oben suspekt. Sie fürchtet um ihre Traditionen und Werte, fürchtet um Heimat, Gott und Kaiser.
Seit dem Ende des Jahres 1805 ist das Land zwischen Ischgl im Westen und Kitzbühel im Osten, zwischen der Zugspitze im Norden und den Gestaden des Gardasees im Süden nach über vierhundertjähriger Zugehörigkeit zu Österreich den Bayern untertan, den Bundesgenossen Frankreichs. Auch dies gehört zu den Folgen des Sieges Napoleons über Österreicher und Russen bei Austerlitz am 2. Dezember 1805. Im Frieden von Pressburg, der am zweiten Weihnachtstag 1805 unterzeichnet wurde, musste die Regierung in Wien herbe Gebietsverluste hinnehmen. Etliche althabsburgische Gebiete fielen an Frankreich beziehungsweise an dessen Verbündeten Bayern, darunter Tirol mit Vorarlberg.
Der Kaiser in Wien verspricht Hofer, seinen Kampf zu unterstützen
Die Wirtschaft liegt darnieder. Das Land ist verschuldet, vor allem die bäuerliche Bevölkerung. Bei der Übergabe an die bayerische Regierung weist Tirol Verbindlichkeiten von 8,5 Millionen Gulden auf. Bayern plant eine Ablösung des Papierguldens durch bayerisches Silbergeld – mit fatalen Folgen! Der Gulden fällt auf zwei Fünftel seines Nennwertes. Diese Geldentwertung schmälert das Barvermögen und trifft vor allem die verschuldeten Bauern. Gläubiger verlangen von ihren Schuldnern die Abzahlung in Silber. Man legt zwar mildere Übergangsbestimmungen fest, dennoch müssen vereinzelt schon Güter versteigert werden. Tirols Bauern sind empört.
Besonders schwer trifft es sie, als die Bayern in ihr religiöses Alltagsleben eingreifen und ihnen, ganz im aufgeklärten Geiste, Feiertage und Wallfahrten, Kerzenprozessionen und das Rosenkranzgebet in der Kirche verbieten. Der Streit eskaliert, als den Tirolern zu Weihnachten 1806 die Mitternachtsmesse untersagt wird. Es verbreitet sich die Angst, man wolle sie den bösen Mächten ausliefern.
Doch noch bleibt es ruhig im Land. Im Mai 1808 tritt in Bayern eine neue, französisch inspirierte Konstitution in Kraft. Tirol wird aufgeteilt in den Inn-, den Eisack- und den Etschkreis. Die veraltete ständische Verfassung des Landes ist abgeschafft. Adel, Klerus, Kaufleute und Gutsbesitzer verlieren ihre Privilegien. Vielen gilt die neue Konstitution als die modernste Europas, in Tirol hingegen können sich nur wenige dafür begeistern. In diesem Jahr beginnt die Aushebung von Soldaten; Napoleon fordert von den Verbündeten Rekruten für seine Feldzüge. Das verbriefte "Landlibell" von 1511, nach dem die Tiroler von Österreich zur Verteidigung ihrer Grenzen verpflichtet sind, darüber hinaus aber keinen Wehrdienst leisten müssen, gilt nicht mehr.
Bereits ein halbes Jahr zuvor, im November 1807, gab es beim Wirt an der Mahr bei Brixen ein konspiratives Treffen, Bauernkonvent genannt, an dem auch der Wirt, Wein- und Pferdehändler Andreas Hofer teilnahm. Dem bayerischen König sollte eine Denkschrift mit diversen Beschwerden übergeben werden. Doch seine Beamten in Tirol verhinderten das. Sie verhörten Andreas Hofer und verwarnten ihn. Sein Name steht seitdem auf der Schwarzen Liste.
- Datum 12.08.2009 - 09:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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Vielen Dank für den lesenswerten Beitrag von Karl Mittermaier. Leider enthält er einige historische Angaben, die klargestellt bzw. ergänzt werden sollten. Zunächst zum Zeitpunkt des "Aufflammens" des Krieges zwischen Österreich und Frankreich: Tatsächlich wurde der Krieg bereits am 09.04.1809 durch den Einmarsch des österreichischen Feldmarschallleutnants Chasteler ins Pustertal eröffnet; am selben Tag brach der Aufstand in Tirol aus.
Zur Schlacht am Bergisel am 13.08.: Dort standen nicht "20.000 französische, bayerische und sächsische Soldaten", sondern viel weniger, nämlich nur die 1. und 3. bayerische Division unter den Generalen Raglovich und Deroy. Die wenigen Franzosen (Korpsstab und evtl. eine Sappeur-Kompanie) fielen zahlenmäßig gar nicht ins Gewicht und die "sächsische" Division Rouyer war schon vorher von Matrei über die "Ellbögen" nach Hall abgezweigt worden, wie man z.B. dem von mir herausgegebenen Tagebuch des sachsen-gothaischen Majors Knauth entnehmen kann. In ihr dienten übrigens keine Sachsen, sondern Thüringer, Anhaltiner, Lipper usw. Die in der Literatur häufige anzutreffende Verwechslung mit den Sachsen rührt daher, dass die Thüringer (Weimaraner, Gothaer, Meininger etc.) damals als "Regiment der Herzoge zu Sachsen" bezeichnet wurden. Jedenfalls kämpfte in der genannten Bergisel-Schlacht im Wesentlichen nur die bayerische Division Deroy; die Division Raglovich blieb mit geringen Ausnahmen ruhig im Lager bei Innsbruck stehen, da der französische Marschall Lefebvre ihrer nicht zu bedürfen glaubte. Damit stellen sich die Zahlen der Kämpfenden ganz anders, nämlich auf etwa 8.000 Bayern gegen 12-15.000 Tiroler Schützen, was der Sache schon ein anderes Aussehen gibt. Dies soll natürlich nicht die Verdienste der Tiroler schmälern, aber Ehre der historischen Wahrheit!
Thomas Hemmann, Bornheim (Rheinland)
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