Design: Möbel sind Kunst
Alasdhair Willis ist angetreten, britisches Design in den Rang von Kunst zu erheben. Er ist der erste Galerist für exklusive Möbel
Kein Türschild verrät den Namen der Galerie im noblen Westen von London, lediglich ein Banner mit dem Firmenlogo weht diskret über den Eingangstüren aus Milchglas. Diese öffnen sich auf Klingeldruck und geben den Blick frei auf den schneeweißen Ausstellungsraum der Established & Sons Design Gallery. Dort steht Alasdhair Willis und streicht zärtlich über eine Sitzbank aus Marmor.
"Schauen Sie, wie gut durchdacht diese Arbeit ist und was für eine herausragend schöne Form sie hat", schwärmt er. "Die Sitzfläche senkt sich nach innen, sodass man beim Hinsetzen ganz automatisch in die perfekte Position gleitet."
"Drift" heißt die Bank, und sie ein Möbelstück zu nennen wäre ziemlich untertrieben. Das Objekt, von der Designerin Amanda Levete für Established & Sons entworfen, gehört zu den teuren "Limited Editions" der Galerie und ist ein Sammlerstück, das auf den ersten Blick Willis’ Anspruch klarmacht: Er ist angetreten, britisches Design in den Rang von Kunst zu erheben.
Willis blasse Haut, weiche Gesichtszüge, die wässrig blauen Augen auf den Boden gerichtet – wirkt auf den ersten Blick erstaunlich unscheinbar. Ständig scheint er auf dem Sprung zu sein, irgendwie misstrauisch und lauernd – was daran liegen mag, dass ihm als Ehemann der glamourösen Paul-McCartney-Tochter Stella fast ständig Paparazzi auf den Fersen sind. Stella McCartney lernte ihn vor knapp acht Jahren kennen, als sie ihn als Berater bei der Entwicklung ihres Modelabels anheuerte. Inzwischen sorgt er in der Möbelbranche für ähnlich großes Aufsehen wie sie in der Modewelt.
Schon Mitte der neunziger Jahre war er als Co-Gründer der Zeitschrift Wallpaper aufgefallen. Sein Unternehmen gründete er im Frühjahr 2005 gemeinsam mit drei Gleichgesinnten aus dem Kunsthochschulmilieu. Das Konzept: Established & Sons nimmt Designer exklusiv unter Vertrag und vertritt sie – wie eine Galerie – nach außen. Mit regelmäßigen Vernissagen und Sonderausstellungen möchte Willis eine ähnlich breite Begeisterung für Design wecken, wie sie unlängst die Kunstszene erlebt hat.
Die Limited Editions sind purer Luxus, vergleichbar mit der Haute Couture in der Mode, bei der – im Gegensatz zur Massenproduktion der Prêt-à-porter-Kollektionen – niemand über Rentabilität oder industrielle Machbarkeit nachdenkt. Das erlaubt den Designern, mit aufwendigen Techniken und teuren Materialien zu experimentieren.
Willis Erfolg begann mit dem "Aqua Table", den die Architektin Zaha Hadid als Sonderedition für Established & Sons entworfen hat: Der Prototyp dieses organisch geschwungenen Möbels, dessen Tischplatte auf blasenförmigen Beinen ruht, wurde vom New Yorker Auktionshaus Philips de Pury 2005 für atemberaubende 296000 Dollar verkauft. Seither gilt der "Aqua Table" als Leitmotiv für einen Trend, der mit "Design-Art" umschrieben wird. Bei den skulpturalen Möbeln ist nicht immer klar, ob sie eine Funktion haben oder ob sie nur zum Anschauen gemacht sind.
"Bei Gott, ich hasse diesen Ausdruck Design-Art!", ruft Willis. Doch auch wenn er das Wort nicht leiden kann – als Phänomen findet er Design-Art wichtig, denn "der Mainstream greift die Ästhetik des Designs auf und realisiert sie in abgeänderter Form als Massenprodukt". Und vom Mainstream ist Willis gar nicht so weit entfernt, wie man zunächst denken könnte, denn auch das ist seine Mission: Er möchte Design unters Volk bringen.
Was in der Modebranche Handelsketten wie Zara und H&M vorgemacht hätten, prophezeit er, werde bald auf dem Möbelmarkt zu spüren sein. Die Limited Editions sind zwar das Markenzeichen von Established & Sons, doch sie machen nur einen kleinen Teil der Produktion aus. In viel größeren Stückzahlen vertreibt das Unternehmen Serienproduktionen in Möbelgeschäften rund um den Globus, zum Beispiel den Beistelltisch "Crate" von Jasper Morrison. Auf den ersten Blick sieht »Crate« aus wie eine Weinkiste aus Holz, die auf einer ihrer schmalen Seiten aufgestellt und vorne offen ist. Vergleichbar mit jeder xbeliebigen Kiste vom Sperrmüll, wie sie sich Studenten gelegentlich als Ablage in ihre Bude stellen.
Was unterscheidet Morrisons "Crate" – abgesehen von den rund 130 Euro, die er kostet – von einer Kiste, beziehungsweise was fehlt der Kiste zum Designermöbel? Willis hebt lustvoll zur Erklärung an: "Die Herstellung aus hochwertigem Holz und seine erstklassige Produktion erheben "Crate" über eine normale Kiste. So entsteht ein schönes Objekt, das gleichzeitig hundertprozentig funktional ist – und dessen Inspiration nicht mehr ist als eine praktische Kiste! Morrison behauptet ja gar nicht, er habe etwas anderes als eine Kiste entworfen – aber er hat sie durch die kunstvolle Verarbeitung auf eine höhere Ebene gehoben."
Interviews führt Willis vorzugsweise bei Fortnum & Mason, einem traditionsreichen britischen Café, das sich ein paar Schritte entfernt von der Galerie befindet. Dort sitzen wir inzwischen inmitten von gepflegten älteren Herrschaften. Willis bestellt beim Kellner eine Tasse "guten englischen Tee, bitte".
Der Standort ist strategisch gut begründet: Anstatt sich im sehr zeitgeistigen Osten der Stadt anzusiedeln, suchte man bewusst die Nachbarschaft traditioneller Kunsthändler rund um die Jermyn Street in St. James – einem der nobelsten Stadtteile Londons. Hier werden alte Meister genauso gehandelt wie die Streifenhemden von Turnbull & Asser, hier befinden sich aber auch wichtige zeitgenössische Galerien wie jene von Max Wigram und Jay Joplings White Cube Gallery.
"Wir vertreten keine elitäre Position", behauptet Willis vehement und erklärt: "Genau das macht Established & Sons aus: das Miteinander der Etablierten mit den Jüngeren." Auch die Nähe von Christie’s wirkt sich aus: In einer Filiale direkt gegenüber von Established & Sons versteigert das Auktionshaus regelmäßig zeitgenössische Kunst und gelegentlich auch Vintage-Möbel verstorbener Ikonen wie Jean Prouvé und der Bauhäusler. Auf die Kunden von Christie’s zielt Willis mit seinen teuren Sondereditionen: "Sammler laufen nicht viel herum, die wollen uns möglichst vor ihrer Haustür haben."
Im Februar ersteigerte ein Sammler für 28 Millionen Dollar aus dem Nachlass von Yves Saint Laurent in Paris einen Sessel von Eileen Gray aus den zwanziger Jahren. Solche Summen machen deutlich, dass Design inzwischen tatsächlich eine ähnliche Rolle zu spielen beginnt wie die Kunst Anfang der neunziger Jahre. "Die Leute sind hungrig nach Design, es gibt eine ungeheure Nachfrage. Die Mailänder Möbelmesse wird von Jahr zu Jahr enormer und glamouröser", sagt Willis.
Die Gründe für den aktuellen Designboom erklärt er so: "Die Nachfrage ist vor allem in Asien groß, wo viele Designmuseen gegründet worden sind. Privatsammler wie François Pinault und Bernard Arnault integrieren Design in ihre Kunstsammlungen. Ganz allgemein wächst das Interesse am Wohnen. Und wer sich für die Gestaltung seines Hauses und die Kunst an seinen Wänden interessiert, will eine ähnlich starke Beziehung zu dem Tisch haben, an dem er sitzt."
Nun ist aber nicht jeder Designertisch dafür geschaffen, an ihm zu sitzen. Zu unbequem, zu teuer, zu unpraktisch, zu lebensfern – so lautet der gängige Einwand gegen Designermöbel. Alles Pseudoskulpturen, die die Nähe zur Kunst suchten, um ihren Preis hochzutreiben!, schimpfen die Kritiker von organischen Formen wie Hadids "Aqua Table". Das sieht Willis natürlich anders. "Einen 'Aqua Table' zu benutzen ermöglicht eine ganz neue Erfahrung des Sitzens", sagt er, "denn die geschwungene Form dieses Tisches ohne Ecken führt dazu, dass alle, sagen wir, zwölf Leute, die um den Tisch sitzen, miteinander Augenkontakt haben." Beim Abendessen mit Sammlern habe der Tisch den Praxistest jedenfalls bestanden, versichert Willis.
Je umstrittener seine Möbel sind, desto glücklicher wirkt er. Das gehört zu seinem Programm: Durch kritische Diskussionen soll das Bewusstsein für Möbeldesign geschärft werden. "Wir verstehen uns als Kommentatoren der Branche", sagt er. Zu diesem Zweck gibt Established & Sons vierteljährlich ein Onlinemagazin heraus, in dem auch Beiträge über hausfremde Designer erscheinen.
Wie wichtig solche markenbildenden Details seien, habe er als Herausgeber von Wallpaper gelernt, erzählt Willis. Als er das Lifestyle-Magazin 1996 gemeinsam mit Tyler Brûlé gründete, begann gerade der Boom des Produktdesigns. Wallpaper fand seine Nische, indem es seine Themen rigoros auswählte und nur mit Marken arbeitete, die zum Selbstverständnis des Blattes passten.
"Unser oberstes Ziel war es, die Kontrolle über die Marke zu behalten. Wir haben beispielsweise eine Menge Anzeigen abgelehnt, die unserer Meinung nach nicht zu uns passten. Das hat unsere Glaubwürdigkeit bei den Lesern gesteigert." Diese Maßstäbe überträgt Willis auf Established & Sons: Kein Event wird gesponsert.
Die Vereinbarkeit von Kunst und Kommerz war bereits früh ein Thema für Willis: Als Kunststudent an der Akademie hatte er im geschützten Raum kreativ gearbeitet – und danach lernte der Spross einer bodenständigen Familie aus Nordengland als Anzeigenverkäufer im Magazingeschäft, Geld zu verdienen. "Beide Erfahrungen waren Schlüsselerlebnisse für das, was ich heute mache. Ich kann mit einer weltberühmten Architektin über Kreativprozesse sprechen und wenig später Businesspläne diskutieren."
Willis sitzt im Aufsichtsrat der Firma seiner Frau, er hat Beraterverträge mit adidas, Estée Lauder und anderen. Cross-fertilisation nennt er diese Form von Ideentransfer: gegenseitige Befruchtung. "Die Grenzen zwischen den einzelnen Berufen verschwinden. Ich könnte es nicht aushalten, nur eine Sache zu machen."
Fernab des Berufs – wie wohnt Willis selbst? Wie sehr bestimmt Design sein persönliches Leben? Ein "Aqua Table" steht weder in seinem Londoner Townhouse in Notting Hill noch im Wochenendhaus auf dem Land. Den Stil der Familie Willis-McCartney, zu der inzwischen drei Kinder gehören, beschreibt Willis als "eklektisch: Antiquitäten aus dem 16. Jahrhundert neben zeitgenössischem Design. Viele Skandinavier und viel britischer Modernismus." Besonders wertvolle Stücke versucht das Paar von seinen kleinen Kindern fernzuhalten.
"Ich bemühe mich, gelassener zu werden", sagt Willis und reißt in gespieltem Schrecken die Arme hoch – so wie er es tut, wenn zu Hause Scherbengefahr droht. "Meine Frau ist da viel lockerer, ihr ist es völlig egal, wenn etwas zu Bruch geht."
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