Bahn

Lieber Bahnchef, ich wünsche mir ...

Verspätungen, Preiserhöhungen, Pannen… der scheidende Bahnchef Hartmut Mehdorn hat viele Beschwerden zu hören bekommen – und meistens weggehört. Sein Nachfolger sollte offener sein für die Wünsche der Kundschaft. ZEIT-Mitarbeiter hätten da auch schon ein paar Ideen

Hoffentlich fährt der neue Bahnchef nicht mehr die alte Schiene

Hoffentlich fährt der neue Bahnchef nicht mehr die alte Schiene

1 …dass ich nie wieder als Grund für Verspätungen »Störungen im Betriebsablauf« höre. Dass der Betriebsablauf gestört ist, merke ich ja selbst, wenn ich mein Ziel nicht pünktlich erreiche.
Dagmar Walker, Personalleitung

2 …ich könnte mal mit einem dieser unglaublich gepriesenen Tickets für 29 Euro verreisen. Immer wenn ich das buchen will, gibt es keine mehr.
Christof Siemes, Feuilleton

3 …dass es wieder einen Raucherwaggon gibt – und wenn es nur ein ganz kleiner ist.
Rosemarie Niemeier, Büro Helmut Schmidt

4 …Durchsagetexte, die den Schaffnern alle englischen Wörter mit »th« ersparen. Also statt »Thank you for travelling with Deutsche Bahn« vielleicht »May you be praised, honoured and celebrated for choosing Deutsche Bahn«.
Peter Kümmel, Feuilleton

5 …die Abschaffung des Comfort-Kunden-Status, der Passagiere dazu bringt, sich wie Hilfsschaffner zu gebärden und schon sitzende Mitreisende von ihren Plätzen zu verscheuchen.
Jutta Hoffritz, Büro Düsseldorf

6 …mehr Respekt der Bahn vor ihren Bahnhöfen. Viele davon wären die schönsten Kunstwerke, wenn sie nicht so schnöde behandelt, verbaut oder ganz zerstört würden. In Stuttgart ist immer noch geplant, den grandiosen Hauptbahnhof zu amputieren, eines der wichtigsten Denkmale der beginnenden Moderne. Schluss damit!
Hanno Rauterberg, Feuilleton

7 …dass Preiserhöhungen in Zukunft ganz auf den Kaffee statt auf die Fahrkarten abgewälzt werden. Wer Bordkaffee bestellt, lässt sowieso alles mit sich machen.
Susann Sitzler, Autorin

8 …dass nachts wieder die ausrangierten D-Züge fahren – die mit den plüschigen Polstern, bei denen man die Sitze im Abteil zu einem Bett zusammenschieben kann…«
Manuel Hartung, ZEIT CAMPUS

9 …dass die Prostata-Plakate in den Zügen abgehängt und stattdessen wieder mehr der warum auch immer häufig versperrten Toiletten geöffnet werden.
Mark Spörrle, stv. Chef vom Dienst

10 …dass alle Züge doppelstöckig sind wie manche Regionalbahnen. Es gibt nichts Schöneres, als über die Landschaft zu schweben. Wenn sich das aerodynamisch ungünstig auswirkt, dann fährt man eben ein bisschen gemächlicher.
Christiane Grefe, ZEITmagazin

11 …eine besser zu regulierende Heizung. Auf der Strecke Hamburg–Berlin passiert immer das Gleiche: Erst ist es warm, dann schaltet sich die Heizung aus. Und man fährt den Rest der Strecke in einem kalten Zug.
Ingo Neumann, Marketing

12 …von außen abschließbare Sonderabteile für Skat kloppende Saufbrüder und Piccolöchen trinkende Hausfrauen auf Kegeltour.
Christof Siemes, Feuilleton

13 … dass Bahn und Länder auch aus Umweltgründen einen Weg finden, wieder mehr Regionalzüge fahren zu lassen, und das nicht nur um 5.37 Uhr hin und und um 15.12 Uhr zurück, sondern mehrmals am Tag.
Mark Spörrle, stv. Chef vom Dienst

14 …dass das mit den »Aufrufsystemen« in den Reisezentren sofort wieder aufhört. Seit Anfang des Jahres muss in Hamburg und ein paar anderen Orten jeder, der an den Schalter will, erst mal eine Nummer ziehen. So wollen sie der Schlangen Herr werden, denkt man. Falsch! Auch wenn die Halle menschenleer ist, kann es einem passieren, dass der Schalterangestellte fragt: Haben Sie denn eine Nummer gezogen?
Dorothée Stöbener, Reiseredaktion

15 …dass die Gulaschsuppe ein bisschen weniger einer Blutkonserve ähnelt, wenn sie im Bord-Bistro aus dem Kühlschrank geholt wird. Aber sie soll weiterhin so gut schmecken.
Markus Wolff, Autor

16 …dass die Bahn ihren Mitarbeitern endlich beibringt, dass es Kassel-Wilhelms he heißt und nicht Kassel- Wil helmshöhe.
Manuel Hartung, ZEIT CAMPUS

17 …eine Charmeoffensive gegen die Eigentümer von Handgepäck, die dessen Recht auf einen eigenen Sitzplatz mit glasigem Blick und pampigen Reden behaupten – oder wäre ein Sprengkommando wirkungsvoller? Ja, ich wünsche mir ein Sprengkommando für Taschen auf Sitzplätzen.
Elsemarie Maletzke, Autorin

18 …dass die Bahn weiterhin so pünktlich fährt wie in den letzten Monaten.
Rainer Esser, Geschäftsführer

19 …dass sich nach einer Verspätung niemand mehr für mein Verständnis bedankt, das ich überhaupt nicht habe.
Inge Kutter, ZEIT CAMPUS

20 …die Installation von Jammern, also Mobilfunksignalunterdrückern, um die Mitreisenden zu zwingen, dass sie ihre Gespräche vor der Waggontür führen. Die Bundeswehr benutzt diese Technik, um sich in Afghanistan vor Bombenattentaten zu schützen.
Jochen Bittner, Büro Brüssel

21 …nicht während einer dreistündigen Fahrt dreimal wegen »Personalwechsels« nach der Fahrkarte gefragt zu werden.
Nicole Mai, Anzeigenabteilung

22 …dass die Volmetalbahn die 43 Kilometer von Dortmund nach Lüdenscheid endlich schneller schafft als in anderthalb Stunden – auch wenn die Passagiere dann keine Blümchen mehr pflücken können während der Fahrt.
Joachim Budde, ZEIT-Studienführer

23 …dass mich das freundliche Serviceteam im Bordrestaurant nicht länger »gern erwartet«. Es kann mich höchstens gern empfangen, und schon daran bestehen Zweifel.
Michael Allmaier, Reiseredaktion

24 …einen Anschubservice für alle Rucksackreisenden, die mit ihren Isomatten in den Abteiltüren festhängen.
Markus Wolff, Autor

25 …dass man auch in den regionalen Verkehrsverbünden seine Fahrkarte wieder im Zug kaufen kann, wenn man es nicht zum Automaten geschafft hat – und dass man dafür vom Schaffner nicht wie eine Schwerkriminelle behandelt und in Pinneberg aus dem Zug geworfen wird.
Susanne Gaschke, Reporterin

26 …dass das Bahnpersonal auch unter neuer Führung seine Charmeoffensive fortsetzt.
Rainer Esser, Geschäftsführer

27 …die Einführung des Taktfahrplans, ähnlich wie in der Schweiz: pro Stunde je ein Zug von A nach B, immer zur gleichen Minute. Die Regelmäßigkeit gäbe mir das Gefühl, den Unwägbarkeiten im öffentlichen Personenverkehr nicht mehr völlig hilflos ausgeliefert zu sein.
Marlene Weiß, Redaktion Wissen

28 …dass der ICE in Kassel-Wilhelmshöhe nicht so hält, dass die Passagiere der ersten Klasse, darunter meine 80-jährige Mutter, weit hinaus in Sturm, Hitze oder Schneegestöber außerhalb der Bedachung laufen müssen, um ihre Wagen zu erreichen.
Wolfgang Büscher, ZEITmagazin

29 …Schlafwagenabteile, in die auch Männer über 1,70 Meter passen. Die mag ich nämlich am liebsten. Ihr Siechtum nach einer Nachtfahrt schmälert das Reisevergnügen erheblich.
Susann Sitzler, Autorin

30 …in jedem Fernverkehrszug einen Zeitschriftenladen, einen Friseur, einen Masseur.
Gabriele Hanke, Dossier

31 …den Ausbau des Nahverkehrs. Das heißt: den Verkauf an private Firmen (wie in vielen Gegenden in Süddeutschland bereits geschehen).
Ellen Dietrich, Bildredaktion

32 …dass ich in der Bahnzeitschrift DB mobil keine weiteren Mehrseiter über Nachwuchsschauspieler lesen muss, ihren »katzenartigen Schlafzimmerblick« oder ihre »unbekümmerte Jugendlichkeit, gepaart mit einem tiefen Ernst«.
Claudia Brüninghaus, PR

33 …für die Abteilwagen erweiterte Reservierungsmöglichkeiten, damit man mit den Mitreisenden leichter ins Gespräch kommt. Vielleicht in Form von Themenabteilen (zum Beispiel »Das Wetter draußen« oder »Der Klimawandel«). Auch Single- oder Handelsvertreterabteile wären denkbar.
Markus Wolff, Autor

34 …größere Gepäcknetze in den Regionalzügen. Ich möchte bitte mehr als ein gefaltetes Taschentuch hineinlegen können und nicht ständig mit meinen Knien ans Kinn stoßen, weil ich die Füße auf meinen Koffer stellen muss!
Davina Böck, Dokumentation

35 …die Abschaffung der Schinken-Käse-Stange als Trostpflaster auf der Schleichstrecke Berlin–Hamburg; die Dinger sind besser als Bremsklotz am ICE III zu verwenden.
Christof Siemes, Feuilleton

36 …weniger Biedersinn beim Taufen der Züge. Früher ging es doch auch: der Rheingold, der Orient-Express …Was sollte eine Agatha Christie unserer Tage schreiben – »Mord im ICE Karl Schmidt-Rottluff«?
Michael Allmaier, Reiseredaktion

37 …eine Bestandsgarantie für die tonalen Irrlichter der Bahndurchsagen. »Mein Führer! Ich suche dich! Wo bist du, mein Führer?« – so raunte es einmal aus den Lautsprechern auf der ICE-Strecke Köln–Hamburg. Das hätte auch Klaus Kinski als Hollywood-Nazi nicht besser hinbekommen.
Wolf Alexander Hanisch, Autor

38 …dass die Züge am Zielbahnhof gereinigt werden, bevor sie wieder eingesetzt werden.
Gabriele Hanke, Dossier

39 …dass das Dach über dem Berliner Hauptbahnhof doch noch verlängert wird. Es sähe so schön aus.
Christof Siemes, Feuilleton

40 … dass in den Zügen wieder die dritte und die vierte Klasse eingeführt wird, auf diese Weise ließen sich noch billigere Tickets anbieten. Im Flugverkehr macht Ryanair vor, wie das Reisen in der Holzklasse funktioniert.
Harro Albrecht, Redaktion Wissen

41 …auf der Strecke Hamburg–Berlin nicht alle zehn Minuten geweckt zu werden, um ein eingeschweißtes Entschuldigungsgeschenk für die durch Baustellen verlängerte Fahrzeit entgegenzunehmen. Hätte man sich bei mir für ähnlich große Verspätungen auf Nebenstrecken in den letzten Jahren mit der gleichen Penetranz entschuldigt, wäre mein Herzinfarktrisiko wegen Übergewichts und Schlafmangels um ein Vielfaches gestiegen.
Claudia Brüninghaus, PR

42 …mehr fleischlose Kost in Bistro und Restaurant. Ich will nicht Schinkenscheiben vom Schinken-Käse-Baguette kratzen müssen, weil es Nurkäsebaguettes gar nicht gibt. Ich möchte nicht in die enttäuschten Gesichter von Kellnern blicken, die minutenlang ihr Currywurst-, Leberkäse-, Rostbratwürstchen-, Chili-con-Carne-Sortiment aufzählen und sich wundern, warum ich das alles nicht bestelle.
Cosima Schmitt, Reiseredaktion

43 …eine Bahncard für Hunde. Für seinen Hund muss man nämlich den vollen Kinderfahrpreis zahlen, wenn er zu groß ist, um auf dem Schoß mitzureisen. Und anders als ein Kind erhält er für das Geld nicht einmal das Recht auf einen Sitzplatz.
Stephanie Wilde, Verlag

44 …dass sich die Zugführer künftig nicht mehr wie die Piloten benehmen und banale Durchsagen in eineinhalb Sprachen viel zu laut und sehr nuschelig auf die Reisenden niederprasseln lassen.
Kirsten Arasin, Hauptstadtbüro

45 …dass die Bahn die gelben Markierungsstreifen der albernen Raucherzonen von den Bahnsteigen kratzt und aus dem Material eine Sonne formt, die über dem Frankfurter Gleis hängt, während ich auf meinen Zug warte – und außerhalb des überdachten Bereichs rauche, wo es mir passt.
Karin Ceballos Betancur, Autorin

46 …die Wiederkehr des Metropolitan, des Rheinland-Express, von Hamburg nach Köln mit Halt nur in Essen und Düsseldorf. Der eleganteste Zug seit dem TEE, wenige Wochen vor der »Ära Mehdorn« in Dienst gestellt und naturgemäß in der »Ära Mehdorn« wieder vernichtet.
Benedikt Erenz, Zeitläufte

47 …freie Fahrt für die Hunsrückbahn von Boppard nach Emmelshausen. Sie nutzt eine der schönsten und steilsten Strecken in Deutschland. Der Bau vor gut hundert Jahren hat viele Leben gekostet. Es ist ein Jammer mitanzusehen, wie der Fahrplan immer weiter zusammengestrichen wird.
Michael Allmaier, Reiseredaktion

48 …dass die neue Bahnführung einen Weg findet, Mitarbeiter menschlicher zu behandeln und mehr zu motivieren, statt sie zu gängeln und zu kontrollieren – auch im Sinne der Kunden.
Mark Spörrle, stv. Chef vom Dienst

49 …dass der neue Bahnchef jede Woche einmal mit einem Regional-Pendlerzug durch die norddeutsche Tiefebene oder das Münsterland fahren muss. Damit er die Realität außerhalb seiner ICE-Welt nicht vergisst.
Susann Sitzler, Autorin

50 …dass Hartmut Mehdorn sofort wieder Bahnchef wird. Weil sich jeder Groll so herrlich auf ihn projizieren ließ. Ein Haus braucht schließlich einen Blitzableiter.
Henning Sussebach, Dossier

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  • Datum 8.4.2009 - 09:39 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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