Unis in den USA

Die Bologna-Kopie

Geschickt experimentiert Amerika mit der europäischen Hochschulreform

Es ist eine Nachricht, die auf den ersten Blick verblüfft: Während in Deutschland das Image der neuen Studienabschlüsse auf dem Tiefpunkt angekommen ist, wird in drei US-Bundesstaaten diese Woche offiziell der Startschuss für das »Tuning USA«-Projekt gegeben.

Hinter dem amerikanisch-großspurig anmutenden Titel steckt eine äußerst europäische Idee: »Tuning USA« ist die amerikanische Adaption des Bologna-Prozesses, ebenjener kontinentalen Studienreform, die auch den deutschen Hochschulen Bachelor und Master gebracht hat – wobei viele Professoren und Studenten eher von einer schönen Bescherung sprechen würden: Überfrachtete Stundenpläne, bürokratische Hürden auf dem Weg ins Ausland und teilweise sogar gestiegene Abbrecherquoten lauten nur einige der lautstarken Klagen über die Reform, die viele Hochschulen als von oben aufgezwungen erlebt haben.

Und dann das: Dutzende Universitäten in Indiana, Minnesota und Utah machen sich mit Unterstützung einer privaten Stiftung freiwillig auf den Weg nach Bologna in einem Projekt, das auf der gemeinsamen Vorarbeit europäischer und amerikanischer Wissenschaftler fußt und, im Falle seiner erfolgreichen Evaluation, Pilotcharakter haben soll für andere US-Bundesstaaten.

Auf den zweiten Blick jedoch kann man die Amerikaner für ihre Weitsicht nur loben. Seit Jahren haben sie mit Spannung beobachtet, wie die Europäer ihr Hochschulsystem neu erfinden, haben die Erfolge mitangesehen und die schlimmsten Fehler analysiert – sodass sie jetzt im »Tuning USA«-Projekt keineswegs ganz Bologna übernehmen. Sie picken sich heraus, was gut funktioniert, vom sogenannten Diploma Supplement über die Definition von Lernergebnissen bis hin zur Neubestimmung des studentischen Workloads. Klingt technisch, ist aber für das seit Jahrzehnten praktisch unveränderte US-Hochschulsystem eine Revolution.

Europa wird für die Amerikaner dabei zum Versuchslabor: Je mehr hier funktioniert, desto mehr werden sie kopieren – aus der komfortablen Position des Beobachters heraus. Übrigens: Auch die Südamerikaner und Australier sind längst fleißig am Nachmachen. Bei allem berechtigten Ärger scheint auf der deutschen Reformgroßbaustelle eine Erkenntnis aus dem Blick geraten zu sein: Bologna-Europa, so steht es auch im viel beachteten US-Bericht zum Pilotprojekt, entwickelt sich zu einem gefürchteten Konkurrenten der amerikanischen Hochschulen im Wettstreit um die klügsten Köpfe – weltweit.

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Leser-Kommentare

  1. Dass die Amerikaner "seit Jahren mit Spannung beobachtet haben, wie die Europäer ihr Hochschulsystem neu erfinden", kann man nicht gerade sagen, im Gegenteil: Das US-Hochschulestablishment hat lange Zeit überhaupt keine Notiz vom Bologna-Prozess genommen. Erst als die ersten Bachelorabsolventen aus Europa sich für ein Master- oder Doktorandenstudium an amerikanischen Graduate Schools bewarben, wurde man hellhörig, und viele US-Unis weigerten sich zunächst, die dreijährigen Bologna-Bachelor als dem vierjährigen US-Bachelor gleichwertig anzuerkennen.

    Noch vor einem Jahr wäre ein Projekt wie Tuning USA in Amerika undenkbar gewesen. Dass sich hier binnen kurzer Zeit etwas grundlegend verändert hat, ist nicht zuletzt dem umtriebigen Cliff Adelman vom Institute of Higher Education Policy zu verdanken, dessen Essay "The Bologna Club: What US Higher Education Can Learn From a Decade of European Reconstruction" (2008) enorm einflussreich war. In Auftrag gegeben übrigens von derselben Stiftung, die hinter dem Tuning USA-Projekt steht.

    Dass die USA von Bologna einiges lernen können, liegt auf der Hand: Eine Reform, die die Hochschullandschaften von 46 verschiedenen Staaten harmonisieren kann, kann sicher auch etwas Ordnung, Vergleichbarkeit und Transparenz in die bunt schillernde, hoch differenzierte und widersprüchliche US-Hochschulwelt bringen, die - über 50 Einzelstaaten verteilt - kaum minder fragmentarisiert ist.

    • 11.04.2009 um 17:31 Uhr
    • yohak

    Wenn die Amerikaner gut beraten sind, sich anzuschauen, was am Bolognaprozess gut ist und was schlecht, so gilt dies um so mehr für die Europäer. Leider wird stattdessen eifach stur am einmal eingeschlagenen Weg festgehalten, ohne den Bologna-Prozess an Hand seiner Ziele kritisch zu überprüfen.

    Es gibt vieles, was man am Bolognaprozess unbedingt korrigieren sollte, u.a.: Abschaffung der ebenso teuren und aufwändigen wie sinnlosen Akkreditierungen, Abkehr vom Dogma 3 Jahre Bachelor + 2 Jahre Master (stattdessen zB auch 4 Jahre bachelor zulassen), Abkehr vom Dogma, dass nur ein kleiner Teil der Bachelorabsolventen zum Masterstudium zugelassen werden soll, u.s.w.

  2. "Neubestimmung des studentischen workloads" ???!!! Was soll das denn heissen? Meinten Sie "Neubestimmung der studentischen Arbeitslast"?
    Herr Wiarda, Wenn Sie nicht gerne auf deutsch schreiben, muessen Sie es vielleicht im Ausland versuchen: Bye bye!

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  • Von Jan-Martin Wiarda
  • Datum 9.4.2009 - 14:26 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
  • Kommentare 3
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  • Schlagworte USA | Studium | Bachelor | Master
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