Studieren in Ostdeutschland So fern wie Asien

Kaum ein Abiturient in Westdeutschland weiß, dass man in Ilmenau oder Mittweida studieren kann. Nun soll eine Werbekampagne die Lust auf ostdeutsche Hochschulen wecken

Es soll ein Ruck durch Westdeutschland gehen. Ein Ruck vor allem durch die Köpfe der Schulabgänger: Nach dem Willen der Bundesregierung sollen sie häufiger als bisher an ostdeutschen Hochschulen studieren. Denn derzeit beginnen nur vier Prozent der westdeutschen Abiturienten ein Studium in Ostdeutschland – umgekehrt entscheiden sich über zwanzig Prozent der ostdeutschen Schulabgänger für eine westdeutsche Hochschule. Für die Image-Politur der ostdeutschen Universitäten investiert das Bundesministerium für Bildung und Forschung nun insgesamt zehn Millionen Euro. Der Auftrag ging an die Agentur Scholz & Friends in Berlin, die dem staatlich verordneten Werbefeldzug den ironischen Titel »Studieren in Fernost« gab. »Den beteiligten Ministerien gefällt der Ansatz, obwohl die Machart der Kampagne ziemlich schräg ist«, sagt Stefan Wegner, Leiter des Projekts.

»Studieren in Fernost« ist knallig, bunt, auf Spaß getrimmt. Und kommt in der Verkleidung einer Studienberatung daher: Im Onlineportal SchülerVZ werden die zukünftigen Studenten auf eine »Hochschul-Such-Maschine« aufmerksam gemacht. Dort begegnen ihnen gleich zu Anfang zwei schrille Typen: Gang und Dong, dargestellt von asiatisch anmutenden Schauspielern. »Wir nehmen bewusst eine gewisse Missverständlichkeit des Kampagnentitels in Kauf«, sagt Stefan Wegner. Gang und Dong fragen in kurzen, spaßigen Videoclips den Teilnehmer nach Studieninteressen und Wünschen bezüglich des Wohnortes: »Willst du gerne Ski fahren, oder liegst du lieber am Strand?« Am Ende des Fragespiels stehen vier Empfehlungen für ostdeutsche Hochschulstandorte – zum Beispiel das bergige Wernigerode oder das strandnahe Rostock.

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Klickt der Interessent auf das Logo der Universität Rostock, so gelangt er auf eine Profilseite der Hochschule, die von dieser mit Informationen und Videos gefüttert wird. Echte Studenten stehen als Ansprechpartner bereit und erzählen von der Ausstattung ihrer Uni, vom kulturellen Leben in Rostock oder von den tollen Radwanderwegen. So wird der Abiturient auf Klamauk-Niveau angelockt und später mit tiefer gehenden Informationen versorgt. »Die Leute setzen sich leider nicht freiwillig mit dem Thema auseinander«, sagt Stefan Wegner. »Wenn sie lesen ›Studieren in Ostdeutschland‹, sind 80 Prozent schon mal weg. Deshalb haben wir einen Titel und eine Verpackung gewählt, die Spaß machen.« Zusätzlich zur Hochschul-Such-Maschine drehte ein Musikfilmregisseur launige Videos, in denen die Kunstfiguren Gang und Dong ostdeutsche Hochschulen besuchen und Klischees aufgreifen. Die Filme sollen auf Portalen wie YouTube und MySpace gestreut werden und Interessenten auf die Kampagnenseite locken.

Zehn Millionen Euro – das ist viel Geld, um ein paar Minuten der Aufmerksamkeit westdeutscher Schulabgänger zu erheischen. Laut Werbeagentur soll es auch dafür ausgegeben werden, die Marketingaktivitäten der Hochschulen zu professionalisieren, neue Ideen zu fördern. Wie die Verteilung der Mittel im Detail aussieht, wollen aber weder die Agentur noch das zuständige Kultusministerium in Sachsen-Anhalt offenlegen.

Warum aber ist eine so aufwendige Kampagne überhaupt nötig? Es ist die Heimattreue des durchschnittlichen Studienanfängers, der die ostdeutschen Unis verwaisen lässt. Der Bayer studiert in München, der Nordrhein-Westfale in Köln, der Sachse in Dresden. In den nächsten Jahren aber wird in Ostdeutschland der demografische Rückgang deutlicher zu spüren sein – es wird weniger Abiturienten geben und damit auch weniger Studenten. Diese Lücken müssen nun mit westdeutschen Schulabgängern gefüllt werden. Das würde auch die Hochschulen in Westdeutschland entlasten.

Doch für Abiturienten in den alten Bundesländern ist der Osten meist unbekanntes Terrain – ein Gebiet, das so fern erscheint wie Asien. »Viele Ost-Unis tauchen in der Wahrnehmung der Studienanfänger gar nicht auf«, sagt Markus Langer vom Centrum für Hochschul-Entwicklung. Mittweida, Ilmenau, Neubrandenburg – diese Städtenamen haben viele noch nie gehört. Sich dort umsehen? Der Gedanke liegt fern. Schon wegen des Rechtsradikalismus. Wegen der Plattenbauten. Und wird im Osten nicht dieser komische Dialekt gesprochen – Sächsisch?

Leser-Kommentare
  1. kurz nach der wende wurden viele ost-unis neu und gut ausgestattet. verbunden damit war, daß die lebenshaltungskosten im osten geringer waren, was jedem studenten sehr entgegenkommt.
    eine solche werbekampagne wäre damals nicht nur hilfreich gewesen, sondern hätte den abwanderungen nach westen entgegengewirkt, denn viele werden dort, wo sie studieren, auch ansässig.
    da wurde einfach eine tolle gelegenheit verpaßt.
    vielleicht bringt es ja jetzt auch noch was.

    • Rellem
    • 15.04.2009 um 14:31 Uhr

    Hallo
    Das Geld kann man sich sparen und etwas dafür einführen was eigentlich logisch und konsequent ist, nämlich eine zentrale Vergabe der Studienplätze.
    Wenn an Uni A alle voll sind, dann MUSS der Student eben zur Uni B gehen, egal wo sie sich Deutschland befindet.
    Nur für die Wessis
    -Rostock ist eine endgeile Stadt mit Flair, Charme und obercoolen Kneipen
    -Dresden hat alles was das Herz begehrt
    -Leipzig musste sich noch nie verstecken
    -Greifswald, klein, fein, mit Niveau
    -Jena ist eine Perle der besonderen Art
    So und nun etwas bitterböse Polemik.
    Frage
    Warum nehmt ihr diese guten Angebote nicht an?
    Antwort
    Weil sie im Osten (igitt, bähhhh, voll ätzend) liegen und genau da wollt ihr nicht hin.
    Aber diese mentale Denkblockade von der Grösse eines Scheunentors, lässt euch nicht erkennen was euch da entgeht.
    Gruss
    Rene

    • pekka
    • 15.04.2009 um 18:32 Uhr

    als "westdeutscher" in dresden fällt es mir besonders auf, wenn ich meine komilitonen frage, wo sie den herkommen: 4-5 xdresden, viele aus dem restlichen sachsen, sonst brandenburg, thüringen, achja berlin und einer kommt noch aus dem westen...
    ich drück der kampagne alle daumen, denn dd lohnt sich echt, auch die anderen städte/unis sind nett

  2. Für mich nicht so, Ich bin Ossi, studierte lange im Westen (Würzburg und Göttingen) und bin nun zurück im Osten. Hier macht man leider nicht gerade 'Werbung' für sich, wenn Intoleranz offen ausgelebt wird. Wenn etwa in Leipzig polemisch gegen Christen gewettert wird, man in der Uni-Zeitung als Zombi tituliert wird und eine athistische-Uni eingefordert wird. Es ist schon so weit, dass bei 'WG-Gesucht' Christen, die (Meißt Wessis) ein Zimmer vergeben wollen, gleich reinschreiben, dass sie welche sind, damit das gleich klar ist. Solche 'netten' Sticheleien kann man hier öfters erleben. Und das meine Landsleute nicht nur religiösem sonder fremden generell heufig nicht so offen gegenüberstehen hat sich auch schon im rest der Welt herumgesprochen.
    Mich wundert es nicht, dass trotz toller Bibliotheken usw. viele nicht hierher wollen. Ich frag mich auch manchmal, warum ich eigentlich zurückgekommen bin.

    Gru0

  3. Die Videos schaut sich niemand an und der offizielle Kanal von "Studieren in Fernost" hat auf Youtube hat ganz 21 Subscriber!

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