"Heidelberger Appell" : Das Denken ist frei

In dem Streit um Urheberrechte und Publikationsfreiheit gerät einiges durcheinander. In der Wissenschaft ist der freie Zugang zu Ergebnissen und Daten im Internet kein Schaden, sondern höchst wünschenswert

Wenn jemand die Nazi- und die Kommunistenkeule zugleich hervorholt, dann muss es schon schlimm stehen. Von »Machtergreifung« und »Enteignung« schrieb der Literaturwissenschaftler Roland Reuß im Februar in der FAZ und erregte sich derart über die von ihm gegeißelten Missstände, dass er sogleich eine Unterschriftenliste ins Netz stellte. Seinen »Heidelberger Appell« haben inzwischen eine Menge mehr oder weniger prominenter Autoren unterzeichnet, darunter der Schriftsteller Daniel Kehlmann und auch Redakteure der ZEIT . Man darf allerdings bezweifeln, dass alle Unterstützer wissen, was sie da tatsächlich unterschrieben haben.

Hauptsächlich geht es in dem Appell – unter der Losung »Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte« – um den Streit zwischen dem Internetkonzern Google auf der einen und Autoren und Verlagen auf der anderen Seite. Denn Google scannt massenhaft Bücher ein, ohne das Nutzungsrecht dazu zu besitzen, und darüber kann man sich in der Tat aufregen (wie Susanne Gaschke in der ZEIT Nr. 15/09). Reuß hat aber noch eine Art trojanisches Steckenpferd mit in die Erklärung geschummelt und greift nicht nur Google an, sondern auch die deutschen Wissenschaftsorganisationen. Diese nämlich, so heißt es in dem Appell, propagierten »weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen grundgesetzwidrig wären«.

Mit dieser zweifelhaften juristischen Expertise eröffnet Reuß einen ganz privaten Feldzug. Und dieser hat nichts mit Googles Sammelwut zu tun, sondern richtet sich gegen »Open Access« (zu Deutsch: Offener Zugang) – eine relativ junge Form des wissenschaftlichen Publizierens, bei der, grob gesagt, wissenschaftliche Artikel und Bücher für jedermann kostenlos im Internet abrufbar sind und die Kosten nicht vom Leser, sondern vom Autor getragen werden. Nun sind diese zwei Gegenstände aber höchst verschieden. Sie verbindet nicht mehr miteinander als die Tatsache, dass sie beide irgendetwas mit Internet zu tun haben. Open Access heißt jedenfalls nicht , dass Daniel Kehlmann nun befürchten müsste, sein nächster Roman stünde kostenlos zum Download im Internet.

Worum geht es dann? Mit der Open-Access-Bewegung reagieren Forscher auf die dramatische Verteuerung wissenschaftlicher Journale. Open Access bedeutet dabei zunächst einmal nur, dass Wissen öffentlich zugänglich ist. Damit kann die private PDF-Kopie auf der Homepage des Forschers gemeint sein, in der Regel bezieht sich die Bewegung aber auf professionelle wissenschaftliche Zeitschriften und Bücher.

Denn im Wissenschaftsbetrieb beruht das Publikationsgeschäft bisher auf einer höchst asymmetrischen Arbeitsverteilung: Die Autoren liefern ihre Manuskripte kostenlos; die Begutachtung, peer review genannt, wird ebenfalls von Wissenschaftlern geleistet; der Verlag arbeitet das Dokument lediglich für den Druck beziehungsweise für die Onlinebereitstellung auf und bietet es zum Verkauf an; und dieselbe wissenschaftliche Community, die für die Inhalte gesorgt hat, zahlt am Ende hohe Preise, um die Texte lesen zu können.

»Aus wissenschaftlichen Manufakturen sind Fabriken geworden«

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Gute Übersicht vs. Angst und Überheblichkeit

Danke für diesen guten Übersichtstext der OpenAccess getrennt von den
Problemen anderer Medienbereiche betrachtet und nicht alles in
einen Topf wirft.

Eine schöne Ergänzung dieser Reihe könnte ein Artikel sein, der auf die
verschiedenen Befürchtungen und Ängste der jeweiligen Mediengruppen
eingeht. Es wäre schön, einen Sammelartikel zu
haben, der diesen Problemen und ihren möglichen Lösungen etwas
nachspürt, damit man wieder Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen kann.

(PS: Die "Vorschaufunktion" auf dieser Seite ist so langsam, dass man
leider kaum schreiben kann. Kann man das irgendwo abstellen?)
(Anmerkung: Sie sehen die Vorschau auch in dem Kasten unter dem Textfeld. Die Redaktion/jk)

Absurde Initiative aus der Provinz

Die ganze Absurdität dieser Heidelberger Initiative zeigt sich alleine daran, dass die geisteswissenschaftlichen Professoren in der Provinz wohl ganz und gar alle Entwicklungen im Wissenschaftsbetrieb der letzten Jahre verschlafen haben, die zum jetzigen Zeitpunkt keineswegs mehr rückgängig zu machen sind. Dies ist, nebenbei bemerkt, auch durchaus nicht erstrebenswert, und so sollte man den Lärm aus dem Neckarkessel eben dort verhallen lassen und sich nicht weiter darum scheren. Einzig der Debatte um Google mag man etwas abgewinnen - freilich nichts neues, denn Appelle gegen die Datenkrake gibt es zuhauf. Was bleibt also übrig vom "Appell" - Nicht viel!

Danke fuer so einen ausgewogenen Artikel ueber "Open Access" Ich kann, wie der Autor, nur hoffen, dass nicht alle Menschen, die den Aufruf unterzeichnet haben, wussten, was sie da unterschreiben.

Ohnehin scheint Herr Reuss sich nicht allzusehr von Fakten verwirren zu lassen, wenn man seinen konfusen Rundumschlag gegen Open Access, Google Books und eigentlich alles Digitale in der FAZ liesst (http://www.faz.net/s/RubC...)

Meine Lieblingsstelle:
"Times New Roman in Blocksatz ohne Silbentrennung und mit Dauerfolter durch falsche Apostrophe und Anführungszeichen, kurz: digitale typographische Massengräber. Zu lesen gibt es da nichts mehr. Eine neue Publikation zu bewerben und, wo dies nötig ist, auch gegen Widerstand öffentlich zu etablieren kann man sich schließlich ebenfalls sparen, denn die Server der Universitätsbibliotheken sind ein so überaus attraktiver Ort, dass man sich eigentlich nur wundern kann, warum sich genau dort so viele mittelmäßige Dissertationen breitgemacht haben und die besseren alle gedruckt vorliegen - und gerade nicht auf diesen Servern."

Alles in allem liesst sich seine Polemik wie das Gejammer eines alten Mannes, man møge doch bitte dieses Internet-Dingens wieder abschalten und Buecher drucken. Dass er inhaltlich verstanden hat, was er da vermengt, glaube ich nicht.

Symptomatisch...

Kommentare No. 3 bringt es auf den Punkt, nur dass das "Gejammer eines alten Mannes", wie es Blixten formuliert, anscheinend gerade leider symptomatisch für den gesamten geisteswissenschaftlichen Bereich der deutschen Universitäten zu werden droht. In einem Fort stemmt man sich einmal prophylaktisch gegen jedes Reformvorhaben, sei es Blogna, sei es die dringende und längst überfällige Verbesserung der auf ihrem absoluten Tiefpunkt angelangten Lehre (hier werden unsere Lehrer ausgebildet!): Jede Neuerung, jede Veränderung des mehr oder (bisweilen eher) weniger Bewährten wird pauschal als Teufelszeug neoliberaler Bildungsstrukturen entlarvt. Gebetsmühlenartig wird der baldige Untergang des Abendlandes prophezeit. Man mobilisiert eben die Studenten, die tagtäglich mit einer miserablen Lehre abgespeist werden zu Demonstrationen für mehr "Geist", doch fragt sich - auch etwa im Anbetracht der auf Zeit Online veröffentlichten Ranking-Ergebnisse, gerade im Bereich der Germanistik im Allgemeinen und der Heidelberger Germanistik im Besonderen (!) - ob die vereinnahmte Studierendenschaft überhaupt noch weiß, was das noch gleich war, dieser Geist, bei solchen niederschmetternden Resultaten. Aber selbstverständlich sind auch die Ergebnisse solcher Rankings Teil des wegzuleugnenden Forschritts, der das Land der Dichter und Denker unaufhaltsam in den Abgrund treibt. Es ist die Angst vor der Veränderung und die fehlende Bereitschaft, Modernisierungsprozesse im Wissenschaftsbetrieb aktiv mitzugestalten, die Reaktionen wie die des Herrn Reuß hervorrufen. Es ist wichtig, dass die Geisteswissenschaften an den Universitäten selbstbewusst auf ihre besondere Situation (z.B. in Bezug auf Drittmittelanwerbung) hinweisen und Forderungen stellen. Noch wichtiger aber erscheint mir ihre Loslösung aus der anklagenden Opferrolle und die Bereitschaft zur aktiven Mitgestaltung einer neuen Rolle in unserer heutigen Gesellschaft, z.B. ganz praktisch bei der Ausbildung exzellenter Lehrer und Forscher (man beachte die Reihenfolge).

Zwar eine andere Baustelle...

... aber auch ich meine, daß es besser wäre, wenn sich geschätzte 50-60 % der deutschen Professorenschaft weniger an diesen Dingen aufreiben würden als dafür Sorge zu tragen, daß sie im Bereich der Lehre etwas für die ihnen großzügig zufließenden Steuergelder tun. Vor Jahren gab es auch einmal einen schönen ZEIT-Beitrag zu diesem Thema, der ganz treffend mit "Kontrollierte Verwahrlosung" überschrieben war. Ich kann dies aus meiner erst zwei Jahre zurück liegenden Studienzeit nur bestätigen. Es ist eine Katastrophe. Die neuen BA/MA Studenten sind dabei noch mehr zu beauern, weil das Wort "Lehre" sozusagen ein Schimpfwort in den Geisteswissenschaften ist. Ein guter "Lehrer" wird in der Fakultät meist mit großer Verachtung gestraft, und um sinnvolle Studienpläne kümmert sich so gut wie niemand bei den fest im Sattel sitzenden C4ern. Löbliche Ausnahmen bestätigen die Regel, klar.

Wissenschaftler oder Krämer?

Sinn und Zweck der Wissenschaft sollte es sein, die Wahrheitsfindung voranzubringen. Gesetzt den Fall ich habe Forschungsarbeiten geleistet, die auch für die Wissenschaft (also meine peers) von Interesse sind (auch wenn vielleicht nur ich so denke) muss es daher mein Ziel sein, dies möglichst weit zu verbreiten. Nur so kann ich um der Wahrheit willen meinen Beitrag zur Wissenschaft in die allgemeine Diskussion einbringen.
Wer, nur um des eigenen schnöden Gewinns willen, andere vielleicht Interssierte von diesem Beitrag über Kosten fernhält, dient nicht primär der Wissenschaft sondern primär seinem eigenen Geldbeutel. Steuergelder sollte der Hochschullehrer aber vorwiegend in seiner Funktion als Wissenschaftler in Forschung und Lehre erhalten. Gerade unter Juristen oder Betriebswirten gibt es genügende, die den Stift nur gegen extra Geld in die Hand nehmen. (offenbar auch bei anderen) Kein Wunder, dass die Stimmen gegen die Verbreitungsrestriktionen des neuen Urheberrechts nicht von dort, sondern vorwiegend aus der naturwissenschaftlichen Ecke kam.
Die Diskussion zeigt für mich nur, wie weit große Bereiche der Naturwissenschaften die Geisteswissenschaften in Ihrem ureigensten Terrain, also bei Fragen zur Freiheit von Information und zur Beförderung des wissenschaftlichen Fortkommens, der Grundlage der Aufklärung(!) überrundet haben.
L'art pour l'art betreiben heute v.a. die Naturwissenschaften - in etlichen Geisteswissenschaften dominiert offenbar oftmals voraufklärerischer Krämerkleingeist. Damit überleben sie sich aber selbst!