Landesporträt "Wir verstehen nicht, was mit uns geschieht"
Ein kurzes Gespräch mit dem Schriftsteller Jörg Steiner über die Schweiz, die Angst und die Kultur des Missbrauchs
DIE ZEIT: Herr Steiner, in Ihrem jüngsten Buch Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean steht der Satz: »Wir verstehen nicht, was mit uns geschieht.« Steckt darin die Motivation für Ihr Schreiben überhaupt?
Jörg Steiner: Das ist so. Es hat lange gebraucht, bis mir dieser Satz einfiel, ein ganzes Leben.
ZEIT: Den Figuren in Ihren früheren Büchern geht es oft auch so, aber sie sagen es nicht so direkt. Sie spüren Risse im Leben, werden Verweigerer.
Steiner: Ich werde immer wieder damit belästigt, dass man mir sagt, ich sei der Schriftsteller der Randfiguren. Für mich sind Randfiguren, Außenseiter aber etwas ganz Normales. Es gibt auch dieselbe Hierarchie wie bei den Nichtaußenseitern: vom Exzentriker bis zum Ausgegrenzten. Sobald sich einer das Außenseitertum leisten kann, ist er ein Exzentriker oder mindestens schrullig, was ja schon etwas vornehmer klingt.
ZEIT: Es gibt in Ihren Büchern manchmal auch eine untergründige Wut. Kennen Sie dieses Gefühl selbst heute noch?
Steiner: Wut? Ich fühle mich fremd im Leben, es ist eher das. Das war immer schon so. Zum Leser bin ich geworden, weil ich Zuflucht brauchte vor der Realität. In meinem Fall war das der Krieg, ich bin ja 1930 geboren. Mich unterscheidet von der jüngeren Generation, dass ich erfahren habe, was Hunger ist. Auch in der Schweiz. Wir hatten keinen Zugang zum Schwarzmarkt, damals. Meine Mutter kam nach dem Krieg in ein Sanatorium, weil sie nicht genug zu essen gehabt hatte. Auf die Zuflucht zur Literatur bin ich heute noch angewiesen. Ich fühle mich im Leben irgendwie nicht daheim. Dass daraus eine Wut entstehen kann, ist möglich, eher etwas Rebellisches. Eine meiner Figuren heißt ja auch Reubell…
ZEIT: Ihre Bücher haben oft etwas Pessimistisches. Kann einer Pessimist sein, ohne auch Optimist zu sein?
Steiner: Pessimismus, Optimismus, das will ich gar nicht mehr hören. Ich bin kein Pessimist, ich bin nur nicht Optimist. Haben wir nicht genug von diesen Optimisten, denen wir diese ganze Wirtschaftskrise verdanken? Die Vorstellung, dass es uns immer besser gehen wird… Die Wirtschaft beruht auf Wachstum, auf Fressen.
ZEIT: Ist das krank?
Steiner: Ist Wachstum krank? Beim Krebs: ja. In der Wirtschaft braucht es zwei Prozent Rückgang, und die ganze Welt ist in Aufruhr. Mein Lebensgefühl ist, dass wir in einer Kultur des Missbrauchs leben. Wo ich hinsehe, sehe ich Machtmissbrauch, Übergriffe. Das typischste Beispiel ist Berlusconi. Aber es gibt auch weniger deutliche Beispiele. Gleichzeitig werden Ängste geschürt, in der Boulevardpresse, im Fernsehen. Angst und Unsicherheit steigern die Auflagen, machen Quote. Auch Angstverbreitung ist ein Machtmissbrauch.
ZEIT: Wäre Ihnen eine Welt lieber, die das Rad der Geschichte stoppt oder gar zurückdreht?
Steiner: Es gibt kein Zurück. Man kann nicht hinter das zurück, was erfunden ist. Es gab ja mal die Vorstellung vom Nullwachstum. Aber null gibt es in der Energie nicht. Als Geschichte wäre das lustig: Mit einem Koffer nach Afrika reisen, Sonne einpacken und sie im Dezember zu Hause wieder auspacken… Wahrscheinlich geht alles von der Vorstellung aus, dass die Menschen glücklich sein sollten, dass es eine friedliche Welt gibt, früher sagte man: ein Paradies. Aber unsere Systeme taugen nicht, um die Voraussetzungen dafür zu erfüllen. In den USA ist das Wort healing (Heilung) allgegenwärtig. Wie krank muss sich eine Gesellschaft fühlen, dass dieses Wort eine solche Bedeutung bekommt?
ZEIT: Die Schweiz verstand sich lange als glückliche Insel im Weltgeschehen. Jetzt wächst auch da die Angst. Verstehen Sie das?
Steiner: Ich bin begabt, Angst zu haben. Ich habe ein Gefühl dafür, auch ein Gefühl für Gefahr, für das, was ich tun oder nicht tun soll. Das hat aber mehr mit mir zu tun als mit der Schweiz oder meinem Schweizersein. Kürzlich hatte man hierzulande Angst vor den »schwarzen Löchern«, die das CERN in Genf erzeugen wollte. Da behauptete einer, ein schwarzes Loch könne die ganze Welt aufsaugen. Ich habe mich aber bei Physikern kundig gemacht. Ein schwarzes Loch ist so etwas wie ein Durchgang, ein Tunnel. Auf der anderen Seite ist etwas. »Es« geht weiter. Aber wir wissen nicht, was mit uns geschieht.
ZEIT: Nächstes Jahr werden Sie 80, wundert Sie das – bei Ihrer Begabung zur Angst?
Steiner: Das habe ich mir noch nie so überlegt. Aber wieso sollte einer mit Begabung zur Angst jung sterben? Ich lebe in Biel an der Sprachgrenze. In der französischen Sprache sagt man für Lebensgefahr danger de mort. In der deutschen Sprache haben wir mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod. Wenn ich sage, dass wir nicht verstehen, was mit uns geschieht, heißt das nicht, dass das Leben nicht auch lustig sein kann. Es gibt auch eine heitere Seite in mir, bei so vielen wunderbaren Menschen, die ich um mich habe.
ZEIT: Gerade hat Peter Bichsel einen Besuch bei Ihnen angesagt.
Steiner: Wir treffen uns immer wieder. Wir spielen die zwei Alten, die wir wirklich sind. Wie in der Muppet Show.
ZEIT: Einmal in Biel, dann wieder bei ihm in Solothurn?
Steiner: Nein, Bichsel will immer nach Biel kommen. Biel ist ein bisschen verwahrloster als Solothurn. Das gefällt ihm, mir ja auch.
ZEIT: Welche Rolle spielt die Schweiz in Europa?
Steiner: Sie muss die Rolle nicht mehr spielen, die sie mal hatte. Sie gehört nicht mehr zu den Siegern des Zweiten Weltkriegs, aber auch nicht mehr zu den Verlierern.
ZEIT: Wird es die Schweiz in 200 Jahren noch geben?
Steiner: Wieso?
ZEIT: Es ist nicht anders vorstellbar.
Steiner: Eben.
Jörg Steiner, 79, ist einer der wichtigsten Schriftsteller der Schweiz. Er lebt in Biel
Das Gespräch Führten Peter Burri und Peer Teuwsen
- Datum 07.04.2009 - 15:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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