Die Klassik-Platte Wilde Glut der Hölle
Fulminant: Telemanns »Brockes-Passion« in der Neueinspielung von René Jacobs und der Akademie für Alte Musik Berlin
Wie fies das knackt und knirscht, wenn sich die Dornenkrone auf das Haupt Jesu senkt! Es ist ein Stechen und Stacheln, von dem man sich schaudernd abwenden möchte. Aber der Komponist zwingt uns, ganz genau hinzuhören. Ein Tenor fleht »das Mordgesträuch« an, von der Quälerei abzulassen. »Doch der verfluchte Strauch ist taub.« Schon bohren sich die Spitzen in das Fleisch: mit trockenen, dissonanten Streicherakkorden, im Staccato messerscharf am Steg mehr geschlagen als gespielt. So brutal kann Barockmusik klingen. Und die Peinigungen sind noch nicht zu Ende. Das Volk keift im hämisch punktierten Rhythmus und mit hohnlachenden Vorhaltsverzierungen »Gegrüßet seist du, Judenkönig!«, worüber wiederum die Tochter Zion, die das Geschehen mitleidend kommentiert, schier außer sich vor Empörung gerät. Vom »Schaum der Welt«, der dem Heiland den Geifer ins Gesicht speie, singt sie in wutrasenden Koloraturen, und das Orchester spuckt mit patzigen Akkorden angewidert aus.
Solch musikalisches Draufgängertum kennt man sonst gar nicht von diesem Komponisten. Ist Georg Philipp Telemann etwa nicht der mittelmäßige Vielschreiber aus dem 18. Jahrhundert, ein Kleinmeister und Liebling aller Blockflötengruppen? Rangiert er in der Musikgeschichte nicht zu Recht weit hinter seinem Zeitgenossen Johann Sebastian Bach? Zu seinen Lebzeiten wurde Telemann als Gigant verehrt. Als Kirchenmusiker und Opernleiter in Hamburg war er einer der bestbezahlten Komponisten weit und breit und viel berühmter als der Leipziger Thomaskantor. Wer jetzt Telemanns Brockes-Passion in der fulminanten Neueinspielung von René Jacobs und der Akademie für Alte Musik Berlin hört, versteht schnell, worauf der Ruhm damals gründete: Telemann kann mitreißend dramatisch komponieren. Er war ein ausgebuffter Theatraliker, beherrschte die Finessen des wirkungsvollen Arienschreibens, zog experimentierfreudig alle Register der Instrumentierungskunst.
Die Verheißung der »Gnadenflut« muss mit Blut bezahlt werden
Für seine erste große Passionsvertonung hatte er sich die schärfste Textware vorgenommen, die damals auf dem Markt zu haben war – die Dichtung Der für die Sünde der Welt leidende und sterbende Jesus des Hamburger Großbürgers, Ratsherren und Schriftstellers Barthold Heinrich Brockes. Darin liegt »der Sünden Zentnerlast« wahrlich ächzend auf dem Heiland, und aus seinen Wunden sprudelt das Blut in Strömen. Der Text folgt der Idee, dass die »Gnadenflut«, die für den sündigen Menschen aus der Passionsbotschaft entspringt, in einem direkten Zusammenhang steht mit der Menge an vergossenem Christusblut. Viel hilft viel. Deshalb presst »der Hölle wilde Glut«, wie Jesus in einem Rezitativ stöhnt, »aus Bein und Adern Mark und Blut«.
Unter den Komponisten war die Brockes-Dichtung heiß begehrt. Mehr als ein Dutzend mal ist sie vertont worden, darunter von Berühmtheiten wie Johann Mattheson, Reinhard Keiser oder Georg Friedrich Händel. Für eine distanziert erzählende, liturgische Passion, wie sie Bach noch schrieb, taugt der Text kaum. Zu sehr zielt er auf szenische Vergegenwärtigung und mitleidende Anteilnahme. Telemanns Oratorium ist mehr eine sakrale Oper als feierliche Gottesdienstmusik. Es wurde zwar noch in einer Kirche uraufgeführt (1716 in Frankfurt), bedient aber schon das nach Sensationen gierende Konzertsaalpublikum.
Der Evangelist spielt darin keine bedeutende Rolle mehr, alle Hauptfiguren treten mit eigenen Arien auf. Die Verleugnungsszene des Petrus etwa wird mit großem Aplomb über drei Arien und zwei Accompagnato-Rezitative hinweg zwischen Hasenherzigkeit, winselnder Selbsterkenntnis und inbrünstiger Buße aufgefächert. Auch Jesus gibt höchstpersönlich Auskunft über die Schmerzen, die er erleiden muss. Am Kreuz findet er mit Maria zu einem Mutter-Sohn-Duett zusammen, und vor dem Gebet am Ölberg putzt er seine wankelmütigen Jünger in einem geradezu cholerischen Arienausbruch herunter. Die Jesusszene lässt deutlich werden, wie raffiniert Telemann mit dramatischen Kontrasten spielt und die jähen Perspektivwechsel in einem geradezu filmischen Verfahren wie Schnittfolgen anlegt. Innerhalb weniger Minuten erlebt man, wie Jesus sich in seiner Wutrede gegen die Jünger in gezackten Koloraturen an die verachtenswerte Welt wendet, dann zu weich fließender Streicherbegleitung die Augen betend zum Himmel richtet und im Mittelteil der Arie plötzlich nach innen in die Tiefen der eigenen Seele blickt, wo in statisch gedehnten Akkorden die Angstzustände Raum greifen. Großes Oratorienkino ist das, von der furios aufspielenden Akademie für Alte Musik Berlin und dem Bariton Johannes Weiser in der Jesusrolle packend in Szene gesetzt.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die Opernhäuser in Deutschland während der Passionszeit geschlossen. Die besten Sänger standen für Oratoriumsaufführungen zur Verfügung – und wollten entsprechend bedient werden. Telemann hat in seiner Brockes-Passion deshalb mit Bravourarien nicht gegeizt. Die Partie der »gläubigen Seele« etwa, die gleichsam die Hörerreaktionen auf das Passionsgeschehen furchtbibbernd und erlösungssehnsüchtig im Werk repräsentiert, wurde von ihm überreichlich mit glamourösem Gesang bedacht, denn bei der Uraufführung wurde sie von einem berühmten italienischen Kastraten gegeben. Der durfte zudem noch den kapitalen Abgang des Judas singen, der vor Selbsthass regelrecht durchdreht. »Lasst diese Tat nicht ungerochen«, singt er, »zerreißt mein Fleisch, zerquetscht die Knochen.« Die Bässe rumoren dazu in den Eingeweiden des Verräters, das Cembalo rasselt eiseskalt, und die Bläser blöken satanisch. Nachdem Judas gellend sein »So will ich mich henken!« herausschreit, zeigt ihm das Orchester mit fünf harschen Unisono-Akkorden die kalte Schulter, und die Orgel verabschiedet ihn, lapidar abkadenzierend, in die Hölle. Einen solch Schurken-Showdown haben nicht einmal die großen Barockopern zu bieten. Es folgt – typisch Telemann – ein herzallerliebster Himmelsblockflöteneinsatz als Vorspiel zur nächsten Arie.
Diese Musik stellt wuchtig allen Hollywood-Pomp in den Schatten
Man kann René Jacobs und seine Musiker nicht genug dafür loben, dass sie sich Telemanns vergessener Pracht-Passion angenommen haben – zunächst in einer Konzertserie vor zwei Jahren und nun auf CD (es gibt nur noch eine weitere Einspielung von Paul McCreesh). Das Stück ist seine Wiederentdeckung allemal wert. Es entwickelt in seiner Grellfarbigkeit einen überwältigenden Sog.
René Jacobs selbst hat die Passion in einem Interview mit dem umstrittenen Mel-Gibson-Kinofilm The Passion of Christ verglichen, der die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu in ein sadistisches Splattermovie kleidete. Manchmal scheint auch bei Telemann und Brockes der Spaß am Schmerz ebenso groß zu sein wie der Glaube an die daran geknüpfte Erlösungsbotschaft. Aber Telemann ist besser. So ein barocker Kirchenmusiker stellt Hollywood locker in den Schatten.
- Datum 10.04.2009 - 11:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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