Mein Deutschland (Teil 4) Dafür gibt es keine Sprache

Im Auschwitz-Prozess mussten sich die Mörder von mehr als einer Million Juden verantworten

Stacheldraht am Zaun des Vernichtungslagers Auschwitz II-Birkenau

Stacheldraht am Zaun des Vernichtungslagers Auschwitz II-Birkenau

Denk ich an Auschwitz, an jenen Prozess, der vor nun schon bald einem halben Jahrhundert, also vor fast einem halben Menschenleben, in Frankfurt am Main geführt wurde und an dem ich als Beobachter gelegentlich teilnahm, dann denke ich heute zuerst an andere Begebenheiten. Ich erinnere mich zum Beispiel an Brody. Warum? Weil das Erlebnis dort frischer im Gedächtnis ist und auch, weil es mit jenem damals in Frankfurt verhandelten Schrecken zu tun hat, im SS-Jargon "Endlösung der Judenfrage" genannt. Ein immer noch unbenennbarer Schrecken über unvernarbte Wunden bei jenen, die noch einmal davonkommen konnten.

Vor zwei Jahren war ich auf einer Rundreise durch die westliche Ukraine, das frühere Galizien, auch eine ehemalige Hochburg europäischen Judentums. Die kleine Stadt Brody, Geburtsort von Joseph Roth, liegt nördlich von Lemberg, unweit der Grenze Weißrusslands. Dort lebten einmal 9.000 Juden, das waren annähernd 70 Prozent der Gesamtbevölkerung Brodys. Von 1941 an, unter deutscher Herrschaft, wurden sie erschossen oder in die Vernichtungslager deportiert.

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Ich sah den jüdischen Friedhof Brodys. Ein schier unendliches Meer grauer Grabsteine in langen Reihen dicht an dicht, gerade die meisten, manche schief geworden im Laufe der Zeit. Es müssen Tausende sein, einer wie der andere. Auf den Steinen der letzten Reihe ist die Jahreszahl 1942 eingetragen. Danach gab es in Brody keine Beisetzungen mehr. Danach gab es nur noch Erschossene in Massengräbern auf dem freien Platz dieses Friedhofs. Dieses schier unendliche graue Steinmeer im fernen Brody erinnert an das Berliner Holocaust-Mahnmal mit seinen grauen, unregelmäßigen Betonstelen. Das ist eines meiner Erlebnisse zu dem, was Auschwitz heißt, aus jüngerer Zeit.

Was ist sonst noch geblieben von jenen fernen Tagen im Frankfurter Gallus-Haus, dem Kultursaal der Mainmetropole? Dorthin musste das Gericht damals ausweichen, wegen der außergewöhnlichen Dimensionen: 20 Angeklagte, 360 Zeugen, 21 Verteidiger, dazu Nebenkläger, Gutachter, Journalisten, Schulklassen. Ein Mammutprozess. Ein "Monsterverfahren" wie seine Gegner behaupteten. 20 Monate dauerte er, 183 Verhandlungstage zu jeweils sechs Stunden. Die Anklageschrift zu dem Aktenzeichen 4Ks2/63 umfasste 700 Seiten, das Ermittlungsmaterial 88 Leitzordner. Am 20.Dezember 1963 eröffnete der Vorsitzende Richter Hans Hofmeyer das Tribunal, am 20. August 1965 verkündete er die Urteile: sechsmal lebenslänglich, achtmal Zeitstrafe, dreimal Freispruch. Mindestens 1,1 Millionen Juden wurden in Auschwitz umgebracht, so das Gericht. Erst entrechtet und entwürdigt, dann vergast, erschossen, erschlagen. Damit kamen allein an diesem einen Ort, in diesem einen Vernichtungslager in den Jahren von 1941 bis 1944 unter deutscher Herrschaft an die 25 Prozent aller damals ermordeten Juden ums Leben. Was für Zahlen, welche Dimensionen, welche Grausamkeiten, was für Leid, welcher Schmerz! Und was für eine Trauer! Günter Grass notierte unter dem Datum des Jahres 1990 in sein Tagebuch zu seinem Plan über "Schreiben nach Auschwitz": "Ein Thema, an dem ich nur scheitern kann."

Serie Mein Deutschland
Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik

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Das fängt bereits mit den üblichen einfachen Begriffen beim Versuch des sachlich-korrekten Beschreibens an. Waren die deportierten, eingesperrten, erniedrigten und ermordeten Juden etwa "Häftlinge", wie sie regelmäßig in Artikeln und wissenschaftlichen Büchern genannt wurden, regelrecht verurteilt demnach zu Gefängnis oder Zuchthaus? Waren sie, schon ein höherer Grad der Einstufung, etwa "Opfer", so, als wären sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, bei einer Schießerei vor einer Kneipe oder auch bei einem Lawinenunglück, also unabsichtlich, aus Versehen sozusagen? Todeskandidaten waren sie, zum kaltblütigen "Verwaltungsmord" (Hannah Arendt) bestimmt. Sie waren nur noch Nummern, eintätowiert in den linken Unterarm, Menschen ohne Namen, ohne Hoffnung. Sie durften nichts als sterben. Heinrich Himmler, der Cheforganisator dieses Gewaltverbrechens, sagte einmal: "Man mag dies grausam nennen, aber die Natur ist grausam."

Für Auschwitz gibt es keine Sprache. Und auch das Nachdenken heute über diesen Mordort, das einen überfordert, macht im Grunde immer noch sprachlos, regelrecht mundtot – wie es vor allem auch viele Überlebende zum Schweigen gegenüber ihren Nachkommen anhält – oder sollte ich eher sagen, geradezu zwingt. Das wurde mir erst später alles bewusst. Ich schrieb damals, wie andere, auf, was ich in diesem Prozess sah und hörte: den grinsenden Angeklagten, die weinenden Zeugen, die schneidende Rechtfertigungspolemik des Verteidigers, die bohrende Nachfrage des Staatsanwalts, die bedächtige Ermahnung des Richters, den beschwörenden Appell des Nebenklägers. Aber ich war immer in der Gefahr, durch eine eingängige, beschwörende Sprache, an dem nackten Schrecken und Erschrecken effektvoll vorbeizuschreiben. Die Barbarei damals war nur nüchtern und kalt.

Auch das frage ich mich heute noch: Wo war Gott in Auschwitz?

Es konnte einem im Kultursaal des Gallus-Hauses schon die Sprache verschlagen, wenn etwa der Angeklagte Josef Klehr, der sogenannte Sanitäter im weißen Tarnkittel, der den Juden seine tödlichen Phenolspritzen ins Herz stach, zu der akribisch belegten Zahl seiner Todesopfer lakonisch-spöttisch einwarf: "Wie denn, 16.000 Mann soll ich abgespritzt haben? Dann wäre ja nur noch der Musikzug übriggeblieben." Oder, wenn er sich so herauszureden suchte: "Auf deutsch gesagt waren es ja keine Kranken mehr, sondern schon halbe Tote."

Leser-Kommentare
    • Gafra
    • 13.04.2009 um 15:41 Uhr

    In Auschwitz wurden auch Polen und "Zigeuner" zu zigtausenden ermordet.--
    1998 beteiligte ich mich an dem künstlerischen Projekt von Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz: Die Berliner Ermittlung nach dem Oratorium von Peter Weiss über eben diesen Prozess.
    Ich glaubte damit einen gewissen Abschluss finden zu können meiner jahrzehntelangen, manchmal fast zwanghaften Beschäftigung mit diesem Thema.
    Auch wenn wir während der Arbeit mit diesen schrecklichen Texten nicht in Trübsal und Schuldgefühlen versanken, sondern auch viel miteinander lachen konnten, einfach weil wir als ähnlich oder gleich Gesinnte uns mit diesem Thema gegen das Vergessen beschäftigten, so musste ich dennoch bemerken, dass es zumindest für meine Generation (50er Jahre), die noch verhältnismäßig nah an der Kriegsgeneration war, ein einfaches Abschließen nicht gibt. Dazu sind die Familienverstrickungen, wenn man sich ihnen denn stellt, zu nah und zu wirksam im Leben der Nachgeborenen.
    Die Kinder der 70er, 80er, 90er Jahre dürften es da leichter haben, denn für sie wird es zur recht fernen Geschichte zumal die Zeitzeugen beider Seiten, sterben.
    Das mag man falsch finden, aber ich denke, es ist der Lauf der Dinge.

  1. Herr Strothmann zitiert eine Zeugin namens Hella Lingens. Leider konnte ich im Protokoll des Prozesses weder diesen Namen noch die ihr zugeschriebene Aussage finden. Die vom Fritz-Bauer-Institut herausgegebene DVD nennt eine Frau Ella Lingens-Reiner als Zeugin. Sie war als sogenannte Häftlingsärztin Tatzeugin und Opfer von Verbrechen, die im deutschen Konzentrationslager Auschwitz von den Frankfurter Angeklagten verübt wurden.

    Ihr Bericht endet keineswegs mit der kategorischen Feststellung, daß jede Erklärung des Verbrechens unmöglich sei. Eine Sentenz dieses Inhalts findet sich in einem Roman von Alfred Andersch, Efraim. Anderschs Werk ist auch eine Antwort auf den Kriminalprozeß vor dem Schwurgericht Frankfurt. Das moralisch Bedenkliche der Anderschen Romanfigur Efraim hat Frau Professor Ruth Klüger in einem Referat zu den Darstellungen des Jüdischen und des Juden in der deutschen Literatur überzeugend nachgewiesen. Es ist die Flucht vor der Verantwortung, die aus dem Mitmachen beim Mordgeschäft erwachsen ist. Eine bequeme Ausrede mithin.
    Das sollte der Leser bedenken.

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