Platte meines Lebens (48) Blau gegen Flecktarn
Tagsüber herrschte der Marschtakt der Bundeswehr, abends auf der Stube gab's dann das Gegengift: Mit Miles Davis überstand unser Autor seine Zeit beim Militär
Der Rhythmus, der zu jener Zeit meinen Alltag bestimmte, war ein Viervierteltakt, der nur eine Richtung kannte: geradeaus. Dazu wurde gesungen: »Steige hoch, du rooooter Adler, hoch über Sumpf und Sand, hoch über dunkle Kiefernwähälder – heil Diiir, mein Brandenburger Land!« Zu diesem Lied marschierten wir, Angehörige des amphibischen Pionierbataillons 330, jeden Morgen im Gleichschritt von der Kurpfalz-Kaserne in Speyer zum Rhein und übten mit dem Amphibienfahrzeug M3 Kriegsbrückenschläge. 1983 war das, Nachrüstungshochzeit, im Dezember wurden die ersten nuklearen Mittelstreckenraketen in Deutschland stationiert. Über Tag Drill; den A-Rhythmikern unter uns wurden die Beine mit Stricken an die Knöchel der Vorderleute gebunden, damit sie das Marschieren im Takt endlich lernten. Im theoretischen Unterricht bimste man uns ein, dass die norddeutsche Tiefebene panzergünstiges Gelände sei und binnen Stunden von den Truppen des Warschauer Paktes überrollt werden könnte. Der Russe ante portas – war es da nicht logisch, dass wir das Anlegen von Minenfeldern lernten?
Abends, auf der sogenannten Stube mit sieben »Kameraden«, der Griff zum Gegengift: Kind of Blue. Die Flucht in einen anderen Takt, bei dem allein Jimmy Cobbs auf dem Becken tänzelnder Drumstick das Tempo vorgab. So what, warfen Miles’ Trompete und John Coltranes Tenorsax ein, was soll’s. Die fünf Stücke standen niemals stramm, sie hingen so rum, nahmen sich ihre Zeit, jedes dauerte um die zehn Minuten – meine Traumzeit im Einheitsschlafanzug unter der Pferdedecke, auf der »Bundeswehr« stand. Eben originell war meine Ihr-könnt-mich-mal-Musik nicht – die meistverkaufte Platte in der Geschichte des Jazz. Aber, hey, wer will wählerisch sein zwischen Leuten, die ihren Arbeitskollegen das Auto klauen oder von ihrem Geschlechtsverkehr mit einem Schäferhund erzählen? Ein Rekrut wählte den Notausgang über das Klo, wo er eine Flasche Pflaumenschnaps auf ex trank und sich den Schädel an der Schüssel blutig schlug, um ein paar Tage Ruhe auf der Intensivstation zu haben. Da schien mir Weltflucht via Miles einfacher.
Mancher leistete seinen Ungehorsam in Uniform, indem er sein Gewehr zwischen die Heizungsrippen steckte und kräftig gegen den Schaft trat; im Ernstfall, mit dem wir damals tatsächlich rechneten, wäre er nicht in Verlegenheit gekommen, den Feind tödlich zu treffen. Bei mir entfaltete Coltranes Saxofon eine wehrkraftzersetzende Wirkung; in Blue in Green glaubte ich zu hören, wie die Welt wirklich atmet. Bei einem Lehrgang in München, wo wir lernten, dass der russische Panzer T2 nicht in voller Fahrt schießen kann, eroberte ich mir mit Kamerad E. eines der riesigen, leeren Dachgeschosse der Stetten-Kaserne am Olympiapark als Proberaum. Nie maßten wir uns an, ähnlich entrückt zu spielen wie Miles und John und Cannonball; in der Besetzung E-Gitarre/Tenorsaxofon ging es uns um ein amateurhaftes Gipfeltreffen von Lautstärke und Weltschmerz. Die 89er Zeitenwende hat auch diesem Kriegsschauplatz zum Glück den Garaus gemacht, heute ist das Gelände ein Vorzeigewohnviertel, ökologisch und sozial korrekt.
Auch ich wurde ein anderer; derart im falschen Film bin ich danach nie mehr gewesen. Kind of Blue blies mir den Marsch – diese Sorte Blau hat mir Olivgrün und Flecktarn für immer suspekt gemacht.
Miles Davis: "Kind of Blue", Columbia
- Datum 08.04.2009 - 16:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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Der Autor vergisst zu erwaehnen, dass dieses Album vor genau 50 Jahren eingespielt worden war (2. Maerz, 22. April 1959). Miles starb am 28. September 1991.
http://aliqapoo.wordpress...
Nun, vielleicht war es dem Autor einfach nicht wichtig.
wahrensfeld @ http://zu-zeiten.blogspot...
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