Innenarchitektur Der Wald an der Wand

Farnteppiche im Wohnzimmer, Moose im Bad, ein Regenwald in der Küche: Indoor Landscaping heißt der Trend, der ein grünes Heim verspricht

Einmal überkam meine Freundin C. der Wunsch, sich den Wald ins Wohnzimmer zu holen. Ihre Beziehung war gerade gescheitert, in der Firma war die Auftragslage auch schon mal besser gewesen. Warum also nicht den Blick auf das Wesentliche richten, auf die eigenen vier Wände – und sich ein weiches Nest aus Moosen bauen?

Sie stieg in ihr altes Auto, brauste hinaus an den Rand der Stadt und sammelte die grünen Polster. Moose lieben Feuchtigkeit, also besorgte C. sich große Einweckgläser, Kies, Spezialerde und begann das flauschige Grün zu züchten. Nun hat sie eine ganze Ecke in ihrem Wohnzimmer, in der es aussieht wie im Auenland der Hobbits aus Herr der Ringe, ein Feuchtgebiet zwischen Stereoanlage und Bücherregal. Von den Begriffen Indoor Landscaping und Urban Cultivation hatte meine Freundin noch nie gehört. Ohne es zu wissen, war sie einem Trend gefolgt, der in der Architektur immer wichtiger wird.

Was C. im Kleinen macht, verwirklicht Andreas Schmidt im Großen. Seine Agentur heißt indoorlandscaping, hat Niederlassungen in München, Los Angeles und Mexico City und plant Innengärten und Grünflächen für Gebäude. Weil Moose eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit haben, hat Andreas Schmidt sie noch nicht in die Banken, Restaurants und Einkaufspassagen geholt, die er begrünt. Ansonsten aber verwendet er vieles, was wir aus der Natur kennen: Sträucher, Farne, Wein und Bäume. "Ich will auch drinnen wie in einer Allee wandeln", sagt er.

Andreas Schmidt macht aus Gebäuden Landschaften. Er ist das Bindeglied zwischen Architekt, Landschaftsarchitekt und Gärtner. In der modernen Architektur plant man heute nicht mehr nur das Gebäude, sondern die internen Grünflächen gleich mit. Sie sind Teil des architektonischen Konzepts. "Im Idealfall sind wir schon im Wettbewerbsteam mit dabei", sagt Schmidt.

Früher stellte man einen Ficus benjamini in die Ecke und ein paar Kakteen auf das Fensterbrett. Heute entstehen Grünflächen, wie Schmidts Agentur sie für die Münchner Einkaufspassage 5 Höfe entworfen hat, Palmenalleen unter Glas und hängende Gärten. Der französische Tropenbotaniker Patrick Blanc – sein Erkennungszeichen sind grün gefärbte Haare – ist für seine murs végétaux bekannt: Pflanzenwände. Sie sparen Platz, wirken beruhigend auf die gestresste Büroseele und sind gut fürs Raumklima. Mittlerweile haben viele Firmen Patente dafür entwickelt. Bei Schmidt heißt es Grüne Wand.

Unternehmen wollen sich ein umweltfreundliches Image geben und Nachhaltigkeit demonstrieren, auch deshalb planen sie Innengärten ein – klassisches greenwashing, eine Erfindung der modernen Unternehmenskommunikation. Dabei ist die Idee des Innengartens eigentlich schon ziemlich alt. Sie ist nämlich verwandt mit der Erfindung des Schrebergartens, mit der man den Bürgern in urbanen Ballungszentren einen Garten bieten wollte. Indoor Landscaping klingt zwar viel moderner, befriedigt in Wahrheit aber ein archaisches Grundbedürfnis. "Wenn man sich zehn Stunden in einem Raum aufhält, verliert man den Bezug zur Außenwelt", sagt Schmidt. Innengärten werden da zu Oasen der Ruhe.

Architektenbüros, die sich auf Innengärten spezialisiert haben, gibt es mittlerweile überall auf der Welt. Kann man ihren Erfolg erklären? "Untersuchungen zeigen, dass Pflanzen am Arbeitsplatz die Produktivität steigern", sagt Pippa Robinson von der britischen Firma Indoor Garden Design – das Grün als Motivator für faule Angestellte.

Auch immer mehr private Bauherren wollen sich einen kleinen Urwald ins Wohnzimmer holen. Haus- und Gartengestaltung ist ein im buchstäblichen Sinne wachsender Wirtschaftszweig – für Pflanzen, Gartengeräte und wetterfeste Möbel geben die Deutschen neuerdings jedes Jahr rund elf Millionen Euro aus. Und mit der Wirtschaftskrise könnte es eher mehr als weniger werden.

Cocooning heißt der Effekt, der jetzt einsetzt, ein Bedürfnis, das auch meine Freundin C. in der Krise gepackt hat: Man besinnt sich wieder mehr aufs eigene Haus, schafft sich einen Kokon, in dem man die Krise sicher überdauern kann. Und Gärten stehen besonders für Entschleunigung und Gelassenheit. Bäume und Blumen wachsen zu lassen ist ein schöpferischer Akt. Ärger ist schnell vergessen über den wirklich wichtigen Fragen des Lebens: Vertreibt Brennnesselsaft die Blattläuse? Welches Bier hilft am besten gegen Schnecken?

Es gibt Bauherren, die wie ein Ehepaar nahe Stuttgart ihr ganzes Haus um ein großes Pflanz- und Wasserbecken herum planen. Andere lassen sich in ihrem Wohnzimmer eine Grube ausheben, füllen sie mit Spezialerde und legen einen Dschungel aus Bananen- und Feigenbäumen an.

Innengärten sind natürlich teurer als Außengärten, weil sie oft eine besondere Bewässerungstechnik brauchen und spezielles Licht. Der britische Landschaftsarchitekt Paul Cooper rechnet für einen durchschnittlichen Innengarten von acht Quadratmetern mit Kosten zwischen 2500 und 3500 Euro. Mit ausgefeilter Technik, Brunnen und Lichtanlage landet man allerdings schnell bei 10.000 Euro. "Es ist wie mit Möbeln", sagt Cooper, "man kann die Kosten senken, je nachdem, was man kauft."

Für Leute, die nicht gleich das ganze Haus umplanen wollen für ihre grünen Ecken, entwickelte die schwedische Firma Greenfortune sogenannte steamgardens für Wohnung und Büro, Dampfgärten, in denen Pflanzen in zirkulierendem Wasser statt in Erde wachsen – eine Methode, die mal die Weltraumbehörde Nasa erfunden hatte. Und Andreas Schmidts Agentur indoorlandscaping entwickelt gerade eine mobile Grüne Wand, die man sich ins Wohnzimmer oder ins Schlafzimmer stellen kann, je nachdem, wo man sie gerade haben will. So eine Grüne Wand sorgt ganz nebenbei im Sommer durch Wasserverdunstung für Kühlung und hilft im Winter Energie sparen. Bewässerung und Düngung sind automatisiert. Kein Nachbar muss mehr zum Blumengießen kommen, wenn man verreist. Aber natürlich ist dann auch der Spaß der Pflege dahin.

Andreas Schmidt hat in seinem Haus übrigens keinen Innengarten. Wenn ihn die Sehnsucht nach der Natur packt, tut er etwas ganz Konventionelles. Er geht in den Wald.

 
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