Eine Chance auf einen Arbeitsplatz hatte er nie: Seit acht Jahren ist Gökhan Demir in Deutschland, und bis vor Kurzem hat er Arbeitslosengeld II erhalten. Sein Gang zum Arbeitsamt war stets vergeblich, bis heute sind seine Deutschkenntnisse schlecht. »Es war ziemlich schwierig, einen Job zu bekommen«, sagt Demir. Aber er schämte sich, Geld vom Staat zu kassieren, und wollte selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. In der Türkei war er zusammen mit seinem Bruder bereits als Unternehmer tätig gewesen, deshalb plante er, sich auch in Deutschland wieder selbstständig zu machen, am liebsten mit einer Kurierfirma. Für die Anschaffung eines Transporters benötigte er Geld, und er wusste, dass er bei den Banken gar nicht erst anzufragen brauchte – ohne Sicherheiten und ohne Sprachkenntnisse.

Erfolg hatte er bei Fuat Atasoy und Cemalettin Özer, Geschäftsführer von Mozaik Consulting in Bielefeld. Sie beraten türkische Existenzgründer – und seit einiger Zeit geben sie ihnen auch eine Anschubfinanzierung in Form eines Mikrokredits. Mal 2000 Euro, mal 5000 Euro, nie mehr als 20.000 Euro. »Oft reichen ein paar Tausend Euro aus, um aus einem Menschen ohne Perspektive einen erfolgreichen Unternehmer zu machen«, sagt Atasoy. Für seinen ersten Transporter erhielt Demir 10.000 Euro, weitere Kredite schlossen sich an.

Das Geld für den Gründer stammt aus dem Mikrofinanzfonds Deutschland, dem ersten seiner Art hierzulande. Er wurde im Jahr 2006 aufgelegt und wird von der GLS Bank in Bochum verwaltet. 3,1 Millionen Euro stehen zur Verfügung, rund 300 Kredite wurden bis Ende 2008 ausgezahlt. Im laufenden Jahr soll mindestens die gleiche Zahl an Krediten gewährt werden. Im Vergleich zu dem größten Mikrofinanz-Investmentfonds EFSE mit einem Volumen von 640 Millionen Euro, der über Partnerinstitute 148.000 Kredite an Kleinstunternehmen in Südosteuropa vergeben hat, ist dies wenig, doch das Interesse wächst. Für 2010 plant die GLS Bank eine Neuauflage. Von 2015 an sollen jährlich mehrere Tausend Kredite vergeben werden.

Neben der Bereitschaft von Geldgebern, zu investieren, wächst auch das Interesse unter den Kreditnehmern. Die Selbstständigkeit erscheint ihnen in der Krise als eine Alternative. Manche sind schwer auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, und die eigene Firma ist ihre einzige Chance, auf eigenen Füßen zu stehen.

200.000 Gründer brauchen jährlich eine Finanzierung bis 25.000 Euro

Im Mittelstandsmonitor der staatlichen KfW Bankengruppe ist von knapp 200.000 Gründern jährlich die Rede, die eine Finanzierung bis zu 25.000 Euro brauchen. Sie stoßen oft auf Probleme. Einige leihen sich Geld von Freunden, andere überziehen einfach ihr Konto. Geschäftsbanken haben an Kleinstkrediten wenig Interesse, und Förderkredite wie die von der KfW liegen in der Regel über 25.000 Euro. Es gibt also eine Finanzierungslücke. Diese wollen Mikrofinanzierer wie Mozaik füllen. Dabei folgen sie dem Beispiel des Friedensnobelpreisträgers Mohammad Yunus. Er vergibt mit seiner Grameen Bank seit den siebziger Jahren Mikrokredite an Kleinunternehmer in Bangladesch.

Der Fall Demir zeigt, welche Früchte ein solches Investment tragen kann: Der Türke beschäftigt heute zehn Fahrer und hat einen Fuhrpark mit mehreren Lastwagen. Seine Tilgungsraten konnte er stets pünktlich zahlen – inklusive eines Zinses von zehn Prozent.