Fernsehen In der Sonderblase
Die Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiografie "Mein Leben" macht den Exzentriker zum Streber

© Thomas Kost/ WDR
Backfischhaft - Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler als Marcel und Tosia
Marcel Reich-Ranickis Autobiografie Mein Leben, vor zehn Jahren erschienen und mit über 1,2 Millionen verkauften Exemplaren eine der großen Erfolgsgeschichten der deutschen Literatur, ist ein erstaunliches Buch. Es funktioniert nämlich wie ein Zitatenlexikon, in dem kein geflügeltes Wort des Bildungskanons fehlt. Man könnte sich das Erinnerungsbuch eines wilhelminischen Gelehrten solcherart erzählt gut vorstellen. Das Bemerkenswerte an Reich-Ranickis Autobiografie aber ist, dass er mit diesem Zitatenschatz – von Schiller bis Thomas Mann – von einem jüdischen Leben berichtet, das mitten hindurchging durch die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus.
Es ist ein Leben, das im Berliner Fichte-Gymnasium ersten Erfahrungen der administrativen Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt ist. 1938 folgt die Deportation nach Warschau, wenig später die Kasernierung im dortigen Ghetto. Nur durch großes Glück entgeht Reich-Ranicki dem Abtransport ins Vernichtungslager Treblinka. Ihm und seiner Frau Teofila, genannt Tosia, gelingt die Flucht aus dem Ghetto, und dank der Großmut eines polnischen Ehepaars können sie in einem Kellerversteck das letzte Kriegsjahr überleben. Aber an jeder dieser düsteren Stationen zieht der Erzähler Reich-Ranicki eine Romanszene, einen Theaterdialog oder ein klassisches Musikstück heran, um seine Situation und seine Gefühle zu beschreiben und zu deuten. Der Kanon, den er später, im Alter, in gewaltigen Schubern herausgeben wird, er hat dieses Leben auch in Momenten größter Verzweiflung und Barbarei getragen.
Reich-Ranicki zitiert aus Leidenschaft. Im Film ist es nur Namedropping
Jetzt hat der Film- und Fernsehregisseur Dror Zahavi Reich-Ranickis Mein Leben fürs Fernsehen verfilmt, genauer jene Jahre, bis Tosia und Marcel Reich-Ranicki schließlich in der Bundesrepublik ankommen. Es ist ein ernsthafter Film geworden, voller Respekt vor der Vorlage, der jedes Risiko vermeidet und deshalb eigentümlich steril wirkt: Es ist die exemplarische Geschichte eines Holocaust-Überlebenden, nicht die spezielle der besonderen Persönlichkeit Marcel Reich-Ranicki.
Dass dieser Film einen überhaupt nicht packt, hat mit einem entscheidenden Umstand zu tun: Im Buch hören wir diese Lebensgeschichte im »inneren Ohr« durch die unverwechselbare Stimme des späteren Literaturkritikers. Im Film hingegen sehen wir einen jungen Mann, dessen Kühle, Unerschrockenheit und Entscheidungsstärke man bewundert, der aber nicht einmal in Larvenform auf die spätere Ausnahmefigur MRR vorausweist. Und das ist gegenüber dem Buch ein Verlust.
Es ist Reich-Ranickis Gabe, in gefährlicher Nachbarschaft zum bildungshubernden Prunkzitat seinen Lektürefrüchten eine dramatisch-psychologische Tiefe zu verleihen. In der Kontrastierung zur Nazi-Barbarei gewinnen diese Kulturbeschwörungen eine berührende Kraft und Dringlichkeit. In der Verfilmung bleibt davon nur ein backfischhaftes Namedropping zurück. Und ein ehrfurchtsvoll von der Kamera in den Blick genommener Buchrücken kann die Rolle, die die Literatur für dieses Leben spielte, nicht ersetzen. Dabei ist diese Zitatkultur für die Figur MRR unbedingt entscheidend. Denn sie zielt ins Herz jener Verunsicherung, die im Nachkriegsdeutschland die kulturelle Öffentlichkeit besonders umgetrieben hat: Die Bedeutung Reich-Ranickis hat auch damit zu tun, dass in seiner Person den Deutschen ihr Kanon noch einmal aus unbescholtener Hand zurückgegeben worden ist. All das will der Film nicht erzählen. Es bleibt so ein zeitgeschichtlicher Bilderreigen übrig, der seine Kostüme aus dem üblichen Filmfundus des »Dritten Reichs« leiht, der mit der Individualität Reich-Ranickis aber nicht mehr viel zu tun hat. Matthias Schweighöfer spielt Marcel zwar mit großer Bedachtsamkeit und Ernsthaftigkeit, Katharina Schüttler als Tosia ist eine eindrucksvolle und berührende Charakterstudie, und doch wirkt der Film bieder und artig.
Die Figur des Großkritikers ist viel reicher und irritierender als der Film
Ein zentrales Motiv von Reich-Ranickis literaturkritischem Schreiben ist die Figur des Außenseiters. Auch der Film greift dieses Motiv auf. Da sagt die Mutter zum Sohn, als sie nach Berlin emigriert sind: »Du musst immer besser sein als die anderen.« Der Sohn nimmt sich das zu Herzen und wird Klassenbester im Fach Deutsch. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass sich diese Sonderrolle im Film in einer gewissen Streberhaftigkeit erschöpft. Reich-Ranickis Außenseitertum als Großkritiker der Bundesrepublik jedoch hatte durchaus Züge einer mysteriösen Exzentrik.
Dabei ist der Zusammenhang von Charakter und Schicksal in seinem Fall besonders faszinierend: Er war und ist ja – man darf dies mit allem Respekt sagen – eine Ausnahmeerscheinung auf dem heiklen Grat zwischen Kritikerpapst und Witzfigur. Er konnte zu einer Kulturikone auch unter Nichtlesern werden, weil er stets ein wenig wie eine Kunstfigur wirkte. Diese ganze Seite, die Charakteroriginalität der Figur MRR, die ja vielleicht doch etwas mit seiner Lebensgeschichte während des »Dritten Reichs« zu tun hat, blendet der Film aus. Auffallendster Ausdruck dieses Normalisierungsbemühens ist der Verzicht auf Reich-Ranickis berühmte Sprechweise. Gewiss, der Versuch, seine Diktion zu imitieren, hätte in der peinlichen Parodie enden können. Der gänzliche Verzicht aber bedeutet eine Sterilisierung. Denn von seiner Diktion gingen für die Bundesrepublik durchaus ein Schauder und ein Bann aus: War das jetzt ein Sprachfehler, ein ostpreußischer Dialekt, ein polnischer Akzent oder gar eine Restspur Jiddisch? So ganz genau wollte man es auch lieber nicht wissen. Man rührte nicht daran – und so war Reich-Ranicki lange wie in einer tabuisierten Sonderblase gefangen, die ihn wieder zum Außenseiter machte, wenn auch zu einem gefeierten. Von alldem erzählt Dror Zahavi nichts. Die Figur Reich-Ranicki jedenfalls ist viel reicher und irritierender als dieser Film.
Der Film läuft am Freitag, den 10. April um 21 Uhr auf Arte
- Datum 09.04.2009 - 13:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
- Kommentare 9
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Zwischentöne oder offen gelassene Tore für deuterische Vielfalt in Sympathie? Wer sollte das und wie in Deutschland drehen.
Verehrte Dame (wenn der Vorname der eines Herren ist, bitte entsprechend ändern), verehrte Dame, möchte man im Stil von MRR antworten, was wollen sie mit ihrer Kritik sagen? Dieser Film ist eine Blase, wie zum Beispiel die Finanzblase eine ist, wenn sie platzt, ist nichts mehr vorhanden außer Enttäuschung.
Wollen sie so verstanden sein. Ich denke sie sind noch sehr jung und unerfahren und können sich Situationen nicht vorstellen, in denen sie auf das zurückgreifen, was ihr Lebensrepertoire ausmacht. Ich habe Soldaten kennengelernt, die den ganzen Krieg hindurch eine Bibel mit sich herumgeschleppt haben, um Halt zu finden, seelischen Halt in der sie umgebenden barbarischen, lebensbedrohenden Situation. Ich habe Menschen gekannt, die mitten im Unglück von Tod und Todesnot Lieder ihrer Kindheit gesungen haben, Gedichte und Liederverse usw. Seelenpein ist nie und mit gar keinen filmischen Mitteln darstellbar.
Hätte man darauf verzichten sollen? Ich sage Nein.
Wenn es nur gelänge, junge Menschen zu veranlassen sich mit dem Buch zu beschäftigen und mit den historischen Fakten der NAZI-Diktatur, hätte er schon einen großen Nutzen erzeugt.
Einen Menschen, der die tiefsten Tiefen menschlicher Existenz durchlebt hat, einen Exzentriker, angefüllt mit Zitaten deutscher Literatur zu nennen zeugt von einer Herzenskälte, die bemerkenswert ist.
Liebe Frau Mangold,
Ihre Kritik an der filmischen Darstellung von MRR geht von MRRs Wirkung und Auftreten seit den 1960ern in der Bundesrepublik aus und ist insofern rückwärtsgewandt gedacht. Sie bemängeln, dass von der späteren, literarischen Stil- und Popikone MRR im Film keine Züge zu erkennen seien, auch das MRR-typische rollende R fehle Ihnen. Sie missachten dabei, dass MRR nach dem Krieg etliche Jahre in Polen gelebt hat, bevor er in die Bundesrepublik kam. Zwischen seinem Werdegang seitdem und der im Film dargestellten Zeit liegen jedoch sprachliche, kulturelle, persönliche Welten. Sehr wahrscheinlich hat MRR nicht bereits seit den 1930ern und schon gar nicht unter den ihn lebensbedrohenden Umständen daran gedacht, ein bedeutender Literaturkritiker zu werden. Vermutlich ist die Literatur für MRR wegen der Umstände ein so wichtiger Halt geworden und konnte deshalb auch später mit Hingabe als Brotberuf betrieben werden.
Ihre Kritik greift leider daneben, weil Sie im Film für Sie wesentliche Züge des heutigen MRRs vermissen. Wenn Sie jedoch die Chronolgie beachten und einer persönlichen Entwicklung zugestehen, nicht von vornherein zielgerichtet abzulaufen, dann brauchen Sie in besagtem Film auch nichts zu vermissen, sondern können sich der Faszination eines jungen MRR und der möglichen Bedeutung von Literatur in schwierigsten Zeiten hingeben. Es ist jedoch ein Fehler, eine filmische, frühe Darstellung MRRs anhand seines heutigen Wirkens und Auftretens zu beurteilen.
ist ja auch in Wahrheit etwas ganz anderes geschehen und der Film hat einfach nur "die Rückseite des Spiegels" gezeigt?
Ich gebe zu, ich mag MRR nicht besonders, und seine Autobiographie halte ich (neben einigen sachlichen Fehlern, die man - wäre man bösartig - auch als gezielte Fehldarstellungen des Autors bewerten könnte, denn er weiß es mit Sicherheit besser) für sinnlos überschätzt - wie wäre es, wenn die Verfilmung genau diesen "Schleier" der falschen Bewunderung, in die bemerkenswert viele Leute verfallen, von der Gestalt des MRR weggezogen hätte - einfach weil dieser "Scleier" mit filmischen Mitteln nicht darstellbar ist? Und darunter kommt zum Vorschein - nun, eine ganz andere Perspektive auf diesen Mann?
Ijoma Mangold ist in der Tat ein Mann. Nur so.
Es ist doch wie so oft: Man liest ein Buch. Es fesselt! Und dann hört man davon, dass dieses äußerst erfolgreiche Buch verfilmt werden soll.
Wer zuerst dieses spannende Buch liest, erfährt viel aus dem Leben eines Kritikers. Aber eben nicht nur aus dem Leben eines Kritikers, sondern eines außergewöhnlichen Menschen.
Wer dann - danach - den Fernsehfilm sieht, wird schnell merken, das abgelichtete Leben des MRR im Konzentrationslager stellt sich gar nicht als einzigartig dar. Ähnliche Sorgen und Nöte haben all die dort gefangen gehaltenen Menschen gehabt.
Das Singuläre im Leben des Marcel Reich-Ranicki begann eigentlich erst, als er sich als Kritiker etablieren konnte. Hymnen auf Thomas Mann! Auf Goethe, Heine und Schiller! Auf Lessing! Auf Philip Roth! Auf Wolfgang Koeppen (mit nachlassendem Eifer)! Lange auch auf Ulla Hahn (das scheint vorbei)! Auf Sarah Kirsch! Davon erfährt man leider in einem Film, der sich absichtsvoll "Mein Leben" nennt, wenig bzw. gar nichts.
Haben wir nicht alle die Kontroverse zwischen MRR und Sigrid Löffler im "Literarischen Quartett" genossen? Hellmuth Karasek hätte, glaube ich, gern seine Kollegin verteidigt - allein, er fand wohl die Reich-Ranicki-Argumentation zu überzeugend.
Was mich interessiert: wie war denn das Verhältnis zwischen MRR und Fritz J. Raddatz?. Oder gab es gar keines? Sind sie sich aus dem Wege gegangen?
Raddatz, quasi als Reich-Ranicki-Nachfolger, Gastgeber eines Literatur-Magazins in einem öffentl-rechtl. Sender - das hätte, auch heute, noch was!
Irgendetwas stimmt hier nicht. Habe ich einen anderen Film gesehen? Hat denn niemand im Film gesehen wie MRR sowohl als Schüler als auch bei seiner Ausweisung aus Deutschland gelitten hat? Hat es niemanden bewegt, wie deutsche Soldaten seine Familie drangsalierten und fast alle bis auf ihn umgebracht haben? Hat niemand etwas verspürt als er und seine Frau aus dem Keller des polnischen Lebensretters kamen und der Russe sagte: „Ich bin auch a Jüd“.
Was wollen Sie denn noch? Wie muss, wirklich erfahrenes, menschliches Leiden denn noch dargestellt werden damit jemand in Deutschland aufwacht?
Herzenskälte würde ich sowohl der ursprünglichen Rezension wie auch allen Kommentaren (bis auf Nummer 2 und 3) von bescheinigen. Leider.
Heinz Georg Schuster
Ich war tief bewegt als ich die Biographie, diese erschüttenden Beschreibungen der Vorgänge, in diesem distanzierten, ja beinahe schon kalten Ton las. Und so war ich höchst gespannt auf den Film, dessen Protagonist von meinem deutschen Lieblingsschauspieler belebt werden sollte. Doch muss ich sagen, dass weder der Regisseur es schaffte, den Stoff zu bannen noch Schweighöfer die Figur beherrschte. Schweighöfers Spiel erschien mir in zu vielen Momenten nicht authentisch, nicht ergreifend, eben doch nur nachgeahmt und nicht gefühlt. Das, so scheint mir, lag vorallem an der schwachen, viel zu gleichklingenden Intonation, die keine Höhen und Tiefen kannte, und die beim Satz "Denk an die Dostorjewski-Anekdote" nicht anders klang als bei den Einleitenden Szenen, den schrecklich unnatürlichen Textzeilen und dem zumeist ausdruckslosen Minenspiel. Das war nicht der Schweighöfer, der den leidenden Schiller, der den rachsüchtigen Baal, den schwermütigen Crash spielte. Dieses mal hatter er seine Figur nicht unter Kontrolle bringen können, und erst gegen Ende des Films schien es ihm zu geling. Dann nämlich wurde sein MRR plötzlich lebendig, doch zu spät.
Der Regisseur hatte eine schwere Aufgabe und konnte sie so scheint mir nicht bewältigen. Der allzu szenische Erzählstil mag passend sein für die Verfilmung einer Biographie, doch wechselte die Szenerie zu hastig, so dass es man die Stimmung des Ghettos und der einzelnen Episoden kaum transportieren konnte. Eine halbe Stunde mehr hätte dem Film sicher gut getan, dann nämlich hätten sich die einzelnen Bilder, die in dem Buch so bedrückend beschrieben sind auch entfalten können.
nur meine Meinung.
mfg
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