Marcel Reich-Ranickis Autobiografie Mein Leben, vor zehn Jahren erschienen und mit über 1,2 Millionen verkauften Exemplaren eine der großen Erfolgsgeschichten der deutschen Literatur, ist ein erstaunliches Buch. Es funktioniert nämlich wie ein Zitatenlexikon, in dem kein geflügeltes Wort des Bildungskanons fehlt. Man könnte sich das Erinnerungsbuch eines wilhelminischen Gelehrten solcherart erzählt gut vorstellen. Das Bemerkenswerte an Reich-Ranickis Autobiografie aber ist, dass er mit diesem Zitatenschatz – von Schiller bis Thomas Mann – von einem jüdischen Leben berichtet, das mitten hindurchging durch die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus.

Es ist ein Leben, das im Berliner Fichte-Gymnasium ersten Erfahrungen der administrativen Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt ist. 1938 folgt die Deportation nach Warschau, wenig später die Kasernierung im dortigen Ghetto. Nur durch großes Glück entgeht Reich-Ranicki dem Abtransport ins Vernichtungslager Treblinka. Ihm und seiner Frau Teofila, genannt Tosia, gelingt die Flucht aus dem Ghetto, und dank der Großmut eines polnischen Ehepaars können sie in einem Kellerversteck das letzte Kriegsjahr überleben. Aber an jeder dieser düsteren Stationen zieht der Erzähler Reich-Ranicki eine Romanszene, einen Theaterdialog oder ein klassisches Musikstück heran, um seine Situation und seine Gefühle zu beschreiben und zu deuten. Der Kanon, den er später, im Alter, in gewaltigen Schubern herausgeben wird, er hat dieses Leben auch in Momenten größter Verzweiflung und Barbarei getragen.

Reich-Ranicki zitiert aus Leidenschaft. Im Film ist es nur Namedropping

Jetzt hat der Film- und Fernsehregisseur Dror Zahavi Reich-Ranickis Mein Leben fürs Fernsehen verfilmt, genauer jene Jahre, bis Tosia und Marcel Reich-Ranicki schließlich in der Bundesrepublik ankommen. Es ist ein ernsthafter Film geworden, voller Respekt vor der Vorlage, der jedes Risiko vermeidet und deshalb eigentümlich steril wirkt: Es ist die exemplarische Geschichte eines Holocaust-Überlebenden, nicht die spezielle der besonderen Persönlichkeit Marcel Reich-Ranicki.

Dass dieser Film einen überhaupt nicht packt, hat mit einem entscheidenden Umstand zu tun: Im Buch hören wir diese Lebensgeschichte im »inneren Ohr« durch die unverwechselbare Stimme des späteren Literaturkritikers. Im Film hingegen sehen wir einen jungen Mann, dessen Kühle, Unerschrockenheit und Entscheidungsstärke man bewundert, der aber nicht einmal in Larvenform auf die spätere Ausnahmefigur MRR vorausweist. Und das ist gegenüber dem Buch ein Verlust.

Es ist Reich-Ranickis Gabe, in gefährlicher Nachbarschaft zum bildungshubernden Prunkzitat seinen Lektürefrüchten eine dramatisch-psychologische Tiefe zu verleihen. In der Kontrastierung zur Nazi-Barbarei gewinnen diese Kulturbeschwörungen eine berührende Kraft und Dringlichkeit. In der Verfilmung bleibt davon nur ein backfischhaftes Namedropping zurück. Und ein ehrfurchtsvoll von der Kamera in den Blick genommener Buchrücken kann die Rolle, die die Literatur für dieses Leben spielte, nicht ersetzen. Dabei ist diese Zitatkultur für die Figur MRR unbedingt entscheidend. Denn sie zielt ins Herz jener Verunsicherung, die im Nachkriegsdeutschland die kulturelle Öffentlichkeit besonders umgetrieben hat: Die Bedeutung Reich-Ranickis hat auch damit zu tun, dass in seiner Person den Deutschen ihr Kanon noch einmal aus unbescholtener Hand zurückgegeben worden ist. All das will der Film nicht erzählen. Es bleibt so ein zeitgeschichtlicher Bilderreigen übrig, der seine Kostüme aus dem üblichen Filmfundus des »Dritten Reichs« leiht, der mit der Individualität Reich-Ranickis aber nicht mehr viel zu tun hat. Matthias Schweighöfer spielt Marcel zwar mit großer Bedachtsamkeit und Ernsthaftigkeit, Katharina Schüttler als Tosia ist eine eindrucksvolle und berührende Charakterstudie, und doch wirkt der Film bieder und artig.

Die Figur des Großkritikers ist viel reicher und irritierender als der Film

Ein zentrales Motiv von Reich-Ranickis literaturkritischem Schreiben ist die Figur des Außenseiters. Auch der Film greift dieses Motiv auf. Da sagt die Mutter zum Sohn, als sie nach Berlin emigriert sind: »Du musst immer besser sein als die anderen.« Der Sohn nimmt sich das zu Herzen und wird Klassenbester im Fach Deutsch. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass sich diese Sonderrolle im Film in einer gewissen Streberhaftigkeit erschöpft. Reich-Ranickis Außenseitertum als Großkritiker der Bundesrepublik jedoch hatte durchaus Züge einer mysteriösen Exzentrik.