Gärten Es ist, wie es sein muss

In Branitz bei Cottbus schuf sich Fürst Pückler sein zweites großes Gartenwunder – man kann es nur lieben

Wenn ich an Branitz denke, fühle ich tiefe Ruhe. Das innere Auge sieht Wiesen und Auen. Wasserläufe weiten sich zu dunkel blickenden Seen, sie schauen auf die Kronen riesiger Bäume, in denen Myriaden von Grüntönen spielen. Die Bäume stehen auf sanften Wiesen, als würden sie sich plaudernd einander zuneigen, andere sind für sich im weiten Raum der Landschaft, wie in Gedanken versunken breiten sie ihre Äste aus. Die Sonne zieht ihren Bogen über Branitz, und die Schatten der Bäume wandern mit ihr über die Wiesen. Alles ist, wie es sein muss, dass man glaube, alles, was man sieht, müsse so und nicht anders sein. Genau dies sei des Gärtners Bestreben und Triumph, schrieb Hermann Ludwig Heinrich Fürst Pückler, der den Garten von Branitz im Alter von 60 Jahren geschaffen hat. Ein Alterswerk.

Mit Pückler Gelassenheit und Ruhe zu verbinden ist fast komisch. Die Gartenhistorikerin Marie Luise Gothein nannte ihn »den jungen, schönen und feurigen Fürsten Pückler«. Andere hielten ihn für einen Snob, er war jedenfalls ein Exzentriker, ein Tollkühner, ein manischer Narziss. Um Lucie, die Tochter des Staatskanzlers Hardenberg, warb er mit einem Gespann von Hirschen, das Unter den Linden patrouillierte, bis sie Ja gesagt hatte. Aber es hielt ihn nicht in Berlin. Rastlos erweiterte er seinen Radius, wenn auch ohne Hirschgespann, bis nach Afrika und weit in den Orient hinein. Natürlich blieb auch Lucie nicht immer das Zentrum seines Begehrens. Er war einer, der mit Heine korrespondierte und in den Feuilletons geschliffene Texte veröffentlichte. Vor allem aber war er ein besessener Gärtner, der seine Visionen rücksichtslos umsetzte. Notfalls zog ein ganzes Dorf um.

Bei Pückler denkt man an Muskau, den größten und bedeutendsten Landschaftsgarten Deutschlands. Muskau ist Wollen auf 600 Hektar, das Projekt eines Wahnsinnigen. »Ich beschloss, außer den schon bestehenden Gärten, das ganze Flussgebiet mit seinen angrenzenden Plateaus und Hügelreihen, Fasanerie, Feldflur, Vorwerk, Mühle, Alaunbergwerk u.s.w. von den letzten Schluchten des sich im Süden abdachenden Bergrückens an, bis zu den Dörfern Köbeln und Braunsdorf auf der Nordseite (nahe an 4000 Morgen) zum Park auszudehnen und…«

Muskau ruinierte ihn. Muskau wurde 1811 begonnen und musste 1845 verkauft werden. Von dem Erlös, 1.700.000 Talern, blieben Pückler 500.000 für das Leben danach. Er hielt sich für gescheitert und versank in Melancholie. Mit Lucie zog er nach Branitz, auf den väterlichen Stammsitz, der ganz in der Nähe liegt – und fing neu an, mit 60 Jahren.

Die Gegend war hier für einen Garten zu flach und zu trocken. Tagelöhner und Strafgefangenentrupps aus Cottbus brachten mit ihren Schaufeln schließlich Schwung in die Landschaft. Pückler nahm Fahrt auf. Hunderttausende von Gehölzen wurden herangeschafft, das kleine Schloss von Freund Semper aufpoliert.

Und doch, bei allem Aufwand, wirkt Branitz, als sei hier das unbedingt Wollende verhallt. Branitz ist intimer als Muskau. Muskau muss man bewundern, Branitz aber lieben. In Branitz entfaltet sich etwas, das in der Betriebsamkeit um das Großprojekt Muskau vielleicht ein wenig überdeckt gewesen war – eine ungeheure Großzügigkeit des Denkens.

Pückler verbrachte in Branitz seine letzten Jahre, am Ende allein. Seine Gespielin Machbuba, in Äthiopien als Sklavin gekauft – tot. Die verehrte Sängerin Henriette Sontag – ist nur noch eine vergoldete Büste unter den Rosen. Seine treue Lucie – 1854 gestorben. Der zur Unvernunft neigende Körper – vom Jagdfieber erlöst. Pückler starb 1871 und ließ sich in der Seepyramide beisetzen, dort ruht er nun in der Stille des Parks, ganz eins mit seiner Landschaft.

Stiftung Fürst Pückler Museum, Park und Schloss Branitz, Robinienweg 5, 03042 Cottbus, Tel. 0355/75150, www.pueckler-museum.de. Täglich geöffnet 10–18 Uhr, Einzelkarten für Schloss, Gutshof, Marstall je 4,50 Euro

 
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