Gärten Wo der Riesenstinkkolben blüht

Im Frankfurter Palmengarten stoßen ulkige Tiere auf die schrägsten Geschöpfe der Pflanzenwelt. Ein Besuch dort ist immer ein Abenteuer

Wenn in einer Sommernacht alle Wasserkünste auf einmal schweigen, weiß man wieder, wo man ist: nicht verloren auf dem lichtlosen Land, sondern mitten in Frankfurt, umbraust vom Autoverkehr. Es ist ein trauliches Gefühl, zugleich im trivialen Gebrumm dieser Stadt und auf ihrer Insel der Seligen zu sitzen. Goethes Mutter hatte hier schon einen Apfelbaumhain. Sie pflanzte ihren Berlepsch dort, wo die Sonne abends am längsten hinscheint.

Der Palmengarten lebt von Bürgerstolz, Achtsamkeit und dem festlichen Willen aller Beteiligten, so zu tun, als sei hier immer Sonntag. Er ist ein echter Aufatmer; manchmal auch ein Aufkeucher, etwa im Frühling, wenn in der Wiese Hunderte von blauen Zwergiris mit gelben Zungen die Sonne auflecken.

Botanisch ist er tipptopp; feuchte Tropen, trockene Tropen, alles da unter Glas, Wasserfälle, Seerosenteller, die ein Kind tragen können, ein Riesenstinkkolben in einer zarten Plisseehülle, der alle paar Jahre sein Solo hat. Das menschlich Schräge trifft hier auf sein pflanzliches Gegenüber. In der Nebelwüste bin ich einem Hobbybotaniker begegnet, der so sehr in seine Welwitschia verliebt war – in ihrer Überlebensstrategie hochinteressante, gleichwohl potthässliche Geschöpfe –, dass er schon von deren angeblich giftigem Gewebe gekostet hat. Er war wohlauf.

Es fehlt auch nicht an ulkigen Tieren: durchs Unterholz des Tropicariums stiebende Wachteln, eine chinesische Nachtigall im Nebelwald, Papageien in den Palmwipfeln, die eine Dichterlesung stören, herrliche Vögel, und das ganze wichtigtuende Geflügel draußen, Enten, Gänse, Perlhühner. Im Sommer sind Igel unterwegs. Hunde nie!

Wann der Garten am schönsten ist? Im Juni, wenn ein blauer Schimmer von Schleierkraut, Natternkopf, Disteln und Skabiosen über der Steppe schwebt? Im Sommer, wenn die Musik spielt und Leute mit ihrem Bettzeug in Richtung Liegewiese streben? Im Herbst, wenn ein quittengelber Tulpenbaum und eine Scharlacheiche nebeneinander brennen? Im Winter, wenn man die Tür zu den Mangroven hinter sich zuschlappen lässt? Am schönsten ist er, wenn er sich unbeobachtet glaubt. Mittags Probe der Kammeroper in der Orchester-Muschel; Figaros Hochzeit. Der Dirigent in grüner Baseballkappe; die Gräfin Almaviva in Jeans singt unbeirrt gegen das stotternde Gehämmer des nie verstummenden Abriss- und Aufbauterrors in dieser Stadt an. Nachts dann auf der harten Bank in eine Decke gewickelt, lauschend, nur der Kopf und das Weinglas schauen heraus. Der Dirigent trägt feines Schwarz. Wie der Palmengarten zu dieser Stunde.

Palmengarten, Siesmayerstraße 61, 60323 Frankfurt, Tel. 069/21233939, www.palmengarten.frankfurt.de. Geöffnet Februar bis Oktober 9–18 Uhr, November bis Januar 9–16 Uhr, Eintritt 5 Euro

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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    • Schlagworte Garten | Dirigent | Figaro | Geflügel | Jeans
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