Gärten Reh und Rosen
Unverwüstlich schön: Der Botanische Garten im Essener Grugapark träumt schon vom Sommer
Da steht es noch, das Reh. Noch haben es die Kinder nicht ganz abgeliebt. Noch nicht weggestreichelt die Bronze des Körpers, die an vielen Stellen schon so blank und glaubensgeprüft glänzt wie im Petersdom zu Rom der Fuß des heiligen Petrus.
Ein Heiligtum der Kinder ist dieses Reh im Botanischen Garten der Essener Gruga, F. P. Zimmer schuf die lebenskleine Plastik 1926. Ihr zu Füßen das Goldfischbecken, ein langes, dunkles, stilles Rechteck, das eben noch von einem silbrigen Eishauch bedeckt war, in der Mitte eine winzige Fontäne. Die ruht jetzt, während es aus den oberen Gartenetagen bereits entfesselt zwitschert im triumphalen Morgenlicht des ersten Frühlings.
Die Rosen werden ohnehin noch etwas länger brauchen, bis sie erwachen in ihren Beeten, an den Stöcken, an den schmiedeeisernen Bögen, die sich über die Wege wölben. Gartenstille hütet diesen Teil des Grugaparks. Er ist das berühmteste Grün im Ruhrgebiet, 1929 aus der Großen Ruhrländischen Gartenbau-Ausstellung hervorgegangen und 1965 zu einem eleganten Großstadtpark im Stil der klassischen Moderne erweitert.
Unverwüstlich schön. Und doch wird die Gruga seit Jahren gequält. Hier hat sich das Universitätsklinikum eine Ecke abgeschnitten, dort die Messe. Die prächtigen Lokale, das Café Hirschgarten, der Silberkuhlshof, der alte Blumenhof – sie alle gibt es nicht mehr, dafür eine »Orangerie« in Spielotheken-Optik und ein spießiges Fitnessstudio, das sich als »Kur vor Ort« anpreist. Der zauberhafte Lesegarten ist verfallen, und die aparte Orchester-Muschel wurde längst durch ein Stahlstrebenmonster des Fun-Zeitalters ersetzt. Selbst die Grugahalle, der kühne Glas-Schmetterling, Schauplatz historischer Parteitage und Popkonzerte, stand schon auf der Abrissliste; aber sie blieb und durfte letztes Jahr im alten Glamour ihren 50. Geburtstag feiern.
Bleiben durfte auch bis heute, Gott sei Dank, ebenjener Botanische Garten aus den zwanziger Jahren mit dem Reh und den Rosen, deren Beete samt der Wege, in klassischen Ruhrsandstein gefasst, wie zu einem großen Spielbrett arrangiert sind. »Reiner Widerspruch«, nach Rilkes berühmtem Wort, ist im Sommer alles hier, in tausend Rosenknospen und -blüten: »Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.« Aber woher, aus welchem Traum steigt ihr Duft? Er hüllt dann den ganzen Winkel ein, bis hinüber zum Kräutergarten mit seinen klösterlichen Wermut- und Melissegevierten, mit Ysop und Engelwurz, Mädesüß und Teufelsabbiss. Wassergrün in einem Brunnenrund schmatzt dort leise vor sich hin; stoisch lauschen zwei alte, mannshohe Krüge.
Durch ein Törchen geht es in den Bauerngarten mit Kappes und Bohnen, mit neckisch beschnittenem Buchsbaum und einer Buchenlaube, hinter der die Drei schwatzenden Frauen stehen, eine Tonplastik von Herbert Lungwitz. Seit mehr als einem halben Jahrhundert schwatzen sie schon, und immer noch haben sie uns etwas zu erzählen. Denn tres faciunt collegium, wo drei sind, ist Gesellschaft, ist Spiel und Scherz und Trost im Tratsch.
In einen weiten, talabwärts sich neigenden Alpengarten führen die Wege, mit Blumen aus den Bergen, in eine Moor- und Heidelandschaft, in Magnolien- und Bambushaine. Und in einen Rhododendrenwald – in wenigen Wochen schon ein einziger Rausch aus Rotweißlila. Weiter unten, die Allee der Baumhaselkandelaber hinab, auf die pyramidablen Palmenhäuser zu, bauschen sich dunkel duftende Nadelgehölze. Irgendwo gibt es eine Wetterstation, mit Sternenhimmel und einer etwas abgewetzten Weltzeituhr. Da steht man dann und überlegt, ob die Frauen in Caracas schon aufgestanden sind und was die Männer in Tokyo wohl gerade so tun. Ach, wenn sie dort nur wüssten, denkt man dann recht selbstzufrieden, wie schön dieser Winkel doch ist: der Botanische Garten im Grugapark von Essen!
Grugapark Essen, Haupteingang an der Grugahalle, Alfred-/Ecke Norbertstraße, Tel. 0201/8883106, www.grugapark.de. Ganzjährig geöffnet von 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit, Eintritt 3 Euro
- Datum 08.04.2009 - 15:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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