Gärten Wer die Nachtigall »stöhrt«

Im barocken Großen Garten von Hannover-Herrenhausen werden selbst hartgesottene Realisten sachte aus der Gegenwart gezogen

Er ist so ziemlich das Gegenteil meiner eigenen Gartenträume und vielleicht deshalb einer der faszinierendsten Orte, die ich kenne. Wo sonst liegt das ganz andere so dicht am Alltäglichen wie im barocken Großen Garten in Hannover-Herrenhausen? Eben noch Autobahn, nun die uralte Steintafel an der Parkmauer, die gnädig gewährt: »jedermann ist erlaubt, sich im königlichen garten eine veränderung zu machen«. Und dann, bedrohlich und bezaubernd zugleich, das Echo einer fernen Epoche: »gemeinen Leuten wird jedoch bey leibes strafe verboten … die nachtigallen weder zu fangen noch zu stöhren«.

Im Entree, im Großen Parterre im holländisch-französischen Barock, überwiegt zunächst das Fremdeln. Zu nah noch die Außenwelt, zu steril die perfekten Broderiemuster, zu unterschwellig traurig auch eine grandiose Geste, die buchstäblich ins Leere geht: Das Schloss, auf das dieser Inbegriff absolutistisch disziplinierter Repräsentationsbotanik ausgerichtet war, wurde 1943 von Bomben zerstört. Aber bald, spätestens im Nouveau Jardin, wo Bäume und Wasserspiele den strengen geometrischen Rahmen nach oben hin auflockern und in funkelndem Silbergrau beleben, werden selbst hartgesottene Realisten sachte aus der Gegenwart gezogen. Irgendwann hört man sie dann, die Nachtigallen, und wen stört’s, wenn es vielleicht »nur« flötende Amseln sind?

Das ist genau die Stimmung, die vielen Kostbarkeiten angemessen zu würdigen: das zierliche grüne Rokokogärtchen etwa, die Knotenbeete der Renaissance, den nie ganz gebändigten Überschwang der Rosen, die akkuraten Lindenstücke, das Heckentheater in Grün und Gold, die verschwiegenen Boskette – alles entstanden aus einem bescheidenen höfischen Lustgarten. Kurfürstin Sophie von Braunschweig-Lüneburg, die Ahnherrin des britischen Königshauses, ließ ihn von 1696 bis 1714 zum »Garten, der mein Leben ist«, ausbauen. Himmlische Gerechtigkeit dankte es ihr mit einem beneidenswerten Tod: Dreiundachtzigjährig, erlag sie bei einem Spaziergang in ihrem grünen Gesamtkunstwerk einem Herzversagen. Die leidenschaftliche Gärtnerin starb im Juni, hatte also die Rosen noch aufblühen sehen.

Allein die höchste Gartenfontäne Europas gen Himmel zu schicken oder gut fünfunddreißig wuchsfreudige Heckenkilometer stilecht im Zaum zu halten beweist heute wie damals, wie wenig Gärtnern mit Realität oder Ratio zu tun hat – und wie viel mit Anmaßung und hinreißender Verrücktheit. Und mit harter Arbeit: Die gut zwei Kilometer Graft um das Areal wurden von Soldaten geschaufelt, vier mühsame Jahre lang, zur Musik von Militärkapellen. Doch dieser friedliche Ernstfall hat sich nachhaltiger gelohnt als alle Feldzüge des Hauses Hannover zusammen. Entstanden ist ein fast magischer Ort, der in seiner ambivalenten Verbindung von Zwang und Harmonie heute zwar sehr fremd anmutet, aber doch genau das gibt, was ein Garten eben geben soll: »eine Veränderung« – einen Weg aus der Zeit.

Großer Garten in den Herrenhäuser Gärten, Herrenhäuser Straße 4, 30419 Hannover, Tel. 0511/16844543, www.hannover.de/herrenhausen. Ganzjährig geöffnet von 9 Uhr an (Schließung variiert je nach Jahreszeit), Eintritt 3 Euro

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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    • Schlagworte Garten | Barock | Rose | Königshaus | Europa | Hannover
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