Gesellschaftskritik Der Pelzhelm
Was der Teenager-Trend zur Mützenfrisur verrät
Das abschließende Wort über die zeitgenössischen Haartrachten steht noch aus. Was wollen uns die Frisuren sagen? Worüber schweigen sie? Weshalb möchte der allseits geschätzte Teenie-Star Zac Efron unbedingt ein Auge unter Strähnen verschwinden lassen? Warum hat er überhaupt so viel Haar in der Stirn?
Und Zac Efron hält sich noch zurück. Es gibt inzwischen schon männliche Teenager, bei denen die Haare beide Augen bedecken wie bei einem Bobtail. Der Bobtail, zur Erinnerung, ist eine aus der Mode geratene Hirtenhunderasse, bei der aus Gründen des Haarwuchses Vorder- und Hinterteil nicht mehr auseinandergehalten werden können. Das wollen wir über die Teenager nicht behaupten; aber es berührt doch merkwürdig, dass von der Jugend begierig aufgegriffen wird, was unter Hunden längst als démodé gilt.
Übrigens dürfen wir uns die Efron-Frisur, die etwas von einer dicken Mütze, einem Pelzhelm hat, nicht zu locker und duftig vorstellen; vielmehr sind die Haare mit reichlich Festiger an Stirn und Schläfen fixiert. Während andere den Festiger benutzen, um das ständige Hereinwehen der Haare ins Gesicht zu unterbinden (der Philosoph Peter Sloterdijk zum Beispiel), so dient er hier dazu, das Herauswehen zu verhindern. Keinesfalls darf die Stirn in einem unbedachten Moment nackt hervortreten; das gilt als obszön. Die Erwachsenen irren, wenn sie sich die Jugend immer enthemmter vorstellen. Tatsächlich entstehen überall die sonderbarsten neuen Tabus.
Es wäre auch falsch, in der zeitgenössischen Mützenfrisur die Pilzköpfe der Beatles ungeschickt wiederkehren zu sehen; der Pilzkopf war etwas ganz anderes und keinesfalls mit 3-Wetter-Taft behandelt. Das Gleiche gilt für die Poppersträhnen, die in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts in die Stirn fallen mussten; sie taten es leicht und seidig und geradezu wehruntüchtig.
Nein, die heutigen Augen- und Stirnbedecker haben etwas Indianisches, Eingeborenes und gemahnen an befremdliche Riten, zu denen vielleicht auch der Gebrauch von Blasrohren und seltenen Giften gehört. Andererseits sind sie nicht befremdlicher als die Bürstenfrisuren, deren Zeit gerade zu Ende geht und die durch das kleine Stirnhörnchen amüsierten, das aus einem Zipfel länger gelassener Haare geformt werden musste. Damals wollten die Männer alle wie Igel aussehen und noch einige Jahre zuvor, als es die schütteren Kinnbärte gab, wie Ziegenböcke – lassen wir sie heute also ruhig als Bobtails um die Blocks ziehen.
- Datum 06.04.2009 - 18:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
- Kommentare 9
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und tief gebettet im heutigen Trend.
Ist dies doch alles so gelungen,
dass schweigt des Kommentators Zungen!
... doch leider bin ich genauso schlau wie vorher und werde wohl nie erfahren, wieso unsere Jungs so rumlaufen wollen... sei's drum - jetzt darf ich mich wohl mal genauso unwissend fühlen, wie meine Elterngeneration damals auch.
Es gibt vermutlich keine Antwort und vielleicht sollte man Jugendkultur nicht immer verstehen wollen.
Wo ist das Bild von Herrn Jessen mit entsprechender Analyse zu seiner Person?
Sowas bringt ja nichtmal die Boulevardpresse, selbst für die ist sowas zu oberflächlich.
Im Übrigen ist er Amerikaner und dort ist man modisch gesehen eh nicht so hysterisch wie in Europa. Da gehen auch erheblich übergewichtige Damen in Lycrahosen und Bademantel durch den Supermarkt auf der Suche nach Baconaise (eine Mischung aus Bacon und Mayonaise im Glas). Und die einzigen Menschen die sich nach dieser Dame umdrehen sind Touristen!
Zudem gehören längere Haare, Baseball-Caps, Jeans und Hemden zu den zeitlosen Stilelementen eines All-American boy. Das hat mit dem Jahr 2009 rein gar nichts zu tun. Hierzulande wird das freilich nur aus den USA kopiert (welcher Deutsche spielt zB schon Baseball?) und dadurch zur "Mode".
'Das Pathetischste an einem Kunstkritiker ist nicht etwa, daß er keine Kenntnisse besitzt und nichts versteht, sondern daß er Kenntnisse besitzt von etwas, das er … nicht versteht.'
Ramón Gaya
Anmerkung: Das Wort "Kunst" sei hier durch "Jugend"/"Gesellschaft" ersetzt
steht den Jugendlichen vermutlich ganz simpel auf die Stirn geschrieben - pubertierende Pickel sind's, die verdeckt werden sollen. Gesehen erst jüngst in stürmischer Bö, der kein 3Wettertaft widerstehen konnte.
Herr Jessen ist wahrscheinlich nur neidisch auf die volle für diese Frisur nötige Haarpracht. Festiger, Pomade, Fett, Bier oder was auch immer braucht man übrigens für die anderen Frisuren, nämlich jenen, die das Haar aus der Stirn halten, z.B. für alle Guttenberg-Manager-Broker-und andere Berater-Gelfrisuren.
In der Schule in den 90ern bin ich für meine Haare-in der Stirnfrisur ausgelacht worden. Da hatten alle zurückgegelte Haare.
Tja, das Blatt hat sich geändert - jetzt bin ich trendy.
*Lach*
Von Leichtigkeit frei sind die Kommentare,
die hier die Enge des Denkens bestimmen,
die nur den Gipfel der Häme erklimmen,
ohne zu sehen, was solln denn die Haare,
die pubertätsbedingt wallen und kleben,
und nur nach festester Festigkeit streben,
solln nur verdecken dass anderswo wächst,
was sich nicht kleben lässt, - fast wie verhext.
sollte sich nicht lange mit diversen Halbstarken-Frisuren aufhalten. Was Wall Street Journal ist das schon weiter: Bow Ties Turn Up on the Cool Crowd
So werden auch bekennende modische Kontrazykliker wie ich ab und an wieder cool und hip. Yeah.
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