G 20 Die fliegenden Retter

Wie Gipfelpolitik gemacht wird: Unsere Korrespondenten Matthias Geis und Martin Klingst waren mit Angela Merkel und Barack Obama unterwegs

Unterwegs mit der Präsidenten-Machine "Air Force One":  US-Präsident Barack Obama

Unterwegs mit der Präsidenten-Machine "Air Force One": US-Präsident Barack Obama

Montag, 30. März, Washington

Obama: Noch wenige Stunden bis zum Abflug nach Europa. Barack Obama vertritt sich im Park des Weißen Hauses die Beine. Gerade hat er mit einer Handvoll enger Berater zusammengesessen. Die erste große Auslandsreise nach Europa, so deren einhellige Meinung, wird keine Jubeltournee wie damals sein Berlinbesuch während des Wahlkampfs. Er ist jetzt der populäre Präsident eines unpopulären Landes, das Kriege führt und Wirtschaftskrisen entfacht. Regeln für den Finanzsektor, Billionen Euro schwere Wiederbelebungspakete für die Konjunktur, mehr Soldaten für Afghanistan, ein Zukunftskonzept für die Nato und ein neuer Generalsekretär für das Verteidigungsbündnis – über alles gibt es Streit. Er hat in den vergangenen Tagen schwierige Telefonate mit Premiers und Präsidenten geführt.

Seine Berater haben für eine Gratwanderung plädiert: Obama solle in Europa selbstkritisch auftreten, aber um Himmels willen darauf achten, dass er daheim nicht als amerikanischer Präsident im Büßerhemd wahrgenommen werde. Obama selbst gibt das Motto vor: "Zuhören, lernen, führen – und Vorbild sein."

Im Flugzeug, das rund hundert Journalisten als Voraustrupp nach London bringt, wird in der Nacht darüber gewitzelt, was Obama wohl mit Vorbild meine. Das Haushaltsloch?

Merkel: Angela Merkels Gipfelwoche beginnt nicht in Kabul, London oder Straßburg, sie beginnt bei Opel in Rüsselsheim. Was in London mit den Regierungschefs der wichtigsten Wirtschaftsnationen verhandelt werden soll, ist in Rüsselsheim ganz heimisch konkret. Wie kommt die Welt aus der Krise? Es geht um die Zukunft des Traditionsunternehmens, um 25000 Arbeitsplätze. Es geht auch um Merkels Aufstellung in der vielleicht wahlentscheidenden Auseinandersetzung um Staat und Markt und um die Zukunft der deutschen Autoindustrie. Die Konkurrenz hat sich längst positioniert: Der Staat soll einspringen, wo immer Arbeitsplätze gefährdet sind. Nun warten 3000 Opelianer auf Merkels Antwort. Sie will helfen, aber die Hilfe soll Grenzen haben: Es wird keine staatliche Beteiligung an Opel geben, markiert Merkel die rote Linie. Es gibt noch Barrieren auf dem Weg zur Staatswirtschaft, signalisiert die Kanzlerin ihrer verunsicherten Partei, aber auch den Opel-Arbeitern. Dann geht es zurück nach Berlin.

Der Russe ist da, Medwedjew im Kanzleramt. Man trifft sich ohnehin am nächsten Tag in London. Aber offenbar gilt es, zuvor gemeinsame Positionen abzustecken. Und siehe da, Kanzleramt und Kreml ziehen an einem Strang, wenn es darum geht, Briten und Amerikanern strengere Kontrollen der Finanzmärkte abzutrotzen. Moskau, Berlin, Paris gegen die angelsächsische Welt – fast kommt da ein wenig Achsen-Reminiszenz an die Schröder-Jahre auf.

Dienstag, 31. März, London

Obama: Die Berater des Präsidenten stimmen die Presse auf schicksalhafte Tage ein. Dramatisch erklärt Mike Froman, stellvertretender nationaler Sicherheitsberater für internationale Wirtschaft im Weißen Haus, was auf dem Spiel stehe: Aufstieg oder Untergang. Zusammenhalt der Welt oder Erosion. Um 19.50 Uhr gehen auf dem Londoner Rollfeld die Scharfschützen in Stellung, der gesamte Luftraum wird gesperrt, als die Air Force One landet. Unten an der Treppe warten Britanniens Schatzkanzler Alistair Darling und seine unvorteilhaft gekleidete und mit einer viel zu großen Handtasche bewaffnete Frau. Die Obamas hingegen kommen elegant, gut gelaunt und Händchen haltend die Stufen hinunter. Die Kameras klicken, das erste Bild der Reise ist gelungen, Pressesprecher Robert Gibbs strahlt.

500 Leute bringt Obama mit nach London, darunter Minister, enge Berater und ein vielköpfiges Presseteam. Etliche waren schon vorausgeflogen, um die Journalisten in London in Empfang zu nehmen und sie einzustimmen. Von nun an gehen alle 20 Minuten auf den Blackberrys der Reporter Erklärungen und Deutungen von Pressesprecher Gibbs ein. Nichts soll dem Zufall überlassen bleiben – auch auf Auslandsreisen zählt die genau kontrollierte Botschaft an das eigene Wahlvolk.

Mittwoch, 1. April, London

Obama: Mit 15 Limousinen macht sich das amerikanische Präsidentenpaar am Morgen auf den Weg zum Amtssitz des britischen Premiers und verstopft 10 Downing Street. Das britische Volk wird in diesen Tagen mit weiträumigen Absperrungen auf Abstand gehalten. Den Obamas kann das nicht gefallen, sie brauchen für ihre Politik das Bad in der Menge.

In 10 Downing Street läuft Obama auf den behelmten Polizisten zu, der am Eingang Wache hält, und schüttelt ihm die Hand. Brown, der hinter dem Präsidenten herstakst, guckt verdattert, so etwas hat noch kein Staatsgast gewagt. Beim nachmittäglichen Tee im Buckingham Palace legt Michelle Obama liebevoll ihren Arm um die Queen, als handele es sich um ihre eigene Großmutter. Eigentlich ein unverzeihlicher Fauxpas, denn eine ungeschriebene Regel am Hof besagt: Berühre niemals Ihre Majestät! Elisabeth II. aber scheint es zu gefallen.

Überschwänglich lobt Gordon Brown seinen Gast vormittags auf der gemeinsamen Pressekonferenz. Obama ist müde und leidet unter einer starken Erkältung, die auch seine sechs mitreisenden Ärzte nicht bekämpfen können. Er hat gehört, dass Franzosen und Deutsche am Nachmittag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz noch einmal ihren energischen Widerstand gegen Amerikas Geldwünsche vortragen wollen. Es läuft im Moment nicht glatt, die Risse zwischen den Partnern werden sichtbar. Ist das der Anfang vom prophezeiten Ende des amerikanischen Zeitalters und Obama nur der charmante Altenpfleger einer siechen Weltmacht?

Das Obama-Team will andere Bilder in die Heimat und rund um die Welt senden. Amerika soll Führungsmacht sein, zurückhaltender und freundlicher als zuvor, aber ebenso selbstbewusst. Obamas Spruch des Tages lautet: "Ich werde niemandem in die Seele schauen." Seine Berater erklären, anders als in den vergangenen Jahren würden ab sofort nicht mehr persönliche Bande Amerikas Außenpolitik bestimmen, sondern gemeinsame Interessen. Sie erinnern an Bush, der Wladimir Putin nach eigenem Bekunden in die Seele geblickt und sich dabei fatal verguckt habe.

Obama, ein Anhänger der Dialektik, sucht an diesem Tag Nähe und zugleich Distanz. Er lobt Russen und Chinesen und kritisiert sie zugleich scharf wegen Tibet und Georgien. Trotzdem strahlen die Präsidenten Dmitrij Medwedjew und Hu Jintao nach ihren Vier-Augen-Gesprächen über beide Ohren und laden Obama umgehend zum Staatsbesuch ein.

Der härteste Brocken aber kommt am Abend – das Treffen mit der deutschen Kanzlerin. Beim Dinner wird Merkel an die rechte Seite des Amerikaners gesetzt. Eine Zeit lang blicken beide stur aneinander vorbei. Sie können nicht viel miteinander anfangen, Merkel hält Obama für ein Leichtgewicht, der Amerikaner empfindet die Deutsche als starrsinnig und verschroben. Doch allmählich lockern sich ihre Zungen, und nicht nur, weil ihnen der schottische Lachs und die welsche Lammschulter schmecken. Gegen Ende des Abends lachen beide sogar miteinander. Sarkozy, heißt es, habe mehrmals indigniert von der anderen Tischseite hinübergeschaut.

Er könne den Ärger auf Amerika gut verstehen, sagt Obama an diesem Mittwoch, schließlich habe die Finanzkrise an der Wall Street begonnen. Dann aber fügt er hinzu: Natürlich sei man mit schuld, doch am Ende trügen alle Verantwortung. Das ist die Doppelbotschaft, die Obama der Welt verkünden will.

Merkel: So wie bei ihrem Auftakt in London hat man Angela Merkel lange nicht mehr gesehen, so entschieden und kompromisslos. Das letzte Mal vielleicht in ihrer Reformphase, als sie zu Hause für Deregulierung stritt. Kaum hat sie britischen Boden betreten, zeigt die deutsche Kanzlerin – an der Seite des französischen Präsidenten – den Gastgebern, warum man hier zusammenkommt und wie man sich den Gipfel vorstellt. "Es ist etwas Desaströses passiert", beschreibt Merkel die Krise. Von ihrem Hotel in Knightsbridge aus ist es nicht weit bis zur City of London, zu einem der beiden Epizentren, von denen das globale Beben seinen Ausgang nahm. Öffentlich wird sie das nicht erwähnen. Man weiß es. "Ich sage, dass sich so eine Krise niemals wiederholen darf!", deklamiert Merkel. Die nüchtern-pragmatische Kanzlerin hat eine Mission gefunden, wie früher die Reformen, dann das Klima. "Die Regulierung der Finanzmärkte ist in unser aller Interesse, und wer das nicht begreift, läuft auf die nächste Krise zu." Die das offenbar noch nicht hinreichend begriffen haben, sind Gordon Brown und Barack Obama. Sie sehen die erste Aufgabe des Gipfels in der aktuellen Krisenbewältigung, nicht so sehr in der Prävention. Merkel warnt: "Was wir hier nicht verabreden, werden wir auch in den nächsten fünf Jahren nicht verabreden." Und noch etwas harscher: "Die Lektionen müssen gelernt werden."

Donnerstag, 2. April, London

Merkel: Am frühen Morgen im deutschen Delegationshotel kann man übernächtigte sorgenvolle Sherpas antreffen: Wie das Kommuniqué aussehen wird, ist in wichtigen Punkten noch immer offen. Der zentrale Konflikt, worum es eigentlich zu gehen hat – um unmittelbare oder um präventive Krisenbewältigung –, zieht sich bis in die Arbeitssitzung. Kommata und Nebensätze werden zur Sache der Staats- und Regierungschefs. Merkel gefällt das, ja, es amüsiert sie sogar ein bisschen. Man ist sich nicht zu schade für konkrete Textarbeit. Zeigt das nicht, dass sich die Chefs wirklich für die Sache interessieren?

Eine Zielmarke für das Wachstum der Weltwirtschaft, aus der sich dann eine Verpflichtung zu weiteren staatlichen Konjunkturmaßnahmen ableiten ließe, scheitert unter anderem an den Deutschen. Dafür werden eine Billion Dollar in den Kreislauf der Weltwirtschaft geschossen. Noch einmal staatliches Geld? Das ist eigentlich nicht in Merkels Sinne. Aber es geht ja vor allem an die Entwicklungsländer. Diejenigen, so sieht sie es, die die Krise nicht zu verantworten haben und die doch am stärksten unter ihren Folgen leiden. Ihr erscheint das als intelligenter Kompromiss. Dazu die Überwachung von Hedgefonds und Rating-Agenturen, die Einrichtung transnationaler Kontrollgremien für wichtige Finanzinstitute. "Ist das Monster jetzt gezähmt?" – "Es wird gezähmt?", lautet Merkels Antwort. Dazu gibt es noch ein bisschen Klartext für Banker: "Risiken eingehen und sich danach vom Acker machen, das wird es so nicht mehr geben."

Merkel zeigt Obama, wo es langgeht , wird Bild den Gipfel bilanzieren. Ein Hauch von "Wir sind G20" liegt in der Luft. "Ein Sieg auf ganzer Linie?" – Merkel lächelt. Allein die Frage transportiert schon die richtige Botschaft. Sie muss das selbst gar nicht bestätigen.

Obama: Wer hat sich nun durchgesetzt? Briten und Amerikaner, weil der Internationale Währungsfonds und die Weltbank mehr Geld bekommen, um Not leidenden Ländern zu helfen? Oder die Deutschen und Franzosen, weil es keine allgemeine Verpflichtung zu neuen Konjunkturpaketen gibt, aber stattdessen ein Regelwerk für die Finanzmärkte beschlossen wird? Jeder ruft sich zum Sieger aus. Merkel und Sarkozy loben Obama als äußerst "hilfreich". Das klingt etwas gönnerhaft.

Am Nachmittag spricht Michelle Obama in einer Mädchenschule im Multikultistadtteil Islington. "Mein Mann wird ganz neidisch sein", ruft sie johlenden Teenagern zu. "Barack spricht gerade mit wichtigen Leuten, aber das ist längst nicht so großer Spaß wie hier." Eigentlich ein diplomatischer Fauxpas. Es sei ihr nicht in die Wiege gelegt worden, First Lady zu werden, erklärt sie den Schülerinnen. "Seid brav, und arbeitet stets hart. Ich habe nie einen Tag in der Schule geschwänzt und wollte immer Einsen nach Hause bringen. Ihr könnt es auch schaffen." Aus dem Mund von Laura Bush hätte das unerträglich gouvernantenhaft geklungen. Bei Michelle Obama klingt es wie die Botschaft eines Popstars. Hundert Mädchen in grauen Schuluniformen drängen an den Bühnenrand. Michelle Obama nimmt jede Einzelne in den Arm.

Freitag, 3. April, Straßburg, Baden-Baden

Obama: Straßburg bietet am Mittag das Bild einer amerikanischen Stadt im Wahlkampf. Als wolle Obama Präsident von Europa werden – bis fast auf den letzten Platz ist die Rhenus-Sporthalle gefüllt, mit einem französisch-deutschen Publikum.

Seine Pressemannschaft hat unterdessen im Gipfelmarathon kurzzeitig den Überblick verloren. Der portugiesische EU-Kommissionspräsident Barroso wird in einigen E-Mails kurzerhand zum Präsidenten Spaniens, zu "Barabarossa", oder gar zum "Europapräsidenten".

Hauptsache, Obama behält den Überblick. Er hat ein feines Gespür dafür, was er in Straßburg sagen muss. Die Schließung Guantánamos, das Verbot von Folterverhören oder sein Plan für eine Welt ohne Atomwaffen, den er am Sonntag in Prag genauer vorstellen will – das sind die Themen, die Begeisterungsstürme entfachen. Dazwischen platziert er immer wieder auch unbequeme Botschaften: seine Forderung nach mehr europäischen Soldaten für Afghanistan etwa und nach größerer Bereitschaft, am Hindukusch auch mit der Waffe für Sicherheit und Frieden zu kämpfen. "Der Angriff auf einen", ruft er in den Saal, "ist ein Angriff auf alle." Selbst an dieser Stelle wedeln Deutsche und Franzosen heftig mit Amerikafähnchen. "Europa mag uns wieder", schreit ein amerikanischer Fernsehjournalist ins Mikrofon.

Am Abend bei den Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag der Nato in Baden-Baden holt ihn die Realpolitik wieder ein. Die Türken lehnen den Dänen Anders Fogh Rasmussen für das Amt des Nato-Generalsekretärs ab: Er hatte sich vor einigen Jahren schützend vor Zeitungen gestellt, die ätzende Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatten. Mehrmals während des Festakts nimmt Obama den türkischen Präsidenten Abdullah Gül und den Dänen beiseite, legt mal um den einen, mal um den anderen seinen Arm. Um Mitternacht gibt es noch immer keine Einigung. Vor allem Merkel ist beunruhigt, denn sie hat sich besonders stark für Rasmussen eingesetzt.

Merkel: Baden-Baden wirkt wie ausgestorben, als die Kanzlerin-Kolonne einfährt. Überall Frühling, Polizeisperren und Uniformierte. Nur im Zentrum, am Stiftsplatz, herrscht Jubel hinter den Absperrungen. Die Kanzlerin taucht schon mal ein, schüttelt Hände, gibt Autogramme. Dann brechen die großen schwarzen SUVs mit den getönten Scheiben in die puppenstubenhafte Szenerie. Der Amerikaner kommt.

Es ist viel gerätselt worden über das Verhältnis zwischen Angela Merkel und Barack Obama. Dass sie Skepsis gegenüber Wirkungen empfindet, deren Ursache sich einer polit-physikalischen Analyse entzieht, darf als gesichert gelten. Es erstaunt, irritiert vielleicht sogar die Bundeskanzlerin, dass ein Politiker allein durch seine Worte Menschen in Euphorie zu versetzen vermag. 200000 sind im vergangenen Sommer in Berlin zur Siegessäule gepilgert, um den Kandidaten zu erleben. Natürlich weiß Angela Merkel, dass es sich auch bei einem solchen Event um Politik handelt, also um ihr ureigenes Metier. Aber zugleich ist es Politik aus einem anderen, ihr gänzlich fremden Stoff. Sie wird das Phänomen Obama weiterhin interessiert beobachten. Nur an der globalen Begeisterungswelle wird sie nicht teilnehmen – obwohl das Verhältnis seit London offensichtlich herzlicher geworden ist.

Die Türen werden aufgerissen, Barack und Michelle, Küsschen hier, Küsschen da mit Angela. Man nennt sich beim Vornamen. Kanzlerin und Präsident schreiten die Ehrenformation ab. Alle paar Schritte lacht Obama einen der Soldaten an. Dann zieht er sich mit Merkel zum Vier-Augen-Gespräch zurück.

Es war ein gutes Gespräch. Man habe die "gesamte Palette der Aufgaben, die vor uns liegen, besprochen", sagt hinterher die Kanzlerin. "Der amerikanische Präsident ist hier sehr willkommen", sagt sie. Die Kanzlerin kündigt noch an, dass der Nato-Gipfel am Abend den neuen Generalsekretär des Bündnisses benennen werde.

Sonnabend, 4. April, Kehl

Merkel: Und wieder diese wunderbaren Bilder! Blauer Himmel, die Kanzlerin in Beige am Fluss, wie sie jedem ihrer Kollegen einen guten Morgen wünscht, nur Berlusconi nicht, der angeblich lange mit dem türkischen Premierminister Erdoğan telefonieren muss. Dann wandern alle über die Brücke, um in der Mitte, über dem Fluss und der deutsch-französischen Grenze, auf Nicolas Sarkozy zu treffen: eine symbolische Inszenierung der deutsch-französischen Freundschaft und der Rückkehr Frankreichs in die militärische Struktur der Nato. Man erinnert sich an Kohl und Mitterand, Hände haltend in Verdun. Das ist das historische Vorbild. Tiefe Vergangenheit.

Wäre in der Personalie Rasmussen stille Diplomatie im Vorfeld nicht wirksamer gewesen? Ein wenig wundert sich die Kanzlerin wahrscheinlich selbst, warum sie in dieser Woche so untypisch handelt, sich exponiert, auch ohne das Ende schon ganz absehen zu können, fast waghalsig für ihre Verhältnisse. Nun droht der Nato-Gipfel zu scheitern, und es ist Obama, der ihn für die Kanzlerin und ihren neuen französischen Freund dann doch noch rettet. Er sagt den Türken, er wolle, dass die Sache noch heute entschieden werde. Es wirkt. Neben seiner Rhetorik scheint der Amerikaner auch ein paar operative Fähigkeiten mitzubringen.

Obama: Niemand erfährt, womit Obama den Türken erfolgreich gedroht oder womit er sie gelockt hat. Der Chef seines nationalen Sicherheitsrats sagt lediglich, man habe über Terrorismus und dabei natürlich auch über die kurdische PKK gesprochen. Erst später lösen zwei türkische Journalistinnen, die von Washington aus mit Obama mitgereist sind, das Rätsel. Demnach habe sich der Däne bei der Regierung in Ankara für seine Haltung im Karikaturenstreit entschuldigt. Außerdem wurde vereinbart, dass ein Türke Stellvertreter Rasmussens wird und dass die dänische Regierung einen kurdischen Fernsehsender schließt, der von Dänemark aus angeblich terroristische Botschaften sendet. Damit nicht genug, müsse Rasmussen am Wochenbeginn zu Gast in Istanbul noch einmal im türkischen Fernsehen Reue zeigen. Wenn das stimmt, muss der Däne bei so vielen Kniefällen blaue Flecken haben.

Sonntag, 5. April, Prag

Obama: Am Morgen in Prag streiten Berater und Journalisten darüber, ob dies der richige Tag sei, um eine atomwaffenfreie Welt zu propagieren. In den frühen Morgenstunden hat Nordkorea eine Langstreckenrakete abgeschossen. Pressesprecher Robert Gibbs hat den Präsidenten, kurz nachdem die ersten Meldungen über den Raketentest eintrafen, aus dem Bett geklingelt. Der hat sofort mit seinem Generalstab telefoniert. Am Nachmittag wird man im UN-Sicherheitsrat in New York eine Resolution gegen Nordkorea beantragen. Noch einmal wird an der Rede gefeilt, die Obama um 10Uhr auf dem Burgberg, dem Hradschin, halten wird. Aber es bleibt dabei: Solange andere Atomwaffen besitzen, wird zwar auch Amerika nicht seinen gesamten Vorrat vernichten. Das Ziel jedoch heißt weiterhin: gemeinsam abrüsten, bis kein Atomsprengkopf mehr übrig ist.

Merkel: Wer Straßburg im polizeilichen Ausnahmezustand erlebt hat, wundert sich über die sonntäglich entspannte Lage in der tschechischen Hauptstadt. Die Kanzlerin kommt an, als Obama gerade seine Vision einer atomwaffenfreien Welt verkündet hat. "Ein wichtiges Signal", sagt sie. Dann folgt noch ein Gipfel: EU/USA. Ökonomische Zusammenarbeit, Klima, Iran, Guantánamo. "Es war eine sehr gute Idee der tschechischen Präsidentschaft", findet Merkel, die EU und den amerikanischen Präsidenten einzuladen.

Sie hat in dieser Woche für die Kontrolle der Finanzmärkte gestritten, für nachhaltiges Wirtschaften, Klimaschutz, die Unterstützung der Entwicklungsländer, für die deutsch-französische Partnerschaft und für das Konzept "vernetzter Sicherheit", das nicht viel anderes bedeutet als sehr viel Politik und, nur im alleräußersten Falle, militärische Gewalt. Rekapituliert man Merkels Agenda dieser Woche, ergibt sich ein sehr bundesrepublikanisches Muster. Vielleicht ist gar nicht die Kanzlerin im bundesrepublikanisch geprägten Deutschland fremd geblieben, sondern der Teil ihrer Partei, dem sie noch immer fremd erscheint. Am nächsten Morgen ist sie auf dem Weg nach Afghanistan.

Montag, 6. April, Ankara

Obama: In der Zielgeraden dieses Gipfelmarathons hat Obama noch schnell einige europäische Regierungen verärgert und sich für den EU-Beitritt der Türkei ausgesprochen. Anbiederung an Ankara? Am Mittag, während der Pressekonferenz beim türkischen Präsidenten, fragt eine Journalistin der Chicago Times, ob Obama die Ermordung von Millionen Armeniern in der Türkei zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nach wie vor als Völkermord bezeichne. Den Anwesenden stockt der Atem. Obama zögert nicht eine Sekunde mit der Antwort, erklärt seelenruhig, er habe seine Meinung nicht geändert, aber es stehe jetzt mehr auf dem Spiel als seine persönliche Ansicht. Er vertraue darauf, dass die Türkei und Armenien dieses Problem bald aus der Welt schafften. Präsident Gül lächelt, ergänzt ein paar Worte, dann: "Der Nächste bitte!" Später ist zu erfahren, dass Obama mit dieser Frage gerechnet habe, ja, sie unbedingt gewollt, um nicht zu sagen: bestellt habe. Mit Gül habe er vorher eine Sprachregelung abgestimmt. Er wollte, dass seine Botschaft zu diesem heiklen Thema in der Welt war, bevor er auch im Parlament sagen würde, dass alle, auch die Vereinigten Staaten und die Türkei, sich ihrer Geschichte stellen müssten und den dunklen Kapiteln nicht ausweichen könnten. Das Wort Genozid fällt nicht. Die Abgeordneten applaudieren kräftig.

 
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