Fernsehen Drehbuch gesucht
Der ORF-Krimi geht weiter
Am Küniglberg ticken die Uhren bekanntlich anders. Auf vielen Gängen in der ORF-Zentrale ticken sie aber gar nicht mehr. Über Nacht haben Haustechniker die meisten Uhren im Sendezentrum entfernt – weil die Wartung zu teuer geworden ist. Nur eine von vielen Sparmaßnahmen, die in den vergangenen Monatne in Kraft getreten ist.
Es wird auch nicht die letzte sein. Bis 2010 müsse ein Nulldefizit her, forderte nun der Stiftungsrat. Die Geschäftsführung gehorchte. Für dieses Geschäftsjahr wurden bereits 50 Millionen Euro aus dem Haushalt gestrichen – und das bei 887 Millionen Euro Umsatz. Nun sollen weitere 20 Millionen eingespart werden. Ob das reicht? Bei den Werbebuchungen, die ein Drittel des ORF-Budgets ausmachen, sieht es derzeit jedenfalls grimmig aus.
Die zum D-Day dramatisierte Sitzung des Stiftungsrats, des obersten Kontrollgremiums des ORF, endete allerdings nicht als Fanal für die Chefetage. Für viele überraschend, wurde das Strategiekonzept, das Generaldirektor Alexander Wrabetz vorgelegt hatte, abgenickt. Wrabetz konnte sogar mit einer Carte blanche für seinen harten Sparkurs ausgestattet die Sitzung verlassen. Nun sitzt er wieder ein wenig fester im Sattel.
Auf den heiß ersehnten Führungswechsel wird die Regierung deshalb dennoch nicht verzichten müssen. Ein neues ORF-Gesetz, das erst einen Umbau an der Spitze ermöglicht, kommt möglicherweise schon nach Ostern. Zwingend ist dieses Szenario allerdings nicht. Die derzeitige Spitzenriege ist bis 2011 bestellt. Im Fall eines vorzeitigen Wechsels muss sich die große Koalition zumindest eine delikate Frage gefallen lassen: Warum reißt sie eine gewählte ORF-Spitze, die mit der Umsetzung eines harten Sparkurses exakt die Vorgaben des Eigentümers (also mittelbar der Politik) erfüllt, aus ihrer Arbeit – und schickt sie stattdessen für gutes Geld spazieren?
Doch seit vergangenem Donnerstag ist ohnehin alles anders: Nachdem Wrabetz der Regierung nicht den Gefallen tat, ein lahmes Konzept ohne harte Sparmaßnahmen vorzulegen, muss sie das Drehbuch für einen Austausch der ORF-Granden jetzt erst wieder neu schreiben.
Wie könnte der Plot für die Fortsetzung im Küniglberg-Krimi aussehen? Zwei Szenarien sind wahrscheinlich. Entweder wartet die Regierung die EU-Entscheidung zur umstrittenen Gebührenfinanzierung ab und modelt erst danach das ORF-Gesetz um. Dann blieben Wrabetz und sein Team voraussichtlich länger im Amt. Ein Pyrrhussieg für den ORF-General, schließlich wäre er es, der unpopuläre Maßnahmen, etwa eine Auflösung des Rundfunkorchesters, exekutieren müsste. Karl Amon, der bereits als Nachfolger in Position gebrachte ORF-Chefredakteur, könnte dann unbelastet in seinen neuen Job starten.
Oder, so das zweite Szenario, das ORF-Gesetz wird in zwei Phasen geändert. Zunächst werden Gremien und Führungsstrukturen reformiert, und erst anschließend erfolgt die Anpassung an die EU-Vorgaben. In diesem Fall wäre ein Wechsel an der Spitze des Senders auch schon früher möglich.
Doch ob die eine oder die andere Radikalkur den ORF auch heilen kann, wird erst die Zeit zeigen. Sofern man bis dahin am Küniglberg überhaupt noch eine Uhr findet, um darauf nachzusehen.
Der Autor ist Ressortleiter Chronik und Medien der »Wiener Zeitung«
- Datum 08.04.2009 - 16:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16
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